Antidepressiva helfen nicht – Sibylles Erfahrungsbericht zur Depression

Medikamente helfen nicht immer

Guter Rat ist teuer wenn es heißt: Antidepressiva helfen nicht

Obwohl sich die Krankheitsbilder depressiver Menschen in vielen Punkten gleichen oder ähneln, bleibt doch jede Depression ein Unikat, geboren aus Veranlagung, Erziehung, Erfahrung und vor allem Überforderung. Jeder Depressive erlebt seine Depression als etwas Unbegreifbares, Großes, schier Übermächtiges und fühlt sich am Ende allein gelassen mit sich selbst. Auch Sibylle leidet unter Depressionen, aber Antidepressiva helfen nicht. Wie sie ihre Erkrankung erlebt und was sich alles verändert hat, schildert sie offen und mutig in ihrem Leserbeitrag zum Thema Depression.


Wie im freien Fall

Zunächst einmal möchte ich mich ganz herzlich für Deine beiden Blogs zum Thema Depressionen bedanken (in dieser Form einzigartig). Ich finde es unglaublich wichtig, dass auch Betroffene offen und couragiert dazu stehen und über Ihre bisherigen Erfahrungen berichten. Mitbetroffene erfahren, dass sie nicht alleine mit dieser tückischen Erkrankung sind, weil sie auf so viele Parallelen bei anderen Erkrankten stoßen. Sie fühlen sich dadurch wirklich verstanden, empfinden wieder Hoffnung und schöpfen neuen Lebensmut. Dazu darf ich mich dann auch zählen.

Kurz zu mir: Ich heiße Sibylle, bin 34 Jahre alt und leide an schweren bis schwersten wiederkehrenden depressiven Episoden, auch F. 32.2. genannt. Die letzte 5. Episode dauerte 18 Monate an. Ich war z.T. nicht mehr in der Lage morgens aufzustehen um mich anzuziehen, geschweige denn einen strukturierten Tagesablauf zu bewältigen. Es war einfach unglaublich schrecklich, nicht nur für mich, sondern insbesondere für meinen Ehemann und meine Angehörigen. Leider erlebe ich solche Episoden, ohne mich großartig darauf einstellen zu können, also sozusagen von heute auf morgen. Dann wird es eben innerhalb kürzester Zeit so schlimm, wie oben beschrieben. Leider habe ich dann keine Chance mehr, da so schnell wieder herauszufinden. Ich befinde mich wie im freien Fall, kann mich an nichts mehr festklammern und fühle mich gänzlich verloren.



 

Antidepressiva helfen nicht

In der Klinik teilte man mir mit, dass ich unter einer stark ausgeprägten endogenen Depression leide, der biologische Anteil hierbei nahezu 100% sei, und deshalb der Focus auf die medikamentöse Therapie liegen sollte. Soweit so gut. Es gab da nur ein klitze kleines Problem, keines dieser Medikamente schlug mehr an, der Wirkspiegel wurde nie erreicht. Nachdem ich mindestens jeweils ein Antidepressivum aus jeder einzelnen Wirkstoffklasse ausprobiert hatte und unter unzähligen und quälenden Neben- und Wechselwirkungen litt, sagte man mir:“Antidepressiva helfen nicht.“  Man klärte mich darüber auf, dass ich unter einer medikamentösen Unverträglichkeit leide, die Leber die Medikamente zu schnell verstoffwechseln würde und mir nur noch die Ekt’s blieben. Auch diesen Strohhalm ergriff ich und spürte nach den ersten Behandlungen eine spürbare Erleichterung, wie eine schwere Last, die langsam von mir abfiel.

Antidepressiva absetzen

Doch leider stellte sich auch hierdurch keine dauerhafte Stabilisierung ein. Ich war enttäuscht und hatte unglaublich große Angst, dass ich diesen fürchterlichen Zustand nie mehr verlassen würde. Mein Neurologe sagte mir daraufhin, dass wir alle Antidepressiva absetzen sollten um zu schauen, ob die aktuelle Episode nicht bereits abgeklungen ist. Niemand konnte zu diesem Zeitpunkt sicher sagen, ob ich vielleicht nur noch an besagten Nebenwirkungen der unzähligen Medikamente litt oder eben nicht. Ja, und er sollte recht behalten, Gott sei Dank! Nach den unangenehmen Absetzsymptomen und neuropathischen Schmerzen, in den Beinen und Füßen (höchstwahrscheinlich Schädigungen kleinster Nervenendigungen aufgrund toxischer Wirkungen, worunter ich leider bis heute leide), habe ich die Episode endlich überwunden. Ich bin so dankbar dafür. Du kannst Dir ganz bestimmt vorstellen, wie oft ich um Erlösung bat, den Wunsch einfach nicht mehr aufwachen zu müssen.

