Erwartungen und Enttäuschungen

Erwartungen

Erwartungen enden oft leidvoll

Jeder hat sie, das kleine Kind und der sterbende Greis, die junge Mutter und der alleinerziehende Vater. Feuerwehrleute haben sie ebenso wie Pastoren, Verkäuferinnen wie Staatsanwälte – es geht um Erwartungen. Kaum jemand kann sich dem Einfluss von Erwartungen völlig entziehen. Sie sind einfach da. Manche von ihnen entstehen bewusst, viele aber auch unbewusst, gleichsam als erlerntes Programm. Sie werden gebildet aus der Summe unserer Erfahrungen. Leider sorgen Erwartungen im Leben immer wieder für Enttäuschungen, so dass man irgendwann vielleicht versucht ist, den eigenen Erwartungen ganz und gar abzuschwören…


„Fordere viel von dir selbst und erwarte wenig von den anderen. So wird dir Ärger erspart bleiben.“  Konfuzius

Aber so ganz ohne Erwartungen zu leben, das wäre dann ja wohl auch nur wieder schwarz/weiß gedacht, oder? Was wäre denn das Leben ohne Erwartungen? Wäre es auf eine gewisse Weise nicht auch langweilig?



 

Was sind Erwartungen

Erwartungen beschäftigen sich mit der Zukunft. Sie fallen in die Rubrik, Wünsche und Sehnsüchte. Auch in der Gruppe der Befürchtungen, finden wir sie wieder. Sie kommen dem aber nicht gleich. Erwartungen, versuchen die Zukunft vorweg zu nehmen. Auf die gedachte Weise habe es stattzufinden. So und nicht anders. Nun, jeder von uns weiß, dass das nicht geht. Natürlich können wir in Bereichen wo wir uns auskennen, eine Entwicklung in etwa abschätzen. Vorhersagen können wir sie aber nicht sicher. Ich glaube, dass es bei Erwartungen um eben diese Sicherheit geht. Menschen mit Erwartungen mögen keine Überraschungen. Und so nehmen sie gedanklich die Zukunft vorweg. Sie planen genau und rechnen sich aus, wenn sie dies oder jenes sagen, wird dies oder jenes geschehen. Sie wollen alles im Griff haben.

Es fällt ihnen schwer, sich einzulassen auf die Fülle des Lebens. Sie können schlecht anzunehmen, was immer da unverhofft kommen mag und es als Geschenk zu begreifen. Zu oft sind sie enttäuscht worden, zu oft wurde ihnen Schmerz zugefügt. Gerade auch depressive Menschen haben die Enttäuschung so sehr verinnerlicht, dass sie lieber an eine dunkle Zukunft glauben. Dann können sie nicht erneut enttäuscht werden. Sie nehmen die Zukunft in ihren Gedanken vorweg und sagen sich, dass alles sowieso keinen Zweck habe.

Um nicht wieder enttäuscht zu werden, glauben sie, auf den Anderen sei sowieso wieder kein Verlass, der Partner würde sie sowieso erneut betrügen, man würde sie sowieso nicht lieben und so weiter. Alles sei ohnehin nur geheuchelt, sind sie überzeugt. Die Summe ihrer negativen Erfahrungen bündeln sie zu einem Lichtstrahl, mit dem sie fortan die Welt um sich herum beleuchten und auf diese Weise eben auch in die Ferne, in die Zukunft schauen. Wenn doch wenigstens auch die positiven Erfahrungen Teil des Spektrums wären, aber naja, das macht eben die Depression aus.



 

Erwartungen und Gesellschaftlicher Hintergrund

Erwartungen haben auch etwas mit öffentlicher Moral, gesellschaftlichen Gepflogenheiten und Erziehung zu tun. So lernten wir als Kind, dass man Leute, die einem bekannt sind, auch zu grüßen habe. Wir lernten, brav die Hand zu geben oder freundlich „Hallo“ zu sagen. Ferner lernten wir, dass wir andere Menschen mit Respekt behandeln sollen, dass wir helfen sollen, wenn jemand in Not ist, dass wir Anklopfen, bevor wir eine Tür öffnen und so weiter. All diese Gepflogenheiten, dieser anerzogene Verhaltenscodex erzeugt im Gegenzug natürlich auch immer gewisse Erwartungen in uns selbst. Denn so, wie die Menschen von uns behandelt werden möchten, erwarten wir, dass auch sie uns behandeln.

