Verletzlichkeit und Verletzbarkeit bei Depression

Depression und Verletzlichkeit

Verletzlichkeit betrifft jeden Menschen – den Einen mehr – den Anderen weniger

Die Fachleute nennen es Vulnerabilität, was soviel heißt wie Verwundbarkeit oder Verletzbarkeit. Menschen mit Depressionen wissen zumeist, was dies bedeutet, auch wenn sie diesen Begriff vielleicht nicht kennen. Unter einer Depression ist auch immer das Selbstbewusstsein oder besser der Selbstwert stark beeinträchtigt bis hin zu gar nicht mehr vorhanden. Ein gesunder Selbstwert ist aber der einzige Schutz gegen seelische Verletzungen, denen der Erkrankte unter diesen Bedingungen nun bar ausgeliefert zu sein scheint. Doch steckt noch viel mehr dahinter. Nicht jeder und nicht alles vermag uns zu verletzen. Wir haben da so unsere wunden Punkte. Was steckt dahinter und wie kann man sich trotz Depressionen vor ungewollten Verletzungen schützen?


Depression und Verletzlichkeit

An Depression erkrankte Menschen sind zumeist besonders leicht verletzbar, neigen regelrecht zur Verletzlichkeit. Das rührt vermutlich daher, dass sie schon zu oft in ihrem Leben verletzt wurden. Und hier meine ich nicht die kleinen Verletzungen, die wir täglich erfahren, die wir ganz gut wegstecken können. Es ist manchmal sogar eine Art Spiel zwischen den Menschen, den Anderen anzupricken und auf seine Reaktion gespannt zu sein. Diese Art Verletzlichkeit, diese Art Verletzungen meine ich hier nicht. Hier soll die Rede sein, von den Verletzungen, die tief in uns eindringen, die weh tun, richtig weh tun. Verletzungen, von denen wir lange etwas haben. Meistens sind das Verletzungen, die von Enttäuschungen herrühren, von Enttäuschungen und nicht erfüllten Erwartungen. Eine dieser Verletzungen ist es dann auch irgendwann, die die Depression zu Tage fördert, die zu einem Zusammenbruch führt.

Liebe und Schmerz

Je näher uns Menschen stehen, desto stärker können sie uns verletzen. Je mehr wir einen Menschen lieben, umso größer ist der Schmerz, den er uns zuzufügen vermag. Ich habe jeweils dann am heftigsten gelitten, wenn ich am innigsten geliebt habe und das hatte nicht einmal unbedingt etwas mit meiner Depression zu tun. Liebe und Schmerz gehören zusammen, glauben deshalb manche Philosophen. Ich glaube: Liebe und Schmerz haben nichts miteinander zu tun. Liebe ist Liebe, das schönste Gefühl, das wir in uns tragen. Liebe ist niemals Schmerz! Aber Depression und Verletzlichkeit sowie Depression und Verletzung, die gehören sehr wohl zusammen.



Depression und Verletzung durch den Partner

Seit ich von meiner Frau getrennt lebe, werde ich nicht mehr verletzt. Super! Da haben wir also den Übeltäter! Meine Frau war es, die mich immer wieder verletzt hat, so dass ich mich schließlich von ihr trennen musste. Und nun, da ich allein lebe, geht es mir gut. Niemand verletzt mich mehr. Meine Depression ist bloß noch halb so schlimm und eigentlich wäre mein Leben perfekt, wäre da nicht doch noch der Wunsch nach Zweisamkeit in mir. Aber dann geht das womöglich mit den Verletzungen wieder los? Und dann kommt die Depression mit voller Kraft zurück? Da sei Gott vor! Doch wieso kam es eigentlich zur Trennung? Weshalb wurde ich denn immer wieder verletzt? Wieso tat meine Frau das, wo sie doch meine Verletzlichkeit kannte? Ich habe mich einmal intensiv mit den Themen Depression, Verletzlichkeit, Verletzung und Enttäuschung auseinandergesetzt und ein paar interessante Erkenntnisse gewinnen können.

