Kirche und meine Depression

Kirche und Depression

Was hat Kirche mit Depression zu tun?

Was hat Kirche mit Depression zu tun? Früher hätte ich spontan gesagt: Gar nichts! Heute halte ich es in Kirchen kaum noch aus. Es bedrückt mich, dort zu sein. Ich spüre nichts von der Hoffnung auf ein ewiges Leben. Was ich spüre, ist das Leid und die Zermürbtheit der vielen Menschen, die sich dort versammeln, um vielleicht etwas Trost für sich zu finden. Ich spüre Trauer und Hoffnungslosigkeit, bestenfalls Gleichgültigkeit. Wenn mich heute jemand fragen würde, was Kirche mit Depression zu tun habe, würde ich antworten: Sie hat dort ein Zuhause gefunden…


Kirche und Glauben als Lebensmotto

Was hat Kirche mit Depression zu tun, wirst du dich jetzt vielleicht fragen. Nun, zumindest in meinem Fall eine ganze Menge. Ich bin in einer gläubigen Familie aufgewachsen. Meine Oma, die im Dachgeschoss unseres kleinen Einfamilienhauses in zwei winzigen Zimmerchen lebte, stammte aus Schlesien. Sie war sehr katholisch. Nach dem viel zu frühen Tod meiner Mutter übernahm sie irgendwie die Mutterrolle für mich, wofür ich ihr heute noch sehr dankbar bin. Denn sie hatte mir etwas außergewöhnlich Kostbares zu geben, das für mich sonst Mangelware war – bedingungslose Liebe.

Sonntagsgottesdienst

In Schlesien Anfang des letzten Jahrhunderts war es so, dass man täglich zum Gottesdienst ging. Das ganze Dorf tat dies – so war zu jener Zeit das Leben. Diesen hohen Anspruch konnte meine Oma unter den Bedingungen der DDR natürlich nicht durchhalten. Denn hier ging nicht jeder zur Kirche, nicht einmal sonntags. Hier ging vielmehr jeder nicht zur Kirche. Das war die Normalität! Aber wir gingen alle regelmäßig jeden Sonntag zum Gottesdienst. Zusätzlich natürlich an jedem kirchlichen Feiertag. In dem Ort Coswig, wo ich aufwuchs, gab es eine kleine Diasporagemeinde (griechisch: diaspora = Verstreutheit) mit etwa 150 Gottesdienstbesuchern verteilt auf zwei Sonntagsmessen.



Kirche als Heimat

Jeder kannte jeden und irgendwie war es auch ein Stück Heimat für mich. Der Religionsunterricht wurde vom Pfarrer in einem von der Kirchengemeinde eigens dafür errichteten Schulraum gehalten. Das war so nötig, denn in der DDR gab es keinen Religionsunterricht an Schulen. Ich mochte unseren Pfarrer. Zwar ging ich nur ungern zum Religionsunterricht, so wie ich damals auch mit der Schule nicht viel am Hut hatte, aber unseren Pfarrer fand ich toll. Was der alles wusste und was für gute Geschichten er erzählen konnte?! Mit etwa 10 Jahren wurde ich Messdiener oder Ministrant, wie man es auch nannte. Das war damals noch nicht so einfach wie heute. Man musste viele Gebete lernen. Messdiener mussten ähnlich wie der Priester verschiedene Gebete sprechen, die dem Dienst am Altar vorbestimmt waren. Aber all das tat ich voller Eifer und übte auch die Abläufe im Gottesdienst, weil ich ja ein guter Messdiener sein wollte.

