Wie gehe ich mit Verlustschmerz um

Verlustschmerz und Depression

Verlustschmerz und Depression gehören oft zusammen

Der Verlust eines geliebtes Menschen in Form von Trennung oder Tod ist eine der häufigsten Auslöser für eine Depression. Selten empfinden wir dermaßen starke Gefühle. Je größer wir nach unserer inneren Werteordnung den Verlust empfinden, umso heftiger mixt sich der resultierende Gefühlscocktail, der dann leicht zur Überforderung führen kann. Wir glauben, die Trennung von unserem geliebten Menschen nicht ertragen zu können. Um den Verlustschmerz herum können sich Gefühle einstellen wie Erschrockenheit, Betroffenheit, das Gefühl des Verlassen seins, Einsamkeit, Angst, Hoffnungslosigkeit, Wut, Trauer, Enttäuschung, Sinnlosigkeit, Wertlosigkeit, Freudlosigkeit, Ohnmacht und Leere.


Trennung und Überforderung

Wenn wir selbst nicht mehr in der Lage sind, unseren Gefühlen in annehmender Weise zu begegnen, wir mit einer Situation überfordert sind, dann bleibt eigentlich oftmals nur noch die Flucht in die Depression, um nicht an den Tatsachen zu Grunde zu gehen. Die Depression fährt dann alle Aktivitäten in uns herunter. Sie ist im Grunde die adäquate Antwort des Körpers auf unsere Überforderung. Sie ist gleichsam die Notbremse kurz vor der Katastrophe. Gegen die Depression nach Trennung oder Verlust ist deshalb erst einmal nichts einzuwenden, denke ich. Sie hat eine schützende, bewahrende Funktion. Problematisch wird es nur, wenn die negativen Gedanken aufgrund von Trennung oder Verlust überhand nehmen, wenn der Depressive nicht mehr zurück finden kann ins Leben, obwohl er es eigentlich will.

Hilfe von außen

Dann braucht es Hilfe von außen, Unterstützung und Wegweisung und vielleicht auch ein paar Pillen. Antidepressiva sind zumeist besser als ihr Ruf. Sie können dazu beitragen, den Menschen in einer schwierigen Lebenssituation zu stützen und zu stabilisieren. Sie vermögen den Schlaf zu verbessern, zu beruhigen und ganz allgemein die Stimmung anzuheben. Ein Zeit lang ein Antidepressivum einzunehmen, halte ich deshalb durchaus für überlegenswert.



Partnerschaft und Bindung

Menschen binden sich aneinander. Von klein auf ist das so. Das frisch geborene Baby hat schon im Mutterleib eine Bindung zu seiner Mama. Es ist eng mit ihr verbunden und das nicht nur rein körperlich. Nach der Geburt kommen dann in der Regel der Papa hinzu, eventuell Geschwister und wer sonst noch so da ist und sich um den kleinen Fratz so kümmert. Bindungen schaffen Vertrauen und Sicherheit, wichtige Grundbedürfnisse eines Menschen. Und so versuchen wir im Laufe unseres Lebens, vorausgesetzt der Bindungsprozess in der Kindheit verlief einigermaßen zufriedenstellend, immer wieder uns an andere Menschen zu binden. In der Bindung an einen Partner, stellen wir das kindliche Bindungsmodell nach, dass uns einst so viel Sicherheit gab. Wir schaffen uns damit einen Raum größter Vertrautheit und Sicherheit, Annahme und Liebe. Wir sorgen füreinander und schätzen uns gegenseitig.

In einer erfüllten Partnerschaft zu leben, halte ich für die Krone eines jeden Lebens. Es ist das, wonach im Grunde Menschen streben, bewusst oder unbewusst. Eine gelungene Partnerschaft macht das Leben einfach schön. Und dann geschieht es manchmal…

Verlustschmerz

Das passiert alle Tage. Es gehört in unsere Zeit und in unser Leben, aber wir wollen nichts davon wissen, denn uns betrifft es ja nicht, denken wir. Und doch passiert es. Ein Partner geht. Sei es durch eine tödliche Krankheit, einen plötzlichen Unfalltod, eine schwere Erkrankung wie etwa Demenz, Depression oder ein lange andauerndes Koma, sei es durch den einseitig ausgesprochenen Trennungswunsch, das Fremdgehen eines Partners oder dadurch, dass der Partner vermisst wird – viele Konstellationen sind in im Zusammenhang mit dem Verlustschmerz denkbar. Für den zurückgebliebenen Teil jedoch fühlt es sich immer gleich an. Er ist nun allein. Er fühlt sich verlassen und das ist er ja auch. Ohnmächtig fühlt er sich, denn er kann nichts dagegen tun. Die Ohnmacht ist nach meiner Erfahrung eines der Schlüsselgefühle für die Depression.



Shutdown

Wenn sich die Ohnmacht meiner bemannt, dann fühle ich, wie alles in mir nach unten fährt, als ließe man das schöne wohlriechende Wasser aus der Badewanne. Alles verschwindet im Abfluss, alle Lebenskraft, alle Wärme, alle Behaglichkeit. Ich bleibe zurück in der leeren kalten Wanne und friere, bin aber nicht imstande aufzustehen und mich abzutrocknen…

 

Opfer leiden ewig

Der Zurückgelassene betrauert seinen Verlust. Er betrauert sein Alleinsein. „Ich wurde verlassen.“, denkt es immerfort in ihm. Nimm dir einmal Zeit und fühle in diesen Satz hinein! Das fühlt sich schwer an, hoffnungslos, aussichtslos, freudlos… „Ich wurde verlassen.“ Der Betroffene sieht sich als Opfer. Das Ohnmachtsgefühl, dass nach der Trennung in ihm aufsteigt, erzeugt immer auch ein Opfergefühl. Er ist Opfer einer Entscheidung, einer Katastrophe, einer Krankheit, eines Zufalls, des Schicksals oder wessen auch immer geworden und dies wird er auch bleiben. Sein Leben lang wird er nun Opfer sein und leiden. Das ist die Aufgabe von Opfern. Sie müssen leiden.  Selbst wenn sich jemand freiwillig für etwas opfert, leidet er um etwas Größeren willens.

