Vulnerabilität und Depression – Warum tust du mir weh?

Verletzlichkeit und Depression

Immer wieder mache ich als depressiver Mensch eine Erfahrung ganz besonders oft. Immer wieder erlebe ich intensiv, was anderen Menschen so nicht in dieser Häufigkeit und Stärke zu widerfahren scheint. Immer wieder begegne ich dem Schmerz in meinem Leben. Bleibt dies jetzt bis an mein Lebensende so oder gibt es eine Möglichkeit, diesem Muster zu entwachsen? Kann ich lernen, anders in die Welt zu sehen und die Verantwortung für meinen Schmerz in mir selbst festzumachen, anstatt sie anderen Menschen zuzuweisen? Oder bleibe ich jetzt zeitlebens vulnerabel?


Vulnerabilität und der Schmerz in meinem Leben

Ich weiß nicht, ob es der Schmerz ist, der mich in die depressiven Phasen hinab gleiten lässt oder ob ich in solch einer Phase einfach nur besonders empfänglich für ihn bin. Vermutlich ist an beidem etwas Wahres. Eine Studie hat ergeben, dass Menschen in depressiven Phasen schmerzhafte Erfahrungen deutlich intensiver wahrnehmen, als außerhalb dieser Zeiten. Die Fachleute nennen das Vulnerabilität, was soviel heißt wie Verwundbarkeit. Dazu wurden Menschen mit chronischer Depression im Verlauf dieser Studie verschiedene Bilder gereicht. Die Bilder zeigten entweder eine Hochzeits- oder aber eine Trauerszene. Aus jedem Bereich waren gleich viele Bilder vorhanden. Hinterher wurden die Probanden dann befragt, welche Fotos wohl häufiger vorkamen. Dabei äußerten sich diejenigen, die sich in einer akuten depressiven Phase befanden, eher in der Art, dass sie glaubten, die Trauerszenen hätten deutlich überwogen.



Eingeschränkte Wahrnehmung

Wundert mich das Ergebnis dieser Studie? Ich denke, nein. Es stimmt mit meinem subjektivem Erleben überein. Deshalb finde ich es tröstlich, auf Forschungsergebnisse wie diese hier zu stoßen, weil mir die Erinnerung daran in Phasen, wo ich die Welt eher düster und hoffnungslos wahrnehme, helfen kann, meine eigenen Gedanken in Frage zu stellen. Hätte ich dieses Wissen nicht, würde ich tatsächlich glauben müssen, alles wandele sich zum Schlechten hin. Hoffnungslosigkeit wäre das einzig adäquate Gefühl dazu. Dem ist aber mitnichten so.

Jeder hat seine eigene Wahrheit

Allein meine Wahrnehmung ist eingeschränkt in dieser Zeit, ein Phänomen unseres Gehirns übrigens, das immer dann auftritt, wenn wir uns auf etwas fokussieren. Immer dann blenden wir so gut es geht aus, was es sonst noch alles gibt. In diesem Fall sind es Ereignisse oder Eindrücke, die positive Gefühle hervorrufen könnten. Wir können sie nicht wahrnehmen, weil wir derzeit nicht an ihre Existenz glauben können. Dennoch sind sie da. Jeden Tag. Materialisten würden sagen: Die Welt ist wie sie ist! Wenn dem jedoch so wäre, dann wären wir Menschen vermutlich immer einer Meinung, denn es gäbe dann nur eine Wahrheit. Tatsächlich aber ist die Welt so, wie sie jeder einzelne von uns wahrnimmt im Moment der Inaugenscheinnahme. Meine Wahrnehmung bestimmt meine Realität. Meine Wahrnehmung bestimmt meine Wahrheit.

Warum tust du das?

Es scheint ein ewiges Karussell zu sein, dem ich nicht zu entsteigen vermag. Mein Leben dreht sich um mich herum, manchmal langsam, manchmal schnell, aber immer im Takt der Musik, die aus den umstehenden Lautsprechern des Lebens dröhnt. Und immer wieder begegne ich ihm, diesem Schmerz, den ich doch so gar nicht haben will. Immer wieder stehen da Menschen und erinnern mich an meinen Urschmerz. Selbst jene, die um mich und meine Verletzungen wissen, tun das. Jene sogar ganz besonders. Von ihnen hätte ich es nicht erwartet. Ich zählte auf ihre Empathie, ihr Wohlwollen. Ich vertraute ihnen, vertraute mich ihnen an mit meiner Verwundbarkeit.

“Warum tun sie das?”, frage ich mich. Sie wissen doch um meine Vulnerabilität seit der Depression? Sie wissen doch, das mir das weh tut. Auch wissen sie, dass ich ein Problem mit der Verlustangst habe. Weshalb also sind sie nicht behutsamer und ersparen mir Situationen, in denen diese Angst wieder groß werden muss? Tun sie das vielleicht sogar mit Absicht? Tun sie es, um mir ihre überlegene Position vor Augen zu halten?

Ich fühle mich angegriffen

Spätestens jetzt nämlich muss ich mich wehren. Oder besser noch, ich gehe zum Gegenangriff über. Angriff sei ja die beste Verteidigung, heißt es. Ich heize das Geschehen an. Die Dynamik ist nun in vollem Gange. Oder aber ich ziehe mich kraftlos zurück, weil ich das Gefühl habe, dem allem gerade nicht gewachsen zu sein und beuge mich ihrer Stärke und Aggressivität, als die ich ihr Verhalten empfinde. Dabei ist Rückzug keinesfalls ein rein defensiver Akt. Im Rückzug mache ich mich unerreichbar. Ich entziehe mich der Möglichkeit, Missverständnisse zu klären oder den Blick wohlwollend auf mein Gegenüber zu richten. Ich gehe stumpf aus der Beziehung. Ich breche ab.



