Entscheidungen sind jetzt nicht dran

Entscheidungen und Depression

Manchmal muss man zu ungünstigen Zeitpunkten entscheiden, wohin die Reise gehen soll.

Keine Entscheidungen während einer Psychotherapie! Ein Grundsatz, der allgemein Anerkennung findet. Aber ist das auch wirklich so oder drücken sich die Profis hier nur vor ihrer Verantwortung? Ist es nicht vielmehr so, dass die Lebensumstände depressiver Menschen sie zu dem gemacht haben, was sie sind? Wie anders sollen sie dem entkommen, wenn sie hier nicht endlich einmal ein paar grundlegende Entscheidungen für sich treffen und auf diese Weise beginnen, wieder Verantwortung für das eigenen Leben zu übernehmen?


Depression – Keine Entscheidungen während der Psychotherapie

Heute habe ich mir einmal Gedanken über den Zusammenhang von Depression und Entscheidungen gemacht. Ein wichtiger Grundsatz in der Psychotherapie lautet nämlich: Triff keine großen Entscheidungen während einer Krise! Damit soll verhindert werden, dass der unter Depressionen leidende Patient zu Entschlüssen kommt, die seine Situation eventuell sogar noch verschlimmern. Im Grunde finde ich das auch richtig so, weil die ohnehin schon eingeschränkte Wahrnehmungsfähigkeit eines Depressiven in einer emotionalen Krise noch weiter zusammenschrumpft und er oftmals wirklich nicht in der Lage ist, eine gute Entscheidung für sich zu treffen. Aber ist er deswegen zu Entscheidungen unfähig?

 

Eingeschränkte Wahrnehmung

Er ist dann nicht mehr in der Lage, ein Ereignis umfassend zu bewerten. Die Fachleute nennen das den Tunnelblick. Vielmehr fokussiert sich der Depressive auf einen negativen Aspekt und steigert sich in die dazu gehörenden depressiven Gefühle und Gedanken hinein. Eine sogenannte Gefühlsspirale entsteht, aus der es scheinbar kein Entkommen gibt. Nicht selten trifft der Patient in seiner Hilflosigkeit dann krasse Entscheidungen, in der Hoffnung dadurch dieses Gefühlschaos beenden zu können.

Ich selbst verspüre in solchen Situationen auch den Drang, etwas sofort zu beenden. So sprach ich mich damals, nach über 20 Jahren Ehe, für die Scheidung aus. Dies tat ich nicht, weil ich mir dies in aller Ruhe überlegt hätte, sondern weil ich sehr verletzt war durch das, was meine damalige Frau derzeit tat. Zudem sah ich keinen anderen Ausweg aus meiner Situation. Darüber hinaus war ich einfach erschöpft von den vielen Auseinandersetzungen, Lügen und falschen Versprechungen. Das ständige Auf und Ab der Gefühle zermürbte mich restlos und ließ mich immer mehr zu Boden gehen. Da mussten aus meiner Sicht einfach Entscheidungen getroffen werden. Gewollt hätte ich das allerdings nicht.

 

Depressionen erfordern Entscheidungen

Ich habe sehr lange mit mir und dieser Entscheidung gekämpft. Ich habe, wie es dieses Wort beschreibt, tatsächlich gegen mich selbst gekämpft. Denn tief in mir wusste ich schon etwa ein Jahr lang, dass es vorbei war. Aber ich konnte nicht loslassen, wollte meine Familie nicht verlieren. Und so kam es, dass sich meine Depressionen manifestierten. Ich machte weiter so gut ich konnte und ging auch wieder stundenweise arbeiten nach meiner über vier Monate andauernden krankheitsbedingten Pause. Ich wollte einfach keine Entscheidungen treffen und war bestärkt durch den Grundsatz, dies in depressiven Phasen auch nicht tun zu dürfen.

Doch manchmal ist es so im Leben, dass man nicht weitergehen kann, ohne einen Entschluss zu fassen. Hätte ich das Band nicht irgendwann durchtrennt, würde ich vielleicht noch heute auf der Stelle und im Kreis gehen. Ich hätte meine Krise vermutlich nie bewältigen können, weil sie immer wieder neu genährt worden wäre. Aus heutiger Sicht bin ich froh, diesen Grundsatz, keine Entscheidungen während der Therapie zu treffen, verletzt zu haben, denn so habe ich Abstand gewinnen können, konnte mich besinnen und neu orientieren.

