Aufmerksamkeitsdefizit Depression und der Hunger nach Liebe

 

Aufmerksamkeitsdefizit und Depression

Ein Aufmerksamkeitsdefizit kann schwerwiegende Folge haben – nicht nur bei Kindern

Wir sehnen uns nach Aufmerksamkeit, sehnen uns danach, wahrgenommen und angenommen zu werden, so wie wir wirklich sind. Wir sehnen uns nach dem idealen Partner, der idealen Partnerin und sind der festen Überzeugung, dass nur diese/r eine Seelenverwandte uns all das geben kann, wonach uns schon seit langer Zeit so sehr verlangt. „Wenn ich nur den Richtigen oder die Richtige treffen würde, dann wäre mein Leben schön. Dann fühlte ich mich nicht mehr so einsam auf der Welt.“ So oder so ähnlich denkt es in vielen von uns. An ein Aufmerksamkeitsdefizit denken wir dabei womöglich kaum.


Das Aufmerksamkeitsdefizit

Ich erinnere mich noch sehr gut meiner Gruppentherapiesitzungen während meines ersten stationären Klinikaufenthaltes aufgrund der Depression. Da saßen sie nun alle regelmäßig für eine Stunde. Es war ein kleiner Raum. Die Stühle standen im U, aufgereiht an den Außenwänden. Die Therapeutin saß am Fenster, also genau in der Mitte des U’s. Die Einrichtung war karg gehalten, nur ein paar Bilder an der Wand, vermutlich damit man sich nicht so leicht ablenken konnte. Es gab keinen Redezwang. Wer ein Thema hatte, das er gern in der Gruppe bearbeiten wollte, wie es hieß, trug es vor. Wer lieber nichts von sich preisgeben wollte, der hielt die Klappe. Das Wort Aufmerksamkeitsdefizit fiel hier kein einziges Mal und doch war es die ganze Zeit überdeutlich anwesend.

Manchmal wollten mehrere gleichzeitig ein Thema bearbeiten, dann wurde versucht, nach Dringlichkeit vorzugehen oder dieser Andrang diente gleich als Übung, sich mit anderen Menschen zu einigen. Manchmal wollte aber auch niemand etwas sagen. Das waren die schwierigeren Therapiesitzungen, denn dann fing die Therapeutin an zu bohren. Was mir in all den Stunden aber immer wieder auffiel war die Tatsache, dass die meisten Menschen, die hier im U saßen, ein übergroßes Bedürfnis hatten, wahrgenommen zu werden. Ohne es sich eingestehen zu können, ohne es überhaupt von sich zu ahnen, hatten sie alle etwas gemeinsam. Sie litten unter einem Aufmerksamkeitsdefizit.



 

Es dreht sich immer nur um das Eine

Aufmerksamkeit kann man in so einer Situation auf ganz verschiedene Weise erreichen. Zum Beispiel kann man ein Thema für sich anmelden. Man kann aber auch in das Thema des Anderen mit einem Kommentar einsteigen und dann, was allerdings nicht erwünscht ist, zum eigenen Thema abschweifen. Ebenso kann man durch ausdauerndes plakatives Schweigen ebenso auffallen, wie man es durch blöde Sprüche tun kann, lautes oder extrem leises Reden, eine besondere Sitzhaltung, ständiges Zuspätkommen oder auffallende Kleidung bzw. Schmuck.

Die Möglichkeiten, sich in den Mittelpunkt des Geschehens zu stellen, sind mannigfaltig und wir Menschen sind tatsächlich wahre Virtuosen darin. Im normalen Alltag entgeht uns dies vielleicht alles im Strom der Betriebsamkeit. Aber wenn man Gelegenheit hat, einmal inne zu halten, einen Schritt zurück zu treten und zu schauen, Menschen wirklich wahrzunehmen, sich selbst einmal wahrzunehmen, dann fallen einem womöglich solche Dinge auf. Im Grunde scheint es doch tatsächlich ,immer nur um das eine zu gehen: Sieh mich an! Schenke mir Aufmerksamkeit!