Heute bin ich natürlich dankbar, dass ich am Leben bin. Ja, ich muss sagen, nach dieser Odyssee war ich dann endlich bereit meine Erkrankung und mich so zu akzeptieren, wie ich bin. Die Schmerzgrenze habe ich definitiv überschritten. Ich war nun bereit, was schmerzhaft, aber auch unglaublich befreiend war und noch immer ist. Ich habe mich entschlossen alles in meiner Macht stehende zu tun, um weitere Schübe möglichst zu verhindern. Nach langem hin und her und auf Anraten meines Neurologen, hab ich nun die Erwerbsminderungsrente und einen Schwerbehindertenausweis beantragt. Vor zwei Jahren wäre dieser Schritt für mich noch undenkbar gewesen, doch heute sehe ich das anders und mein Ego auch.



 

Die Veränderung

Ich glaube, wenn man wirklich sprichwörtlich durch die Hölle geht und das mehrfach, dann ist man irgendwann für jede Veränderung zu haben, nur damit sich dieser Zustand bloß nicht wiederholt, und man wirft dafür so gut wie alles, was einem bisher ach so wichtig erschien, völlig problemlos über Bord. In den Mittelpunkt meines Lebens ist nun die Gesundheit meiner Familie und die meinige gerückt. Es ist, als wenn mein komplettes Ego diesem einzigen Ziel gewichen ist. Mein Weltbild hat sich völlig verschoben, einfach unfassbar. War ich noch vor der letzten Episode völlig getrieben mich beweisen zu müssen, koste es, was es wolle, so bin ich es heute nicht mehr. Der Anpassungsdruck ist gänzlich von mir abgefallen. Das Schöne daran ist: ich fühle mich endlich wirklich frei von all diesen Zwängen, trotz der Krankheit da draußen unbedingt „bestehen“ zu müssen.

Schwerbehindert

Ich bin endlich nicht mehr darauf angewiesen beruflichen Erfolg, so wie es die Gesellschaft definiert, zu haben. Mein persönlicher Erfolg ist ein völlig anderer. Ich bin endlich glücklich und zufrieden mit mir, aber erst nachdem ich mich angenommen hatte. Das war der Schlüssel, ich habe ihn endlich gefunden… Gern hätte ich meinen Bericht auch in Deinem Blog veröffentlicht. Aber leider brach beim Absenden immer die Verbindung ab, so dass ich meinen Text über Gmx nochmals schreibe. Wenn Du die Möglichkeit hast, dann kannst Du meinen Erfahrungsbericht gern auf Deiner Homepage einstellen. Noch etwas. Ich habe letzte Woche den Feststellungsbescheid vom Landesamt für soziale Dienste erhalten. Allein lt. Aktenlage wurde ein GdB von 40 festgestellt. Ich bin mir jetzt nicht sicher, ob ich hier Widerspruch einlegen sollte. Ich hätte schon mit einem GdB von 50 gerechnet.



 

Gleichstellung

Es geht mir einfach um die Gleichstellung im Berufsleben, falls ich irgendwann stundenweise arbeiten gehen möchte. Ich habe leider aufgrund meiner Erkrankung schon böse Erfahrungen mit Arbeitgebern sammeln müssen. Darum möchte ich mich hier einfach rechtlich schützen, damit man mich nicht gleich nach Ausbruch der Krankheit wieder vor die Tür setzt. Ich habe erfahren, dass man auch mit GdB 40 einen Gleichstellungsantrag bei der Arge beantragen kann. Naja, ich bin mir jetzt einfach nicht ganz sicher, wie ich mich hier bestenfalls verhalten sollte. So wäre ich Dir dankbar, wenn Du mir dazu Deine Sicht der Dinge kurz mitteilen würdest. Schon einmal vielen Dank dafür.

Ich hoffe, dass es Dir und Deiner Familie gesundheitlich gut geht und wünsche Euch alles erdenklich Gute und Dir viel Kraft auf Deinen weiteren Lebensweg! Viel Freude bei der Gestaltung Deiner wertvollen Homepages! Danke! Und viele Grüße nach Bülkau, Sibylle.

P.S. Ich beschäftige mich in letzter Zeit mit dem Thema HSP – Hochsensibilität von Elaine Aaron und finde mich hier durchaus in vielen Punkten wieder, z.B. Verletzlichkeit, Grenzdurchlässigkeit, Gewissenhaftigkeit und leider auch dem übertriebenem Perfektionismus. Es half mir bei meinem Selbstfindungsprozess. Vielleicht ist dies auch für dich eine interessante Lektüre.

Quellen zu „Antidepressiva helfen nicht“
Foto: clipdealer.de


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