Rückzug bedeutet Beziehungsabbruch

Rückzug gleicht immer auch einem Beziehungsabbruch und obschon ich weiß, dass ein Rückzug manchmal wichtig ist, um wieder in die eigene Mitte zu kommen, instrumentalisiere ich meinen Rückzug in destruktiver Weise. Ich gehe unvermittelt aus der Situation. Ich erkläre mich nicht. Ich vermittle nicht meinen derzeitigen Gefühlszustand oder bitte um Verständnis. Ich stelle mein Gegenüber nicht schuldfrei und auch nicht eine Wiederaufnahme der Beziehung in Aussicht. Ich bin verletzt und ziehe mich zurück. Soll er doch auch mal sehen, wie sich das anfühlt… dieser…!! Ohne, dass mir dies bewusst wird, bin ich die ganze Zeit der Initiator dessen, was geschieht. Die ganze Zeit über halte ich alle Fäden in der Hand… denn all dies spielt sich, wie jedes Mal, nur in meinem Kopf ab…

Aus Verstrickung befreien

Ich halte es für wichtig, mir von Zeit zu Zeit diese Mechanismen einmal vor Augen zu führen. Es sind immer dieselben Muster denen ich folge. Ich bin verstrickt in meine Vergangenheit, mit meinen Erinnerungen, meinen Erlebnissen, insbesondere mit Erlebnissen des Mangels und der Trennung. Ich fühle in einer bestimmten Situation einen Schmerz und ordne dann den Schmerz dieser Situation zu und dem Menschen, der ihn vermeintlich auslöste. Es ist jedoch zumeist alter Schmerz. In meinem Fall ist es der Schmerz des Verlustes meiner Mutter, als ich sechs Jahre alt war. Ein Kind versteht so etwas nicht. Und dieses Kind lebt noch heute in mir. Es ist mein Schmerz.

Ein alter Schmerz

Es ist jedes Mal mein Schmerz, Schmerz für den niemand etwas kann. Menschen und Situationen erinnern mich nur daran, rühren an jenem Gefühl, dass dann sofort wieder groß wird. Es ist jedoch nicht ihre Absicht, dies zu tun. Auch sie sind in ihrem Schmerz gefangen. Auch sie stecken in ihrer ganz eigenen Dynamik. Wenn mich jemand verletzt, dann vermutlich nur deshalb, weil er gerade vor Schmerz um sich schlägt, weil er verzweifelt ist, weil es ihm selbst gerade weh tut oder er verunsichert ist und nicht mehr in der Lage, so empathisch zu sein wie sonst.



Zwei verletzte Kinder

Wäre ich imstande, dies in solch einer Situation zu erkennen, müsste ich überhaupt nicht erst in meine Schmerzspirale eintreten. Ich könnte den Schmerz dort lassen, wo er ursprünglich war, bei meinem Gegenüber. Ich könnte differenzieren. Nun hätte ich zwei Möglichkeiten. Ich könnte mich abwenden und alles dort belassen, wo es gerade hingehört. Ich könnte mich dem aber auch zuwenden, könnte Mitgefühl entwickeln, könnte Verständnis haben, eben weil ich die Not sehen würde, die tatsächlich hinter diesem gefühlten Angriff steht.

Die Frage wird also sein: Begegnen sich hier zwei verletzte Kinder oder kann wenigstens einer von beiden in der Erwachsenenposition bleiben? Oft ist Letzteres nicht möglich. Es sind eben gut eingespielte Muster, passiv erlernte Abläufe, die immer wieder genau so stattfinden. Es gibt leider selten so etwas wie eine Schrecksekunde, einen Moment des Verharrens und der Bewusstwerdung. All dies läuft in sehr kurzer Zeit ab und immer wieder auf den Schmerz hinaus. Womöglich wird dies bis an mein Lebensende so sein, gelingt es mir nicht, sehend zu werden und diesen Kreislauf irgendwann einmal zu durchbrechen.

Alte Muster aufgeben

Aber was soll ich tun? Ich habe doch gar keine Chance, etwas zu ändern, wenn die Prozesse so schnell und noch dazu unbewusst ablaufen? Auch darüber habe ich mir Gedanken gemacht. So frage ich mich zum Beispiel gerade, warum die Musik, die aus den Lautsprechern der Gesellschaft plärrt, bestimmen kann, wie schnell sich mein Karussell dreht. Wieso ziehe ich von Zeit zu Zeit nicht einfach einmal den Stecker und höre auf meine eigene innere Melodie? Weshalb bemühe ich mich noch immer aus Kräften, der Welt und so wenig, mir selbst zu gefallen? Warum bin ich nicht der Trost für mein inneres Kind, anstatt unablässig in der Welt nach Trost zu suchen?

Mitgefühl ist gefragt

Konflikte lassen sich dauerhaft nicht mit Kraft lösen und auch nicht durch Rückzug. Konflikte lassen sich nur durch Mitgefühl lösen. An erster Stelle steht hierbei das Mitgefühl für mich selbst, denke ich,  gefolgt von dem Mitgefühl für andere Menschen, aber auch für Tiere, die Natur, Mutter Erde… Das Mitgefühl ist der Schlüssel für ein gutes Leben. Es entspringt einem liebenden Herzen und ist die Basis für eine gesunde Intuition. Als naturwissenschaftlich geprägter Mitteleuropäer habe ich immer meinem Kopf mehr vertraut als meiner Intuition. Ich denke, es wird nun allmählich Zeit, nach Hause zu kommen…

Quellen zu Vulnerabilität Depression und Schmerz
Foto: pixabay.com

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Carina

Vielen Dank! Es wird einem selbst beim lesen des Blogs vieles bewußt!