Kirche – Ein Teil meines Lebens

Meine Oma lobte mich regelmäßig für meinen Einsatz und sagte mir, dass sie stolz auf mich sei, wenn sie mich am Altar sähe. So wuchs ich heran und tat Sonntag für Sonntag meinen Dienst. In der Woche gab es dann noch 1-2 Mal Religionsunterricht am Nachmittag und samstags war immer Messdienerstunde. Natürlich gab es auch einen Messdienerplan und so kam es, dass ich zusätzlich zu den obligatorischen Sonntagsgottesdiensten auch noch für Gottesdienste auf den Nachbardörfern, zu Gottesdiensten an Wochentagen und zu Sonntagsandachten (die gab es immer um 18.00 Uhr) eingeteilt wurde. Kirche und Religion hatten also einen festen Platz in meinem Leben. Ich fand das auch gut so und stellte es nicht in Frage.



Kirche als Anker und Pfeiler

Das ging praktisch viele Jahre so weiter. Mein Heimatpfarrer war schon verstorben und ich wohnte auch viele Jahre schon wo anders. Zwar war ich kein Messdiener mehr, dafür aber Lektor und später auch im Kirchenvorstand. Mit dem dortigen Pfarrer, er kam aus Indien, war ich persönlich befreundet. Wir trafen uns einmal im Monat zu einem Glas Rotwein, um über „Gott und die Welt“ zu philosophieren. Alles war wie es immer war und vermutlich wäre es noch heute so, wäre nicht mein Zusammenbruch dazwischen gekommen und hätte mir die Augen geöffnet.

 

Kirche kann depressiv machen

Denn plötzlich war es so, dass ich Kirche nicht mehr ertrug. Sie erdrückte mich. Als ich das erste Mal nach vielen Wochen Krankenhausaufenthalts wieder ein leeres Gotteshaus betrat (ich ging gern etwas früher zum Gottesdienst und genoss die Stille der Kirche), erfüllte es mich mit Schwermut und Traurigkeit. Und so wie sich das Kirchenschiff langsam füllte, musterte ich die Menschen, die schließlich mit mir in den Bänken saßen. Ich sah sie mir alle genau an und fragte mich, ob ich einer von ihnen sei. Ich sah keine Freude, keine Hoffnung, keine Zuversicht. Was ich sah, war Schwermut, Traurigkeit und Ernst. Nun mag es ja sein, dass es gerade diese Menschen in die Kirche zieht, weil sie Trost und Hoffnung suchen, denn schließlich saß ich ja auch dort mitten drin?

Ernst und freudlos

So setzte ich also all meine Hoffnung auf den beginnenden Gottesdienst. Der begann mit einem klassischen Kirchenlied aus dem Gotteslob, getragen, ernst, freudlos. Die Lesungen erinnerten das Christenvolk an Schuld und Sünde und mahnten Verantwortung an und für den anderen da zu sein. Sich selbst zurück zu nehmen und für andere da zu sein – das ist etwas, was alle Depressiven irgendwann in ihrem Leben übertrieben haben. Bei der Predigt wollte ich den Raum verlassen. Soviel Schwere, Schuld und Verantwortung vermochte ich nicht auszuhalten. Natürlich hielt ich aus und sogar bis zum Schluss, denn darin sind wir Depressive ja wahre Großmeister, aber ich habe danach lange Zeit keine Kirche mehr betreten. Alles dort hat mich an Depression erinnert. Ja es ist gleichsam ein Ort der Depression, ein Sammelbecken verdrießlicher Menschen. Wenn ich jemanden damit beauftragen müsste, die Depression zu erfinden, würde ich der katholischen Kirche diesen Auftrag geben.



Die Kirche den Depressiven überlassen

Ich habe es auch später noch einige Male und in verschiedenen Kirchen probiert, weil ich meine neue Erkenntnis nicht wahrhaben wollte. Doch das Gefühl war immer dasselbe. Ich fühlte mich klein, schuldig, mutlos, freudlos, ja hoffnungslos – ich fühlte mich depressiv. Wenn es die Aufgabe der Kirche ist, Menschen aufzurichten, die gefallen sind, dann kann ich nur sagen, ist sie in meinem Fall dieser Aufgabe nicht gerecht geworden. Und nach längerem Hinsehen sehe ich sie dieser Aufgabe auch generell nicht gewachsen. Da ist es sicher besser, ein Fußballspiel zu besuchen oder ein Rockkonzert, denn in der Kirche wird nicht das Leben gefeiert, sondern das Warten auf den Tod zelebriert. Ich musste eine Entscheidung treffen. Dieser Ort tat mir nicht mehr gut.

