Selbstliebe – Liebe dich selbst

Selbstliebe

Alle Welt redet über die Liebe. Es scheint des Menschen liebstes Thema zu sein. Es gibt Romane über Liebe und Kinofilme und was im Vorabendprogamm über unsere Bildschirme flimmert hat nicht selten auch mit der Liebe zu tun. Die Liebe ist allgegenwärtig nur in der realen Welt, da vermissen wir sie, da mangelt es allerorten an Liebe. Die Liebe als Seelennahrung. Wer hat genug davon? Psychisch Kranke mit Sicherheit nicht. Und dann sollen sie auch noch ihren Nächsten lieben? Wie soll das gehen, wo es doch zumeist erheblich an Selbstliebe mangelt?


Liebe deinen Nächsten wie dich selbst 

„Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ Wer kennt ihn nicht, den Spruch aus der Bibel, der einige Tausend Jahre alt sein dürfte – seit etwa 2500 Jahren wird er schriftlich in den Büchern Mose überliefert, dem ältesten Teil der Bibel. Unter Nächstenliebe versteht man seither das wohlwollende Begegnen anderer Menschen, eine tief empfundene Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Nächstenliebe ist aber nicht nur ein Gefühl, sondern beinhaltet auch konkretes Handeln. Nächstenliebe ist immer auch an Taten erkennbar. Der Begriff „Nächster“ bezeichnet in diesem Zusammenhang den Menschen, der gerade jetzt, in diesem Augenblick in dein Bewusstsein kommt. Das kann also jeder Mensch der Erde sein und es ist unabhängig davon, wo er sich aufhält. Wenn du einen Geldbetrag spendest für hungernde Menschen in Lateinamerika, dann ist das Nächstenliebe. In diesem Moment stehen dir diese Menschen in ihrer Not am nächsten. Die Bedeutung des Begriffs „Nächster“ wird seit Jahrtausenden ethisch und theologisch beschrieben. Von Nächstenliebe geprägte Hilfsbereitschaft ist in den meisten Kulturen und Religionen anzutreffen und stellt dort einen Grundwert dar.



Ich denke, wir wissen alle was gemeint ist, denn die meisten von uns sind in der Tradition der Bibel aufgewachen. Die Bücher Mose sind allesamt Teil der in Europa verbreitetsten theistischen Religionen und somit Juden, Christen und Muslimen gleichermaßen vertraut.

Nächstenliebe ist eine gute Sache, finde ich. Mittels Nächstenliebe können wir die Welt, unsere Welt, ein wenig besser machen.

Selbstliebe und Selbstverliebtheit

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! So wie ich diesen Satz als Bub kennengelernt habe, wurde immer nur der erste Teil betont. Du sollst deinen Nächsten lieben! Selbstliebe, Egoismus, Selbstverliebtheit galten als unchristlich und nicht von Gott gewollt. Dafür musste ich mich als Kind schämen! „Schäm dich!“, klingt es mir noch heute in den Ohren. Kennst du auch diese Sprüche? Ich sollte mich schämen, weil ich „nur“ an mich gedacht hatte. Das wäre doch egoistisch! An sich zu denken, ist aber nicht egoistisch. Egoistisch ist es, dies auf Kosten anderer zu tun. Heute sind Heerscharen von Psychiatern und Psychologen damit beschäftigt, den Menschen wieder beizubringen, was einem jedem eigentlich von Geburt an inne wohnt, aber abgewöhnt wurde – nämlich öfter mal an sich selbst zu denken. Sie nennen es „Gesunder Egoismus“ und sind sich sicher, dass vieler der heute bekannten psychischen Krankheiten auf einem Mangel an Liebe und Aufmerksamkeit beruhen. Die christliche Tradition, in der ich aufwuchs, hat sicher auch viel Gutes in mir bewirkt. Ich verdamme sie deshalb nicht. Aber in diesem Punkt wurde sie eindeutig falsch interpretiert und wird es leider noch heute. Nur wer für andere da ist, kann „Schätze im Himmel“ sammeln. Wer Vorräte für sich selbst anlegt, gilt als Narr.

