Gegen Depressionen ankämpfen

Depression und Kampf

“Mir könnte das nicht so passieren wie dir. Ich bin anders. Ich bin ein Kämpfer. Ich war auch schon oft unten, da wo du jetzt bist, aber ich stand immer wieder auf.” Das sind die Worte eines Mannes, der von sich glaubt, etwas besser zu wissen. Lassen wir ihm seinen Glauben. Diese Überzeugung schützt ihn zumindest davor, seinem depressiven Sohn liebe- und verständnisvoll entgegen treten zu müssen. Kämpfen. Müssen wir wirklich immer kämpfen? Liegt im Kampf das Geheimnis des Lebens? 






Neurochemie

Man weiß, dass bei psychisch Kranken (ich hasse eigentlich diesen Ausdruck) die Gehirnchemie, sagen wir einmal, verändert ist, um nicht den gängigen Terminus “gestört” verwenden zu wollen. Der übliche medizinische Ansatz ist deshalb wohl auch, diesen “Mangelzustand” medikamentös ausgleichen zu wollen. Niemand weiß jedoch wirklich, ob die veränderte Gehirnchemie Ursache oder Wirkung der Depression ist.

Warum eigentlich sollte die Evolution etwas hervor bringen, das die Spezies Mensch derart in Gefahr bringt? Vielleicht muss ja die Depression und all das was mit ihr verbunden ist gar nicht geheilt werden? Vielleicht ist ja die Depression selbst die Heilung? Geheilt werden müssten doch eher die vielen, vielen Verletzungen der Seele, die noch immer offen liegen, die noch nie richtig versorgt wurden, für die keine Zeit war oder die aus Scham sofort abgedeckt werden mussten. Warum findet solch ein Ansatz nicht einmal den Weg in die Köpfe unserer Zeit?

Arbeitsplatz und Depression

Die Depression verlangt ein Umdenken, ein Aussteigen aus gängigen Lebensmustern. Umdenken – so etwas gefällt der Gesellschaft gewöhnlich nicht. Da werden Werte und Ziele in Frage gestellt. Da wird fast alles in Frage gestellt, was Otto Normalverbraucher für lebens- und erstrebenswert hält. Natürlich läuft man damit nicht offene Türen ein. Es soll sich doch bitteschön bloß nichts ändern. Alles soll so bleiben, wie es schon immer war, wie wir es von unseren Eltern lernten und die schon von den ihrigen. Also wird der Abweichler, und all das was ihn dazu macht, bekämpft. Sie nennen es notwendig und nennen es Heilungsprozess. Sollte Heilung nicht umgehend möglich sein, erfolgt Ausgrenzung. Integration? Fehlanzeige! Es gibt nach meinem Kenntnisstand keine geschützten Arbeitsplätze für Menschen mit Depressionen, mit Ausnahme der Angebote in Behindertenwerkstätten, was für die meisten der Betroffenen aber nicht wirklich eine ernst zu nehmende Alternative sein dürfte.

Sollte ich hier schlecht informiert sein, wäre es mir eine Freude, eines Besseren belehrt zu werden. Sobald Diagnosen von einem Psychiater gestellt werden, ist es nämlich oftmals vorbei mit der Loyalität. Da muss man handeln, nicht wahr? Da muss man handeln zum Wohl der Firma oder Behörde und zum Wohl der Mitarbeiter. Oftmals werden die Kündigungen noch direkt an die Klinikadresse verschickt. Und damit bricht dann ein nicht ganz unwichtiger Pfeiler weg für jene, die sich doch eh schon in ihrer Existenz bedroht fühlten. Nun nimmt man ihnen auch noch ihre Lebensgrundlage, nimmt ihnen eine Möglichkeit der Selbsterfahrung, nimmt ihnen mögliche Erfolgserlebnisse, nimmt ihnen wichtige soziale Kontakte und nimmt ihnen eine Stellung im sozialen Gefüge der Welt.

Ich wette, es gäbe mit ein wenig gutem Willen und Kreativität in jeder Firma ein paar Arbeitsplätze, die von Menschen mit Depressionen zufriedenstellend besetzt werden könnten, zum beiderseitigen Vorteil und ohne die Betroffenen überfordern zu müssen. Aber die Mühe macht sich erst gar keiner. Entweder du bist voll leistungsfähig oder du kannst gehen. Und so gehen sie. Zu Tausenden jedes Jahr. Kluge, talentierte und fleißige Menschen geben ihren Arbeitsplatz auf und fliehen in die Rente, weil sie keinen anderen Ausweg mehr sehen. Und weshalb sehen sie den nicht? Ganz einfach – es wird ihnen keiner geboten. Wir sehen uns gern als moderne Leistungsgesellschaft. Was aber leisten wir…? Viele von denen, die aufgrund seelischer Belastungen vorzeitig ihren Arbeitsplatz verlassen, sind noch nicht einmal Fünfzig…



Die Depression bekämpfen?

