Was hat das Fühlen mit dem Erinnern zu tun?

Erinnern und Fühlen

Das Erinnern beeinflusst das Fühlen oft mehr als die Realität

Was das Fühlen mit dem Erinnern zu tun? Womöglich mehr, als uns dies auf den ersten Blick eingängig erscheinen mag. Manche Gefühle in uns sind schon sehr alt und kommen immer wieder empor, auch an Stellen, wo sie eigentlich nicht hingehören. Alte Gefühle immer wieder neu zu erleben, bedeutet in der Vergangenheit verhaftet, von ihr in Haft genommen zu sein. Alte Gefühle können so zum Gefängnis werden, aus dem heraus ein Leben in Freiheit unmöglich wird. Wie kommt es eigentlich dazu, dass wir uns immer wieder derart in alten Mustern verstricken? 


Das Erinnern

Jede neue Situation, die wir erleben, wird von uns bewertet. Wir suchen unbewusst nach Parallelen in unserem Leben und versuchen die Situation einem bereits bekannten Kontext zuordnen zu können. Wir erinnern uns. So funktioniert das menschliche Gehirn nun einmal. Es sucht immer nach Bekanntem, nach Erfahrungen und knüpft an diese an. Je öfter wir ein bestimmtes Gefühl erlebt haben, umso leichter können wir an ähnliche Situationen anknüpfen und zu ähnlichen Gefühlen kommen. Manchmal funktioniert dieser Automatismus so autark, dass er mit dem, was gerade geschieht nicht wirklich mehr viel zu tun hat. Er ordnet Bekanntem zu. Das bleibt ein ganzes Leben so und erklärt womöglich, weshalb wir vielleicht eher traurig und unzufrieden oder zufrieden sind.

Das Gehirn will schnell sein

Und noch ein weiterer Punkt ist von Bedeutung. Unser Gehirn will effizient, will schnell sein. In Gefahrensituationen kann es einen evolutionären Vorteil bedeuten, schnell zu sein. Je öfter wir Situationen als gefährlich beurteilten, werden wir es deshalb wieder tun. Die Angst wird zu einem vorherrschenden Gefühl, zu einem Grundgefühl. Für andere Gefühle trifft dies ebenso zu. Was wir oft gefühlt haben, stellt sich leichter ein: Traurigkeit, das Gefühl, nicht dazu zu gehören, das Gefühl, nicht gut genug zu sein, das Gefühl, nicht geliebt zu werden, Ohnmacht und andere.

Dem Wesen nach Liebe

Das ist aber nicht unser Wesen. Dem Wesen nach sind wir aus Liebe gemacht. Unser Wesen konnte sich jedoch nicht entfalten, weil wir als Kind die dazu nötige schützende Umgebung nicht hatten. So könnte man den Eindruck gewinnen, dass wir dem Wesen nach eher schwermütig, ängstlich, traurig, hoffnungslos oder antriebslos sind. Das aber sind wir mitnichten. Das glauben wir nur von uns. Das ist ein Automatismus, den wir erlernt haben. Ebenso wie dem Pawlowschen Hund der Speichel fließt, allein wenn die Futterglocke schellt, so stellen sich auch bei uns bestimmte Gefühle ein, weil unser Gehirn Parallelen erkennt. Das Futter ist gar nicht mehr nötig.



 

Mangel und Zufriedenheit

Nichts bestimmt mein tägliches Erleben so sehr wie meine Gedanken und meine Gefühle dies tun. Eigentlich kann ich dieses Statement sogar noch weiter ein- und einzig auf meine Gefühle beschränken. Denn letztlich sind sie es, die darüber entscheiden, ob ich einen guten Tag habe oder ob mir etwas fehlt. Meine Gefühle zeigen mir an, ob ich in der Fülle oder im Mangel lebe. Wenn mir etwas fehlt im Leben, dann machen meine Gefühle mir dies immer wieder deutlich. Es ist diese Art Gefühle, die wir nicht so gern haben wollen. Wir nennen sie „negative Gefühle“ und wollen in der Regel, dass sie sofort wieder verschwinden. Das liegt in der Natur der Dinge und ist auch gut so, denke ich, denn sie dienen ja dem Zweck, den Mangel zu beseitigen.

Also bleiben sie bestehen, solange ein Mangel besteht. Konnten wir für die Erfüllung des Bedürfnisses sorgen, lösen sich diese negativen Gefühle ganz von allein in Wohlgefallen auf. Ein positives Gefühl stellt sich ein. Zufriedenheit macht sich breit. Zufriedenheit ist die Rückmeldung meines Körpers, dass es mir gerade an nichts fehlt. Ach, wie liebe ich diesen Zustand! Ich denke, wir alle tun dies und du weißt in diesem Augenblick genau, wovon hier die Rede ist.

