Bin ich verrückt oder normal?

verrückt oder normal?

Niemand will als verrückt gelten

Das ist wirklich verrückt: Keiner will verrückt sein. Alle wollen normal sein. Aber normal zu sein, gilt als spießig und langweilig. Ergo will auch niemand wirklich normal sein. Lieber wollen sie alle etwas Besonderes sein. Einmal abgesehen davon, dass jeder Mensch ohnehin etwas Besonderes ist, stellt sich mir die Frage, was überhaupt als „normal“ einzustufen ist. Wer legt fest, was normal ist? Und was hat man als Individuum überhaupt davon, als normal zu gelten?


Was ist normal?

Es mag Menschen geben, die mich verrückt halten. Verrückt deshalb, weil ich nicht mehr so leben will, wie bisher. Vielleicht auch verrückt deshalb, weil ich nicht mehr so leben mag wie sie. Wahrscheinlich aber halten sie mich für verrückt, weil ich Depressionen habe. Major Depression – so heißt die Diagnose im angelsächischen Raum. Das klingt so schön militärisch. Ein Major ist ein hoher Offizier. Er hat etwas zu sagen, er führt das Regiment. Und so ist es in der Tat. Die Depression hat mir eine Menge zu sagen. Und ich höre ihr zu. Das macht mich anders. Ich will nicht wieder dieselben Fehler machen, die mich krank werden ließen und deshalb muss ich es jetzt anders machen, muss mich verändern.

In der Klapse

Durch mein Anderssein stelle ich aber auch die Lebensweise meiner Zeitgenossen in Frage und in der Regel mögen das die Menschen nicht. Sie würden locker mit zehn Majoren klar kommen, nicht aber mit einer Major Depression. Ja, ich anders. Aber bin ich deshalb auch verrückt? Spätestens mit dem Erstkontakt einer Psychiatrischen Umgebung stellt sich jeder Mensch die Frage: Bin ich jetzt verrückt? Für viele meiner Mitmenschen war die Antwort zu jenem Zeitpunkt klar. Zeitweise glaubte ich sogar selbst daran. Und einigen meiner Mitpatienten erging es ähnlich. Sie kokettierten damit, dass sie jetzt ja in einer „Klapse“ seien, dass sie als verrückt angesehen würden und deshalb nun tun und lassen könnten, was sie wollten. Im Grunde hatten sie aber nur Angst vor dieser Einschätzung und nahmen sie deshalb vorweg.

Angst vor Ablehnung

Ihr scheinbar souveränes Auftreten sollte ihre Angst übermalen, von der Gesellschaft verstoßen zu werden. Ich glaube jedoch, die Gesellschaft verstößt keinen depressiven Menschen Das tun die betreffenden Personen selbst. Es ist ihre Angst davor, die sie im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung in die Isolation treibt. In einem offenen Umgang mit meiner Depression bin ich niemals abgelehnt oder verstoßen worden. Dass man als chronisch Kranker irgendwann seinen Arbeitsplatz verliert, hat rein wirtschaftliche Gründe und nichts mit der Person an sich zu tun.



Wer legt fest was normal ist?

Ob jemand verrückt ist oder noch normal, entscheidet die Allgemeinheit der Menschen eines Kultur- bzw. Lebensraumes. So normal es für uns Deutsche ist, Schweinefleisch zu essen, so verrückt mutet dies manch anderen Menschen an. Japaner essen Hoden. Ist das noch normal? Für sie schon. In der einen Kultur sind Frauen Staatschefs in einer anderen dürfen sie nicht ohne Begleitung das Haus verlassen. Die einen Menschen wohnen in riesigen Hochhäusern aus Beton und Glas, andere habe eine Hütte aus Stoffen und keinen festen Wohnort, sie sind Nomaden. Hier wie dort ist dies alles völlig normal. Hier wie dort werden Menschen, die dies anders haben wollen gescholten. Normal oder verrückt kann also vieles sein und doch gibt es so etwas, wie eine allgemeine Auffassung vom Normalsein.

Gefühlskontrolle

Mit „verrückt“ ist gemeint, was von der Norm abweicht. Es gilt beispielsweise als normal, die eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Triebe angemessen regulieren zu können und zwar so regulieren zu können, dass sich andere Menschen hierdurch nicht gestört fühlen. Man ist also nicht normal und gilt als wahnsinnig, wenn man seine Gefühle ungehemmt zeigt und auslebt. Das ist eigentlich bedauerlich, denn würden wir unsere Gefühle zulassen und als etwas zutiefst menschliches verstehen, würden wir unsere Gefühle akzeptieren und auch fließen lassen, anstatt sie zu verbergen, vermutlich hätten unsere Psychiater nicht mehr viel zu tun. Und erst die Pharmaindustrie! Aber wer will schon als verrückt gelten? Da verbergen wir lieber unsere ureigensten Gefühle, zuerst vor anderen, später vor uns selbst, bis wir irgendwann tatsächlich „verrückt“ daran werden.

