Erfolgreich sein müssen

Erfolg haben müssen
Immer mehr und immer mehr

Fast alle Menschen streben danach. Es scheint wie eine Droge zu sein. Und in der Tat laufen im Falle eines „Erfolges“ ähnliche Vorgänge ab wie bei Menschen, die unter Drogeneinfluss stehen. Das Belohnungszentrum im Gehirn, der sogenannte Nucleus accumbens, wird aktiviert und überschüttet uns mit einen Gefühl von Glück und Zufriedenheit. Auch Dopamin, unter anderem verantwortlich für Motivaton und Antrieb, ist an diesem Vorgang beteiligt.


Bedürfnisse

Im Laufe unseres Lebens lernen wir unsere Bedürfnisse mehr oder weniger gut zu erfüllen. Erfüllen wir sie, haben wir Erfolg. Erfüllen wir sie nicht, haben wir keinen Erfolg. Erfolg ist also wichtig. Wenn sich das Gefühl des Erfolges auf Dauer nicht mehr einstellen kann, aus welchen Gründen auch immer, werden wir Menschen depressiv. Depressive Menschen verfüge nicht über geeignete Strategien, ihre Bedürfnisse adäquat zu befriedigen, heißt es. Sie fühlen sich hilflos und erfolglos. Sie glauben, ein Versager zu sein. Sie verlieren den Glauben an sich und schließlich die Lust zu leben. Einfachste Dinge sind dann schon zu viel. Die Abwärtsspirale beginnt sich zu drehen. 

Manche Menschen sparen sich auch den Umweg über die tatsächliche Bedienung ihrer Bedürfnisse und stimulieren ihr Belohnungszentrum auf direktem Wege – sie nehmen Drogen. Bei ihnen stellen sich diese Gefühle dann ohne vorhergehende Handlungen ein. Sie tricksen quasi ihr Gehirn aus, leider mit den uns allen bekannten Folgen. Der Grund hierfür ist: Menschen wollen sich einfach gut fühlen. Auch Tiere wollen das übrigens. Selbst bei Fadenwürnern hat man Strukturen entdeckt, die für eine Belohnungsreaktion verantwortlich zeichnen. 



Was ist Erfolg

Erfolg fängt ganz einfach an. Wenn der neugeborene Säugling, noch halb blind, tastend und schnuppernd die Brust seiner Mutter findet, dann ist das wohl sein erster Erfolg. Er hat Hunger und kann ihn nun stillen. Das fühlt sich gut für ihn an. Und so nimmt die Geschichte ihren Lauf, im wahrsten Sinne des Wortes. Kinder laufen hinein in eine erwachsene Welt. Die Erwachsenen sind es überwiegend, die festlegen, was ein Erfolg ist und was nicht. Das fängt schon früh an, nicht erst in der Schule. Wir Eltern geben ja gern der Schule die Schuld, wenn es mit der Erziehung nicht so recht klappen will. Was hier aber in Wirklichkeit hinterfragt werden sollte ist, was definieren wir als Erfolg? Wenn es ein Erfolg für die Eltern ist, dass sich das Kind beim Spielen nicht schmutzig macht und sie loben und bestrafen ihr Kind solange, bis es die Lektion gelernt hat, die wir Erwachsene dann Erziehung nennen, dann reden wir von Erfolg. Eigentlich ist es ein „Erfolg“ von Mama und „Papa“, aber das Kind lernt durch Imitation: Das ist ein Erfolg. Und so lernt es mehr und mehr, was ein Erfolg ist. In krasserer Form passiert dies dann später auch in der Schule, die aber eigentlich nur auf das Monster vorbereitet, das danach kommt – die Arbeitswelt. 

