Antidepressiva absetzen Ja oder Nein

Antidepressiva absetzen
Komme ich ohne Antidepressiva aus?

Seit vielen Jahren gehe ich nun bewusst mit meiner Depression um, einer Krankheit, die ich früher kaum mehr als dem Namen nach kannte. Während dieser Zeit habe ich eine Menge erlebt, habe Erfahrungen gemacht, die ich aus damaliger Sicht sicherlich nicht hätte haben müssen und habe mich wohl oder übel so durchgeschlagen. Leider läuft nicht immer alles so sauber und analytisch klar nachvollziehbar, wie es in den Lehrbüchern der Psychiatrie und Psychologie beschrieben steht. Jede menschliche Seele ist ein Unikat. Jedes menschliche Leben wird geprägt durch eine einzigartige Kombination von Ressourcen, Situationen, anderen Menschen und deren Ressourcen, Ereignissen und Veränderungsprozessen. Und so ein Ergebnis bin ich heute nun auch.

Der große Schmerz

Ich erinnere mich noch oft der Stunden, da ich jeglichen Lebensmut verloren hatte und bin froh, dass ich heute weit davon entfernt bin. Nie wieder möchte ich dort hin kommen, an jenen Abgrund, an dem es für dich kein Zurück gibt. Wer nicht selbst einmal auf der Klippe stand, wird womöglich nicht nachempfinden können, wovon hier gerade die Rede ist und das ist auch gut so. Alle Anderen aber wissen, was ich meine, weil sich dieses ungeheure Gefühl der Hilflosigkeit, der Ohnmacht, der Hoffnungslosigkeit und des Schmerzes tief in ihr emotionales Gedächtnis eingebrannt hat. Die Vorstellung, die mir damals wie eine Erlösung schien, macht mir heute schier Angst. Kein Wunder, denn sie bedrohte ja mein Leben! Wo war ich damals nur? Hatte ich mich selbst aufgegeben, mich selbst verlassen?



Psychotherapie und Antidepressiva

Die Wundermittel der Heilerzunft kennt inzwischen jeder. Psychotherapie und Antidepressiva gelten als die Mittel der Wahl zur Behandlung von Depressionen und versprechen besonders in Kombination spürbare Erfolge. Ich gebrauchte lange Zeit beides, eine Zeit lang auch Soziotherapie. Ich probierte verschiedene Psychotherapieverfahren aus und auch verschiedene Antidepressiva oder besser gesagt, man probierte sie an mir aus. Die Wirkung entsprach mal mehr und mal weniger meinen Erwartungen. Einmal überwogen die Nebenwirkungen, ein anderes Mal war die Wirkung zu gering. Irgendwann fanden wir dann eine einigermaßen zufriedenstellende Kombination, meine Stimmung aufzuhellen. Nur mit dem Antrieb wollte es nie wirklich so richtig klappen. Meine Antidepressiva halfen mir, mit der Depression zu leben. Aber im Grunde meines Herzens lehnte ich sie immer ab. Ich wollte nicht täglich irgendwelche Chemie in mich hinein tun, wohl wissend, das Leber und Nieren ihre Probleme damit haben werden, das Zeug wieder abzubauen.

Antidepressiva ausschleichen – Erfahrung

Auch versuchte ich, mich in Abständen immer wieder mal aus meinen Medikamenten auszuschleichen. Ich hatte mich informiert und wusste, dass ein zu abruptes Absetzen nach hinten losgehen kann. Und so ging ich jedesmal sehr behutsam vor. Zuerst ging ich von 60 mg auf 50 mg und blieb eine Woche lang bei dieser Dosierung. Dann reduzierte ich auf und blieb wieder eine Woche lang dabei. Diesem Schema folge ich weiter. Ich war einfach unzufrieden mit der Art, wie ich die Welt um mich herum erlebte, fühlte mich wie betäubt und gar nicht ich selbst. Noch heute weiß ich manchmal nicht, ob ich jetzt so bin, oder ob die Psychopharmaka das aus mir machen. Ich würde gern wissen, wie ich so bin. Was hat sich getan nach so vielen Jahren? Wer bin ich heute? Meine Versuche, ohne Medikamente klar zu kommen, scheiterten jedoch jedesmal kläglich. Meist kam ich nicht bei Null an oder ich hielt es nicht lange aus. Mag sein, dass ich sie wirklich noch brauchte, die Stimmungsaufheller. Mag sein, dass ich einfach zu viel Angst vor der Klippe hatte – es dauerte jedenfalls meist nicht sehr lange und ich nahm meine Pillen wieder brav ein.