 

Entscheidungen heilsam bei Depressionen

Ich habe heute wieder ein Leben und eine Zukunft. Und das verdanke ich insbesondere auch jener Entscheidung. Zwar ist es nur ein kleines Leben unter den Möglichkeiten der Depression und eine kleine Perspektive, aber es ist ein kostbares Pflänzchen für mich, das ich hegen und pflegen werde, auf das es sich entwickeln möge. Manchmal ist es einfach nötig, Entscheidungen zu treffen und manchmal muss es auch eine weitreichende sein. Ich möchte alle, die es betrifft, ermutigen zu solchen Entscheidungen!

Du wirst sehen, dass sich die Hoffnungslosigkeit deines Lebens schon bald in eine Perspektive wandeln wird. Einen Rat von einem Freund oder anderen nahe stehenden Menschen solltest du dir bei solchen Entscheidungen allerdings nicht einholen. Die können es meist nicht ertragen, dass eine Trennung auf der Speisekarte steht und raten davon ab.

Wie du dich entscheidest, sollte einzig und allein von dem bestimmt werden, was du findest wenn du tief in dich hinein horchst. Tu, was für dich selbst jetzt gut ist und vertraue deinem Gefühl! Probleme wird es immer geben im Leben. Aber wenn ich Entscheidungen vermeide, weil ich Probleme befürchte, werde ich mit Sicherheit welche bekommen, nur eben andere und vermutlich sogar noch schlimmere. Und spätestens dann muss ich sie ja doch treffen, die Entscheidungen…


Quellen zu Gefühlschaos Hilflosigkeit und Entscheidungen
Foto: Jakob Ehrhardt / pixelio.de

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Anonym

Eine stationäre Therapie vielleicht.

Anonym

Vor Jahren, als ich finanziell besser dastand, hatte ich mal eine private Kurzbehandlung. Heute ist es schwieriger.

Anonym

Danke Benno. Bei der privaten Behandlung ist halt das Problem, dass meine Finanzen ohnehin schon knapp sind, und ich mir die Behandlung deshalb nicht leisten kann.

Anonym

Du hast viel mitgemacht. Aber ich denke, dass du in all den geschilderten Lagen sinnvoll gehandelt hast. Mein Fehlschritt hingegen scheint ebenso sinnlos wie selbstzerstörerisch. Insbesondere er auch nicht nur mich, sondern auch meine "Familie" (Kinder und Ex-Frau) betrifft. Betreffs deinem Vorschlag: Es scheint mir halt problematisch in Verbindung mit… Weiterlesen »

Anonym

Lieber Benno, danke für deine ausführliche Antwort. Was war der Grund für deine Depression?

Anonym

Und meiner Familie (Kindern und Ex-Frau) geht es auch schlecht. Es ist einfach nur schrecklich.

Hopeless

Es faellt mir schwer, so zu denken. Ich bin jeden Tag, vor allem morgens, ganz nahe daran, fuer immer aufzugeben.

Hopeless

Danke für die Info. Vorab so viel: Es fällt mir schwer, die Konsequenzen meines Fehltritts zu akzeptieren. Immer wieder stelle ich mir vor, ich hätte anders entschieden. Dann geht es mir gut. Dann kehre ich zurück in die Wirklichkeit, und alles ist so schrecklich und kaum auszuhalten.

Benno Blues

Es freut mich, zu lesen, dass es bereits eine kleine positive Entwicklung gab. Theoretisch können wir natürlich auch per Email in einen Dialog treten, wenn du dein Einverständnis erklärst, dass ich unseren Dialog hier im Blog veröffentlichen darf. Möchtest du deine Privatsphäre jedoch zu 100% schützen, kann ich nur auf… Weiterlesen »

Hopeless

Gerne können wir es uns anschauen. Inzwischen habe ich eine neue Stelle gefunden, die mir besser liegt, die näher bei meinen Kindern ist und die finanzielle Lade minimal entspannt. Dennoch ist alles immer noch sehr schwierig und ich sehr deprimiert. Allerdings würde ich auf Details lieber per Email eingehen, wenn… Weiterlesen »

Anonym

Späte Antwort an Benno Blues (Beitrag vom 04.05.18, 10:21). Umentscheiden geht nicht immer. In meinem Fall kann ich nur versuchen, die Entscheidung in kleinen Teilen rückgängig zu machen. In großen Teilen ist sie jedoch irreversibel, und das ist kaum auszuhalten, ich möchte nur noch aufgeben.

