Die Opferrolle als krankmachendes Muster

Opferrolle

Depressive sehen sich gern als Opfer

Wenn mich jemand fragte, ob ich eigentlich gern die Opferrolle einnehme, würde ich ihm am liebsten ein paar reinhauen. Eine Frechheit wäre so eine Frage für mich und würde mich richtig wütend machen. Ich würde mich herabgesetzt fühlen, erniedrigt, klein gemacht und natürlich über die Maßen provoziert. Nein, ich will kein Opfer sein! Auf gar keinen Fall!

Die viel spannendere Frage jedoch lautet ganz anders: Wieso kann mich eine einfache Frage so auf die Palme bringen? Es wäre doch nur eine Frage, ein paar Worte aneinandergereiht? Aber immer wenn mich etwas aufregt, wenn mich etwas so sehr aus der Fassung bringt, steckt mit Sicherheit noch mehr dahinter und es lohnt sich vermutlich, einmal einen Blick hinter die Kulissen zu werfen.


Ins Schwarze getroffen

Nun, ich denke, niemand will in der Opferrolle sein und schon gar nicht gern. Die Satzaufbau an sich ist hier schon eine Provokation. Wenn ich aber kein Opfer sein will, lässt dies vermuten, dass ich schon eines bin, oder? Warum sollte ich etwas nicht sein wollen, was so gar nichts mit mir zu tun hat? Würde ich auch nur einen Gedanken daran verschwenden? Ich denke doch auch nicht darüber nach, ob ich lieber transsexuell als hetero wäre? Das steht überhaupt nicht zur Debatte! Die Opferrolle schon. Komisch? So sieht es jedenfalls aus. Ein zweites und deutliches Indiz für die Relevanz des Begriffes Opfer in meinem Leben ist die Tatsache, dass es mich wütend macht, nach meiner Rolle als Opfer überhaupt befragt zu werden.

Ins Schwarze getroffen

Immer wenn so etwas passiert, wenn mich der Spruch eines anderen Menschen sauer macht, dann hat derjenige vermutlich etwas ausgesprochen, dass ich nicht an mir mag, dass ich selbst an mir ablehne, das aber da ist. Damit hat er sozusagen ins Schwarze getroffen. Er hat etwas angesprochen, das ich nicht  an mir sehen mag. Und nicht nur dass ich es nicht sehen mag, ich kann es mitunter gar nicht sehen, selbst wenn ich es wollte. Es ist verdeckt, maskiert, vergraben, aber es ist da. Es ist unbewusst da. Wenn ich mich auf die Suche mache, in Stunden wie diesen, dann werde ich manchmal fündig und „entdecke“, was verborgen ist.

Diese Momente nenne ich dann irgendwann Sternstunden meiner Erkenntnis. Derlei Momente sind leider nicht so reich gesäht, denn natürlich tue ich auf der anderen Seite auch alles dafür, nicht entdeckt zu werden. Ja, was denn nun? Will ich herausfinden, wer ich bin oder will ich es nicht? Ich denke, beides ist der Fall. Ich will es und ich will es auch nicht. Es gibt Widerstände. Da bin ich (und nicht nur da) widersprüchlich. Da bin ich ambivalent.



In welcher Position sehe ich mich?

Was aber hat das alles mit mir zu tun? Bin ich nun in der Opferrolle oder nicht? Und auch hier liegt die Kunst der Erkenntnis in der Fragestellung. Opfer sind wir irgendwo alle. Wir sind Opfer der Globalisierung, Opfer des Klimawandels, der Inflation, Opfer falscher Ideologien, Opfer von kriegerischen Auseinandersetzungen, Opfer von Krankheiten und Naturkatastrohen, Opfer von Trennung oder einfach Opfer der Umstände. Opfer sind wir mehr oder minder allesamt häufiger während unseres gesamten Lebens. Das ist de facto so und nicht in jedem Fall auch gleichermaßen dramatisch.

Wer hat Schuld?

