Dazugehören wollen – Der Wunsch nach Abhängigkeit

dazugehören wollen

Menschen wollen irgendwo dazugehören

Es gibt Zeiten in meinem Leben, da stelle ich mir eine bestimmte Fragen häufiger und es gibt andere Zeiten, da lebe ich die Antwort einfach, ohne die Frage überhaupt stellen zu müssen. Wo gehöre ich hin? Wo darf ich sein? Gibt es einen Platz auf dieser Welt, der mir gehört? Jeder von uns kennt womöglich diese Sätze, der eine mehr, der andere weniger. Warum eigentlich stellen sich derlei Fragen überhaupt und weshalb scheinen sie so wichtig für uns Menschen zu sein?


Menschen wollen dazugehören

Es wird zu den Grundbedürfnissen der menschlichen Seele gezählt, das Verlangen irgendwo dazugehören zu wollen. Neben dem Grundbedürfnis nach Autonomie gibt es nämlich immer auch das Grundbedürfnis nach Abhängigkeit. Das ist gleichsam der Wunsch, versorgt und behütet zu sein. Eine Gemeinschaft bietet Schutz und Sicherheit, aber auch Bestätigung und ist aus sich heraus schon einmal Sinn stiftend.  Sind wir Teil einer Gemeinschaft und können wir so für andere da sein, haben wir automatisch eine Bedeutung im Leben anderer Menschen.

Bedürfnisse müssen erfüllt werden

Irgendwo zwischen diesen Polen, irgendwo zwischen Zugehörigkeit und Autonomie findet der Einzelne dann seinen Platz im Leben. Der Eine vielleicht in der Mitte, der Andere vielleicht etwas näher an den Polen. Aber letztlich wollen wir alle irgendwo dazu gehören und tun bewusst oder unbewusst zumeist eine Menge dafür. Ich finde das nicht weiter schlimm. Es entspricht der menschlichen Grundstruktur. Bedürfnisse sind dazu da, erfüllt zu werden.



Sich selbst treu bleiben

Kritisch wird es nur, wenn wir irgendwo dazugehören wollen, wo wir einfach nicht hinpassen. Denn auch dann tun wir eine Menge dafür, dort dazugehören zu können. Mitunter verbiegen wir uns dermaßen, dass wir am Ende gar nicht mehr erkennbar sind. Und manchmal verbiegen wir uns sogar so sehr, dass wir daran zerbrechen. Mobbingopfer können vermutlich ein Lied davon singen. Darum finde ich es wichtig, zu wissen, wer man selbst ist und dass man sich auch so annehmen kann, wie man ist. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und behaupte einmal, dass sich eine Zugehörigkeit an der richtigen Stelle von ganz allein anbahnt, quasi von sich aus in mein Leben kommt, also ohne das ich danach streben muss, gelingt es mir nur, Ja zu mir selbst zu sagen.

In sich selbst ruhen

Frieden zu haben mit sich selbst, scheint mir inzwischen eines der höchsten Errungenschaften im Leben zu sein. Ich glaube, dass dann ganz von allein viele wunderbare Dinge geschehen und wir ein wirklich gutes Leben haben können. Ich meine, wer umgibt sich nicht gern mit Menschen, die Frieden mit sich selbst haben und diesen Frieden auch ausstrahlen. Jeder von uns kennt vermutlich so ein Exemplar unserer Spezies. Möglicherweise sind sie rar geworden in dieser schnellen Zeit, aber es gibt sie noch…

Menschen wollen legitim sein

Dazugehören und sich abzugrenzen ist ein Thema, das vermutlich die gesamte Lebensspanne umfasst. Es betrifft gleichermaßen viele Bereiche, den Körper, die Seele, unser Denken sowie unsere sozialen Interaktionen. Im Grunde genommen ist es unsere Lebensaufgabe, uns zu entwickeln. Sie ist uns quasi in die Wiege gelegt. Von anfänglich völliger Abhängigkeit und ganz ohne jedwede Autonomie entwickelt sich jeder Einzelne hin zu einem mehr oder minder selbstständig agierenden  Lebewesen.