Ich sollte die Antidepressiva nicht absetzen

Damals lebte ich noch mehr oder weniger mit meiner Frau zusammen (das hört sich jetzt doof an – es ist eben kompliziert). Vielleicht waren meine Abstürze infolge des Absetzens meiner Medikamente ja auch einfach dem Umstand geschuldet, dass ich seinerzeit alles andere als beziehungsfähig war. Meine Frau riet mir seinerzeit dazu, die Pillen nicht abzusetzen. Als Angehöriger würde ich das wohl auch tun, denn es ist schwer, zu zu sehen, wie sich jemand auf den Weg in Richtung Abgrund macht. Aber vielleicht hätte ich ja die Kurve noch rechtzeitig bekommen? Heute glaube ich, ich habe mich bequatschen lassen. Heute glaube ich, ich wollte ihr mehr die Sorge nehmen, als mir. Es stimmt zwar, dass meine Stimmung nach dem Absetzen wieder einbrach, aber ob dies den fehlenden Medikamenten oder anderen äußeren sowie inneren Ursachen geschuldet war, möchte ich aus heutiger Sicht dahin gestellt sein lassen.

Ich möchte Antidepressiva absetzen

Der Wunsch, die Medikamente wieder los zu werden ist nach wie vor recht stark in mir. Der einzige Gegenspieler ist die Angst vor einem erneuten Absturz. Ich denke viel darüber nach. Schließlich ist es ja mein Leben. Ich bin dafür verantwortlich. Und das will ich auch. Ich will die Verantwortung tragen für mein Leben, für meine Gesundheit und für mein Wohlbefinden. Also muss ich auch die Entscheidungen treffen, die zu treffen sind. Leider habe ich in meinem Psychiater, der sonst ein guter Kerl ist, in diesem Punkt keinen Freund gefunden. Ein Absetzen irgendwelcher Antidepressiva lehnt er strikt ab. Ich würde ja auch nicht auf die Idee kommen, nicht mehr Insulin zu spritzen, wenn ich an Diabetes erkrankt wäre, argumentierte er. Ein unpassender Vergleich, wie ich finde, denn mein Gehirn leidet ja nicht unter Insuffizienz. Aber Pillen zu verschreiben, ist halt sein Beruf. Etwas anderes kann ein Psychiater nicht und so tut er, was er am besten kann. Ein Schlachter würde mir ja auch keinen Tofu anpreisen. So ist das eben.



Antidepressivum schirmt ab

Manchmal kommt es mir vor, als lebte ich wie hinter Glas. Das Glas ist mal mehr und mal weniger klar, es verändert die eindringenden Farben, nimmt auch etwas Helligkeit und dämpft den Schall. Ich lebe wie unter einer Käseglocke, abgeschirmt von äußeren Einflüssen, aber was ich viel schlimmer finde, abgeschirmt von mir selbst. Wenn es unter anderem die Aufgabe von Antidepressiva ist, mich von äußeren Umwelteinflüssen abzuschirmen, dann habe ich jetzt vielleicht eine realistische Chance, auf die Medikamente endgültig verzichten zu können? Denn diesen Abschirmdienst habe ich seit Jahren selbst betrieben. Ich habe meine Arbeit aufgegeben, mein altes Zuhause, meine Kontakte, meine Pflichten, meine Ehrenämter, meine Freunde, meine Ehefrau – sogar meine katholischen Grundüberzeugungen habe ich an der Nagel gehängt. Das heißt zwar nicht, dass ich nun ein ungläubiger Mensch bin, aber heute glaube ich nach meinen eigenen Überzeugungen und Regeln. Niemand sagt mir mehr, was ich zu tun  und zu lassen habe. Ich sorge für mich, ich achte auf mich und ich biete mich nicht mehr an , um zu gefallen. Ich lebe mein Leben. Klingt doch eigentlich alles ganz gut, oder? Wo liegt jetzt das Problem?

Antriebslosigkeit Motivation und Depression

So manchen Tag komme ich morgens kaum aus dem Bett. Hätte ich nicht einen jaulenden, fast verhungerten Kater vor der Tür sitzen und würden die Gänse vor meinem Schlafzimmerfenster nicht allmorgendlich um die Wette nach ihrer Hand voll Hafer betteln, gäbe es sicher einige Tage, an denen ich einfach im Bett liegen bleiben würde. Ist doch egal! Mich vermisst doch keiner, denke ich dann. Wozu aufstehen? Ich fühle mich so kraftlos. Weder bin ich motiviert, noch habe ich den nötigen Antrieb, die einfachen Dinge des täglichen Lebens zu verrichten. Das Saubermachen ist ebenso ein Problem für mich, wie der Einkauf, die Wäsche, das Heizen, den Rasen zu mähen oder das Geschirr zu spülen. Manchmal vergehen Wochen, bis ich mich zu einer dieser Tätigkeiten durchringen kann. Manchmal hilft ein angekündigter Besuch, dass ich in die Gänge komme. Das ist die Depression, wirst du jetzt denken. Das ist ganz klar die Depression! Die Symptome sind klassisch! Es gibt aber auch Tage, und derer gibt es nicht wenige, da spüre ich eine starke Motivation in mir.