Wer kann mich verletzen?

Tatsächlich ist es nämlich so: Niemand kann mich verletzen – das kann ich nur selbst. Es war nie meine Frau, die mich verletzte. Sie hat jeweils nur an Strippen gezogen, die ich ihr anbot, ja nahezu aufdrängte. Es sind alte Verletzungen aus meiner Kindheit, die einfach nicht abheilen wollen und so zu einer erhöhten Empfindlichkeit und Verletzlichkeit führen. Es sind alte Wunden, die immer wieder aufgerissen werden, weil ich es so „will“, weil ich diese Strippen daran befestigt habe. Ich bin enttäuscht. Und das tut weh. Ich bin enttäuscht von mir selbst. Enttäuscht, wie es einst meine Eltern von mir waren. Denn sie konnten mich nicht annehmen, wie ich war. Sie mussten mich erst zu einem brauchbaren Menschen erziehen. Ich habe die Ansprüche, die meine Eltern an mich stellten, dermaßen verinnerlicht, dass ich sie selbst heute an mich stelle.



Wo ich verletzbar bin

Wenn ich so, so oder so wäre, ja dann hätten sie mich lieb, war die Erkenntnis, die der kleine Bub einst hatte. Ich war enttäuscht von mir. Da ist es doch eigentlich kein Wunder, dass mir irgendwann die Depression „Hallo“ sagte, oder? Meine Verletzlichkeit liegt also begründet in  meinen uralten Glaubenssätzen. Überall dort, wo ich unwahre Gedanken über mich glaube, überall dort bin ich verletzbar. Und würde ich mich noch zehnmal mit einer Frau verbinden, ohne vorher meine Glaubenssätze in Frage zu stellen, würde ich zehnmal das Gleiche erleben. Vermutlich würde sich meine Verletzlichkeit nur noch erhöhen. Es sind Sätze wie: „Ich bin ein Lügner!“,  „Ich bin nicht zuverlässig!“ oder  „Ich mache das nicht richtig!“, „Ich strenge mich nicht genug an!“ oder „Ich kann das nicht!“, „Ich denke nur an mich!“: Es sind Sätze wie: „Ich bin unaufmerksam.“, „Ich bin nicht liebevoll.“ und viele andere mehr.

Klein machen

Es sind durchweg Sätze, die mich klein machen. Sätze, die zeigen, wie sehr ich mit mir selbst im Unreinen bin. Denn so will ich nicht sein! Ich will doch als liebevoll, aufmerksam, zuverlässig, strebsam, kraftvoll und was weiß ich nicht noch alles gelten. Ich will doch so, so und so sein! Das Problem ist nur: So bin ich nicht. Und nebenbei gesagt, gibt es solche Menschen in der realen Welt auch nicht. Menschen sind nicht nur gut. Alles strebt immer nach Ausgleich. Wo Stärke ist, ist auch Schwäche, wo Wahrheit ist, ist auch Lüge, wo Liebe ist, ist auch Bosheit… Solange ich aber mit mir selbst im Unreinen bin, werde ich wohl auch mit der Depression zu tun haben.



Die Angst entdeckt zu werden

Ich hatte meiner Frau gegenüber oft das Gefühl, bei irgendetwas von ihr ertappt worden zu sein, konnte es mir aber nicht erklären. Nur das Gefühl konnte ich beschreiben. Manchmal machte mir das richtig Angst. Ich hatte dann Angst vor ihrem Zorn. Heute weiß ich, wobei sie mich ertappte. Es war jedesmal dann, wenn sie wieder an irgendeiner von mir ausgelegten Strippe zog und sich mir einer dieser kleinmachenden Sätze aufdrängte. Dann jeweils war ihre Äußerung ein Beweis für einen meiner Glaubenssätze. Sie hatte mich ertappt! Dass ich so oder so bin, hatte sie erkennt, so wie ich aber selbst nicht sein will. Sie hatte freigelegt, was ich zu verbergen versuchte, weil ich selbst es an mir nicht mochte. Und ich hatte Angst, entdeckt, gleichsam bloßgestellt zu werden. Aber eigentlich war es immer die Angst vor dem Zorn meiner Eltern.

