Das regt mich auf – Die Bedeutung von Ärger

Ärger

Was mich am anderen stört, hat mehr mit mir selbst zu tun.

Ärger kommt überall vor. Jeder von uns kennt vermutlich Menschen, die er nicht besonders gut leiden kann. Allein schon, wenn wir sie von weitem sehen, sind wir „bedient“. Wir können sie nicht „riechen“, ihnen nicht „auf“s Fell gucken“, wie es so schön heißt.  All diese Redewendungen machen deutlich, dass wir uns unwohl fühlen, wenn uns diese Menschen nahe kommen. Wir wollen sie nicht in unserer Nähe haben…


Oftmals ist es uns aber gar nicht möglich, ihnen auszuweichen. Mitunter sind es unsere Geschwister, unsere Nachbarn oder unsere Kollegen, Mitglieder unserer Kirchengemeinde oder des Sportvereins, indem wir einen Teil unserer Freizeit verbringen. Es gibt nur drei Möglichkeiten, wie wir zu anderen Menschen stehen können. Entweder sie sind uns sympathisch, wir hegen eine Antipathie gegen sie oder sie sind uns egal. Entweder wir nehmen sie an, wir behandeln sie mit Ablehnung oder wir ignorieren sie. Die meisten von ihnen werden uns wohl egal sein, fallen uns nicht einmal auf. Aber diejenigen, die eine Emotion in uns auslösen, lohnt es durchaus, einmal näher zu betrachten. Menschen, die zum Beispiel Ärger in uns auslösen oder etwas in uns bewegen, spiegeln uns etwas wieder, erzählen uns etwas über uns selbst.



 

Sich von außen betrachten

Die wenigsten Menschen haben leider die Fähigkeit, sich selbst von außen zu betrachten. In Situationen der Überforderung kennen wir vielleicht das Gefühl, neben uns zu stehen. Wir können uns dann von außen sehen, wenn wir hilflos da stehen und nicht wissen, wie uns geschieht. Unter der Überschrift „Symptome psychischer Erkrankungen“ gibt es dafür den Begriff der Depersonalisation. Hierbei kommt es zu einer veränderten Wahrnehmung, so als würdest du deine Umwelt aus einer veränderten Perspektive, also von weit weg, von außerhalb deines Körpers, durch ein Fernglas oder wie auf einer Kinoleinwand sehen.

Diese Art der Wahrnehmung hat aber nichts mit den Wahnvorstellungen aus dem psychotischen Formenkreis zu tun. Dir ist bewusst, was du erlebst und dir ist auch bewusst, dass du in Wirklichkeit in diesen Körper gehörst. Die Depersonalisation tritt nicht nur bei psychisch Kranken auf, gilt vielmehr als Alltagsphänomen und wird erst ab einer gewissen Häufigkeit als krankhaft eingestuft. Es kann also durchaus jedem von uns passieren, dass wir so etwas erleben.

 

Schwarmintelligenz

In der Regel sind wir  darauf angewiesen, dass andere Menschen uns verbal oder nonverbal mitteilen, welche Außenwirkung wir haben. Wir selbst sehen uns zumeist so, wie wir uns gern sehen möchten. Es ist unser Ideal, das wir hier sehen. Wir sehen den Menschen, den wir sehen wollen, der wir sein mögen oder glauben, sein zu sollen. Dabei sehen wir uns durch einen Filter hindurch, den Filter unserer Erfahrungen und unserer Erziehung. Andere Menschen sehen uns anders. Und das ist auch gut so. Durch sie können wir etwas über uns erfahren, können wir erkennen, wie wir in Wirklichkeit sind.