Der Kölner Psychiater und Leiter des Alexianer-Krankenhauses weiß ganz sicher wovon er spricht, wenn er nicht zu Unrecht überspitzt formuliert: Irre! – Wir behandeln die Falschen: Unser Problem sind die Normalen. Eine interessante Lektüre, nicht nur und ganz besonders nicht nur für Betroffene. Doch sein Ruf scheint zu verhallen. Wie ich schon sagte, es soll sich wohl nichts ändern. Also machen wir immer schön so weiter! Was ist das für eine Gesellschaft, die auf der einen Seite reihenweise Depressive produziert, um auf der anderen Seite Jahr für Jahr über den hohen volkswirtschaftlichen Schaden zu lamentieren? Was ist das für eine Gesellschaft, die bekämpft, was sie doch selbst gebar und nährte?

Die Depression müsse bekämpft werden, heißt es, am besten frühzeitig. Jawoll!! Da ist es wohl auch kein Wunder, dass viele Betroffene glauben, auch sie müssten so handeln. Wenn alle das so sagen, dann muss es doch stimmen, oder etwa nicht? Also tun sie es. Sie tun es aus Scham und aus Schuldgefühlen heraus. Sie tun es aus Angst und aus falsch verstandener Verantwortung. Sie tun es, weil man dies als halbwegs zurechnungsfähiger Mensch so tut, glauben sie. Sie kämpfen. Sie kämpfen und bemerken vielfach nicht, dass sie gegen sich selbst kämpfen, zumindest gegen einen Teil ihrer selbst, ein Teil, der schon immer weiter nichts wollte, als angenommen zu werden, der leben wollte, der sein wollte, wie er war, ursprünglich und unzensiert, unerzogen, unverfälscht.

Kann denn mit Kampf wirklich eine Heilung erfolgen? Kostet Kampf nicht unendlich viel Kraft und braucht man zur Genesung, egal welcher Krankheit, nicht eigentlich Ruhe? Verspüren depressive Menschen nicht deshalb oft eine so tiefe Müdigkeit, weil ihr Körper, ihre Seele und ihr Geist endlich einmal zur Ruhe kommen wollen, zu innerer Ruhe?





Bekämpfen oder fördern – zwei Wege

Ich glaube heute, dass sich die Depression nicht besiegen lässt. Sie ist ein notwendig gewordenes Übel. Sie zu bekämpfen, halte ich deshalb für falsch. Sie fordert mich nicht auf, etwas gegen etwas zu tun, sondern für. Sie fordert mich auf, etwas für mich zu tun. Sie fordert mich auf, besser auf meine Bedürfnisse zu hören und wieder zu lernen, meinen Gefühlen zu vertrauen. Sie fordert mich auf, mich selbst anzunehmen und “Ja” zu mir zu sagen. Carl Gustav Jung, einer der Begründer der analytischen Psychologie drückte es einmal so aus: “Die Depression kann mit einer in schwarz gekleideten Dame verglichen werden. Wenn sie kommt, so weise sie nicht ab, sondern bitte sie zu Tisch als Gast und höre, was sie Dir zu sagen hat.”

Ich bin mir sehr sicher, kann es quasi aus eigener Erfahrung bestätigen: Diese Dame in schwarz hat im Einzelfall eine Menge zu erzählen. Zugegeben, vieles von dem wollen wir anfangs gar nicht hören. Aber sie spricht die Wahrheit. Wir tun uns einen Gefallen, ihr zuzuhören. Es gibt ja immer diese beiden Optionen: a) Man kann bekämpfen, was man für schlecht hält, wodurch man dem aber indirekt auch immer eine Daseinsberechtigung verschafft, Raum gewährt, Aufmerksamkeit, Lebensenergie und Lebenszeit widmet. Oder man kann b) fördern was gut, aber bislang zu kurz gekommen ist: eine eigene Meinung, Unabhängigkeit, Freiheit, Begabungen, Fähigkeiten und Fertigkeiten, Vertrauen und Selbstvertrauen, Zeiten der Stille und des Mit-Sich-Selbst-Seins, ein gutes Maß zu finden in allem, Kreativität, Frieden durch Zufriedenheit und vieles andere mehr…

Es heißt ja, wer kämpft, könne verlieren, wer nicht kämpft, habe schon verloren. Das mag sein. Manchmal muss man sich einfach entscheiden, ob man für oder gegen etwas sein will. Aus meiner Erfahrung ist der Kampf für etwas aber segensreicher als der Kampf gegen etwas. Und dann würde ich es auch nicht mehr Kampf, sondern Einsatz nennen wollen, sich einer Sache verschreiben, für etwas einstehen, sich einsetzen, motiviert sein. Ich glaube, es lohnt sich all dies für das eigene Leben zu tun.

Letztlich ist die Depression selbst doch das Ergebnis eines lebenslangen Kampfes. Ich denke, es wird langsam einmal Zeit, das Schlachtfeld zu verlassen, in den Garten hinters Haus zu gehen und Blumen und Kartoffeln zu pflanzen…

Quellen zu “Gegen Depressionen ankämpfen”
Foto: pixabay.com

Gegen Depressionen ankämpfen

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