Individuation

Auf der psychischen Ebene beschreibt der berühmte schweizer Entwicklungspsychologe C.G. Jung diesen Vorgang als einen Prozess der Individuation. Unter Individuation, abgeleitet vom lateinischen Begriff  „individuare“, was so viel heißt wie „sich unteilbar/untrennbar machen“, ist hier genau genommen der Prozess der Menschwerdung gemeint. Wobei Menschwerdung im Sinne der Herausbildung der eigenen Persönlichkeit gemeint ist, gleichsam als Weg zu einem eigenen Ganzen, zur eigenen Einzigartigkeit.



Liebevolle Annahme

In diesem Prozess wird der Einzelne zu dem, der er wirklich ist. Es ist ein Prozess der Bewusstwerdung und Annahme der eigenen Ressourcen, aber auch der Persönlichkeitsanteile, die mitunter hinderlich erscheinen bei der Befriedigung der eigenen Bedürfnisse. Es geht also um die volle Entfaltung der eigenen Anlagen, Fähigkeiten und Möglichkeiten durch liebevolle Annahme des eigenen Ichs.

Selbstwertgefühl

Indem dies geschieht und sich der Mensch seines eigenen Wertes bewusst wird (gesunder Selbstwert), aber auch seine Grenzen kennt und anerkennt, muss er unweigerlich zu dem Schluss kommen, dass es gut ist, so wie er ist. Er muss feststellen, dass er genau so richtig ist, wie er ist und er auf diese Weise seinen angestammten Platz in der Welt hat.

Vermeidung verhindert Entwicklung

Dieser Prozess der Individuation dauert mitunter ein ganzes Leben. Was den meisten Menschen dabei eher nicht gefällt, ist die Tatsache, dass der Prozess der Individuation oftmals mit heftigen Emotionen verbunden ist, mit Schmerz, mit Leid, mit den sogenannten negativen Gefühlen. Und so versuchen sie nicht selten, diesen Schmerz zu vermeiden und ahnen dabei kaum, dass gerade diese Vermeidungsstrategien immer wieder neuen Schmerz hervorrufen. Wenn Menschen mit Sozialer Phobie es beispielsweise vermeiden, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten, werden sie sich nie wirklich irgendwo dazu gehörig fühlen können, werden sie nie eine bessere Erfahrung machen können als die, die sie bereits in sich tragen: Ich gehöre nicht dazu. Die Menschen mögen mich nicht. Ich bin nicht gut genug für die Welt.

Dazugehören-Wollen und auch Sich-Abgrenzen ermöglichen es dem Menschen auf ganzer Linie ein Gefühl von Identität und Identifikation heraus zu bilden. Aus diesen Gefühlen erwächst überhaupt erst die Fähigkeit, sich zu Hause fühlen zu können, räumlich, ethisch, politisch, geschmacklich, interessenbezogen, und so weiter…



Wo also gehöre ich nun hin?

Um dem roten Faden in diesem Beitrag treu zu bleiben, kann ich an dieser Stelle nun nur eine Antwort geben: Ich gehöre zu mir selbst. So wie ich bin, bin ich okay. Ich bin so gewollt. So wie ich bin, gehöre ich in diesen Moment, an diesen Ort, in diese Familie und in dieses Leben. Die Menschen lieben mich so (zumindest einige). Womöglich hassen mich andere auch, was aber eher in ihnen selbst begründet sein dürfte, als in meiner Person. So wie ich bin, habe ich meine Legitimation. Meine Legitimation ist somit kein Recht, dass ich mir erst verdienen oder erarbeiten muss.

Es ist ein Geburtsgeschenk des Lebens an mich. Vielleicht wurde ich in jungen Jahren nicht ausreichend darüber aufgeklärt und muss mir heute deshalb erarbeiten, diese Wahrheit anzunehmen. An ihrem Gehalt ändert dies aber nichts, ob ich nun in der Lage bin, die Dimension zu begreifen oder nicht. Jedes Leben und damit auch das meine ist legitim und das ist einfach wunderbar…

Quellen zu „Wo gehöre ich hin?“

Foto: pixabay.com

veröffentlicht: 23.07.2018

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