Charakter und Depression – Können sich Menschen ändern?

Charakter und Depression

Dein Charakter bestimmt dein Leben – nicht umgekehrt!

Bleiben wir ein Leben lang dieselben? „Menschen ändern sich nicht!“, heißt es im Volksmund. Aber stimmt das auch? Ist nicht unser ganzes Leben von Veränderungen durchzogen und durch sie bestimmt?  Haben wir uns selbst im Laufe des Lebens nicht auch tatsächlich verändert? Wir sind doch nicht mehr die, wie wir als Kind oder Jugendliche waren. Wir sind auch nicht mehr die, die wir waren, als wir uns das erste Mal verliebten oder unsere erste Arbeitsstelle antraten. Das Leben hat uns geprägt. Aber hat es auch den Charakter verändert?


Der Charakter

Hat die Depression meinen Charakter verändert? Wenn meine Persönlichkeit veränderbar ist, bin ich dann überhaupt noch ich? Die Psychologen Franz Neyer und Judith Lehnart beantworten das so: „Wir ändern uns, weil wir uns an die Anforderungen des Lebens anpassen. Und wir bleiben, wer wir sind, weil wir dies auf die uns eigene Art und Weise tun.“ Die Persönlichkeit eines Menschen ist in der allgemeinen Vorstellung das, was einen Menschen im Kern ausmacht, das Wesen eines Menschen. Jeder Mensch hat seinen eigenen Charakter, seine eigene, unverwechselbare Persönlichkeit, die so einzigartig ist, wie sein Fingerabdruck oder seine DNA. Und diese Persönlichkeit ist, so bestätigen Neyer und Lehnart in ihrem Buch „Persönlichkeit der Sozialisation“, über die gesamte Lebenszeit auch recht stabil. „Gleichwohl ist sie weit davon entfernt, in Stein gemeißelt zu sein“, ergänzen die Wissenschaftler. Denn zugleich ist die Persönlichkeit eines Menschen auch sehr flexibel und in der Lage, sich veränderten Umweltbedingungen anzupassen.



Depression und Charakter

„Psychologen wissen heute aber, und die Hirnforschung hat es bestätigt: Es ist völlig unmöglich, gegen seine Persönlichkeit zu handeln – alle Motive, auch die zum moralischen Handeln, entspringen ihr“, sagt der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth dazu. Das sei auch das Dilemma des Strafrechts, ergänzt Roth, denn dort müsse man so tun, als wäre es tatsächlich möglich, sich gegen die eigenen Motive zu entscheiden. Das ist eine spannende Erkenntnis, wie ich finde. Sie zeigt nicht nur den Depressiven Möglichkeiten, aber auch Grenzen auf.

Die gute Nachricht

Die gute Nachricht ist zunächst: Ja, wir können etwas ändern! Und die zweite Nachricht ist: Wir können uns nicht ändern! Jedenfalls nicht unseren Charakter! Und das ist auch eine gute Nachricht! Es gibt zwar eine genetische Disposition (Veranlagung) zur Depression, aber die Depression ist und bleibt eine schwere Krankheit und ist eben keine Schwäche des Charakters. Von vielen Menschen allerdings wird bei einem Depressiven nur noch eben diese scheinbare Charakterschwäche wahrgenommen.

Depressiv und charakterstark

Oftmals sind aber gerade depressive Personen besonders charakterstark, einzig die Fähigkeit zur Anpassung ist ihnen verloren gegangen ist. Sie sind nicht mehr in der Lage, mit sich selbst und mit anderen Menschen und Situationen angemessen umzugehen. Es fehlt ihnen an geeigneten Strategien, ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Und genau da können wir ansetzen, da will auch Psychotherapie ansetzen. Psychotherapie will keinen neuen, keinen anderen Menschen aus uns machen oder unseren Charakter verbiegen. Psychotherapie will uns unsere Fähigkeit zur Anpassung, unsere Flexibilität zurück geben.

 

Verändert die Depression den Charakter?

Die Depression ist eine Krankheit. Sie schränkt die Möglichkeiten der Betroffenen ein, aber die Depression verändert nicht den Charakter. Menschen sind einzigartig. Ich bin einzigartig. Du bist einzigartig. So wie wir sind, ist es gut. So ist es gewollt. Gewollt vom Leben, von der Evolution, der Natur, von Gott, vom Schicksal – jeder hat hier andere Assoziationen. Fakt ist: Wir sind wie wir sind. Wir müssen uns nicht ändern. Lange Zeit glaubte ich, ich müsse mich nur ändern, dann würde mein Leben besser werden. Ich müsse mich nur ändern, dann klappte es auch in der Partnerschaft wieder. Wenn ich mich nur ein wenig änderte, dann hätte ich auch wieder mehr Antrieb. Ich müsse mich ändern, dann würden auch die Depressionen weg gehen …

„Es ist völlig unmöglich, gegen seine Persönlichkeit zu handeln.“ Gott sei Dank! Warum dann also der ganze Stress? Ist es dann nicht besser zu sagen: Okay – so bin ich. Mein Charakter muss nicht verändert werden, aber ich gucke mal, vielleicht das eine oder andere Verhalten zu verändern, zum Beispiel dort, wo ich Schwierigkeiten im Leben habe?



Den Charakter kann man nicht ändern

Meine Depressionen kann ich nicht überwinden, solange ich jemand anders sein will. Meine Depressionen kann ich nur überwinden, wenn ich „Ja“ zu mir selbst sage, zu meinem Körper, meinem Charakter und auch zu den Depressionen, denn die sind jetzt ein Teil von mir. Eine Charakteränderung, um der Depression zu entkommen ist genauso unrealistisch wie der Plan die Hautfarbe wechseln zu wollen. Im Gegenteil, wenn du gegen deine Veranlagung handelst, wenn du dich und deinen Charakter nicht annehmen kannst, dann wirst du die Depression noch sehr lange Zeit brauchen. Ich kann erst etwas ändern, wenn ich aufhöre, mich selbst grundsätzlich ändern zu wollen. Ich bin die Basis, nicht das Objekt. Und vom Grundsatz her bin ich gut geworden, auch mein Charakter…

Quellen zu Charakter und Depression
Foto: pixabay.com

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