 

Das Gefühl als Botschaft

Manchmal ist es aber so, dass wir uns dermaßen auf das Verschwinden negativer Emotionen konzentrieren, so dass es uns gar nicht mehr möglich ist, die eigentliche Botschaft zu entschlüsseln, die gerade übermittelt wird. Wir haben da so unsere Praktiken entwickelt, die wir mehr oder minder erfolgreich anwenden: Ablenken, Unterdrücken, uns das Recht für dieses Gefühl absprechen, Verurteilen, Bestrafen, Fliehen, Betäuben…

Im Laufe unseres Lebens haben wir eine Unmenge Gefühle gefühlt. Je nach Lebensumständen kommen die einen Gefühle mehr, die anderen weniger vor. Das hat ganz viel mit den ersten Lebensjahren zu tun. In dieser Zeit sind unsere Gehirnstrukturen besonders plastisch und aufnahmefähig. Alles was mit uns und um uns herum passiert, saugt es begierig ein und macht sich so ein Bild von der Welt, von uns selbst und unserm Leben. Wohl gemerkt, es macht sich ein Bild.

Gefühle, die wir öfter fühlen, stuft es als wichtiger, als bedeutsamer ein und das sind sie dann ja wohl auch tatsächlich. So kommt es im Laufe unserer Entwicklung dazu, dass wir es mit bestimmten Gefühlen schwerer, mit anderen leichter haben. Zu manchen Gefühlen finden wir also nur schwer Zugang, zu anderen wiederum scheint die Türe weit offen zu stehen.



 

Fühlen in einer schnellen Zeit

Wir leben in einer schnellen Zeit. Viele von uns haben bereits Mühe, dem wachsenden Tempo standzuhalten. Die, die es schaffen, schaffen es irgendwie. Diejenigen, die es nicht so gut schaffen, werden an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Das klingt zunächst diskriminierend. Ich glaube aber mehr und mehr, dass diese Randplätze, die besseren sind. Irgendwann werden sie wegweisend sein. Diese Plätze sind wie ein Stück altes menschliches Erbgut, das es zu erhalten gilt, an das wir uns erinnern müssen, denn vieles von dem das die menschliche Gesellschaft unter eigenem Lobpreis hervor gebracht hat, ist alles andere als menschlich und bedarf der Korrektur. Ein Blick auf die Welt macht dies immer wieder nur allzu deutlich.

In der Schnelllebigkeit werden wir immer wieder zu Schnelligkeit getrieben. Wir haben keine Zeit. Uns fehlt die Zeit, hinzusehen, hinzufühlen, nachzudenken und zu bewerten Es fehlt uns die Zeit, wahrzunehmen (wahr-zu-nehmen). Wir vertrauen einem Gefühl, das sich in Windeseile einstellt. Das ist aber nicht dasselbe, wie zu fühlen. Fühlen ist ein aktiver Prozess. Es bedeutet Gegenwart. Fühlen ist keine abrufbare Erinnerung. Aber oftmals nehmen wir diesen Unterschied gar nicht mehr war und reden von unserem Gefühl. Im Buddhismus gibt es ein eigenes Wort für das bewusste Wahrnehmen – Achtsamkeit.

Innehalten

Bei der Achtsamkeit geht es darum, sich aus der Vergangenheit ebenso herauszulösen wie aus bestehenden Zukunftsängsten, die im Grunde auch nur aus der Vergangenheit resultieren. Bei der Achtsamkeit geht es also nicht um das Erinnern. Es geht darum, in die Gegenwart zu kommen, zu spüren, zu fühlen, wahrzunehmen, abseits bestehender Muster und Strukturen, unbefangen, unvoreingenommen, unverstellt und unverfälscht. Wenn wir in so einen Zustand gelangen, dann begegnen wir uns selbst. Wenn wir oft in so einen Zustand gelangen, lernen wir uns kennen, kommen wir uns näher, werden wir uns unseres Selbst bewusst. Depressive Menschen gelten als nicht sonderlich selbstbewusst und möglicherweise hat dies hierin sein Ursprung.



 

Achtsamkeit üben

Achtsamkeit kann man üben. Es erfordert Zeit und Bereitschaft, das Fühlen wieder zuzulassen. Es erfordert ganz sicher auch ein gewisses Maß an Disziplin, aber es nicht so schwer, wie wir glauben. Wenn wir uns einlassen können auf uns selbst und wenn dies anfangs auch nur kurz gelingen mag, stellt sich etwas ganz wunderbares ein. Plötzlich fühlst du dich getragen vom Leben. Es stellt sich Zufriedenheit ein und die Erkenntnis, dass du wohl viel zu sehr den falschen Göttern nachgelaufen bist.

Gefühl oder Fühlen – Erinnern oder der Gegenwart Raum lassen – hier gibt es einen Unterschied, der dein Leben verändern kann…

Quellen zu „Fühlen oder Erinnern“
Foto: pixabay.com

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