Depression zerstört Beziehung – Sie gibt auf

Depression zerstört Beziehung - Sie gibt auf

Angehörige kämpfen zumeists einen noch viel hilfloseren Kampf, als die Betroffenen selbst es tun. Und nicht selten verlieren sie ihn auch, diesen Kampf, wie der nachfolgende Leserbrief eindrucksvoll schildert. Sie verlieren ihren geliebten Menschen an die Depression und müssen irgendwann schmerzlich eine Entscheidung treffen.


Angehörige – die andere Seite der Depression

Depressionen zerstören Leben, nicht nur das der Betroffenen, auch das der Angehörigen geht oftmals den Bach hinunter!! Das hört sich jetzt krass an und ist in keiner Weise ein Vorwurf gegen die Kranken.

Wir waren 25 Jahre verheiratet, kurz nach der Goldhochzeit haben wir uns getrennt – ich habe mich getrennt. Warum? Weil mein Mann schon seit Jahren depressiv ist, rückblickend würde ich sagen es gab schon vor unserer Ehe erste Anzeichen. Das Leben mit ihm war schwer, er ist ein absoluter Perfektionist, erwartet dies auch von anderen, mir, unseren 3 Söhnen, selbst dem Hund. Er kann und will keine sozialen Kontakte, ergo haben wir nie etwas unternommen. Fahrradfahren im Sommer, stundenlang mit dem Hund spazieren, das waren unsere Optionen. Kino, Tanzen, mit Freunden treffen… Fehlanzeige. Ab und zu ist er mit gekommen, zu den Freunden, hat aber vorweg schon angefangen zu motzen, er bleibe höchstens eine Stunde. Saß dann da und sprach kaum. Tolles Gefühl. Irgendwann meinte er ich könne ja alleine fahren, alleine raus gehen, alleine auf ein Konzert gehen, meine Einwände, dass es doch schöner ist wenn wir etwas zusammen unternehmen…..



Telefonieren ? Fehlanzeige, er ging nicht dran oder motzte wenn ich anrief. Unser Leben war eisiges Schweigen oder hysterisches Brüllen, oder aber der charmante Witzereißer auf unsere Kosten.

Wenn er von der Arbeit kam, war mein erster Gedanke „wie ist er drauf?“ fängt er gleich an zu brüllen? Nichts konnten die Kids ihm recht machen, Kinder sind keine Maschinen, sie sind nicht vom Militär auf Gehorsam und penetrante Sauberkeit gedrillt worden und vor allen Dingen dürfen Kinder, nein müssen Kinder auch Kinder sein dürfen, mit Lautstärke (ab und zu wenigstens) mit Freunden, mit motzen mit allem Drum und Dran.

Als er seinen Job verlor wurde er Hausmann. Er kochte (hat er immer getan) kümmerte sich um den Garten und den Hund, stundenlang. Hausaufgaben kontrollieren, Fahrdienste zu Freunden der Kids…. Mal etwas wegräumen oder gar die Spülmaschine ausräumen…. Das mussten die Jungs machen. Irgendwann hat er auch das kochen eingestellt. Um alles andere musste ich mich eh kümmern, Schule, Finanzen, seine Familie, alles.

Er hat renoviert… oder so getan…. Meine Einwände, dass wir mit dem Bad warten sollten bis genug Geld zur Verfügung stand…… abends kam ich nach Hause und die Fliesen waren ab…….. er hat dann 2 x versucht zu fliesen und es dann aufgegeben. 1 Jahr lang mit einem Badezimmer ohne Fliesen und Putz zu leben ist nicht schön.

Tapete: ich mochte die Tapete im „kleinen Flur“ sie war bedingt farbenfroh, freundlich halt. Jetzt musste der große Flur tapeziert werden. 4 Monate lang haben wir im täglichen Rhythmus darüber gesprochen, er wollte beige, ich hätte gerne die gleiche wie vorne oder aber eine ähnliche Tapete gehabt, etwas, das dazu passt. Meine Einwände wurden ignoriert, morgens fing er wie ein Plattenspieler wieder von vorne an. Als ich abends von der Arbeit kam, war die Tapete ab, Kommentar mein Mann: du wolltest doch was Passendes? Ja, passend zu dem was du gerade abgerissen hast.

Unser Treppengeländer ist zur Hälfte abgeschmirgelt, abgebeizt, whatever, es sieht sch… aus und fühlt sich total rau an. Danach hatte er keine Lust mehr, hat sich ein neues Projekt gesucht. Türrahmen? Abgeschmirgelt.