Die Falschen werden behandelt

Auch die deutliche Beschränkung in geistigen Fähigkeiten wird als nicht normal eingestuft. Normal ist ebenso nicht, wahrzunehmen, was andere Menschen nicht wahrnehmen können, sogenannte Wahnvorstellungen zu haben. Allerdings ist die Norm nicht in Bronze gegossen. Sie ändert sich ständig. Vielleicht ist es in fünfzig Jahren nicht normal, keinen Psychiater zu haben? Vielleicht braucht ja nicht die depressive Minderheit ärztliche Betreuung? Denn eigentlich ist die Depression eher eine gesunde Reaktion auf eine krank machende Umwelt. Vielleicht brauchen ja die sogenannten Normalen dringend einen Psychiater, damit die Lebensbedingungen, die wir Menschen uns täglich erschaffen, so werden, dass sie uns Menschen auch gut tun? Der Kölner Psychiater und Chefarzt Manfred Lütz hat sich mit dieser Frage auseinandergesetzt und seine Gedanken dazu in dem Buch „Irre! – Wir behandeln die Falschen: Unser Problem sind die Normalen niedergeschrieben. Eine Lektüre, die mir großes Vergnügen bereitete und die ich hier gern weiter empfehle.



Warum wollen alle normal sein?

Ich denke, hier geht es in erster Linie um das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Gruppe. Wir wollen dazu gehören. Wir wollen anerkanntes Mitglied sein. So wollen wir zu einer Familie gehören, zu einer Schulklasse, zu einer Clique, zu einem Verein, einer Partei, zu einer Kirchengemeinde, zu einem Team… Wir Menschen als soziale Wesen schließen uns Gruppen an. Wir haben im Laufe der Evolution gelernt, dass das Individuum in der Gruppe erfolgreicher ist. Ergo leben wir in Gruppen. Das ist normal. Aber ist das allein auch schon sozial? Ist es sozial, wenn eine Gruppe die andere bekriegt? Ist es sozial, dass Menschen anderer Hautfarbe oder Nation noch immer als Bedrohung angesehen werden, auch hier und heute? Wie sozial sind wir Menschen also wirklich?

Angst vor Fremden

Ich glaube: Hinter all dem steckt nichts Konstruktives. Wir schließen uns nicht zusammen, um zu gestalten. Wenn dies so wäre, würden wir jeden Ausländer mit offenen Armen empfangen, der hier leben und arbeiten will. Die Realität ist aber eine andere, und das nicht nur in Deutschland. Was wirklich dahinter steckt ist vermutlich Angst. Wir haben Angst vor Fremden, der sich manchmal bis in einen regelrechten Hass auswächst. Aber eigentlich ist es Angst. Wir haben Angst, allein nicht überleben zu können. Wir haben Angst, außerhalb der Gruppe selbst zum Ziel für Anfeindungen zu werden. Und wir haben Angst, dass Menschen, die wir nicht berechnen können, uns Schaden zufügen. Darum schließen wir uns in Gruppen zusammen und glauben, aus der Gruppe drohe uns keine Gefahr. Wir glauben, uns zu kennen, uns berechnen zu können. Aber das ist ein Trugschluss.

Dazu gehören wollen

Wir kennen die anderen nicht. Wir kennen ja nicht einmal uns selbst. Die Gruppe jedoch verspricht uns Schutz, zumindest passiven Schutz Sie schmälert unsere Angst. Ich glaube, es ist uns aus Angst vor den Folgen des Ausschlusses wichtig, dazu zu gehören, also normal zu sein. Es reicht uns nicht aus, uns als Mensch zu begreifen, als Teil der universellen Menschheit. Wir wollen Teil eines überschaubaren Mikrokosmos sein und nennen dies normal. Aber begrenzen wir uns so nicht freiwillig in unseren Möglichkeiten? Beschränken wir so unser Leben nicht auf ein Leben innerhalb des Tellerrandes?



