Ich mache dich glücklich

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Ich mache dich glücklich…

Vor 12 Jahren erhielt ich die Diagnose Depression F32.1. Viel Zeit ist seither vergangen. Ich hatte gute Tage und ich hatte schlechte Tage. Auch richtig gute und richtig schlechte Tage waren dabei. Ich erinnere mich noch sehr genau – damals sah ich keinen Ausweg und wollte aus dem Leben gehen. Es schien mir die beste Lösung für all meine Probleme, Probleme, von denen ich glaubte, sie sowieso nicht lösen zu können. Aber warum war das so? Wieso konnten die Probleme damals so groß werden und weshalb sah ich mich nicht in der Lage, eine Lösung zu etablieren?

Waren es wirklich meine Probleme?

Wenn der Partner unzufrieden ist mit seinem Leben, dann wirkt sich das natürlich auch auf die Beziehung aus. Es wäre ziemlich ignorant, zu glauben, die Probleme des Partners gingen einen selber nichts an. Genauso falsch scheint es mir aber auch, dem Glauben zu verfallen, man selbst müsse die Probleme des Partners lösen. Dann nämlich beginnt sich das Hamsterrad zu drehen. Man strampelt und strampelt, man macht und tut, man schaut und versucht und hat nur noch eines im Sinn – den Liebsten wieder glücklich zu sehen.



Kann man einen Menschen glücklich machen?

So verlockend diese Aussicht auch sein mag, basiert sie doch letztlich auf einem fatalen Irrtum. Man kann einen Menschen von außen nicht glücklich machen. Man kann überhaupt keinen Menschen glücklich machen. Glück kommt immer von innen heraus. Glück stellt sich ein, wenn die Bedürfnisse eines Menschen erfüllt sind. Immer dann wird das Belohnungszentrum im Gehirn aktiviert. Immer dann braut sich ein Cocktail aus Serotonin, Dopamin, Noradrenalin, Endorphin, Phenethylamin und Oxytocin und lässt uns Menschen diesen begehrten Zustand des Rundherum-Zufriedenseins fühlen.

Man kann es sich natürlich auf die Fahne schreiben und die Bedürfnisse des Partners immer nach bestem Wissen und Gewissen erfüllen. Man kann sich dessen Bedürfnisse zu eigen machen und auf diese Weise dafür sorgen, dass er glücklich werden kann. Doch Vorsicht – Bedürfnisse ändern sich, Bedürfnisse können nachlassen oder stärker werden. Und ein Bedürfnis, dass nicht ausreichend erfüllt ist, frustriert ebenso wie ein übererfülltes Bedürfnis. Es gibt für alles ein gutes Maß, aber das ist eben nicht immer gleich. Dem immer gerecht zu werden, ist eigentlich unmöglich und muss am Ende in dieselbe Frustration führen, in die der Partner auch gerät, weil ich seine Bedürfnisse nicht adäquat erfüllen kann.

Wo der Fokus liegen sollte

Was passiert eigentlich in der Zeit, in der ich die Bedürfnisse meines Partners fixiere, mit meinen eigenen Bedürfnissen? Kann ich die dann noch ausreichend wahrnehmen? Kann ich sie überhaupt noch wahrnehmen? Oder glaube ich, wenn es meinem Partner gut geht, dann geht es mir auch gut? Habe ich dann alles richtig gemacht? Bin ich dann ein guter Mensch?

Ich denke, für die eigenen Bedürfnisse ist jeder selbst verantwortlich. Natürlich hilft man sich und ist füreinander da, doch Vorsicht, wenn da zuviel Verantwortung übernommen wird. Neulich las ich irgendwo: “Hilfst du einem anderen Menschen wenig – hilfst du ihm viel. Hilfst du einem anderen Menschen viel – schadest du ihm.”

Es geht um Akzeptanz

So gern ich in einer Partnerschaft lebe, stoße ich genau an dieser Stelle immer wieder an meine Grenzen. Ich übernehme die Verantwortung für das Glück meiner Partnerin. Welch dreiste Selbstüberschätzung! Ich orientiere mich, so gut ich kann, an ihren Wünschen und Bedürfnissen und passe meinen Lebens- Tages- und Wochenplan, falls es den überhaupt gibt, an den ihrigen an. Nur wenn es absolut mit meinen Bedürfnissen kollidiert, gehe ich in den Widerstand.

Oder es ist so, dass ich irgendwann das Gefühl bekomme, zu oft nachgegeben zu haben und mich dann unbedingt behaupten muss, zum großen Unverständnis meines Gegenüber. Dann nämlich wird es erst richtig kompliziert. Dann mag sie denken: Wieso stellt er sich denn jetzt so an? Was ist denn mit dem jetzt los? Dann muss ich mich natürlich erklären, muss mich rechtfertigen, muss begründen, warum ich etwas will oder nicht will.

Das alles finde ich recht anstrengend. Eigentlich wünsche ich mir, dass es ausreichend ist, wenn ich sage, dass ich etwas will oder nicht will. Warum muss da eigentlich diskutiert werden? Ich tue das doch auch nicht. Okay, ich bin ja auch ein Mann und Männer unterscheiden sich in diesem Punkt von Frauen. Frauen müssen immer erstmal reden. Akzeptiere ich da etwa zu schnell und zu bereitwillig den Willen meines Gegenüber?

