Ich fühle mich hilflos

Hilflosigkeit
Depression ist gefühlte Hilflosigkeit

Jeder von uns hat sie schon einmal gefühlt, die Rede ist von der Hilflosigkeit. Es wird auch immer einmal wieder Situationen in unserem Leben geben, in denen wir uns für den Moment hilflos fühlen werden. Die Hilflosigkeit scheint zum Leben dazu zu gehören. Sie lehrt uns unsere Grenzen, unsere Begrenztheit und nützt manchem sogar eher, als dass sie ihm schadet. Zum Schaden wächst die Hilflosigkeit erst dann heran, wenn es immer das erste Gefühl ist, das sich nach einer Konfrontation einstellt oder wenn sie andauernd da ist. Wenn morgens der Tag schon mit Hilflosigkeit anfängt, wenn Menschen andauernd das Gefühl haben, nichts mehr auf die Reihe zu kriegen, dann können wir getrost davon sprechen, dass diese Hilflosigkeit schadet. Sie macht ihrem Namen dann alle Ehre. Sie macht hilflos.

Hilflosigkeit erschaffe ich selbst

Hilflosigkeit ist ein Gefühl. Eine Projektion unserer Wahrnehmung in die Emotionsebene. Hilflosigkeit ist nichts, was einfach so da ist. Hilflosigkeit entsteht in mir und durch mich. Ich erschaffe sie selbst, wie alle anderen Gefühle auch. Niemand kann mir „Gefühle machen“, ganz gleich, ob es gute oder schlechte sind. Wie wir Menschen fühlen und wie wir auf eine Konfrontation reagieren, das liegt ganz bei uns selbst. Selbst wenn es uns wie ein Automatismus erscheint, in Situationen zu geraten, in denen wir uns hilflos fühlen, sind wir mit diesem Automatismus nicht geboren worden. 

Hilflosigkeit ist erlernt und nicht angeboren

Säuglinge sind, einmal realistisch betrachtet, wirklich hilflos. Sie sind auf die Hilfe und Liebe von Mutter und Vater angewiesen. Sie sind weder in der Lage, sich selbst mit Nahrung zu versorgen, noch können sie anfangs selbst ihren Aufenthaltsort ändern. Sie können sich ja nicht einmal vom Rücken auf den Bauch drehen. Sie können nicht sprechen und nur eingeschränkt sehen. Ja, von außen betrachtet ist so ein Neugeborenes wirklich hilflos. Wie aber mag das kleine Menschlein das empfinden? Ob es sich hilflos fühlt?



Wenn ich in die Gesichter von zufriedenen Babys schaue, erfüllt es auch mich auch mit einer tiefen Zufriedenheit. Ich sehe dort nur Frieden und Liebe (natürlich nur bis zum nächsten Hüngerchen). Was für andere nur ein hilfloses Bündel zu schein scheint, ist in Wirklichkeit ein selbstsicheres Individuum, das weiß, dass es nur zu schreien braucht und schon kommt eine warme Mahlzeit angelaufen. Es bekommt auf diese Weise alles was es braucht, Gesellschaft, Zärtlichkeit, Liebe, Nahrung, Körperpflege und anderes.

Nein, hilflos ist ein Baby in einer normalen und gesunden Umgebung nicht. Passiert es, dass es von seinen Eltern nicht gut behandelt wird und alles Schreien hilft nicht, ja wird vielleicht sogar bestraft – dann ist es in der Tat hilflos. Es macht seine ersten Erfahrungen mit der Hilflosigkeit und zieht unbewusst seine ersten Schlüsse für sein Leben.

Erfahrung macht voreingenommen

Ob wir uns hilflos fühlen oder nicht, diese Entscheidung aber findet in unserem Kopf statt und ist nicht Teil unserer äußerlichen Wahrnehmung. Das was wir sehen, hören, fühlen, riechen, schmecken, kurzum wie wir unsere Umwelt erleben, wird nun von uns bewertet. Es wird in Blitzesschnelle überprüft, ob es ähnliche Situationen schon einmal gab in unserem Leben und dann wird geschaut, wie die Sache ausgegangen ist. Das kann unser Hochleistungsrechner namens Gehirn wirklich gut. Gab es also Situationen, an die wir jetzt erinnert werden und gingen sie gut aus, werden wir uns nicht hilflos fühlen. Gab es aber Situationen, die kein gutes Ende für uns nahmen, werden wir uns eher hilflos fühlen.