Antidepressiva sperren mich ein

Da gibt es Tage, da will ich dies und jenes tun, meine Küche renovieren, ein Hochbeet bauen, einen Oldtimer restaurieren, eine Computer für meine Aquariensteuerung basteln, die Scheune aufräumen, ein Windrad errichten, um meinen Strom selbst zu erzeugen, Bäume pflanzen und wieder andere Bäume fällen, einen Ausflug nach Amsterdam machen und dort meinen ersten Joint rauchen, einen Kurzurlaub auf Mallorca. Ich möchte ins Theater gehen und ins Kabarett, einen Sprachkurs in Plattdeutsch belegen und eine Wattwanderung machen. Ich möchte einen kleinen Hubschrauber bauen und auf der Wiese hinter meinem Haus fliegen lassen. Ich möchte wieder Ziegen haben und ein Pony. Ich möchte ein Wellnesswochenende buchen und mich mal so recht verwöhnen lassen. Ich möchte in ein Drei-Sterne-Restaurant essen gehen und einmal Urlaub auf einem Hausboot machen. Ich möchte – ich möchte so viel. Ich spüre so viel Leben in mir. So viele Bedürfnisse, die erfüllt werden wollen, so viel Neugier, soviel Leidenschaft. Ich spüre Energie, Freude, ja Vorfreude auf all diese Dinge, um im nächsten Moment wahrnehmen zu müssen: Ich kann nicht. Ich kann nicht aufstehen. Ich habe keine Kraft. Ich schaffe das nicht. Ich fühle mich gefangen. Bin ich in der Depression gefangen oder etwa unter den Medikamenten?

Eine Entscheidung steht an

Ich finde, ich habe nochmal eine Chance verdient. Das kann doch noch nicht alles gewesen sein. Depression mit Mitte Fünfzig und Feierabend? Das will ich so nicht stehen lassen. Es scheint mir, als wäre ich zweigeteilt, als gäbe es einen Benno, der leben will und einen Benno, der keine Kraft mehr hat, dem alles schnuppe ist. Es kommt mir so vor, als wolle sich etwas unter der Oberfläche nach draußen kämpfen, etwas für das viele Jahre kein Raum da war. Es ist, als wolle das Leben wieder in mich zurück kehren, doch sperrt irgendwer die Tür zu und ich weiß nicht, ob es die Depression ist oder der Apotheker. Ich denke, es gibt nur eine Art, die Wahrheit für mich heraus zu finden. Entweder komme ich ohne Antidepressiva aus und es geht mir ebenso gut oder sogar besser oder ich nehme sie weiterhin ein, meine Zauberpillen, und halte den Status quo. Keine ganz so leichte Entscheidung und doch scheint sie schon getroffen…

Nachtrag zu Antidepressiva absetzen

Inzwischen habe ich den Schritt geschafft und komme ohne Antidepressiva aus. Ich habe mein Leben so einrichten können, wie es gut für mich ist. Ich habe gelernt, mich vor Überforderung zu schützen und mich notfalls aus Situationen heraus zu nehmen, die zu anstrengend für mich werden. Ich versuche eine gute Balance zwischen Belastung und Entspannung zu finden. Ich treibe moderat Sport und bin viel draußen. Ich fühle mich wohler so und die Vorstellung, so wie ich jetzt bin, bin ich zu 100% Benno, tut mir gut. Bin ich nun geheilt? Leider nicht. Die Angst vor Rückfällen ist allgegenwärtig und die Antidepressiva stehen noch griffbereit im Medizinschrank. Aber da stehen sie nun schon einige Zeit, so dass ich denke, dass ich mit dem Leben, wie ich es jetzt führe, so wie ich mir alles eingerichtet habe, tatsächlich auf Dauer ohne Antidepressiva klar kommen werde.

Quellen zu „Antidepressiva absetzen“
Foto: Paulwip / pixelio.de

Antidepressiva absetzen Ja oder Nein

5/5 (9)

Bitte bewerte auch du diesen Beitrag...

Das könnte Dich auch interessieren …

Hinterlasse einen Kommentar

Bitte Anmelden um zu kommentieren
  Abonnieren  
Benachrichtige mich bei