Natürlich gucken die Anderen auch durch ihre ganz persönlichen Filter von Erfahrung und Erziehung. Sie sehen auch etwas, was sie gern sehen wollen. Das ist bei allen Menschen so. Aber die Summe der Wahrnehmung nähert sich der Wahrheit immer mehr an. „Es gibt drei Wahrheiten“, heißt es in einem chinesischen Sprichwort, „meine Wahrheit, deine Wahrheit und die Wahrheit.“ Je mehr Übereinstimmung es gibt in den „Wahrheiten“ einzelner Menschen, umso mehr nähern wir uns der eigentlichen Wahrheit an. Es ist wie mit der Schwarmintelligenz. Einzelne können sich irren, der Schwarm eher nicht. Die Gaußsche Normalverteilungskurve macht dies anschaulich. Dort wo es die meisten Übereinstimmungen gibt, liegt die Wahrheit. Die Fehler liegen an der Rändern und können unberücksichtigt bleiben.



 

Die Wahrheit über mich

Wir tun gut daran, die Wahrheit über uns dankbar anzunehmen. Die Wahrheit über uns hilft uns, unser Leben zu meistern, glücklich zu werden. Es nützt doch nichts, wenn ich mich ein Leben lang bemühe, ein guter Schwimmer zu werden, wenn ich in Wirklichkeit ein Vogel bin. Irgendwann werde ich über das viele Schwimmen das Fliegen verlernt haben.

Die Wahrheit über mich bringt mich mit der Wirklichkeit in Einklang, bringt mich mit mir selbst in Einklang. Die Wahrheit über mich kann mir Frieden und Glück bescheren, wenn ich denn bereit bin, sie anzunehmen. Von Menschen, die uns sympathisch sind, werden wir eventuell in der Lage sein, diese Wahrheit anzunehmen. Bei Menschen, die uns unsympathisch sind, wird die Sache schon etwas schwieriger. Hier unterstellen wir schnell, dass sie uns nur weh tun wollen. Hier machen wir lieber dicht. Ablehnung kommt ins Spiel. Denen trauen wir die Wahrheit über uns lieber nicht zu…

 

Was meinen Ärger erzeugt

Es gibt so Menschen, die regen mich einfach nur auf, die finde ich unmöglich. Ich kann sie nicht leiden, weil sie sich womöglich immer in den Mittelpunkt schieben. Oder es stört mich, dass sie so laut und schrill sind. Vielleicht finden ich es unerträglich, dass sie immer dazwischen reden oder immer das letzte Wort haben? Ich finden sie unhöflich, frech oder gar ordinär. Gern stört mich auch ihre Arroganz, ihre Unbekümmertheit oder ihr, meiner Meinung nach, zu großes Selbstbewusstsein. Vielleicht ist es aber auch ihre Unordnung, ihre Faulheit oder die Unpünktlichkeit? Ich lade dich einmal ein, diese Aufzählung für Menschen, die dich aufregen, zu ergänzen. Nimm dir einen Zettel und notiere! Auf diese Weise kannst du eine Menge über dich erfahren, denn dein Ärger kommt nicht von ungefähr.

All diese Menschen sind in Wirklichkeit unsere Spiegel. Der bekannte deutsche Psychologe Robert Betz nennt sie augenzwinkernd „Arschengel“, weil wir sie zwar doof finden, sie uns aber dennoch einen großen Dienst erweisen, etwas zum Geschenk machen. Doch wie das so ist mit Geschenken, man kann sie annehmen oder zurückweisen. Man kann sich über sie freuen oder sie geringschätzen, ja sich sogar über sie ärgern. Oftmals ist es nämlich so, dass wir mit den genannten Eigenschaften nur deshalb ein Problem haben, weil wir selbst so sind. Ärger und Ablehnung haben meist mehr mit uns selbst als mit dem Anderen zu tun. Es sind Eigenschaften, die wir selbst haben, aber aus irgendwelchen Gründen, zumeist Gründen kindlicher Erziehung an uns ablehnen. „Das tut man nicht!“, „Das darf man nicht“, „Das gehört sich nicht!“, sind so gängige Charakterverbieger.



