Schwermut zum Jahreswechsel

Depression und Jahreswechsel

Der Jahreswechsel im Kontext der Depression

So ein Jahreswechsel wird immer wieder gern zum Anlass genommen, Rückschau zu halten. Da lässt man das vergangene Jahr noch einmal Revue passieren und erinnert sich der einen oder anderen Begebenheit. Depressive Menschen brauchen diesen Anlass nicht. Sie sind wahre Meister in der Rückschau. Fast täglich üben sie sich darin, so dass man meinen könnte, die Vergangenheit sei ihnen wichtiger als ihre Gegenwart. Dem ist aber mitnichten so. Allein die Fähigkeit, das auch sehen zu können, ist ihnen partiell oder vollständig verloren gegangen im Leid der vergangenen Jahre.

Mein Jahreswechsel

Auch ich möchte heute den Jahreswechsel zum Anlass nehmen, den Blick auf etwas zu richten. Ich möchte den Blick jedoch nicht auf das abgelaufene Jahr sondern auf das neue richten, ein Jahr, das sich uns nun wie ein unbeschriebenes weißes Blatt vor die Füße legt.

Eine neue Wohnung

So ein neues Jahr ist wie ein Umzug in eine neue Wohnung. Helle weiße Räume strahlen mir entgegen, unbeschmutzt und unbenutzt. Die Miete ist bereits im voraus bezahlt für die nächsten zwölf Monate. Ich muss mir diese Wohnung also nicht erst noch verdienen oder mich fragen, ob ich sie verdient habe. Diese Wohnung ist ein Geschenk. Sie ist nur für mich da, einzig für mich…



Ein neues Leben

So ein neues Jahr ist eine Chance auf ein neues und vielleicht auch auf ein anderes Leben. Es liegt nun an mir, mich hier einzurichten, gegebenenfalls die Wände zu streichen, Gardinen aufzuhängen oder den Blick frei zu lassen. Es liegt an mir, welche Möbel ich aus der alten Wohnung mitnehme. Ich kann mir überlegen, bei welchen ich das gerne tun würde und welche ich einfach so unüberlegt mitschleppe. Ich muss auch gar nichts mitnehmen und kann mit leichtem Gepäck umziehen, denn alles was ich wirklich brauche, bin ich selbst. Aus mir selbst heraus kann alles geschehen und alles entstehen. Aus mir selbst heraus geschieht alles und entsteht alles. Ich bin Schöpfer meiner Wahrheit und Schöpfer meiner Wirklichkeit, Tag für Tag. Alle Kraft kommt aus mir, auch wenn ich die oftmals nicht so recht fühlen kann.

Jeder Tag ist eine Chance

So eine neues Jahr ist wahrhaft eine Chance. Eigentlich stellt ja jeder Tag meines Lebens so eine Gelegenheit dar, neu aufzusetzen, aber weil es von diesen Tagen so viele gibt, fällt es mir zumeist schwer, das wahrzunehmen. Ein neues Jahr hingegen kann sich nicht so einfach meiner Aufmerksamkeit entziehen. Es ist zu sehr auch in der öffentlichen Wahrnehmung. Vielerorts wird der Übergang ins neue Jahr gefeiert. Ich bezweifle, dass sich die Menschen dessen bewusst sind, was sie da feiern. Sie feiern einfach, weil sie es gerne tun und manchmal beneide ich sie als jemand, der es eher nicht so mit dem Feiern hat, sogar ein wenig darum.



Eine Chance

Aber so ein neues Jahr ist wirklich eine Chance, die Vergangenheit nun der Vergangenheit zuzuordnen und die Aufmerksamkeit stattdessen diesem kleinen Übergang zwischen dem was bereits geschah und dem was eventuell noch geschehen wird, zuzuwenden. Es geht um dieses kleine Stück Realität, das allein zu gestalten wir in der Lage sind. Nicht die Vergangenheit können wir ändern, nicht die Zukunft. Wir glauben das zwar immer wieder und versuchen ungeschehen zu machen, was uns missfällt oder glauben von uns, die Zukunft gestalten zu können. In Wahrheit aber gestalten wir direkt immer nur den Moment und nur indirekt hat das Auswirkungen auf die Zukunft, auf die Vergangenheit jedoch niemals. Leben im Hier und jetzt ist ein Weg aus der Depression.