Naja, so einfach scheint es dann doch nicht zu sein, denn ich kann ja auch nicht immer einfach akzeptieren, was sie will, zumindest dann nicht, wenn ich etwas anderes im Kopf habe.

Ist der Fall also hoffnungslos?



Offene Kommunikation ist hilfreich

Vielleicht sollte ich es öfter bekannt geben, wenn ich eigentlich etwas anderes will und stillschweigend oder gar vorauseilend nachgebe. Woher soll sie denn wissen, dass es mich jedesmal etwas kostet? Vielleicht sollten wir öfter einmal ein guten Kompromiss aushandeln, anstatt dass einer nachgibt? Dann könnten wir womöglich beide halbwegs zufrieden sind, uns zumindest gesehen fühlen. Das mag nicht immer leicht sein, vielleicht auch manchmal unmöglich erscheinen, aber wenn es wirklich unmöglich ist, stimmt dann nicht grundlegend etwas mit der Beziehung nicht?

Darf es in einer guten Beziehung Dinge geben, die nicht verhandelbar sind? Ich bin der Meinung, dass es das nicht geben dürfte, aber ich erlebe mich, dass ich, wenn ich derlei Situationen erfahre und meine Wünsche nicht verhandelbar sind, ich im Gegenzug auch etwas brauche und mir erlaube, einen Punkt als unverhandelbar zu erklären, zumindest innerlich. Obwohl ich eigentlich immer nach einer guten Lösung für beide Seiten suche, werde ich dadurch zum Despoten.

Eigentlich dürfte es mich nicht wundern, dass mein Verhalten dann auf wenig Gegenliebe und Verständnis stößt. Und daran ist nicht etwa mein Gegenüber schuld. Nicht weil ich mich durch ihr Verhalten zu kurz gekommen fühle, muss ich jetzt so handeln. Ich muss so handeln, weil ich selbst nicht gut genug für mich gesorgt habe. Eine offenere Kommunikation könnte hier vielleicht Abhilfe schaffen.

Ein eigenes Leben haben

Was also könnte nun die Lösung meines Seelendilemmas sein? Ich könnte mich wieder mehr auf mein eigenes Leben konzentrieren und mir dies nicht nur in Abwesenheit meiner Partnerin erlauben, quasi die Lücken damit ausfüllen. Ich könnte meine Zeit in erster Linie so verplanen, wie es gut für mich ist.

Streckenweise gelingt mir das Leben mit der Depression schon richtig gut. Manchmal geht es mir sogar so gut, dass ich versucht bin, zu glauben, die Depression sei ganz verschwunden. Doch bislang habe ich derlei Momente noch immer bereut. Man soll sich eben nicht zu sicher fühlen! Der Preis ist jedesmal hoch, den ich für meine Leichtfertigkeit zahle. Ein Absturz scheint dann zwangsläufig folgen zu müssen. Und abstürzen kann ich wirklich richtig gut! Das kannst du mir glauben. Das habe ich gelernt in den vielen Jahren meiner Depression. Das läuft wie am Schnürchen. Der einzige Unterschied zu damals ist, dass ich auch gelernt habe, dass ich da wieder herauskommen kann. Zwar weiß ich anfangs noch immer nicht, wie das geschehen soll, aber die Erfahrung, dass es schon öfter geklappt hat, ist zumindest präsent und irgendwann öffnet sich dann auch wieder ein Türchen.



Besser auf sich achten

Mit etwas Abstand betrachtet hilft mir die Depression also, besser auf mich zu achten. Ich könnte sie als eine Art Ratgeber betrachten und ihr einen Platz auf meiner rechten Schulter anbieten. Wieso eigentlich nicht? Ich muss sie doch sowieso mit mir herum schleppen. Aber viel lieber stecke ich sie in einen Sack und binde ihn zu, ganz so als gäbe es sie gar nicht.

Ich las einmal, man solle den Tod als Ratgeber für sich und sein Leben nutzen. Vermutlich ist hiermit genau dasselbe gemeint. Das was wir nicht mögen, was aber dennoch da ist, was sich nicht wegmachen lässt, indem man es ignoriert – man sollte es für sich nutzen. Es hat seinen Sinn und seine Berechtigung im Leben.

Selbstauferlegte Abhängigkeit

Und wie geht es mir jetzt? Zugegeben, schon ein wenig besser. Ich bin der Situation nicht hilflos ausgeliefert. Zwar kann ich die Menschen um mich herum nicht ändern, aber ich kann etwas für mich tun. Nicht, dass ich die Menschen überhaupt verändern möchte, aber ich erwarte schon, dass sie sich in meinem Sinne verhalten. Das macht micht von ihnen abhängig – eine selbstauferlegte Abhängigkeit, die mich schon des Öfteren teuer zu stehen kam.

Wie wäre es also, wenn ich in Zukunft all das, was ich von anderen erwarte, mir auf dem kurzen Weg einfach selbst verschaffe…?

Quellen zu “Ich mache dich glücklich”

Foto: pixabay.com

Ich mache dich glücklich

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