 

Das tut man nicht

Und wir Deppen halten uns sogar daran, und versuchen ein Leben lang so zu sein, wie man es uns eingetrichtert hat. So sind wir aber gar nicht. In Wirklichkeit würden wir vielleicht viel lieber selbst im Mittelpunkt stehen, aber das tut man ja als bescheidener Mensch nicht. Wir würden vielleicht gern selbst einmal frech oder ordinär sein, aber was sollen die Leute dann von uns denken? Nein, das tun wir nicht. Wir versagen uns nicht selten, so zu sein, wie es unserem Naturell entspricht. Eigentlich logisch, dass es uns sauer macht, wenn Andere sich über die Regeln der Gesellschaft hinwegsetzen und einfach so sind, wie sie sind. Natürlich trifft das auf unsere Ablehnung und erzeugt Ärger! Doch im Grunde lehnen wir nicht sie ab. Unbewusst lehnen wir uns selbst ab, lehnen etwas in uns selbst ab.

Missgunst

Wir mögen diese Eigenschaften nicht an uns, dann soll sie bitte schön auch niemand anders ausleben dürfen! Wir missgönnen ihnen dies und vor allem natürlich uns selbst. Dabei ist doch nicht Schlechtes daran? Alle Führungspersönlichkeiten und Schauspieler, alle großen Menschen der Geschichte waren Menschen, die in der Lage waren, sich in den Mittelpunkt zu stellen, selbst Buddha, Mohamed und Jesus Christus. Wäre dem nicht so, würden wir sie auch nicht kennen. Mit anderen Eigenschaften ist es nicht anders. Sind es nicht gerade die Frechen oder Ordinären, die uns immer wieder zum Lachen bringen? Sind es nicht die Stolzen, Selbstbewussten oder Arroganten, zu denen wir gern aufschauen?

Wenn uns ihre Faulheit aufregt, dann sind wir vermutlich fleißige Menschen. Wir sind so fleißig, weil wir als Kinder gelernt haben, dass wir gut sind, wenn wir fleißig sind. Manche Menschen sind so lange fleißig, bis sie einen Burnout erleiden. Doch tief in ihrem Herzen wären sie auch gern einmal faul. Aber das erlauben sie sich nicht. Dasselbe gilt für Ordnung und Unordnung, Pünktlichkeit und Unpünktlichkeit usw. Ärger über jemanden hat also tatsächlich viel mehr mit unseren eigenen Eigenschaften zu tun als mit den Menschen, die wir vordergründig ablehnen.



 

Wer kann hier wen nicht leiden?

All dies passiert unbewusst. Du denkst, es liegt daran, dass die Anderen so sind, aber daran liegt es nicht. Es liegt an dir selbst. Deine eigenen Eigenschaften sind es, die du hier mit Ablehnung strafst, die deinen Ärger hervorrufen. Es bist du, den du ablehnst. Und kannst du dir nun vorstellen, wie es ist, mit einem Menschen zusammen zu leben, der sich in weiten Teilen selbst ablehnt? Kannst du dir ausmalen, dass das nicht unbedingt eine Freude ist? Nicht andere Menschen machen dir dein Leben schwer. So leid es mir tut, diese Erkenntnis vermitteln zu müssen, du bist es selbst. So wie du in der Lage bist, „Ja“ zu diesen Eigenschaften zu sagen, sie liebevoll anzunehmen und zu integrieren, sie quasi nach Hause zu holen, in dem Maße wird dein Leben leichter und schöner werden. Du wirst du dich wohler mit dir fühlen.

Und eine Kontrollmöglichkeit hast du auch. Wenn dich Unordnung bei anderen nicht mehr aufregt, wenn du diesen Ärger nicht mehr spürst, dann bist du bei dir angekommen. Wenn du schmunzeln kannst, wenn sich jemand in den Mittelpunkt schieben muss, dann erlaubst du dir auch, so zu sein, wie du bist. Weite Teile deines Lebens wirst du womöglich schon hinter dir haben, wird es da nicht Zeit, die unbewussten Anteile in dir heraufzuholen und mit Leben zu erfüllen? Wäre es nicht cool, dass wenn du irgendwann von dieser Welt gehst, du sagen könntest: Ich habe  gerade noch rechtzeitig die Kurve gekriegt. Am Ende meines Lebens habe ich als der gelebt, der ich war. Ich war mir treu…

Quellen zu „Das regt mich auf – Die Bedeutung von Ärger“ (Stand 25.01.2018)

Wikipedia Foto: Jerzy / pixelio.de

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