Wozu Erwartungen gut sind

Erwartungen können aber auch von Vorteil sein. Eigentlich ist an Erwartungen grundsätzlich erst einmal nichts Schlechtes, denke ich. Sie gehören zum Menschsein dazu, wie die Angst und die Liebe, die Freude und der Schmerz. Erwartungen bescheren uns so wunderbare Gefühle wie Vorfreude, Neugier, Hoffnung, Begeisterung und auch Glück. Wenn ich zum Beispiel am Bahngleis stehe und der Zug einläuft, sich gleich die Türen öffnen werden und ein geliebter Mensch aussteigen wird – wie bin ich voller Erwartung auf diesen Moment, voller Freude und Glück? Erwartungen sind der Schmierstoff des Lebens. Sie treiben uns an, geben uns Impulse, halten uns lebendig.

Erwartungen und Bedürfnisse

Erwartungen sind, wenn man so will, Ausdruck unserer Bedürfnisse. Selbst negative Erwartungen könne etwas aussagen über das, was wir brauchen. Wenn wir beispielsweise glauben, dass der Besuch sowieso wieder zu spät kommt, steckt dahinter womöglich das Bedürfnis, dass unserer Einladung pünktlich gefolgt werden solle. Das ist das, was wir uns eigentlich wünschen. Aus Angst vor einer Enttäuschung drehen wir es aber um und formulieren eine negative Erwartung. Wir glauben, dass wir auf diese Weise die Situation im Griff haben und nicht die Situation uns. Wir glauben, dass wir uns weniger ärgern, weil wir ja nicht enttäuscht sind.

Aber ist das auch wirklich so? Sind wir nicht enttäuscht, wenn der Besuch zum zehnten Mal auch wieder zu spät kommt? Ich denke, wir sind dennoch enttäuscht und es tut auch weh. Wir betrügen uns selbst, wenn wir glauben, es ja vorher gewusst zu haben. Das ändert doch nichts am eigentlichen Vorgang? Jemand kommt zu spät, er nimmt uns nicht so wichtig. Er schiebt das Aufeinandertreffen auf. Er lässt uns warten, lässt uns stehen, beachtet uns nicht…



 

Umgang mit Erwartungen

Wie gehe ich nun am besten um mit meinen Erwartungen? Soll ich weiter machen wie bisher oder es doch lieber mit Konfuzius halten? Ist, ein bisschen Erwartungen zu haben, eine Lösung? Ich glaube nicht, dass die Erwartungen an sich das Problem sind, wenn ich mir klar darüber bin, das die jeweils nur in meinem Kopf stattfinden. Eine Erwartung ist wie ein ausgefüllter Lottoschein. Ausgespielt wird später. Lagen wir am Ende richtig, werden wir belohnt und tatsächlich springt auch das Belohnungszentrum in unserem Gehirn an, wenn eines unserer Bedürfnisse erfüllt wurde.

Lagen wir falsch, stellen sich negative Gefühle ein, wie Enttäuschung, Ärger, Frust, Wut und andere. Handelt es sich um negative Erwartungen, funktioniert das ganze umgekehrt. Wir freuen uns, wenn die Erwartung nicht eintritt. So sind wir beispielsweise froh, wenn der Chef unseren Fehler nicht bemerkt hat oder wenn die Schwiegermutter nun doch nicht zu Besuch kommt. Wir reagieren erleichtert, wenn wir zwar geblitzt wurden, man uns aber doch kein Ticket zustellte. Nicht die Erwartung ist also das Problem, sondern die Art, wie wir die Abweichung bewerten. Finden wir die Abweichung gut, freut uns das sogar.

Erwartungen und Bedürfnisse

Mit Erwartungen regeln wir Menschen unsere Bedürfnisse. Auch daran ist an sich nichts Schlechtes. Womit wir eigentlich Schwierigkeiten haben, ist tatsächlich die Abweichung. Wir haben keine wirklich gute Fehlerkultur. Ein Fehler ist per se schlecht, meinen wir. Es kommt einem partiellen Scheitern gleich, glauben wir. Ein Fehler steht für Unvermögen, Unzuverlässigkeit, Vertrauensunwürdigkeit, mangelnde Leistungsfähigkeit, Unsicherheit. Für Fehler schämen wir uns. Für Fehler entschuldigen wir uns, auch wenn wir gar keine Schuld auf uns geladen haben.

