Enttäuschung und Selbsttäuschung

Enttäuschung und Depression

Ich bin so enttäuscht…

Das Leben ist voller Täuschungen und Enttäuschungen. Jeder Mensch weiß das. Aber nicht jeder kann gleich gut mit einer Enttäuschung umgehen. Enttäuschungen hindern uns immer wieder daran, glücklich zu sein. „Das Leben könnte so schön sein!“, heißt es. Ja das könnte es, würden wir nicht immer wieder enttäuscht werden…


 

Warum gibt es Enttäsuchung?

Schon als kleine Kinder enttäuschen wir unsere Eltern. Hatten die Eltern doch Großes mit ihren Kindern vor und nun tun sich ihre Sprösslinge so schwer in der Schule! Aber auch Kinder sind enttäuscht von ihren Eltern. Ihre Freunde dürfen schon zur Disco gehen, sie selbst aber noch nicht. Warum sind ihre Eltern nur so uncool? Andere haben das neueste Handy oder sogar ein IPad! Lehrer sind enttäuscht von den schriftlichen Leistungen ihrer Schüler. Chefs sind enttäuscht von der Einsatzbereitschaft ihrer Mitarbeiter, Mitarbeiter von den Tarifverhandlungen ihrer Gewerkschaft. Prozessgegner sind enttäuscht von der mangelnden Initiative ihrer Anwälte und vom Urteil des vorsitzenden Richters. Christen sind enttäuscht vom Verhalten ihres Bischofs, Bürger sind enttäuscht von der Politik ihrer Regierung und ganze Regierungen sind enttäuscht, weil sie vom amerikanischen Geheimdienst NSA abgehört wurden.

Die Welt und das Leben ist voller Enttäuschungen. „Gäbe es keine Enttäuschungen, ja dann könnte ich womöglich glücklich und in Frieden leben!“ Oder etwa nicht?



Enttäuschungen gehören zum Leben

Man könnte fast glauben, dass die Enttäuschung der Buhmann der Menschheit schlechthin ist. Was auch passiert, sie kann ihrem schlechten Ruf kaum entkommen. Immer wieder frischt sie ihr unangenehmes Image auf. Immer wieder lehrt sie uns, dass man niemandem wirklich trauen kann. Sie mahnt uns zur Vorsicht, zum Misstrauen. Und wenngleich jeder von uns hunderte oder tausende persönliche Enttäuschungen erlebt hat, sehen wir uns doch nicht in Lage, etwas daran zu ändern. Wir wissen: Es wird wieder passieren. Und wir werden wieder enttäuscht sein. Die Enttäuschung gehört offenbar ebenso zum Leben dazu wie die Hoffnung.

Was ist eine Enttäuschung?

Das Wort Enttäuschung selbst lässt eigentlich keine negative Deutung zu. Eine Ent-Täuschung beendet nur den Zustand der Täuschung. Sie beendet etwas, was wir im Grunde genommen noch viel weniger haben wollen, als die Enttäuschung selbst, nämlich getäuscht zu werden. Nachdem wir ent-täuscht wurden, liegt die Wahrheit nun auf dem Tisch. Nun ist der Sachverhalt offensichtlich und klar. Eigentlich ist das doch gut, oder? Eigentlich ja und nicht nur eigentlich, gäbe es da nicht auch die Möglichkeit der Selbsttäuschung. Ich behaupte einmal, dass es im wesentlichen die Selbsttäuschung ist, die den schlechten Ruf der Enttäuschung zu verantworten hat. Viel zu gern machen wir uns etwas vor, lassen uns leiten von Hoffnungen, von Wünschen und Phantasien. Manches wollen wir einfach nicht sehen, nicht hören, nicht wissen…

Wir blenden für uns unangenehme Tatsachen oder Gefühle einfach aus, drücken sie weg, tun so, als gäbe es sie nicht. Wir Menschen sind geradezu Meister der Verdrängung. Je mehr wir dies tun, umso häufiger werden wir enttäuscht, und je intensiver wir verdrängen, umso heftiger fällt die Enttäuschung aus. Die Botschaft der Enttäuschung ist: „Sieh hin! Nimm wahr, was wahr ist!“ Nur aufgrund der Wahrheit können wir ein glückliches Leben führen. Wahrheit und Liebe sind sie Grundfesten des Glücks. Solange wir nicht hinsehen wollen, nähren wir die Enttäuschung.



Enttäuschung und Erwartung

„Fordere viel von dir selbst und erwarte wenig von den anderen. So kann dir Ärger erspart bleiben.“ Konfuzius

Worauf Konfuzius hier anspielt, ist unser eigener Anteil an den Enttäuschungen. Enttäuschungen haben immer auch etwas mit Erwartungen zu tun. Solange unsere Erwartungen erfüllt oder gar übertroffen werden, fühlen wir uns auch nicht enttäuscht. Nun haben wir es oft nicht in der Hand, wie andere Menschen sich verhalten werden, deshalb erwarten wir ja auch. Auf eines jedoch haben wir maßgeblichen Einfluss – auf unsere Erwartung selbst. Jedesmal wenn unsere Erwartungen enttäuscht wurden, lagen wir mit ihnen einfach daneben. Unsere Erwartung war schlicht und ergreifend falsch und das Leben hat uns nun eine Lektion erteilt.

