Der Mythos Sport bei Depression

Der Mythos Sport bei Depression

Sport soll bei Depressionen helfen. Es gibt zahlreiche Berichte darüber und empfohlen wird es auch allerorts. Die Fachleute scheinen es alle zu wissen, allein die Betroffenen habe da so ihre Zweifel. Aber warum gibt es dann noch soviel Depressive? Sport könnte doch jeder machen? Und in der Tat könnte der Sport die Psychiatrielandschaft grundlegend verändern, wären da nicht die vielen Vorurteile, die wir schon viel zu lange mit uns herumtragen.


Was mir Sport bedeutet

Schaue ich mir jedoch die durchschnittliche Bevölkerung an, kann ich nicht feststellen, dass das Verhältnis sportlich aktiver Menschen mit dem Prozentsatz Nichtdepressiver positiv korreliert. Einige Menschen scheinen eben Freude daran zu haben, sich sportlich zu betätigen, sich zu bewegen, vielleicht auch daran, sich mit anderen zu vergleichen, zu messen. Anderen wiederum und dazu zählte ein Leben lang auch ich, ist dies viel zu anstrengend. Sie vergeuden die wenige Zeit, die ihnen für sich selbst zur freien Verfügung bleibt, nicht mit so einer schweißtreibenden Schufterei und widmen ihr Interesse lieber anderen Dingen oder sind einfach mal faul. Und das soll auch so sein. Ich möchte hier nicht dazu bekehren, zum Sportsfreund zu werden. Ich möchte nur einmal preisgeben, wie es sich bei mir bis heute mit dem Sport verhielt, was sich mittlerweile geändert hat und welche positiven Auswirkungen dies zur Folge hatte. Und wenn das am Ende vielleicht doch ein wenig neugierig macht? Ein Versuch bringt ja noch keinen um und bedeutet auch nicht, dass sich sofort alles ändern muss. Es wäre ein Versuch.



Während ich hier sitze und dies niederschreibe, freue ich mich schon auf meinen allsonntäglichen Auslauf. Eine gute Stunde werde ich unterwegs sein, immer schön am Hadelner Kanal entlang, werde die Natur genießen und meine eigene Leistungsfähigkeit. Meine kleine Emily, ein Chihuahua- Mischling wird mich, wie immer, begleiten. Ich hätte es tatsächlich nie für möglich gehalten, dass ich so etwas einmal von mir behaupten werden. Aber ja, Sport tut mir gut.

Sport ist Mord

Das war auch stets meine Devise. Jene, die sich in ihrer Freizeit in Sportdresses schwangen um dann auf Joggingpfaden oder mit Nordic-Walking-Stöcken Gesundes zu tun, konnte ich nur müde belächeln. Ich fand, es sah albern aus und machte mich auch regelmäßig darüber lustig. Ich reagierte darauf. Mit Abstand betrachtet, hat das Thema mich also schon lange betroffen, es hat mich getroffen, dass andere Sport trieben und ich nicht und ich reagierte regelmäßig darauf. Zugegeben, nicht auf die charmanteste Art, aber es zumindest immer wieder mein Thema gewesen, wie ich heute erkennen muss. Wäre der Sport mir tatsächlich gleichgültig gewesen, wie ich immer vorgab, hätte mich das Thema wohl kaum immer wieder zu emotionalen Entgleisungen beflügeln können. Es lohnt sich also stets, einmal etwas tiefer zu graben, wenn uns etwas anpinkelt, wenn wir uns genötigt sehen, uns über jemand anderen lustig zu machen, denke ich.