Nun könnte man in einem Fehler ja auch die Chance sehen, etwas besser zu machen. Ein Fehler macht uns zum Beispiel klüger (sollte er jedenfalls). Ein Fehler bringt uns weiter. Viele der größten Entdeckungen sind auf Fehler zurückzuführen. Wenn wir alles immer perfekt genauso tun, wie wir es schon immer getan haben, wird sich auch nie ein anderes Ergebnis einstellen. Ein Leben am Fließband. Perfekt, vorhersehbar, aber nicht menschlich. Ein Leben für Maschinen. Eigentlich sollten wir uns freuen! Ups, ich habe einen Fehler gemacht – das ist ja toll! Ich bin jetzt nämlich um eine Erfahrung reicher. Ich habe etwas dazu gelernt. Eine Erwartung wurde nicht erfüllt? Upps, mein Fehler. Aber gut, dass ich es bemerkt habe.



 

Das ist alles nur im Kopf

Wenn ich mir bewusst bin, dass meine Erwartungen zunächst nichts mit der realen Welt zu tun haben, sondern nur versuchte Annäherungen an die Wirklichkeit sind, dann fällt es mir womöglich auch leichter, bei einer nicht erfüllten Erwartung am Ende nicht enttäuscht zu sein, sondern auch diese Erfahrung als Bereicherung anzunehmen und zu sagen: Ach so ist das? Meine Erwartung hat ebenso wenig mit der Person zu tun, auf die sie projiziert ist, wie meine Enttäuschung. Hätte ich diese Erwartung nicht gehabt, wäre ich nicht enttäuscht gewesen. Ergo kann ich doch nicht dieser anderen Person die Schuld an meinen schlechten Gefühlen geben? Was kann die Person denn für meine unerfüllten Bedürfnisse und überhaupt: Ist es ihre Aufgabe, diese zu erfüllen?

Richtig wäre, so glaube ich, jetzt eine gute Fehlerkultur zu haben und die richtige Fragen zu stellen. Welches Bedürfnis habe ich und welches Bedürfnis wurde hier gerade verletzt? Was kann ich tun, dieses Bedürfnis zu befriedigen? Nicht irgendeine Person hat sich fehlerhaft verhalten und mir geschadet. Ich hatte einen Fehler in meinen Erwartungen. Gut! Jetzt kann ich meine Erwartungen überprüfen. Sind meine Erwartungen so gut für mich? Sind meine Erwartungen realistisch? Das Gute daran ist – ich kann etwas tun. Ich kann meine Erwartungen gegebenenfalls korrigieren. „Trial and Error“ (Versuch und Irrtum) ist eine bewährte Methode im technischen Bereich. Im Leben ist das nicht anders, denke ich. Nur im Leben drücken wir immer wieder denselben Knopf und wundern uns, dass nichts anderes passiert. Wir erwarten, werden enttäuscht und fühlen uns mies.



 

Lässt sich Enttäuschung vermeiden?

„Nur in meinem Kopf“, singt Andreas Bourani in einem seiner Songs und wie er müssen wir alle irgendwann erkennen, welche Macht unsere Gedanken für unser Leben haben. Wir erwarten noch immer und natürlich werden wir auch weiterhin so manches Mal enttäuscht werden. So bestimmt die Angst vor Enttäuschung oftmals unser Leben.

Aber dann fällt uns vielleicht ein, dass sich das ganze Prozedere von der Erwartung bis hin zum schlechten Gefühl einzig in unserem Kopf abgespielt hat. Möglicherweise bemerken wir, dass sich das Problem nicht da draußen befindet, wo wir es suchen.  Wir erkennen, das wir daneben lagen. Na und? Ich meine, es ist doch gut, wenn wir das erkennen, oder? Statt Schuldige zu benennen und sie bis ins Grab hinein zu verfolgen, täten wir doch besser daran, diese Energie bei uns zu belassen und lieber unser Zielsystem treffsicherer zu machen. So hätten alle etwas davon, wir selbst am meisten. Denn am Ende geht es doch wieder einmal darum, unsere eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Das lässt sich wohlgelaunt, meines Erachtens, eindeutig besser bewerkstelligen.

Und noch eins zum Schluss. Wenn es denn gar nie klappen will mit bestimmten Erwartungen, warum auch immer, und manchmal lässt sich das auch gar nicht auf die Schnelle heraus finden, wie wäre es dann, die Erwartung in einen Wunsch umzuformulieren? Wünsche werden niemals enttäuscht, sie bleiben höchstes offen und wünschen darf man sich außerdem ungeniert alles, was das Herz begeht. Also, was wünscht du dir?

Quellen zu „Erwartung Enttäuschung und Depression“
Foto: Gisela Peter / pixelio.de

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