Realistische Erwartungen

Wenn es uns gelingt, unsere Erwartungen realistischer zu gestalten, dann werden wir auch weniger häufig enttäuscht werden, denke ich. Wenn wir uns mit unseren Erwartungen näher an den Menschen orientieren, von denen wir etwas erwarten und uns weniger von unseren Wünschen und Hoffnungen leiten lassen, dann werden unsere Erwartungen auch öfter erfüllt werden. Zumindest werden unsere Erwartungen so eher erfüllt werden. Wenn wir dann auch noch tolerant sein können in der Bewertung des erreichten Ergebnisses, dann werden unsere Erwartungen noch einmal weniger oft enttäuscht werden. Unsere Erwartungen sind der Schlüssel zur Zufriedenheit und nicht das erwartete Verhalten Anderer.

Wir schieben unsere Enttäuschung zwar gern anderen zu, aber im Grunde genommen, tragen wir selbst dafür die Verantwortung. Darin verbirgt sich ein ungeheure Macht. Die Verantwortung zu übernehmen für die eigene Enttäuschung und sich der Mechanismen der eigenen Psyche bewusst zu werden, ist ein erster wichtiger Schritt auf dem Weg zu einem rundherum glücklichen Leben. Soweit wie Konfuzius würde ich vielleicht nicht gehen, denn generell nichts von Anderen zu erwarten, würde auch bedeuten, dass ich ihnen nicht viel zutraue. Erwartungen werden wohl immer zu unserem Leben dazu gehören, denke ich, die Kunst hierbei wird sein, sie an der Realität und nicht an unserem Träumen zu messen.



Erwartungen an mich selbst

Und noch einen weiteren Aspekt möchte ich dem Thema Enttäuschung hinzufügen. Nicht immer sind es andere Menschen, die uns enttäuschen. Nicht immer sind es andere, die unsere Erwartungen, seien sie nun realistisch oder eher unrealistisch, nicht erfüllen. Ganz oft stellen wir zu hohe Erwartungen an uns selbst, verlangen zu viel von uns. Manch einer opfert sich regelrecht auf, für die Kinder, den Partner, zu pflegende Eltern, für Freunde, Kollegen, die Nachbarn, den Bürgermeister, den Papst…

Das Helfersyndrom

Manche Menschen wurden darauf getrimmt, für andere da zu sein. Sie empfinden sich nur dann als in Ordnung, wenn sie andere Menschen an die erste Stelle in ihrem Leben setzen können. Helfer-Gen oder Helfer-Syndrom nennen Sie das selbst. Sie tun alles dafür, dass es anderen Menschen gut gehen kann, nur sich selbst vergessen sie dabei. Ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse stellen sie hinten an. Wichtig sind zunächst immer die Anderen. Und so edel das aussehen mag, diese Menschen tun nichts Gutes! Sie missachten sich selbst. Oftmals nehmen sie sich selbst nicht einmal mehr wahr. Diese Menschen können nicht glücklich werden. Es wird der Tag kommen, an dem sie zusammen brechen. Irgendwann kommt der Tag, an dem sie so sehr vom Leben enttäuscht sind, dass sie jegliche Lebensfreude verlieren.

Für sich selbst sorgen

Wenn ich mich selbst und meine Bedürfnisse verleugne, muss ich einfach vom Leben enttäuscht werden. Nur wem es gelingt, für sich zu sorgen, der hat genug Kraft, auch für andere da zu sein. Zumeist sind es nicht einmal unsere ureigensten Bedürfnisse selbst, die zu diesen überhöhten Erwartungen führen. Es sind die Erwartungen unserer Eltern und anderer Personen, die während unserer Kindheit maßgeblichen Einfluss auf uns hatten. Es sind Erwartungen von außen an uns, die wir übernommen, zu unseren eigenen gemacht haben. Das kann nur in den seltensten Fällen gelingen. Entweder unterforderst du dich so, oder was noch viel öfter passiert, du überforderst dich ständig. Wir alle kennen mittelbar oder unmittelbar die Folgen ständiger Überforderung – der Burnout lässt grüßen!

Auch hier ist es wichtig zu realistischen Erwartungen zu kommen. Orientiere deine Erwartungen an deinen Möglichkeiten und sie werden nicht mehr enttäuscht werden – DU wirst nicht mehr enttäuscht werden. Du wirst zu mehr Selbstbewusstsein finden und zu mehr Selbstzufriedenheit und mit mehr Selbstzufriedenheit bist du einem glücklicheren Leben schon einen bedeutenden Schritt näher gekommen.