Es ist zum verrückt werden

„Wer nicht verrückt wird, der ist nicht normal.“, sang einst Hildegard Knef in einem ihrer Lieder. Wenn ich bedenke, wie ich überall jemand anderes sein muss, um normal zu sein, da bin ich froh, dass ich nicht auch noch abwechselnd in verschiedenen Kulturkreisen lebe. Wer normal sein will, mutet sich eigentlich eine Menge zu. Er muss sich jeder Situation und Menschengruppe anpassen und klar, muss er jemand anders sein, wenn er in die Kirche geht und wieder wer anders im Fußballstadion, er muss wer anders sein auf der Familienfeier und wieder wer anders auf der Elternversammlung seiner Kinder. Er muss wer anders sein, wenn er vor Gericht steht und wieder wer anders in der Firma. Es ist zum verrückt werden! In der Familie meiner Frau muss ich wer anders sein als in meiner eigenen Familie, in der Selbsthilfegruppe wer anders als in meiner Nachbarschaft.

Kann ich selbst mich annehmen?

Jeder soll das zu sehen bekommen, was er sehen will. Jeder soll zufrieden gestellt werden. Meine Güte! Ich glaube ich will nicht mehr normal sein. Ich glaube, ich will nur noch ich sein. Lasst mich alle mal in Ruhe mit euren Erwartungen! Lasst mich alle mal so sein, wie ich bin! Und vor allem muss ich selbst mich mal so sein lassen, wie ich bin. Ich muss weder anderen Menschen gefallen, noch mich krampfhaft darum bemühen, irgendwo dazu zu gehören. Wichtig ist doch nur, dass ich selbst zu mir halte. Wichtig ist, dass ich von mir überzeugt bin. Ob verrückt oder normal, ist dabei unerheblich. Es ist die Einschätzung anderer. Die kann mir aber nicht so sehr schaden, wie meine Selbstablehnung. Kann ich selbst mich so annehmen wie ich bin? Kann ich von mir selbst behaupten, dass ich stolz und froh bin, mich zu kennen?

Das Verhalten ist entscheidend

Gehöre ich zu mir oder habe ich mich verstoßen? Habe ich mich verstoßen, weil ich mich nicht gut genug finde, nicht liebenswert? Will ich lieber jemand anders sein? Will ich lieber der sein, den andere gern in mir sehen würden? Wenn ich so darüber nachdenke, komme ich zu dem Schluss, dass normal zu sein, weniger mit mir als mit meinem Verhalten zu tun hat. Ob jemand normal ist oder nicht, wird hauptsächlich an seinem Verhalten fest gemacht. Das wiederum heißt, ich kann verrückt sein, mich aber zum Schein normal benehmen. Ich kann aber auch völlig normal sein und verrückte Dinge tun. Wer soll da denn noch durchblicken?



Keiner will normal sein

Und dann kommt noch etwas hinzu. Menschen in einer Gruppe stehen irgendwie auch immer in Konkurrenz zueinander. Wer einfach nur normal ist, also dem Durchschnitt entspricht, der wird auch nur durchschnittlich beachtet, als durchschnittlich gut wahrgenommen, durchschnittlich geliebt, durchschnittlich bezahlt, durchschnittlich freundlich behandelt, durchschnittlich gut bedient und bekommt später vermutlich auch nur ein durchschnittliches Begräbnis. Aber wer will schon nur Durchschnitt sein? Wenn es darum geht, dass Dukaten verteilt werden, wenn es darum geht, einen Vorteil zu erlangen, dann wollen wir doch alle hervorstechen aus der grauen Masse. Dann plötzlich will kaum noch jemand normal sein. Dann meint jeder etwas Besonderes sein zu müssen. Komisch? Auf einmal will keiner mehr normal sein? Wenn wir aber alle etwas besonderes sind, dann ist das irgendwie auch wieder normal und niemand ist mehr etwas Besonderes.

Neue Lebensvorstellungen

Wenn du wirklich etwas Besonders sein willst, musst es es anders tun, als die anderen. Du darfst dich nicht an der Gesellschaft orientieren, an ihren Forderungen oder Bedürfnissen. Hingegen musst du ganz bei dir sein. Du musst du selbst sein, denn du bist von Geburt an schon etwas Besonderes. Ich gebe zu, dazu gehört Mut. Ferner gehören dazu eine gute Portion Selbstbewusstsein und mindestens ebenso viel Selbstvertrauen. Es anders zu tun, als die graue Masse, den Mut zu haben, einen neuen Anfang zu wagen und aus der Depression heraus, Fragen zu stellen, die niemand stellen mag, ganz nach innen zu gehen zu sich selbst und fortan aus sich heraus zu leben, ja das ist wirklich anders! Das ist etwas Besonderes! Mögen uns die Normalos deshalb für verrückt halten. In gewissem Sinne sind wir das auch, wir sind ihren Wert- und Lebensvorstellungen entrückt. Wir haben neue, eigene gefunden.



Bist du noch normal oder lebst du schon?