Erfahrungen sind nicht immer hilfreich

Das ist das Problem mit unseren Erfahrungen. Manchmal helfen sie uns, das Leben zu meistern, manchmal schneiden sie uns aber auch regelrecht den Weg ab. Das erklärt übrigens auch die menschliche Voreingenommenheit. Viele Problem lassen sich voreingenommen sehr schnell lösen, weil man die Lösung quasi schon kennt, schon einmal durchlebt hat. Aber das trifft nicht für alle Probleme zu. Einige Probleme in unserem Leben, und das sind meist die großen, wie zum Beispiel Beziehungsprobleme, lassen sich nur unvoreingenommen lösen.

Sich einlassen können

Wir brauchen einen anderen Blick, eine andere Perspektive, eine andere Wahrnehmung. Wir müssen vorurteils- und wertfrei an die Sache heran gehen, wenn wir eine Chance haben wollen, die Aufgabe erfolgreich zu meistern. Das allerdings können wir zum Glück steuern. Wir können der Sache oder dem Menschen oder auch uns selbst eine Chance geben. Wir können, obwohl wir schon andere Erfahrungen gemacht haben, zu uns sagen: „Ich lasse mich darauf ein! Ich bin bereit, das Risiko einzugehen, denn eigentlich kann ich nur gewinnen.“ Riskiere ich dieses Vertrauen nicht, habe ich schon verloren.

Hilflosigkeit macht depressiv – Depressionen machen hilflos

Depressive Menschen tendieren eher zur Hilflosigkeit. Die Hilflosigkeit ist jenes Gefühl, dass sie nur allzu oft und allzu intensiv gefühlt haben. Sie haben die Erfahrung in ihrem Leben gemacht, dass sie sowieso nichts machen können. Ich hatte dieses Gefühl, als ich von dem Staatssicherheitsdienst der DDR inhaftiert wurde. Zwar war ich zuvor nie in so einer Situation gewesen, aber ich hatte genug Geschichten gehört, wie so etwas ausgehen könnte.



Als ich später in einer Trennungssituation lebte, hatte ich wieder dieses Gefühl. Seither habe ich Depressionen. Soll das nun bis an mein Lebensende so weiter gehen? Nur weil ich ein paar schlechte Erfahrungen im Leben gemacht habe, soll ich mir die guten für die Zukunft von vornherein versagen? Ja, genau dies tue ich. Genau dies tun depressive Menschen. Aus Angst vor Enttäuschung, aus der Angst vor erneuter Hilflosigkeit, vermeiden sie alles und jeden. Das wäre dann also so etwas wie eine selbstverordnete Depression, oder?

Die Sicht verändern

Wenn es durch meine veränderte Sicht auf die Welt zu meinen Depressionen gekommen ist, dann muss es doch auch möglich sein, die Sicht ein weiteres Mal zu ändern, oder? Ich kann doch selbst entscheiden, wie ich das, was um mich herum geschieht, bewerte. Gebe ich dem guten Ende eine Chance? Bin ich bereit, mich von meinen schlechten Erfahrungen zu lösen und gute zu machen?

Ein erwachsener Mensch ist nie völlig hilflos. Kanntest du Stephen Hawking? Würdest du ihn als hilflos bezeichnen? Er konnte sich nicht bewegen. Er konnte sich nicht selbst mit Nahrung versorgen. Eigentlich mutete er hilflos wie ein Neugeborenes an. Aber genauso wenig hilflos, wie ein Säugling es ist, war es Stephen Hauwking, einer der genialsten Wissenschaftler unserer Zeit. Hätte er sich hilflos gefühlt, wäre er nicht zu all den großartigen Leistungen imstande gewesen, die er trotz seiner starken Einschränkungen vollbracht hat.

Es gibt Optionen

Ein erwachsener Mensch hat immer Optionen, jeder Tag bedeutet eine neue Chance, etwas anders zu machen. Wenn uns die Art, wie wir es bislang taten, nicht weiter gebracht hat, dann müssen wir es eben auf andere Art und Weise versuchen. Zehn Fehlversuche sind besser, als sich ein einziges Mal für die Hilflosigkeit zu entscheiden. Zu versuchen, zu riskieren, zu wagen – das ist Leben. Sich hilflos zu fühlen, ist genau das Gegenteil davon.