Beziehungen und Enttäuschung

Wie ich eingangs schon erwähnte, kann ich mit Enttäuschungen im allgemeinen recht gut umgehen. Jetzt kommt aber eine entscheidende Einschränkung: Enttäuschungen, die sachlicher Natur sind, wie zum Beispiel die Enttäuschung darüber, dass der Urlaub nicht so sonnig war, wie erwartet, oder das erwartete Päckchen heute wieder nicht ankam, sind von mir normal kompensierbar. Enttäuschungen aber, die mit Personen verbunden sind, Enttäuschungen also, die ich persönlich nehme, die werfen mich immer wieder aus dem Gleis.

Folgegefühle

Dabei ist nicht so sehr das Gefühl der Enttäuschung, das mir zu schaffen macht, als vielmehr die Folgegefühle, die sich raptusartig einstellen: Wut, Wut, Wut … und manchmal sogar bis hin zur Verachtung. Die Wut wird so groß, dass ich mich nicht in der Lage sehe, mit ihr umzugehen. Ich kann sie weder dosiert noch frei ausagieren. Also unterdrücke ich sie komplett, werde zum Dampfkessel, dem jeden Moment das Sicherheitsventil weg zu fliegen droht. Das ist kein schönes Gefühl, das kannst du mir glauben. Hinzu kommt dann noch das Gefühl der Ohnmacht, das Gefühl nämlich, nichts gegen das ursprüngliche Gefühl tun zu können. Und von der Ohnmacht ist es dann nur noch ein winziger Schritt zurück in die Depression.

So geschieht es regelmäßig, dass für mich an und für sich kleine Anlässe genügen, meine Stimmung ins Abseits kippen zu lassen. Die Gefühle sind zwar richtig an dieser Stelle, nur die Intensität ist zu groß. Sie ist so groß, dass sie mich in dem Moment komplett überfordert. Nicht ein Zuwenig an Gefühlen, wie landläufig angenommen, bedeutet für mich Depression, sondern ein Zuviel! Ich weiß nicht, was biochemisch alles in so einem Augenblick passiert, aber eines scheint mir sicher: Ich bin dann so voll gepumpt mit Adrenalin, dass es lange dauert, bis ich wieder herunter kommen kann.



Enttäuschung kann man lernen

Wie kommt es zu so einer heftigen Reaktion? Ich denke, für mich persönlich die Antwort zu kennen. Enttäuschung bedeutet ja in diesem Fall, von Menschen enttäuscht zu sein, die sich anders, als von mir erwartet oder erhofft, verhalten. Dabei ist die Enttäuschung umso größer, je näher mir der betreffende Mensch steht, je höher meine Erwartungen sind und umso wichtiger das erhoffte Verhalten für mich ist. Es gab einmal eine Zeit in meinem Leben, da wurde ich massiv von Menschen enttäuscht, die Zeit nämlich, als ich in der DDR von der Stasi verfolgt wurde. Während dieser Zeit wandten sich viele Menschen von mir ab, bis hin zu meinem Vater (übrigens eine der schmerzlichsten Erfahrungen in meinem Leben).

Es waren Verwandte, Freunde, Kollegen, Bekannte, Nachbarn, Mitglieder der Kirchengemeinde – kurzum, das volle soziale Spektrum! Wobei ich von den Menschen, die mir am nächsten standen, auch am meisten enttäuscht war. In diesem Fall brachte mir die Ent-Täuschung jedoch keinen Gewinn. Was sollte es mir auch von Nutzen sein, zu realisieren, dass man sich auf niemanden mehr verlassen kann? Irgendwie habe ich das Ganze aber doch verinnerlicht und es prägte fortan maßgeblich mein Verhältnis zu anderen Menschen. Eine Entwicklung, die mir heute noch schadet. Eine Folge, unter der ich heute noch leide, viele Jahre danach.

Verständnis statt Frustration

Wenn ich nun also darüber nachdenke, wie ich dieses Muster der Überreaktion bei Enttäuschungen wohl am ehesten durchbrechen kann, dann fällt mir dazu eigentlich nur ein, dass ich meinen Frieden schließen muss mit den Menschen, die mich damals enttäuschten. Ich muss es ihrer Angst zuschreiben und in einem ersten Schritt versuchen, Verständnis für sie zu entwickeln. Ich muss ihnen vergeben können. Es war menschlich, wie sie reagierten.



Die Welt besteht nicht aus Helden (auch wenn ich gerade meinen Vater immer für einen solchen hielt). Und vor allen Dingen darf ich es nicht persönlich nehmen. Sie haben ihren Arsch gerettet, wie man so schön sagt. Meiner war ihnen in dem Moment nicht so nah. Ich muss es also nicht persönlich nehmen. Bei jedem anderen hätten sie ebenso reagiert. Ich hatte einfach zu hohe Erwartungen an die Menschheit und die gilt es nun in einem zweiten Schritt zu aktualisieren. Gott steh mir bei, dass ich hierfür ein gutes Maß finde! Eine gesunde Orientierung scheine ich nämlich in puncto Enttäuschung inzwischen verloren zu haben …


Quellen zu Enttäuschung und Depression
Foto: Thomas Max Müller / pixelio.de

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