Menschen gibt es nach heutigem Kenntnisstand seit etwa fünf Millionen Jahren. Seit etwa dreihundert Jahren leben wir im Industriezeitalter. Zu keiner Zeit haben wir unsere Lebensbedingungen so schnell verändert, wie seit jener Zeit. Wir haben die schnelllebige Welt von heute selbst erschaffen und erschaffen ständig weiter. Wir erforschen und sammeln Daten, wir entwickeln immer neue Dinge und verdoppeln andauernd unser Wissen. Kein einzelner Mensch ist mehr in der Lage, das alles zu überblicken. Der Preis dieser schnellen Zeit ist ein Leben fernab von unserem eigentlichen Ich. Wir geben uns diesen Bedingungen hin, passen uns an sie an, so gut es geht und glauben, wenn wir nur ja genug Geld verdienen, dann haben wir auch ein gutes Leben. Nicht schon immer haben Menschen so gelebt.

Was ist schon normal?

Die meiste Zeit unseres Daseins auf der Erde sah dies eher anders aus. Früher waren unsere Namen noch unsere Bestimmung. Heute sind Namen nur Schall und Rauch. Hältst du den Stress aus oder nicht? Das ist heute die Frage. Was du hältst keinen Stress aus? Das ist ja nicht normal! Ist es das wirklich nicht? Sind wir Menschen geboren, Stress auszuhalten? Wenn Stress für normale Menschen normal ist, dann möchte ich nicht mehr normal sein. Ich möchte ein Leben in Ruhe und Frieden führen. Ich möchte Frieden haben mit mir, meinem Leben, mit den Menschen, mit denen ich zu tun habe und mit allen Menschen im Geiste, Frieden haben mit mir und der Welt. Mag sein, ich bin nicht normal, aber ich habe heute wieder ein eigenes Leben.

Die wichtigere Frage

Jeder darf nach seiner Fasson glücklich werden. Ich bemühe mich fortan, nicht darüber zu urteilen, was normal ist und was nicht, denn es ist nicht wichtig. Die viel wichtigere Frage ist: Wovor hast du Angst? Ich bin froh und dankbar, dass mich die Depression zu dieser Erkenntnis geführt hat.

Quellen zu „Bin ich verrückt?“
Foto: pixabay.com

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Benno Blues

Ja, das wäre ein guter Anfang, Gruppen zu finden in denen man so akzeptiert wird, wie man ist, Natur pur so zu sagen. Zielführender wäre es jedoch, sich selbst so zu akzeptieren, wie man ist. Wenn ich Bedenken meinerseits mit in eine Gruppe hinein nehme, lade ich quasi dazu ein, mich in Frage zu stellen. Wenn ich selbst von mir überzeugt bin, wie wichtig ist es dann für mich noch, was andere über mich denken?

Anonym

Ein Ideal wäre es also, sich Gruppen zu suchen und zu finden (Familie, Schwiegerfamilie, Arbeitsplatz, Hobby, Sport etc.), in denen man sich nicht verstellen muss, um bei ihnen "normal" zu sein.
Das dürfte langwierig werden, aber es wäre es wert, weil man sich dann nicht mehr "verstellen" müsste in seinem Verhalten, in keiner der "Gruppen".
Nur schaffen lässt sich das wahrscheinlich nicht, man müsst viel Glück haben, dass "es" eben gleich "passt", zumindest was Familie und Schwiegerfamilie angeht- alle anderen "Gruppen" kann man sich suchen nach und nach.

Benno Blues

Hallo Violetta,
in der Tat, die Gefahr besteht, sich zu sehr in die Welt der Psychiatrie zu vertiefen, zu viel zu hinterfragen und darüber das Leben zu verpassen. Ich stelle mir auch so manches Mal die Frage, ob ich es nicht übertreibe mit dem Hinterfragen. Aber offenbar muss ich es tun, offenbar bin ich noch nicht so weit wie du. Es ist immer noch mein Thema. Insofern kann ich dich beruhigen: Es werden noch einige Beiträge folgen.

Liebe Grüße Benno!

Anonym

ich habe deinen blog mit interesse gelesen und gehe in vielen dingen konform mit dir.
auch ich hatte jahrzehntelang depressionen, dann auch eine angststörung. nach einer verhaltenstherapie, in der man lernt, alles zu hinterfragen, stellte ich mir bei vielen meiner handlungen die frage:
ist das normal oder pathologisch?
bis ich beschloß, nichts mehr zu hinterfragen (das hätte mich verrückt machen können).
dann gings mir wieder gut.
ich freu mich über weitere beiträge von dir.
mit herzlichen grüßen
violetta