Niederdrückend

Wenn man sein ganzes Leben so unter Druck steht, ist es nicht verwunderlich, dass sich irgendwann die Depression einstellt. Aber all diese „Gemeinheiten“ fügte ich mir selbst zu. All diese klein machenden Sätze habe ich irgendwann selbst erdacht und glaube daran. Das ist das Wesentliche. Ich glaube an diese Sätze! Und so bin ich auch selbst für meine Verletzlichkeit und Empfindlichkeit verantwortlich. Würde ich mich selbst wirklich für liebevoll halten, dann wüsste ich das auch. Käme dann so ein Satz von meiner Frau, der mir Lieblosigkeit vorhielte, wüsste ich sofort, dass es sich hier nicht um einen Vorwurf handeln könne, sondern eine ungeschickt formulierte Bitte dahinter stecke und ich könnte sie in den Arm nehmen. Ich hingegen fühlte mich in so einem Fall stets angegriffen und reagierte – wie? Lieblos! Damit schließt sich der Kreis. Was ich von mir glaube, das bin ich am Ende auch.



Depression und Schutz vor Verletzlichkeit und Verletzung

Verletzungen füge ich mir also selbst zu. Und für meine Verletzlichkeit bin ich letztlich auch selbst verantwortlich. Das ist eine sehr befreiende Erkenntnis für mich gewesen. Meine Frau hat mich nicht verletzt. Das war ich selbst und zwar schon seit Urzeiten. Ich habe vieler solcher falschen Glaubenssätze in mir. Seit ich mit der Depression zu tun habe, denke ich viel über derlei Sachen nach und beschäftige mich damit. Die Depression ermöglicht mir so, einmal reinen Tisch zu machen – mit mir ins Reine zu kommen. Dabei geht es nicht darum, alle Ideale über Bord zu werfen. Ideale dürfen sein, aber sie müssen sich gut anfühlen. Die Basis muss sein: Ich mag mich. Ich bin mit mir zufrieden. Ich bin okay. Die Basis muss sein: So wie ich bin, darf ich sein.

Ich muss meinen Frieden mit mir machen. Ich muss mich selbst annehmen, den ganzen Benno mit seinen guten Seiten, aber auch mit seinen schwierigen, unbequemen, unattraktiven Seiten.

Es geht um ein Ja

Es geht um ein Ja, dass der kleine Benno in mir sich wünscht, aber nicht bekommen hat. Wenn meine Eltern seinerzeit dazu nicht in der Lage waren, wird es langsam Zeit, dass der erwachsene Benno dies heute tut. Verletzungen nützen niemanden. Sie bringen mich nicht weiter. Also höre ich doch endlich auf damit? Wie heißt es so schön? Man kann andere Menschen nicht ändern, man kann nur sich selbst ändern. Der hier beschriebene Zusammenhang ist wieder einmal ein unschlagbarer Beweis für diese Tatsache. Ich bin sehr dankbar für diese Erkenntnis und denke, ich bin wieder einen Schritt weiter gekommen auf meinem Weg aus der Depression. Und wer weiß, vielleicht bekomme ich ja nun meine Verletzlichkeit auch endlich in den Griff?

Quellen zu Verletzlichkeit und Depression
Foto: Glubbschauge / pixelio.de

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Verletzlichkeit und Verletzbarkeit bei Depression
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Depression, Verletzlichkeit und Verletzbarkeit hängen eng zusammen. Gerade in der Partnerschaft kommt es immer wieder zu Verletzungen.
Benno Blues
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