Die Entscheidung

Ich habe mich entschieden. Ich will dem Leben eine Chance geben, den Menschen, der Welt und nicht zuletzt auch mir selbst. Was geschah, gehört zu meiner Vergangenheit. Es hatte einst Bedeutung. Ich will es nicht wegmachen, nicht verdrängen, aber ich will es auch nicht länger zu meinem Lebensmittelpunkt machen. Heute ist eine andere Zeit. Die Vergangenheit ist vergangen, die Zukunft noch nicht da. So könnte ich mich also ganz unvoreingenommen meiner Gegenwart widmen? Naja, ganz so einfach ist es nun auch wieder nicht. Aber im Prinzip sollte es so funktionieren. Ich glaube, in erster Linie muss ich mir selbst eine zweite Chance geben. Ich muss mir selbst zutrauen, dass ich es besser hinbekomme. Ich muss mir selbst vertrauen. Was also hindert mich daran, in Zukunft der Hilflosigkeit zu entsagen?



Endstation Ohnmacht

Während das Gefühl der Hilflosigkeit eher bestimmten Situationen zu zu schreiben ist, empfinde ich die Ohnmacht als ein Gefühl, das eher mich als Person beschreibt. Manche von uns kennen dieses abgrundtiefe Gefühl der Ohnmacht. Ohnmacht stellt sich ein, wenn wir von Situationen geradezu übermannt werden. Da geht es dann gar nicht mehr um Lösungsansätze, da ist von vornherein klar: Hier hast du keine Chance! Sich ohnmächtig zu fühlen, gehört zu jeder schweren Depression. Die Ohnmacht ist es, die dich an den Abgrund treibt, die dich am Ende vielleicht sogar den scheinbar letzten Ausweg nehmen lässt, ihr zu entkommen.

Zu spät

Ohnmacht ist ein sehr destruktives Gefühl. Während ich bei der Hilflosigkeit noch Chancen sehe, durch Veränderung meiner inneren Haltung, zu einer anderen Ansicht, einer anderen Bewertung zu kommen, fühle ich mich im Falle der Ohnmacht tatsächlich auch ohnmächtig. Wie ich der Ohnmacht entkommen kann, weiß ich nicht, aber dann wäre es ja wohl auch keine Ohnmacht, wenngleich es bei der Hilflosigkeit ja auch zu funktionieren scheint? Was also tun bei Ohnmacht? Ich glaube, bei Ohnmacht ist die Ampel schon rot. Wenn es erst soweit gekommen ist, dass du dich ohnmächtig fühlst, dann bist du vermutlich nicht einmal mehr in der Laage, dir Hilfe zu organisieren. Du bist ohnmächtig, erstarrt, eingefroren.

Hilflosigkeit als Vorstufe der Ohnmacht

Du musst also vorher etwas tun, bei Gelb oder besser noch bei Grün. Du musst dafür sorgen, dass du gar nicht erst in die Nähe von Rot kommst. Die Hilflosigkeit ist die kleine Schwester der Ohnmacht. Sorge also dafür, dass du dich immer weniger oft hilflos fühlst. Mache dir klar, dass du nicht hilflos bist, in keiner Situation deines Lebens. Mache dir klar, das mit dir geschieht, was Du willst, bewusst oder unbewusst.

Vielleicht ist das Bewusstsein der Schlüssel für weniger Hilflosigkeit? Vielleicht machen wir uns zu selten bewusst, wie wir selbst unser Leben gestalten? Vielleicht glauben wir einfach zu oft, das uns die Dinge eben so passieren, dass es uns erwischt und nehmen nicht wahr, dass wir selbst es sind, die die Dinge in unser Leben ziehen?

Ein bewusstes Leben ist kein hilfloses Leben. In einem bewussten Leben werden aus Opfern Täter. In einem bewussten Leben übernehmen wir die Verantwortung für das, was mit uns geschieht. Wir tun etwas dafür (Täter), dass es uns nicht länger schlecht geht (Opfer). Wir tun etwas dafür, dass es uns gut gehen kann. Ein Leben ohne Hilflosigkeit ist auch ein Leben ohne Ohnmacht.

Quellen zu „Ohnmacht und Hilflosigkeit“
Foto: jules jordison / pixelio.de

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