 

Einsamkeit und Wahrgenommensein

Ein Aufmerksamkeitsdefizit trifft uns Menschen besonders hart. Warum ist das wohl so? Wir Menschen sind soziale Wesen. Menschen brauchen das Gegenüber, um uns selbst wahrzunehmen. Wir brauchen die Rückmeldung anderer Menschen, um etwas über uns selbst zu erfahren. Aber noch viel mehr brauchen wir ein Gegenüber, um uns als Mensch rundherum wohl zu fühlen. Anerkennung, Bewunderung, Interesse und das Gefühl, gebraucht zu werden sind sicher nur einige Bedürfnisse, die hier zu nennen wären. Wenn wir nicht wahrgenommen werden, fühlen wir uns einsam. Dazu ist es nicht notwendig, dass wir auch zwangsläufig allein sind. Im Gegenteil, gerade in einer Gruppe oder Partnerschaft kann man sich hervorragend einsam fühlen, vielleicht sogar noch viel einsamer, als man es allein hin bekäme. Ein Mangel an Aufmerksamkeit auf Dauer, ein echtes Aufmerksamkeitsdefizit, lasst uns Menschen an unserer Seele erkranken.

Für die Einsamkeit allein, könnte man ja noch irgendwie die Umstände verantwortlich machen, aber für die gefühlte Einsamkeit unter Menschen können wir dies nicht tun. Hier wird deutlich, dass es etwas mit uns selbst zu tun haben muss und dieser Gedanke ist dann oftmals schmerzlich. Das verletzt uns. Selbstabwertung, Selbsthass, Hoffnungslosigkeit und innere Leere können die Folge davon sein.



 

Der Wunsch nach Liebe

Ich denke, dass sich hinter einem großen Aufmerksamkeitsdefizit der noch größere Wunsch nach Liebe verbirgt. Schon Kinder werden krank daran und werden, völlig ungeeignet wie ich finde, deswegen mit psychotropen Substanzen behandelt. Nach offiziellen Angaben hat eines von zwanzig Kindern die Diagnose ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom). Wenn ich mir aber vor Augen halte, dass zu wenig Aufmerksamkeit die Ursache dieser Erkrankung ist, dann dürften es noch weitaus mehr Kinder sein, die nicht ausreichend beachtet werden und bei denen aus genau diesem Grund jenes Defizit deshalb auch nicht erkannt werden kann. Nur die Extremfälle, Kinder, die besonders krass auf sich aufmerksam machen, weil die Not es aus ihnen heraus schreit, schaffen es wohl bis in diese traurige Statistik.

 

Wie innen so außen

Schon längere Zeit bin ich auf der Suche nach einer Lösung für dieses Problem. Was könnte es sein, dass den Hunger nach Aufmerksamkeit und Liebe angemessen stillt? Ist es wirklich der ersehnte Partner für’s Leben, der unser Verlangen zu befriedigen vermag oder treffen wir in ihm prekärer Weise nicht nur uns selbst wieder, unser Spiegelbild? Ist es nicht doch eher so, dass wir wenn wir hungrig auf die Suche gehen, wir Menschen begegnen, die mindestens ebenso hungrig sind wie wir selbst? Sind es nicht eben jene Menschen, die uns dann verstehen und die wir zu verstehen glauben? Ziehen wir uns nicht sogar regelrecht an? So wie es in uns aussieht, präsentiert sich die Welt auch  im Außen für uns. Dafür sind unsere Rezeptoren scharf geschaltet.

Wenn zu wenig Liebe da ist

Was aber haben wir zu geben, wenn wir hungrig sind? Reichen die paar Brotkrumen aus, die wir in der Tasche haben? Reicht das bisschen Liebe aus für zwei, wo es doch nicht einmal für einen gereicht hat? Wie segensreich und belastbar können solche Partnerschaften wohl sein? Ich denke, dass es nicht allzu lange dauern wird, bis sich eine erste Unzufriedenheit breit machen wird. Schließlich hat man doch dem Partner schon alle Liebe geschenkt, die man zur Verfügung hatte, aber es scheint immer noch nicht zu reichen! Und man selbst? Man selbst fühlt sich schon wieder verhungert oder immer noch. Ausgenutzt fühlt man sich und betrogen. Man fühlt sich einer Lüge aufgesessen und so ist es dann wohl auch.

Nicht aber der Partner oder die Partnerin haben gelogen, sie glaubten tatsächlich an die große Liebe, meinten es ehrlich und wahrhaftig, konnten aber eben nicht mehr geben, weil sie auch zu wenig hatten. Belogen haben wir uns da selbst, sind einem Selbstbetrug aufgesessen. Erst wenn das eigene Herz gefüllt ist mit Liebe, kann es davon überlaufen. Erst wenn genug Liebe für einen selbst da ist, kann man Liebe verschenken, ohne Hunger leiden zu müssen.