Gut ist nicht genug

Es geht immerfort nur noch um ein Wort: Mehr! Es geht um das „besser machen“. Es geht um das „mehr schaffen“. Wir nennen das ganze dann eine moderne Leistungsgesellschaft oder sprechen gar von einer sozialen Marktwirtschaft. Eine Leistungsorientierte Marktwirtschaft wäre vermutlich die treffendere Bezeichnung. Denn eben diese Gesellschaft macht den Menschen glauben, man könne immer weiter steigern. Es geht nicht mehr um Inhalte, es geht um Prozente. Um den Menschen geht es schon lange nicht mehr, nur noch um sein Geld. Und was, wenn er keines hat? Dann wird er zur Belastung. Dann reden wir schnell von sozialem Missbrauch. Wer nicht arbeitet, der solle auch nicht essen! Was aber ist daran noch sozial? Wenn die Gesellschaft heute daran interessiert ist, dass ich gesund bin, dann doch wohl deshalb, damit ich das Vermögen meines Arbeitgebers vermehre, den Staatshaushalt nicht belaste und der Krankenkasse möglichst wenig Geld koste. Erfülle ich unter anderem all dies, bin ich ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft. Erfülle ich dies nicht, werde ich schnell aus der Mitte und an den Rand unserer Gesellschaft gedrängt. 

Die Abwärtsspirale

Nehmen wir an, jemand wird ernsthaft krank, was ja passieren kann. Er hat es leider nicht geschafft, die vierzehnte Million voll zu machen, weil er sich für eine Familie mir Kindern entschied. Er war nie arm, aber eben auch nicht wohlhabend. Nun wird er krank und fällt aus. Eine Zeit lang übernimmt die Krankenkasse. Natürlich bekommt er nicht sein volles Gehalt, das ist nur Beamten vorbehalten. Er muss jetzt mit deutlich weniger auskommen und zwar so, dass es schon auch weh tut. Dass ist sicherlich Absicht, denn schließlich soll er ja einen Ansporn haben, wieder gesund zu werden. Nach 78 Wochen war es das dann mit dem Krankengeld. Nun gibt es nichts mehr. Jetzt greift Netz Nummer zwei: Arbeitslosengeld. Das Geld wird wieder weniger. Der Betreffende muss sich nun arbeitssuchend melden, obwohl er dazu gar nicht in der Lage ist. Es gibt nicht einmal geeignete Formulare für so einen Fall, was auch deutlich macht: In so einem Fall wollen wir nicht helfen. Ich musste damals bewusst Falschangaben im Antrag auf Arbeitslosengeld machen, sonst hätte ich kein Arbeitslosengeld bekommen. Dabei war ich gar nicht arbeitslos und schon gar nicht arbeitssuchend. Ich hatte eine feste Arbeit. Ich war nur krank und das eben schon sehr lange.

Schafft es der kranke Mensch bis in Netz drei, erhält er eine Erwerbsminderungsrente. Im Schnitt sind das 600-700 Euro im Monat laut statistischen Angaben. Schafft er es nicht, wird er zum Sozialfall, was aber nichts macht, denn mit 600-700 Euro ist er dies auch. 

Diejenigen die gesund bleiben, leben ständig an der Grenze zum krank werden. Der Leistungsdruck, der sich ständig verschärfende Ton in den Firmen und Institutionen, der Mangel an Freizeit und Gelegenheit zu entspannen, all diese Dinge tragen dazu bei, dass wir alle mehr oder minder erfolglos dem Erfolg nachjagen. Ich möchte ehrlich gesagt, weder in der einen noch in der anderen Gruppe sein. 



Erfolg neu definieren

Ich wünsche mir eine Welt, in der mein Erfolg daran gemessen wird, wie viel  Frieden ich heute gestiftet habe. Ich wünsche mir eine Welt, in der mein Erfolg daran gemessen wird, wie viele Menschen ich heute zum Lächeln brachte. Und ich wünsche mir eine Welt, in der mein Erfolg daran gemessen wird, wie viel Liebe heute durch mich in die Welt kam. Wir reden immer von einer menschlicheren Welt, aber die Wahrheit zeigt sich als Zerrüttung, Trennung, Betrug, Unrecht und Krieg. Warum ist das so? Das ist vermutlich deshalb so, weil wir den Menschen schon lange nicht mehr in den Mittelpunkt unseres Lebens gestellt haben. Der Schauplatz unseres Lebens heißt nicht Mitgefühl. Der Schauplatz unseres Lebens heißt heute: Leistung. Vollbringen wir die geforderte Leistung, haben wir Erfolg. Wir fühlen uns wohl. Kurzzeitig jedenfalls. Doch alles hat seinen Preis. Ständig an die Grenzen der Belastbarkeit zu gehen, zahlt sich nach meiner Erfahrung auf Dauer nicht aus.