Anonym

Hört sich für mich so an, als ob die Ehefrau Schuld an der Depression war. Jetzt ist man sie los, und alles wird gut. Ich hätte jetzt nicht gedacht, daß es so einfach ist, aber scheint es für manche zu sein. Wünsche Ihnen alles Gute, noch viel mehr aber ihrer… Weiterlesen »

Anonym

Hallo Benno,danke für deine Antwort. Ja-es ist schlimm in der Luft zu hängen und einfach "verloren" zu haben. Eine Beziehung ist leider keine Autobahn-aber das ganze Leben läuft oft leider nicht rund. Wir haben ein tolles Leben und sind eigentlich auf die Sonnenseite gefallen-so dachte ich es. Ich dachte, wir… Weiterlesen »

Anonym

Hallo Benno,vielen Dank für deine aufbauenden Worte. Es tut gut, wenn jemand da ist, der dir erklärt, wie sich jemand mit Depressionen fühlt. Es gibt da diese andere Person, mit der sie keine Beziehung hat, aber die ihr GUT TUT und auch was am laufen ist …:-(. Das tut unendlich… Weiterlesen »

Anonym

Hallo an alle hier!Ich war 7 Jahre in einer richtig tollen Beziehung. Meine Freundin hatte schon längere Zeit "Energie-Probleme"(1 Jahr).Sie meinte "ICH BIN ES FÜR SIE und SIE SEI ANGEKOMMEN IM LEBEN. Dann hat sie nur mehr geweint und nun hat sie sich von mir getrennt und meinte, ich wär… Weiterlesen »

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Dritter Nachtrag: Insofern (siehe zweiter Nachtrag) ist meiner Erfahrung nach das Motto "Entscheidungen heilsam bei Depressionen" im allgemeinen falsch. Mein Hauptfehler war, nach Finden von Option A nicht die Suche einzustellen, sondern ueberhaupt weiterzusuchen, weil ich an der Option, sobald sie gesichert war, nur das Negative sah. Ich haette sie… Weiterlesen »

Anonym

Zweiter Nachtrag: Immerhin troestet das Wissen um das Phaenomen des Tunnelblicks, insofern naemlich, als dass es ein wenig das Schuldgefuehl lindert. Trotzdem… jeder sagt, man muss nach vorne schauen, doch das ist schwierig, wenn man das Gefuehl hat, ein brilliantes Leben weggeworfen zu haben, und gegen ein Leben voller Schwierigkeiten… Weiterlesen »

Anonym

Ein Nachtrag zu meinem Betrag betreffs der beruflichen Fehlentscheidung, in Form eines Kommentars zu dem Ratschlag "Tu, was für dich selbst jetzt gut ist und vertraue deinem Gefühl!" Was, wenn das Gefuehl nicht stabil ist? Wenn man eine Option A hat, nicht damit zufrieden ist (obwohl sie objektiv gesehen ein… Weiterlesen »

Anonym

Ich habe (aufgrund des Tunnelblicks) waehrend (oder kurz nach einer) Krise eine berufliche Fehlentscheidung getroffen, die einige Leute vor den Kopf gestossen hat und sowohl in privater Hinsicht (Verlust der geographischen Naehe zu meinen Kindern) als auch finanzieller als auch fachlicher Hinsicht voellig daneben war und mein ganzes Leben vermurkst… Weiterlesen »

Stephan

Ich wollte wissen, wenn jemand an Depressionen leidet,
Ist er/sie in sachen gefühle (liebe etc) unendachlossener?!?
Würde mich interessieren……

Anonym

Nochmal ich. Ich wüsste ja gar nicht wo ich hin wollte. Ich meine derzeit sogar. Meine Kinder nicht mehr zu wollen. Also handle ich doch besser nach dem Grundsatz. Denn meine Kinder waren bisher immer das Wichtigste für mich.

Anonym

Bei mir gibt es weder Lügen, noch sonstiges. Ich war mir bis zum Beginn meiner Depression ganz sicher, was ich wollte, meinen Mann, meine Kinder alles. Und seit der Depression möchte ich nur noch allein sein, auch meine Freunde nicht mehr. Nur allein. Da handle ich wohl doch besser nach… Weiterlesen »