Es gibt aber eine entscheidende Frage. Damit kommen wir der vermutlich Sache näher. Sehe ich mich selbst auch als Opfer? Begreife ich mich als Opfer? Wie denke ich über mich und mein Leben? Und wie denke ich insbesondere darüber, was mir alles Unschönes passiert ist? Wem gebe ich die Schuld? Liegt die Schuld außerhalb von mir? Wenn ja, dann bin ich vermutlich in der Opferrolle. Aber ist es etwa meine Schuld, dass ich als Kind geschlagen wurde? Ist es meine Schuld, dass ich mit sechs Jahren schon meine Mutter verlor? Oder ist es vielleicht meine Schuld, dass ich in der DDR politisch verfolgt wurde? Ist es meine Schuld, dass meine Frau mich verließ?

Es ist nicht meine Schuld, denn es war jeweils nicht meine Entscheidung, obschon man in einigen Punkten über eine Mitschuld diskutieren könnte. Aber darum geht es gar nicht. Es geht nicht um Schuld, es geht um Verantwortung. Ich kann die Verantwortung ein Leben lang draußen lassen. All diese Dinge sind mir passiert. Ja, das kann ich sehen. Und genau dieser Aspekt gibt mir das Gefühl der Ohnmacht, liefert mich aus, macht mich zum Opfer.



Die Vorteile eines Opfers

Ich ertappte mich dabei, dass ich eines sonnigen Morgens mit meinem Kaffeepott im Garten saß und über mein Leben nachdachte. Ich bedaurte zutiefst, dass ich hier allein sein musste, wo ich doch so ein Familienmensch bin. Und ich dachte: Ja, die Depression macht wirklich einsam. Sie hat mich schon zwei Partnerschaften gekostet. Es liegt an ihr, dass es niemand mit mir aushält. Mich traf keine Schuld. Schließlich liebte ich, wie man nur lieben kann. Ich bin ein Opfer. Das bedaure ich sehr. Ich bedaure mich. Ändern kann ich es nicht. Das macht mich hilflos. Und so sitze ich also da und beklage und bejammere mein Leid.
Das tut sogar ein wenig gut, aber auch wieder nicht. Doch genau dies macht ja wohl eine Depression aus, oder? Sich selbst zu bedauern, sich hilflos zu fühlen, traurig über etwas zu sein, all dies sind Anzeichen einer Depression. Aber bringt mich das alles auch weiter? Ist es das, was ich will? Will ich ein Opfer sein? Bewusst sicher nicht, aber vielleicht unbewusst? Ich glaube, Opfer zu sein, ist für mich deshalb so lukrativ, weil es mir:
  • Aufmerksamkeit beschert
  • mich entschuldigt (mich also jeglicher Schuld freispricht)
  • mir das Gefühl gibt, alles richtig gemacht zu haben (die anderen haben ja…)
  • mich perfekt erscheinen lässt (ich habe ja alles richtig gemacht)

Ich gebe mich voll und ganz dieser Opferrolle hin, nicht bewusst und doch tue ich es. Das wird mir gerade deutlich. Ich beschneide mich dabei selbst in meinen Möglichkeiten. Opfer sind ja selten voll handlungsfähig. Zuviel Energie ist nötig, diese Rolle auszufüllen, zu leben, damit klar zu kommen, ein Opfer zu sein. Gefangen in dieser Rolle als Opfer nehme ich nicht mehr all meine Bedürfnisse wahr.

Blind für den eigenen Anteil

Ich sehe zwar, dass ich nicht allein leben mag, ich sehe aber nicht, dass ich auch allein leben mag. Allein zu leben ist nämlich genau das, was ich tue. Ich sehe, dass meine Frau sich von mir entfernt hat, zunächst innerlich, später auch räumlich. Aber ich sehe als Opfer nicht, dass auch ich dies tat. Ferner sehe ich nicht, dass ich nichts tat oder zu wenig, diesen Prozess aufzuhalten oder umzukehren. Ich habe nicht um diese Beziehung gekämpft. Warum habe ich ihr nicht jeden Tag Blumen vor die Tür gelegt? Weshalb schrieb ich ihr nicht jeden Tag, wie sehr sie mir noch immer fehle und dass ich mir kein Leben ohne sie vorzustellen vermag. Nein, ich war nicht da. Ich habe sie gehen lassen. Einfach gehen ließ ich sie und nannte dies „freier Wille“.