Was können wir tun? Wir könnten es zum Beispiel als Erfolg werten, keine Überstunden mehr zu machen. Wir könnten es als Erfolg werten, Zeit mit den Menschen verbringen zu dürfen, die uns etwas bedeuten. Wir könnten es als Erfolg werten, nicht alles haben zu müssen, was Paul von nebenan auch hat.

Der kleine Erfolg

Manchmal haben wir auch deshalb keinen Erfolg, weil wir die Erwartung an uns selbst einfach zu hoch hinaus geschoben haben. Wir machen es, wie es alle tun. Wir schimpfen zwar auf den Chef, wenn wir immer mehr leisten sollen, fordern aber auf der anderen Seite selbst immer mehr auch von uns selbst. Menschen mit Depressionen sind oftmals Menschen gewesen, die zu besonders hohen Leistungen imstande und auch bereit waren. Solche Menschen haben sich selbst solange ausgebeutet, bis sie leer waren und so fühlte es sich am Ende dann auch an.

Für ein Erfolgsgefühl brauchen wir keine astronomisch hohen Leistungen vollbringen. Es liegt allein an unserer Bewertung. Halten wir diese oder jene Leistung für einen Erfolg? Dann ist es auch einer. Sicher wäre es auch ein Erfolg, die Depression hinter sich zu lassen, aber für den Anfang ist dieses Ziel unrealistisch, nicht umsetzbar und verstärkt deshalb die Depression. Ein Annehmen-Können der eigenen Krankheit wäre so ein erster Erfolg. Sich selbst annehmen können, wäre ein weiterer Erfolg. Aber selbst dass wären schon Etappenziele.  



Erfolge kannst du dir jeden Tag selbst verschaffen. Wenn du es geschafft hast, eine Stunde spazieren zu gehen, dann kann das ein Erfolg sein. Wenn du deine Wohnung aufgeräumt hast, dann kann das ein Erfolg sein. Wenn du Kontakt zu einem Freund aufgenommen hast, bei dem du dich schon lange hättest melden wollen, dann kann dies ein Erfolg sein. Wenn dir die Schönheit der Natur heute besonders aufgefallen ist, kann auch dies ein Erfolg sein. Es kann aber auch ein Erfolg sein, nicht den ganzen Tag über vergangenes Leid nachzudenken. Ebenso kann es ein Erfolg sein, jemandem zu vergeben, auf den man sauer war. Was immer es ist, verlange nicht zu viel von dir. Sieh dir an, wo du etwas ändern möchtest in deinem Leben und feiere dann deine kleinen Erfolge, denn diese Erfolge sind es, die dich wirklich weiter bringen im Leben.

Wen interessiert es schon, welche Leistungen du auf der Arbeit vollbringst? Doch höchstens die Finanzbuchhaltung, aber auch nicht wirklich. Die Menschen um dich herum wollen vielmehr wissen, was du denkst, wie du fühlst, wie du die Welt wahrnimmst. Sie interessieren sich für deine Träume, für deine Erfahrungen und deine Ansichten. Du bist viel mehr als das, was du kannst oder nicht kannst. Du bist einzigartig und doch vielseitig, besonders aber nicht ungewöhnlich. Du bist du. Du bist wunderbar. Ein erster Erfolg könnte es vielleicht ein, davon einmal eine leichte Ahnung zu bekommen…

Quellen zu „Erfolg haben müssen“
Das Belohnungssystem: dasgehirn.info  Foto: pixabay.com

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