Die Bedeutung der Vergangenheit

Warum eigentlich hat die Vergangenheit dann eine so große Bedeutung für mich? Ich glaube, es geht um das Verstehen. Ich glaube, es geht darum, aus Fehlern ebenso zu lernen wie aus Erfolgen. Es geht darum, das jeweils Beste aus der Gegenwart zu machen und dabei kann es hilfreich sein, einmal einen Blick zurück zu werfen. Manchmal jedoch ist es eher hinderlich, glaube ich. Insbesondere dann, wenn ich in der Vergangenheit verweile. Da kommt mit dem Blick nach hinten ein Eimer dunkler Farbe in die Gegenwart und streicht die Wände meiner neuen Wohnung wie von Geisterhand.

Im Nirvana

Immer dann nämlich, wenn ich keinen Frieden schließen konnte, mit dem was geschah. Dann, wenn die Gefühle der Ohnmacht, der Enttäuschung und des Schmerzes sich jedesmal wieder neu einstellen, als passierte mir das längst Vergangene gerade wieder neu. Immer dann ist Gegenwart nicht wirklich möglich. Dann lebe ich in einer Endlosschleife irgendwo im Nirwana, nur nicht da, wo ich für mich und ein gutes Leben sorgen könnte. Darum nehme ich dieses neues Jahr dankbar als Gelegenheit an, mir die Mechanismen der Depression wieder einmal deutlich zu machen und zu erkennen: Ich ziehe eigentlich jeden Tag in eine neue helle Wohnung, unbeschmutzt und unbenutzt…



Frieden schließen

Ich kann meinen Frieden machen. Nur ich kann das. Ich brauche dazu niemanden. Diejenigen, die mir weh taten, müssen nicht einmal davon erfahren. Ich kann akzeptieren, was geschah und um meines Friedens Willen nun einen Schlussstrich darunter ziehen. Als gelebtes, vergangenes Leben kann ich es anerkennen. Ich kann es zu Grabe tragen, denn am offenen Sarg getrauert habe ich nun wahrlich lange genug. Jeden Tag, den ich der Vergangenheit nachhänge, wird von meinem Leben als Verlust abgeschrieben. Ist es da nicht besser, die Vergangenheit als Verlust abzuschreiben und nun endlich die möglichen Gewinne der Gegenwart zu realisieren? Verluste gehören zum Leben, sie sind Teil eines jeden Lebens. Den Einen trifft es härter, den Anderen weniger hart, doch bleibt die Frage müßig, warum dem so ist. So ist das Leben!

Erfahrungen als Chance

Jede Erfahrung die wir machen, ist aber auch eine Chance zum Wachstum, zur Reifung. Vielleicht werden ja manche Menschen deshalb mehr vom Leben gebeutelt, weil sie einfach die größeren Entfaltungspotenziale haben? Ich gebe zu, dieser Gedanke beginnt mir zu gefallen. Danke, Leben, dass ich jeden Tag etwas ändern kann und sei es auch nur ein winzig kleiner Schritt, den ich zu gehen vermag. Es wird ein Schritt nach vorn sein.

In diesem Sinne allen meinen Lesern ein gutes und gesundes neues Jahr!

Benno Blues


Quellen zu “Depression und Jahreswechsel”
Foto: pixabay.com

Schwermut zum Jahreswechsel

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Talita

Ja wenn ich doch nur die guten Gefühle hätte, die Wände bunt zu streichen.Leider sind diese Gefühle in der Depression nicht mehr da – oder!?

Christina Susanne

Hallo Benno,

wunderschön geschrieben! Ich würde diesen Post gern auf meinem Blog bewusstlebendig.com teilen. Wäre das ok für dich? Viele Grüße Susanne

Annie N.

Als ich deinen Text las, kann bei mir die Frage auf, wieso nur ein neues Jahr nutzen? Theoretisch gibt es viele kleine Momente damit anzufangen eine Veränderung herbeizuführen, z. B. unser Geburtstag. Für das neue Jahr alles Gute von mir!