Wie lautet die Aufgabe?

Ich habe viel darüber nachgedacht und sah mich selbst lange Jahre als Opfer. Doch was hat es mir gebracht? Ich glaube nicht, dass ich auf der Welt bin, um zu leiden. Klar gibt es Leid. Aber darum müssen wir uns nicht bemühen. Das kommt von ganz allein. Unsere Aufgabe ist es doch, glücklich zu sein, oder? Das sind wir uns und unserem Leben schuldig, finde ich. Und wenn wir in erster Linie wir für unser Glück sorgen, dann, glaube ich, können wir auch Leid vertragen.



Trennung und Verlust annehmen

Was also können wir tun in einer Situation nach einer Trennung? Was können wir unternehmen gegen dieses Gefühl des Verlassenseins und der inneren Leere? Wie können wir der Ohnmacht  und der Opferrolle entkommen? Man kann doch nicht ändern, was geschah, oder? Nein, ändern können wir die Dinge nicht. Es ist, wie es ist. Doch müssen wir uns deswegen nun nicht ein Leben lang zermartern, klein machen und mit Selbstvorwürfen quälen. Die Dinge geschehen nun einmal, ob uns das passt oder nicht. Wie es uns jedoch damit geht, liegt einzig und allein in uns selbst begründet. Wir können zum Beispiel das Geschehene annehmen. Wir müssen uns innerlich nicht länger dagegen wehren, denn es ist ja schon Realität. Schließlich können wir es mit dem inneren Kampf, den wir führen auch nicht mehr verhindern. Es ist bereits passiert. Und es ist bereits vergangen.

Gehen lassen

Wir können ferner in Liebe auf das sehen, was wir hatten und haben und dankbar sein, anstatt zu betrauern was nicht mehr da ist. Wir können unseren Partner in Liebe gehen lassen und ihm einen Ehrenplatz in unserem Herzen einräumen. Auch wenn uns unser Partner gewollt verlassen hat, steht ihm ein Platz in unserem Herzen zu, denn eine Zeit lang war er gut für uns. Wenn wir ihn gehen lassen können, sind wir kein Opfer mehr. Wir sind der Situation nicht mehr hilflos ausgeliefert, denn wir selbst haben es jetzt entschieden: „Ich lasse dich gehen.“ Fühle einmal in diesen Satz hinein! „Ich lasse dich gehen.“ Das fühlt sich warm an und stark, bewusst und liebevoll. Und damit schaffst du auch dir die Möglichkeit, weiter zu gehen, nicht mehr in Verlustschmerz und Trauer verharren zu müssen.

Eine gute Entscheidung treffen

„Ich lasse dich gehen.“ Wenn du zu diesem Satz in der Lage bist, hast du eine gute Entscheidung getroffen für dich und dein Leben. Alle Gefühle der Schwere werden sich in den nächsten Tagen auflösen. Du brauchst dann womöglich die Depression nach Trennung oder Verlust gar nicht mehr und kannst dem Leben schon bald wieder ein Stück näher kommen.

Quellen zu „Wie gehe ich mit Verlustschmerz um“
Foto: Tim Küsters / pixelio.de

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Benno Blues

Hallo Anonym vom 13.02.18, 21:08,
ein paar mehr Worte dürften es ruhig sein, wenn du mit mir in Kontakt treten magst. Ein wenig solltest du schon auch über dich erzählen. So viel Höflichkeit erbitte ich mir aus. Liebe Grüße Benno

Anonym

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Benno Blues

Lieber Leser vom 22.08.14 23:43,da stimme ich dir voll und ganz zu. Hinterbliebene von Suiziden fühlen sich immer schuldig. "Ach hätte ich mal…", klagen sie sich immer wieder an. Die Gefahr, selbst an einer Depression zu erkranken, ist im Umfeld eines Depressiven weitaus höher, als im normalen Lebensumfeld. Momentane Belastungen aus Familie und Beruf tun ihr Übriges. Es ist hart. Und es tut sehr weh.Aber der einzige Mensch, der dir da raus helfen kann, ist nicht gegangen. Der einzige Mensch, der dies kann, liest gerade diese Zeilen hier. Wenn jemand dich aus deinem Tal führen kann, dann bist du es.… Weiterlesen »

Anonym

Im groben und ganzen mag das funktionieren, aber ich denke es ist nicht immer so leicht. Wenn der Partner zB, an depressionen stirbt, hnterläßt das fürchtelich viele Fragen. Du machst Dir teilweise selber Vorwürfe. Dann hast Du vieleicht noch 2 kleine Kinder für die du da sein mußt, arbeiten auch noch. Dann hast Du selber noch nach 3 jahren mit Anwälten und so zu tuen, dann wirst Du immer daran erinnert was geschehen ist und, dass nichts mehr so sein wird wie es war. Deine eigene reaktive depression frißt Dich auf, Du bekommst selber Suizidgedanken. Du schafst es, weißt aber… Weiterlesen »

Anonym

Sehr schön menschlich,verständlich geschrieben.der satz ich lass dich gehen, tut mir richtig weh…ich kann ihn nutzen wie weit ich mit meiner trauer bin…