Selbstliebe versus Narzissmus

Mit Selbstliebe ist keineswegs Selbstverliebtheit gemeint. Selbstliebe ist eine wohlwollende, gut sorgende Energie, aus der gleichermaßen die Liebe zu anderen Menschen, zur Welt und zum Leben gespeist wird. Selbstverliebtheit hingegen, auch als Narzissmus bekannt, kennt die Liebe zu anderen Menschen nicht. Narzissmus ist allein selbstbezogen. Alles dreht sich nur um das eigene Ich. Diese Menschen stehen gern im Mittelpunkt. Sie brauchen das und sie brauchen immer wieder Beachtung und Aufmerksamkeit. Sie fordern es regelrecht ein. Bekommen Sie nicht, was sie glauben, dass es ihnen zusteht, sind sie sehr schnell gekränkt und reagieren entsprechend. Narzissten gehören nicht zu den angenehmsten Zeitgenossen. Es ist und bleibt anstrengend mit ihnen, weil es nie richtig und nie genug sein wird. SIe brauchen immer wieder die Bestätigung von außen. Im Grunde genommen haben Sie nur ein sehr kleines Ego, das sie ständig aufzupimpen versuchen. Natürlich gelingt ihnen das nicht. Wahre Selbstliebe fehlt Ihnen ebenfalls. Es ist ein Trugbild, in das sie verliebt sind. Sie idealisieren sich, aber sie lieben sich nicht wirklich mit alle ihren Fehlern und Schwächen.

Selbstliebe muss (aus)geübt werden

Inzwischen habe ich dazu gelernt. „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst!“ hat für mich zwar noch immer bestand als Leitmotiv, aber jetzt liegt die Betonung auf dem hinteren Teil: …wie dich selbst! Wer keine Liebe für sich selbst hat, der hat auch keine Liebe für andere. Wer nicht imstande ist, sich selbst zu lieben, der kann auch nicht wirklich Nächstenliebe walten lassen. Manche Taten sehen dann vielleicht so aus wie Nächstenliebe, aber sie entspringen doch eher einem Kalkül. Sich selbst zu lieben, ist zunächst ungewohnt und fühlt sich für den Ungeübten nicht richtig an. Jedenfalls war das bei mir so. Ich kann mich doch nicht selber lieben? Wie peinlich ist das denn? Das kommt daher, weil der Glaube, man dürfe sich nicht selbst lieben, so tief in mir eingepflanzt ist. Das wird jetzt einige Zeit der Bewusstmachung brauchen und sicher muss sich auch noch der eine oder andere fühlbare Erfolg einstellen, um den geänderten Glaubenssatz zu festigen, aber der Anfang ist getan.

Wie liebe ich mich selbst?

Wenn ich mich selbst zu lieben nicht in der Lage bin, wie soll ich dann andere Menschen, Tiere oder die Natur lieben können? Es bleibt ein Konstrukt. Wie soll ich für jemanden ein Brot backen, wenn ich es nicht für mich selbst tun kann? Die Liebe ist der Weg zur Liebe. Die Liebe nährt die Liebe und ich selbst bin der Ursprung. Aus meinem Herzen will die Liebe fließen. Sie will sich ergießen in meinen Körper, in meine Seele und dann überquellen und hinaus wirken in die Welt. Wenn ich mich selbst lieben kann, dann liebe ich alles um mich herum automatisch. Dann kann ich gar nicht anders. Dann erst darf ich das sein, was ich vom Ursprung her bin – Liebe. Aber wie soll das gehen? Das wirst du dich jetzt womöglich fragen. Wie kann ich das konkret anstellen? Ich denke, die Schönheit kann ein Weg sein. Sobald ich die Schönheit in den Dingen oder auch in und an mir selbst zu erkennen vermag, kann ich in das Gefühl der Liebe kommen. Es ist auch eine Übungssache. Anfangs fühlt es sich ungewohnt an, unsicher. Aber mit der Zeit wird es einfacher und fühlt sich dann auch schöner und richtiger an. Du erkennst es in deinen Augen. Wenn die Liebe aus dir strömt, zeigen es deine Augen zuerst an, denn was du mit Liebe anschaust, das schaust du anders an.



Ist das Böse stärker als die Liebe?