 

Die Liebe der Eltern

Es ist wohl ein weit verbreiteter Irrtum, dass die fehlende Liebe von außen kommen müsse. Im Falle von Kindern ist das so. Kinder brauchen, um zu körperlich und seelisch gesunden Menschen heranreifen zu können, diese Liebe von außen, die Liebe der Eltern und Großeltern, Geschwister und anderer nahe stehender Menschen. Besonders aber brauchen sie die Liebe der Eltern. Sie allein haben keine Ressourcen, etwas Gehaltvolles gegen ihr Aufmerksamkeitsdefizit zu tun. Später jedoch, wenn sie sich durch den Vorgang der Pubertät von ihren Eltern abgelöst haben, können sie selbst dieses Defizit auffüllen. Sie suchen aber oftmals ein Leben lang weiter nach der Liebe der Eltern.

Diese Suche kann viele Gesichter haben. Es kann die Suche nach der Liebe des Partners oder der Partnerin sein. Es kann die Suche nach Anerkennung unter den Kollegen oder besonders nach der des Chefs sein. Oder aber es findet diese Suche Ausdruck im Streben nach besonders hohen Leistungen. Es kann die Suche danach sein, berühmt zu werden oder die immerwährende Suche nach einem wahrhaft guten und verlässlichen Freund. Alles was wir da suchen, macht deutlich, was uns fehlt. Alles was wir da suchen, führt eindrucksvoll vor Augen, was wir uns  gerade selbst vorenthalten: Liebe, Verständnis, Bewunderung, Anerkennung, Vertrauen, Geduld, Beständigkeit.



 

Das Drama

Und so suchen wir ständig da draußen unser Defizit zu füllen und machen es in Wahrheit nur noch größer. Schon seit Ewigkeiten existiert der Wunsch in mir, in einer harmonischen Partnerschaft zu leben, einen Raum zu haben, wo ich sein darf wie ich bin und mich angenommen fühlen kann. (Hier wird schon sehr deutlich, was ich mir selbst verwehre.) Und immer wenn ich eine neue Beziehung beginne, arbeite ich auch unbewusst schon wieder an ihrem Ende.

Wenn de Angst zu groß wird

Immer wenn die Angst in mir größer wird als die Liebe, dann wird es schwierig. Dann verlasse ich mich selbst, dann behandle ich mich selbst nicht gut und immer wenn ich mich selbst nicht gut behandle, dann behandle ich auch die Menschen um mich herum nicht gut. So entstehen meine Beziehungen und so zerbrechen sie auch sehr schnell wieder, weil die Angst, etwas zu verlieren in dem Maße wächst, wie ich erkenne, etwas Wertvolles für mich gefunden zu haben. Ich setze dann alles auf diese eine Karte, womit ich den Anderen und auch mich selbst hoffnungslos überfordere.

Was Menschen anzieht

Solange ich mir nicht all dies zu geben allein in der Lage bin, was ich mir von einer Partnerin erhoffe, bin ich für eine Partnerschaft wohl nicht wirklich gut gerüstet. Wenn mein Herz leer ist, kann es nicht überquellen. Ich glaube mittlerweile, dass erst dann, wenn ich mit mir selbst glücklich und zufrieden bin und nicht mehr den dringenden Wunsch nach einer Partnerin habe, ich auch die Partnerin finden kann, mit der ich ein Leben haben werde, was mir gut tut und mich bereichert. Wir ziehen an, was wir selber sind. Leben wir aus dem Mangel, ziehen wir Partner an, die ebenfalls im Mangel leben. Zweimal Mangel aber verdoppelt sich nicht nur, es wächst ins Unendliche.

Ein Leben aus der Fülle heraus halte ich für möglich, aber erst dann, wenn ich auch die Fülle in meinem Leben wieder sehen kann.

Quellen zu „Depression Aufmerksamkeitsdefizit und der Hunger nach Liebe“

Jugendliche und Suizid: tagesspiegel.de  Statistik Suizide in Deutschland: zeit.de   ADHS: adhs-deutschland.de   Foto: pixabay.com

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