Warum kein Sport in meinem Leben war

Als Athlet wird wohl niemand geboren. Okay, die Veranlagungen sind schon unterschiedlich, die Begabungen verschieden verteilt, aber von Natur aus ist kein Mensch unsportlich. Wir sind evolutionsgeschichtlich dafür ausgestattet, uns über lange Strecken hinweg bewegen zu können. Auf der Suche nach Nahrung waren wir Menschen dazu viele Tausend Jahre gezwungen und wären wir hierfür nicht gut gerüstet gewesen, hätte es die Erfolgsgeschichte Mensch wohl nie gegeben. Ich behaupte einmal, das mehr oder minder jedes Kind sportlich begabt ist und nimmt man sich tatsächlich einmal die Zeit und schaut einem Kleinkind eine Weile zu während es spielt, muss man wohl neidlos anerkennen, dass man das als Erwachsener so heute nicht mehr hinbekommen würde. Laufen, sich auf den Hintern fallen lassen, aufstehen, sitzen, krabbeln, drehen, aufstehen, wieder laufen, so geht das immerzu. Versuche einmal als Erwachsener die Bewegungen eines Kindes nachzuahmen. Ich denke, dass du nach kurzer Zeit k.O. bist. Trotzdem wird nicht aus allen Kindern eine Sportskanone. Wenn es also nicht die Veranlagung ist, kann es nur der äußere Einfluss sein, denke ich mir, und wenn ich so an meine Kindheit denke, dann finde ich das auch bestätigt. Mein Vater hielt sich immer für sportlich. Mit Stolz zeigte er die Fotos aus seiner Handballzeit, zurecht wie ich finde. Darauf darf man auch stolz sein. Blöd ist nur, wenn man seinem Sohn immerzu einredet, wie unsportlich er selbst doch sei, wie steif und überhaupt. Wenn dann noch bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit Witze gerissen werden, dann ist es irgendwann um die Freude an der Bewegung bestellt für den kleinen Buben. Warum auch? Papa hat doch gesagt, dass das sowieso keinen Zweck hat? Irgendwann glaubt es der kleine Junge. Irgendwann findet er Sport blöd, um für sich selbst zu rechtfertigen, weshalb er es nicht mehr versuchen mag. Aber der wahre Grund ist das nicht. Der wahre Grund liegt in der fehlenden Anerkennung des Sohnes, gerade durch den Vater.



Es kann nur Einen geben

Bei uns zu Hause verlief das immer nach der Highländermethode: “Es kann nur EINEN geben.” Ich war es jedenfalls nicht. Soviel wird bis hierhin wohl jedem klar sein. Auch wenn sich das jetzt wie Elternschelte anhört, möchte ich so nicht verstanden werden, ich möchte nur darlegen, wo alles seine Wurzeln hat. Mein Vater selbst hatte auch keinen Vater, von dem er es hätte lernen können, ein liebevoller Vater für seinen Sohn zu sein. Er verlor ihn im Krieg, als er noch ein kleiner Junge war. Dann war er wohl der Mann im Haus und musste Aufgaben übernehmen, die ihm sicher nicht alle gut taten. Jeder Mensch ist irgendwo Opfer seiner Umstände, gleichzeitig aber auch Gestalter. Menschen sind wie sie sind. Dies zu bedauern, bringt nur Unfrieden. Wichtig für mich war irgendwann nur, die Zusammenhänge zu erkennen und auch benennen zu können.

Neues Verhalten lässt sich üben

Heute mache ich es anders. Heute treibe ich regelmäßig Sport. Ich habe das Muster erkannt und durchbrochen. Ich war solange Opfer jener Umstände meiner Kindheit, wie ich selbst es zuließ. Nicht mein Vater ist Schuld daran, dass ich mein Leben lang keinen Zugang zum Sport hatte. Es war jeden einzelnen Tag meine eigene, zugegeben meist unbewusste, aber doch meine eigene und freie Entscheidung. Ich hätte es jeden Tag auch anders machen können.



Seit einem halben Jahr laufe ich wieder regelmäßig. Ich hatte schon einmal eine längere Phase, da ich dies tat, kam aber mit der Zeit wieder davon ab. Damals in der Klinik in Hildesheim fing ich mit dem Laufen an und es tat mir gut. Ich fühlte mich fit, hatte keine Rückenschmerzen mehr, wog um die 80 Kilo und war zufrieden mit meinem Körper und meiner Leistungsfähigkeit. Doch dann schlich sich wieder die Fresserei in mein Leben. Ungesunde Ernährung und zu viel Snacks am Abend taten ihr Übriges. Letzten Sommer war ich bei 106,5 Kilogramm Lebendgewicht angekommen und das Ende schien noch nicht erreicht zu sein. Jedoch reichte es mir dann plötzlich ganz gewaltig. Ich entschloss mich spontan, an einem Abnehmkurs teilzunehmen, der in einer Wochenzeitung inseriert war. Und so nahmen die Dinge ihren Lauf…

