Die Entscheidung zur Rente
Da du nun hier auf dieser Seite gelandet bist, gehe ich davon aus, dass du darüber nachdenkst, für dich die Rente zu beantragen. Ich will dir dabei helfen und habe deshalb alles, was ich dazu an hilfreichen Informationen habe, einmal auf einem Blatt Papier zusammen getragen. Ich erinnere mich noch gut an meine Entscheidungsphase und wie sehr sie von Unsicherheit und Selbstzweifeln geprägt war. Solange du nicht sicher bist, dass du die Rente auch wirklich willst und verdient hast, kannst du dir meines Erachtens den Weg in die Rentenantragstelle sparen. Alles fängt mit dieser Entscheidung an. Die musst du ganz allein für dich treffen!
Rente und Lebensleistung
Mir hat damals der Begriff einer Lebensleistung geholfen. Ich ließ das Leben vor meinem geistigen Auge vorüber ziehen und sammelte alles ein: meine beruflichen Tätigkeiten, meine bezahlten und unbezahlten Überstunden, meine Verantwortungen, die ich immer viel zu gern übernahm, meine Ehrenämter, meine Rollen als Sohn, Enkel, Neffe, Bruder, Familienvater und Ehemann, meine Zeit der Verfolgung in der DDR, mein Neuanfang bei Null hier im Westen, meine beiden Fernstudien (neben dem Job) über insgesamt 16 Semester, meine demente Oma, die viele Jahre in unserem Haushalt lebte, ein Haus, das ich für meine Familie baute ... Ich sammelte alles ein, was ich im Leben geleistet hatte. Und am Ende kam ich zu dem Schluss, dass es genug war. Ich hatte meine Lebensleistung vollbracht. Ich hatte genug getan. Dusseligerweise hatte ich mich zu sehr damit beeilt. Hätte ich mir mit allem mehr Zeit gelassen, hätte ich vermutlich auch bis zum regulären Rentenalter durch gehalten. Aber jetzt war es, wie es war. Ich musste mich nicht schämen. Ich hatte genug getan.
Das Märchen von der Sicherheit der Renten
Es wird uns seit es die Bundesrepublik gibt erzählt, die Renten seien sicher. Die Wahrheit ist aber: Die Rentenkasse gleicht einem Schneeballsystem. Sie lebt von der Hand in den Mund. Alles was du bislang eingezahlt hast, ist futsch. Das bedeutet, du bist von dem guten Willen unserer Politiker abhängig, was deine Versorgung im Alter anbetrifft. Erst hieß es, ich könne mit 65 Jahren in Rente gehen, jetzt sind es schon siebenundsechzig aber wo wird die Eintrittsschwelle 2027 liegen, wenn ich dann endlich 67 Jahre alt bin? Mit Sicherheit nicht mehr bei 67 und die Höhe der Rente wird auch nicht mehr die sein, die mir ein Leben ermöglicht, wie sie es jetzt noch vermag. Es sind einfache Rechenaufgaben. Demografisch können wir uns die Vollversorgung der Pensionäre nicht länger leisten. Siehe hierzu auch meinen Beitrag zum Thema Rentensicherheit in einem anderen Blog.
Ich bin mir sicher, dass jeder, der heute keinen Antrag auf Erwerbsminderungsrente stellt, das einst bereuen wird, weil sich irgend wann heraus stellt, dass er um seine Lebensleistung und seine eingezahlten Beiträge betrogen wurde. Du musst dich also nicht schämen, einen Antrag auf Rente zu stellen, du holst dir nur, was dir zusteht. Du holst dir wieder, was du einmal verdient und eingezahlt hast.
Die Depression aktenkundig machen
Geh zum Arzt! Quäl dich nicht länger! Wenn du nicht mehr kannst, geh zum Arzt! Wenn dir deine Arbeit schwer fällt, geh zum Arzt! Geh offen mit deinen Beschwerden um und vertrau dich deinem Arzt an. Sorge auf diesem Wege dafür, dass es immer wieder aktenkundig wird. Das müssen nicht immer nur seelische Beschwerden sein. Auch Bluthochdruck, Schwindel, Rückenschmerzen, Magenprobleme ... etc. - egal was es ist, geh zum Arzt und lass es behandeln. Für deine seelischen Probleme suche bitte einen Psychiater auf. Ich weiß, das kostet Überwindung, aber es ist notwendig! Nur ein Psychiater kann später fachlich relevante Stellungnahmen und Gutachten über deine seelische Verfassung schreiben. Im Zuge deines Rentenantragsverfahrens werden all deine behandelnden Ärzte durch dich von ihrer Schweigepflicht entbunden und berichten der Rentenkasse. Sorge also dafür, dass es auch etwas zu berichten gibt. Sprich stets offen über deine Ängste, Sorgen und Schwierigkeiten im Leben mit deinem Psychiater. Schäme dich nicht für deine Krankheit. Du hast nichts falsch gemacht, du bist nicht schuld daran, dass es ist wie es ist und du hast nichts Unrechtes getan. Du bist einfach nur krank geworden und willst nun für deine Gesundheit sorgen.