Wenn ich den Depressionen entkommen will, darf ich sie nicht noch regelmäßig füttern. Ich finde es zwar bedauerlich, den Zugang zur Kirche verloren zu haben, weil es ja ein so fester Teil meines Lebens war, eine Struktur. Andererseits fühle ich mich heute leichter und offener und da ist der Gewinn für mich am Ende größer als der Verlust.

 

Kirche und übertriebene Nächstenliebe

Mit meinem Glauben an etwas Größeres hat das alles nichts zu tun. Ich habe lange darüber nachgedacht, warum das wohl so ist, warum gerade die Kirche ein Ort der Depression ist und ich glaube, die Antwort gefunden zu haben. Vermutlich ist das so, weil die christliche Lehre die Lehre der Nächstenliebe ist. „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Das ist im Grunde ein kluger Satz, eine humane Aussage. Die Kirche hat daraus aber das Gebot zum Altruismus geformt. Altruismus (lat. alter ‚ der Andere) bedeutet soviel wie Uneigennützigkeit, Selbstlosigkeit, durch Rücksicht auf andere gekennzeichnete Denk- und Lebensweise. Indem uns die Kirche immer wieder Heilige als Vorbilder präsentiert, die eben diesen Altruismus gelebt haben, überhöht sie den Anspruch auf Nächstenliebe und fordert den Einzelnen dazu auf, sich selbst zurück zu nehmen, ja geradezu gering zu schätzen. Ein guter Boden für eine Erkrankung der Seele.



Depression Kirche und Selbstverleugnung

Liebe, Liebe, Liebe, alles dreht sich um Liebe…  Nur wer lieb ist, kommt in den Himmel. Nur wer Gottes unermesslicher Liebe nacheifert, ist ein guter Christ. Und darum sind Christen alle lieb. Sie sind alle nur lieb! Unglaublich! Unter Christen zu leben, müsste der Himmel auf Erden sein? Aber warum ist dem nicht so? Ganz einfach: So etwas gibt es nicht! Kein Mensch ist nur lieb. Wir alle tragen Gutes und Böses in uns. Genau diese Mischung macht uns Menschen aus, ja hat uns im Laufe der Zeit zu dem gemacht, was wir sind. Und auch das ist von Gott so gewollt gewesen, sonst wäre es nicht so. Aber alle guten Christen verstecken ihre bösen Gedanken und Gefühle, weil man die ja nicht haben darf. Fakt ist, gäbe es einen Menschen, der nur gut wäre, würde der nicht lange überleben können.

Niedergedrückt

Egoismus und Aggression sind genauso lebenswichtige Affekte (Gefühle) wie Liebe und Geborgenheit. Wer diese „bösen“ Seiten an sich verleugnet, verleugnet sich selbst. Eine kluge Frau hat mir einmal gesagt, dass Depressionen nichts weiter als nach innen gerichtete Aggressionen seien. Und da ist in der Tat viel Wahres dran. Denn es sind vielfach die eigenen Aggressionen, die wir niederdrücken (deprimere = niederdrücken), die wir nach innen drücken, damit sie nicht nach außen gelangen. Im Grunde genommen wissen wir, dass wir auch böse sind, aber wenn wir lange genug zur Kirche gegangen sind, wollen wir das nicht mehr wissen. Kein Wunder also, dass mich dieses Gefühl der Niedergedrücktheit in einer Kirche überwältigt, denn es ist wohl das überwiegende Gefühl an diesem Ort der Menschen, die immer lieb sein wollen.

Quellen zu Kirche und Depression
Foto: pixabay.com / pixelio.de

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