Er hat mich ständig vor Bekannten, Fremden, allen die es hören wollten schlecht gemacht. Immer Kommentare über mein Gewicht, meine Arbeit, mein Aussehen… egal, Hauptsache er konnte es als Witz verkleiden. ICH verstehe doch einfach keinen Spaß!!

Er hat mein Bild bei FB gepostet, als ich mit dem Kopf in der Kloschüssel hing…. Ist doch nur Spaß.

Er hat mich vor meinem Vater und Freunden als dumme Fotze bezeichnet… war doch ein Witz.

……. Da gibt´s noch tausend Beispiele aber muss ja nicht sein.

Im April habe ich mich von ihm getrennt, versucht hatte ich es schon öfter aber er hat immer gesagt, dass er sich ändern würde. Ich habe ihm einen Job besorgt, eine Wohnung in der Nähe so dass die Jungs ihn jederzeit sehen können (er wollte in die Walachei, ohne einen Gedanken an die Kids zu verschwenden). Ich habe bei der Einrichtung geholfen, Versicherungen, Strom Wasser Telefon alles gemacht. Warum? Weil er es nicht gemacht hat und einer muss ja dafür sorgen das es läuft.

Trotz Absprache das es jederzeit kommen könne, aber vorne herum, ist er im Garten ein und aus spaziert, meist um den Hund zu holen und sich ein zwei drei Bier zu trinken.

Er hat den Job verloren, Panikanfälle, ist vollkommen depressiv geworden und hat sich nach langem Hin und Her einweisen lassen. Vorab hat er allen Leuten einschließlich meiner Familie und Kids suggeriert das es an mir läge, geschickt, er hat ihnen nicht widersprochen, nur geweint und gezittert.

Tatsache ist, dass er als Kind missbraucht wurde und seine Mutter Alkoholikerin war. Letzteres war mir bekannt, ersteres erst seit ein paar Monaten.



Ich habe das mit dem Arbeitgeber geregelt, sorge dafür das er Geld bekommt, erinnere ihn an seine Kinder wenn er Grüße für den Hund hinterlässt, bin anfangs täglich hingefahren um ihn aufzubauen, bin von ihm je nach Laune beschimpft worden, habe Weihnachten für alle bei mir gekocht und es hingefahren und…. Habe darüber mich selbst und meine Freunde verloren. Denn die haben kein Verständnis dafür, dass er der Vater meiner Kinder ist und bleiben soll, dass er in seiner Krankheit absolut keine sozialen Kontakte aufbauen kann, auch nicht zu seinen Kindern, das ist mein Job.

Gespräche mit seinem Psychologen? Fehlanzeige, nur auf Wunsch des Patienten und auch dann darf ich nur vorsichtig ansprechen was mich belastet. Ich kann ja nein sagen, so der Psychologe. Sage ich nein, werde ich manipuliert im Sinne von er kann nicht über Nacht mal nach Hause weil ich „nein“ gesagt habe. Oder aber das Gespräch wird geblockt: „Sein Arzt rate ihm von einem Gespräch ab“

Haben die sich überhaupt mal Gedanken gemacht, dass die meisten Rückfälligen (und ich sah’s in der Klinik fast wöchentlich) zu Hause nicht klar kommen weil das persönliche Umfeld außen vor lag, es geht ja NUR um den Kranken.

Kurze Rede langer Sinn, jeder Besuch, jedes Gespräch bringt mich der Krankheit näher, es zerrt an meinen Kräften und ich muss es trotzdem tun, weil ich es ihm, meinen Mann von 25 Jahren und meinen Kindern moralisch schuldig bin, weil ich halt so bin und nicht mehr in den Spiegel gucken könnte, würde ich ihn fallen lassen. Aber es wäre so schön, wenn das Verständnis und die Unterstützung der Freunde sich nicht nur auf 2-3 Wochen beschränken würden, wenn Sie auch nicht die Entscheidung verstehen, so könnten sie doch wenigstens trotzdem einfach da sein, aber das ist wohl zu viel verlangt. Auf Unterstützung durch irgendwelche Institutionen hoffe ich schon gar nicht mehr.

Sorry, veröffentlichen oder nicht – es musste einfach mal raus.



Quellen zu „Depression zerstört Beziehung – Sie gibt auf „
Foto: pixabay.com

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