Was du mit Liebe anschaust, darf sich entfalten, darf sich entwickeln, darf da sein. Nur was du mit Liebe anschaust, kann sich zum Guten verändern. Die Liebe ist tatsächlich die stärkste Kraft. Dass das Böse auf der Welt scheinbar überwiegt, liegt nicht daran, dass es stärker ist als die Liebe, denke ich. Es liegt wohl vielmehr daran, dass es uns leichter fällt, uns selbst zu verurteilen, uns selbst abzuwerten, uns selbst klein zu machen, anstatt uns selbst mit Wohlwollen und Liebe zu begegnen. Das Böse entstammt nicht immer einer Entscheidung für das Böse, es entstammt oft einer Entscheidung gegen die Liebe zu mir selbst. Ich bin einfach geübter darin, das Schlechte zu sehen, es zu benennen, zu verurteilen und vielleicht sogar zu bekämpfen. Aber dann geht meine Energie und Lebenskraft auch fast vollständig dafür drauf. Dann werde ich mich und meine Welt auch vornehmlich als schlecht wahrnehmen müssen. Immer wenn ich mich auf etwas konzentriere, blendet mein Gehirn meisterhaft aus, was sonst noch da ist. Das kann von Vorteil sein, wenn es gilt, hochspezialisierte Aufgaben lösen zu wollen, aber es ist ganz sicher hinderlich, wenn es besser darum ginge, den Überblick zu behalten. Wenn ich mich für die Liebe entscheiden will, dann muss ich mich auch für die Liebe zu mir entscheiden. Wenn ich mich für die Liebe entscheide, dann kann ich wieder in meine Mitte kommen. Dann können Wohlwollen und Frieden wieder in mir Einzug halten und allein schon durch diese Veränderung, wird sich auch meine Wahrnehmung von Gut und Böse in der Welt ändern.



Liebe will Ausgleich

Ich denke Moses hat der Eigenliebe deshalb keinen eigenen Satz gewidmet, weil es für die Menschen seiner Zeit noch selbstverständlich war, sich zu allererst selbst zu lieben. Er bezieht sich ja bei der geforderten Nächstenliebe auch auf die Liebe zu sich selbst, ergo muss sie vorher da sein, ist sie gleichsam das Fundament, auf dem alles steht. Und dann wird für mich auch alles rund. Liebe zu mir selbst, das macht mich selbstsicher, stark, ausgeglichen, gesund. Liebe zum Nächsten, das bindet mich ein in die Welt. Die Nächstenliebe weist mir meinen Platz inmitten der Menschheit, sie macht mich zu ihrem Teil. Darüber hinaus kommt alle Liebe, die ich für andere zu verschenken habe, in welcher Form auch immer, auch wieder zu mir zurück. Auf diese Weise findet alles seinen Ausgleich. Ein System aus Eigenliebe und Liebe ist ein sehr stabiles System, weil es Ausgleich schafft und Gegensätze abbaut. Ein solches System ohne Eigenliebe ist alles andere als stabil, wie die 160 Millionen Europäer, die als psychisch krank gelten, eindrucksvoll beweisen. 160 Millionen Menschen, das sind etwa 40% der europäischen Bevölkerung, und alle sind auf der Suche nach Liebe, Aufmerksamkeit und Anerkennung (Zahlen: Spiegel Online). Das alles suchen sie aber zumeist an der falschen Stelle. Sie suchen bei ihrem Partner, bei ihren Kindern oder Eltern, Freunden, Nachbarn, Verwandten, Kollegen, beim Chef – sie suchen sie überall, nur auf das Naheliegendste kommen sie nicht, sich diese Liebe, Aufmerksamkeit und Anerkennung selbst zu schenken und sich damit frei zu machen von der Sucht nach Erfolg und Anerkennung.

Wir Menschen sind wunderbare Geschöpfe. Wir tragen alles in uns, das uns psychisch krank werden lässt. Aber wir tragen auch alles in uns, das uns wieder gesunden lassen kann. Und in diesem Fall ginge das sogar ohne einen Facharzt.

Quellen zu „Selbstliebe Nächstenliebe Egoismus und Depression“
Foto: Lupo / pixelio.de

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