Was Sport bei Depression bewirken kann

Es ist jetzt ein gutes halbes Jahr her, dass ich wieder zu trainieren begann. Inzwischen gehe ich zwei bis dreimal in der Woche ins Fitnessstudio und sonntags auf meine Joggingstrecke. Als Rentner habe ich ja die Zeit dazu. Ich muss nicht mehr für die Geldbeutel anderer arbeiten und nehme mir nun endlich die Freiheit für die Arbeit an mir selbst. Ich habe in dieser Zeit 18 Kilogramm abgenommen und fühle mich wieder vital und leistungsfähig. Mein Blutdruck, der so hoch war, dass er mit zwei verschiedenen Tabletten behandelt werden musste, liegt nun regelmäßig bei 120:80 (ohne Pillen) und meine Cholesterinwerte sind auch gefallen, trotz meiner anhaltenden Vorliebe für Butter und Eier. Am liebsten gehe ich schon gleich morgens zum Sport, dann habe ich den ganzen Tag etwas davon. Der Sport hat mehr in mir verändert, als jedes Antidepressivum dazu in der Lage gewesen wäre und das alles ohne negative Nebenwirkungen. Sport hebt nicht nur meine Stimmung an, Sport macht mich auch regelmäßig zufrieden, Sport beruhigt mich und entspannt mich. Ich nehme mich selbst und meinen Körper anders wahr und fühle mich nun entschieden wohler mit ihm. Durch die chronische Depression hatte ich so etwas wie eine Grundschwere entwickelt. Ich selbst spüre das oft gar nicht mehr, aber von außen wird mir dies immer wieder einmal bescheinigt. Durch den Sport fühle ich mich nun ein wenig leichter, kann das Leben auch leichter nehmen und nicht immer nur so ernst wie bisher.

Vorurteile zum Thema Sport bei Depression

Ja, ich hatte sie auch, die Vorurteile gegenüber aller sportlichen Betätigung. Insbesondere aber hatte ich Vorurteile gegenüber dem Joggen bzw. Nordic-Walking und gegenüber Fitnessstudios aller Art. Ich glaubte, dass dort nur Muskelprotze vor sich hin stöhnten, während sie zentnerschwere Gewichte in die Höhe pressten. Ich hatte ja keine Ahnung! In Wirklichkeit sind die Menschen dort so verschieden, wie ich sie auf jedem Bahnhof treffen würde. Junge und Alte, Frauen und Männer, Durchtrainierte und Schmalgebaute, Dickbäuche und Athleten. Zwischen 20 und 80 findest du dort alles, was Spaß an Bewegung hat und sich selbst etwas Gutes tun möchte. Inzwischen gehe ich richtig gerne dorthin. Man kennt sich. Man nickt sich mal zu. Hier und da ergibt sich auch einmal ein Gespräch. Hätte ich nicht während meines Abnehmkurses einen Gutschein für ein kostenloses Probetraining erhalten und wäre ich heute nicht schon aufgeschlossener gegenüber Neuem, dann würde ich vermutlich immer noch mit diesem alten Vorurteil durch die Gegend laufen.

Was sind eigentlich Vorurteile? Vorurteile sind, glaube ich, Urteile die fälle, bevor ich der Sache oder der Person, um die es geht, eine echte Chance gegeben hätte. Vorurteile sind die kleinen Schwestern der Angst.

Es muss ja nicht das Joggen sein und auch nicht das Fitnessstudio. Wozu ich dich aber ermuntern möchte, ist einmal genau hin zu schauen, wenn es da irgendwo Vorurteile beim Thema Sport gibt, ob du eine besondere Abneigung gegenüber einer Sportart hast, ohne sie je wirklich ausprobiert zu haben. Denn mitunter verbergen sich hinter diesen Mauern aus Abneigung wahre Schätze für unser Leben, die einfach noch gehoben werden wollen.



Mein Fazit zum Thema Sport bei Depression

Mir hat der Sport sehr geholfen und deshalb möchte ich meine Erfahrungen an dieser Stelle gern weitergeben und gerade dem chronisch Depressiven etwas an die Hand geben, das wirklich hilft und ganz sicher nur über positive Nebenwirkungen verfügt – es gibt keinen Beipackzettel.

Eines vielleicht noch, falls du nun neugierig geworden bist. Fange klein an. Gib deinem Körper die Möglichkeit, sich allmählich an die geänderten Belastungen anzupassen. Beginne zunächst mit kleinen Spaziergängen und steigere nur langsam Tempo und Distanz. Deine Muskeln würden vielleicht mehr schaffen und dein Herz-Kreislaufsystem ist dazu vermutlich auch dazu in der Lage, aber deine Sehnen, Bänder und Gelenke müssen sich erst verstärken. Ich war oftmals zu ungeduldig und konnte im Ergebnis dann aufgrund einsetzender Beschwerden überhaupt nicht mehr trainieren. Also lieber weniger als mehr, aber dafür regelmäßig! Vielleicht probierst du es ja einmal aus? Ich verspreche dir nicht zuviel, wenn ich dir sage, es wird sich eine Menge in deinem Leben zum Guten wandeln. An vieles davon hättest du vermutlich nie gedacht…

Quellen zu “Mythos Sport bei Depression”
Foto: pixabay.com

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