Ich halte fest

Und das alles, um nun hier zu sitzen und genau diesen Umstand zu bedauern? Warum das alles? Bin ich etwa ein Masochist? Warum starte ich keinen neuen Versuch? Warum nehme ich all dies so hin? Vermutlich weil ich es tief in mir auch so will. Das muss ich wohl akzeptieren. Oftmals kann ich an meinen Handlungen besser ablesen, was ich wirklich will, denn an meinen Gedanken und Worten. Mein Kopf, meine Gedanken benebeln mich nur allzu gern. Zu viele Einflüsse gibt es hier wie ein Gewissen, eine Moral, ein „Das macht man nicht“ oder auch ein „So bin ich nicht“.

Vielleicht verhalte ich mich aber auch deshalb so, weil ich Angst davor habe, abgewiesen zu werden? Meine Angst vor einer Ablehnung ist so groß, dass ich oftmals erst gar nicht zur Handlung gelange. Schade eigentlich, denn so nehme ich das Ergebnis schon vorweg! Ich könnte ja auch einmal die Initiative ergreifen? Ich könnte mich zum Beispiel auch innerlich von meiner Frau trennen und wäre dann frei für eine neue Partnerschaft? Aber auch das tue ich nicht. Ich halte fest. Nicht nur an meiner Frau halte ich fest, auch am Getrenntsein, meiner Einsamkeit, meiner Hilflosigkeit, meiner scheinbaren Handlungsunfähigkeit – an meiner Opferrolle. Selbst an diesem Leben halte ich fest, aber bedaure im Gegenzug, dass alles so ist wie es ist.



Mein Weg aus der Opferrolle

Wie soll sich das je ändern? Es ist eine Zwickmühle, in die ich geraten bin, die ich aber ironischerweise selbst baute. Es ist ein Spiel, das ich nicht gewinnen kann. Und so komme ich zu dem Schluss, dass es eigentlich zweitrangig ist, was mir passiert oder nicht passiert. Viel wichtiger ist, was ich für mein Leben daraus mache, welche Wahrheiten und Glaubenssätze ich daraus ableite. Wichtig ist, auf welche Weise ich die Geschehnisse in mein Leben integriere. In Wirklichkeit bin ich kein Opfer! Wenn schon bin ich ein Opfer meiner eigenen Verstrickungen, meiner Denk- und Handlungsmuster.

Ich bin Opfer meiner internen Lernprozesse. Ich habe gelernt, so oder so auf bestimmte Ereignisse zu reagieren und werde dies nun bis an mein Lebensende immer so tun. Wenn ich nicht bewusst einmal eine Entscheidung treffe und diesen Teufelskreis durchbreche, wird das wohl so sein. Gelernte Denkmuster sind Schnellstraßen im Gehirn. Sie funktionieren, einmal ausgebaut, sicher und zuverlässig und werden mit jeder Benutzung breiter und sicherer. Nur ich selbst kann dies ändern. Nur ich selbst kann hergehen und Stopp- und Umleitungsschilder aufstellen.

Alternativen finden

Es gibt immer Alternativen – wenn ich es will. So kann ich akzeptieren und mir genau anschauen, wie es ist, allein zu leben. Ferner kann ich kann die Vorzüge gegen die Nachteile abwägen. Ich kann erkennen, dass dieses Leben mir ein höchstes Maß an Konfliktarmut, Stressfreiheit, finanzieller Kalkulierbarkeit, Entfaltungsmöglichkeit und Selbstbestimmtheit garantiert. Ich muss mich nicht zusammenreißen, ich muss mich nicht anpassen und ich muss mich nicht bemühen, worum auch immer. Wenn ich mit mir allein bin, habe ich Chance, mir selbst näher zu kommen und wenn ich dann irgendwann weiß, wer ich bin, na dann klappt es vielleicht auch wieder mit einer Partnerschaft? So zu denken, erspart mir eine Menge Energie, Energie die ich lieber darauf verwenden möchte, gesund zu werden.

Und schon weite ich meinen Blick. Plötzlich kann ich etwas Gutes darin sehen, allein zu leben. Auf einmal scheint es mir so, als hätte ich es, wenigstens ein bisschen, auch so gewollt. Plötzlich wird mir klar, dass ich diese meine Wirklichkeit maßgeblich mitgestaltet habe und es gefällt mir, so darüber zu denken. Und plötzlich höre ich auf damit, nur noch ein Opfer zu sein…

Quellen zu Opferrolle und Depression

Foto: clipdealer.de

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