Die Motivation für den Rentenantrag
Ich hatte seinerzeit auch Schwierigkeiten damit, im Alter von nur 48 Jahren die Rente zu beantragen. Aber dann habe ich mich mit dem System befasst und heraus gefunden, dass es genau für Leute wie mich gemacht war. Es geht hier primär nämlich nicht um eine vorgezogene Altersrente, sondern um die Möglichkeit, in Ruhe eine länger andauernde Krankheit auskurieren zu können. Schwere Depressionen verschwinden gewöhnlich nicht von heute auf morgen, das braucht Zeit. Viel Zeit! Vermutlich hast du diese Erkenntnis auch schon gehabt. Und genau dafür ist die Erwerbsminderungsrente oder Erwerbsunfähigkeitsrente, wie sie davor hieß, gedacht. Deine Arbeit belastet dich zu sehr. Du bist überfordert. Wenn die Überforderung anhält, kannst du auch nicht gesund werden. Was liegt also näher, Ruhe einkehren zu lassen? Du stellst einen Antrag auf eine befristete Erwerbsminderungsrente. Erwerbsminderungsrenten sind grundsätzlich immer auf drei Jahre befristet. Drei Jahre ist ein lange Zeit. Da kann viel geschehen. Du kannst die Zeit in Ruhe nutzen, dich zu erholen, dein Leben langsam umzubauen, Therapien zu machen und Probleme, die dich belasten, aus der Welt zu schaffen. Nimm erst einmal nur diese drei Jahre ins Visier.
Du beantragst also zunächst eine Auszeit, um gesund zu werden und nicht die Altersrente! Das ist ehrenhaft und keinesfalls musst du dich dafür schämen!
Schwerbehinderung und Rente
Als ich damals mit der Entscheidungsfindung befasst war, habe ich auch im Internet nach Ratschlägen gesucht. Leider fand ich dazu nicht viel. Das ist verwunderlich, wo doch die Depression der Hauptgrund für für den vorzeitigen Renteneintritt ist? Das einzige, was ich in einschlägigen Foren an Ratschlägen dazu fand, war der Hinweis, dass es vorteilhaft wäre, wenn man vor dem Antrag auf Rente wegen Erwerbsminderung einen Antrag auf Feststellung der Schwerbehinderung gestellt hätte. Mir ist nicht ganz klar, weshalb, denn ein neues Gutachten wird in jedem Fall erstellt, aber ich bin dem Rat gefolgt und zumindest hat es mir nicht geschadet. Mein Rentenantrag lief ohne Probleme durch. Deshalb will ich dir diese Empfehlung hier nicht vorenthalten. Aus ganz anderen Gründen halte ich aber so einen Antrag auf Schwerbehinderung ohnehin für sinnvoll. Aber das soll hier nicht Thema sein. Bei Interesse findest du mehr dazu in meinem Beitrag Antrag auf Schwerbehinderung.
Die Arztbesuche
Wenn du zum Psychiater gehst und es dir schwer fällt, dich aufzuraffen, aber es nun einmal sein muss, denn ohne ärztliche Begleitung wirst du nie die Rente bekommen, dann verschwende deine restliche Energie nicht darauf, dich heraus zu putzen. Zeig dich dem Psychiater so, wie du dich normalerweise kleidest und pflegst. Wenn dir die Körperpflege zu anstrengend ist, dann mach es auch nicht anders, wenn du zum Arzt gehst. Psychiater machen sich immer auch Notizen darüber, wie dein äußeres Erscheinungsbild ist. Wenn du hier mit einem Top-Outfit glänzt, dann gibst du eventuell ein falsches Bild von dir ab. Zeige dich so, wie du tatsächlich lebst. Sei authentisch! Wenn es Jogginghose und Latschen sind - dann ist es eben so. Wenn du schon lange nicht beim Friseur warst und es unbedingt sein muss, geh nach deinem Arzttermin zum Friseur. Es kommt darauf an, den richtigen Eindruck zu hinterlassen und den Fachleuten nichts vorzumachen. Zeige dich, wie du bist, wie du dich jetzt fühlst, wie es dir jetzt geht. Das ist wichtig.
Rentenantrag und Gutachter
So bitter es ist, aber ohne Gutachter geht es leider nicht. In jedem Fall wird ein Gutachter der Rentenversicherung mit in das Entscheidungsverfahren zu deiner Erwerbsminderungsrente hinzu gezogen. Aber so schlimm ist es am Ende dann auch wieder nicht. Es sind in der Regel ganz normale niedergelassene Psychiater, die für solche Gutachten mit der Rentenversicherung zusammen arbeiten. Der Gutachter bekommt von der Rentenkasse deine Daten und Befunde und wird dich dann zu einem Gutachtertermin einladen. Die Fahrtkosten hierfür übernimmt die Rentenkasse. Auch hier ist es wichtig, dass du offen über deine Beschwerden, Sorgen und Ängste sprichst. Wenn du Angst vor diesem Termin hast und aufgeregt bist, dann mach dir vorher einen kleinen Notizzettel und schreibe auf, was du sagen willst. Der Gutachter kennt dich nicht und muss sich während einer Stunde ein Bild über dich machen. Hilf ihm dabei, so gut du kannst. Schreib auf, welche Symptome und Beschwerden du hast und wie oft und reiche dem Gutachter diese Liste zu seinen Akten. Im übrigen gilt das unter vorigem Absatz Gesagte.
Im Internet habe ich noch zwei weitere Listen mit Hilfestellungen zum Thema Gutachterbesuch gefunden, die ich als Download zur Verfügung stellen möchte:
- Merkblatt Gutachtertermin Erwerbslosenforum
- Merkblatt Gewährung öffentlicher Leistungen wegen gesundheitlicher Einschränkungen
Wie es seinerzeit mit meinem Rentenantrag lief, erfährst du in einem anderen Post zum Thema Depression und Rente auf Zeit.