Akzeptanz als Schritt zur Heilung der Depression

Heilung durch Akzeptanz

Akzeptanz als Mittel zur Heilung von Depressionen? Zugegeben, das klingt zunächst etwas ungewöhnlich. Wenn ich bereit bin zur Akzeptanz, nehme ich dann nicht einfach alles so hin? Habe ich dann überhaupt noch den Willen und die Kraft zur Veränderung meiner Lebenssituation? Das sieht mir zumindest auf den ersten Blick ganz danach aus. Aber hier ist etwas ganz anderes gemeint, etwas tiefer Gehendes. Hier geht es um Annahme, geht es darum, inneren Widerstand aufzugeben, der ansonsten zu einem enormen Kraftzehrer werden kann.


Beziehungsunfähig

Anfang der Woche war ich bei meinem Psychiater. Wir unterhielten uns über meine Depressionen und die damit verbundenen Stimmungsschwankungen. Manchmal geht es mir so schlecht, dass ich nur noch alle Verbindungen zur Außenwelt kappen will, erzählte ich ihm. Mir ist dann einfach alles zu viel. In der Folge sehe ich mich als unfähig, Kontakte oder gar Beziehungen zu pflegen, Menschen so zu behandeln, wie sie es verdient haben und angemessen auf bestimmte Situationen zu reagieren. Diese Erkenntnis nenne ich Akzeptanz. Mein Psychiater hingegen nannte das Selbstabwertung. Aber wieso kommt es einer Abwertung gleich, die Dinge beim Namen zu nennen? Es ist doch nun einmal so, oder etwa nicht?

Depressionen und Schwarz-Weiß-Denken

Ich sann lange über dieses Gespräch nach und denke nun, mein Doktor hatte doch Recht. Es handelt sich zwar um Akzeptanz, aber von meiner sogenannten Akzeptanz ist nur die halbe Wahrheit betroffen. Denn ich bin sehr wohl in Lage, Kontakte zu halten und ich stehe in Beziehung zu anderen Menschen, zu meinen Kindern, meinen Nachbarn, den Mitgliedern meiner Selbsthilfegruppe, zu den Lesern meiner Blogs, zum Briefträger … Ich lebe ja nicht auf einer einsamen Insel. Es sind zwar nicht gerade besonders viele Kontakte, die ich habe, aber gerade soviel, wie ich brauche, um nicht zu vereinsamen und so wenig wie nötig sind, damit ich nicht ständig “unter Strom” stehe. Wenn es in Beziehung zu anderen Menschen mal nicht so gut läuft, tendiere ich dazu, schnell ALLES zu verdammen. Ich sehe nicht mehr, wo es gut läuft, ich sehe nicht mehr meine Erfolge, ich schalte einfach von weiß auf schwarz um und fertig! Und damit werde ich mir nun einmal nicht gerecht. Innerlich werte ich mich auf diese Weise ab und spiele so der Depression wieder den Ball zu. Das ist vermutlich nicht die Art Akzeptanz, die zur Heilung führt. 

Depression und Akzeptanz

Akzeptanz bedeutet an dieser Stelle etwas ganz anderes. Akzeptanz bedeutet hier: Benno, sei dir darüber im Klaren, dass du Depressionen hast. Versuche nicht, sie mit Gewalt weg zu machen. Versuche einfach zu leben! Es gibt gute Tage und es gibt schlechte Tage. Genieße die guten und überstehe die schlechten! Gib dir nicht die Schuld an deinen Depressionen und den Schwierigkeiten, die du dadurch in deinem Leben hast. Es wird der Tag kommen, da werden die Depressionen verschwunden sein. Lass dich darauf ein! Es ist, wie es ist, aber es ist nicht deine Schuld! Du bist okay! Die Depression ist eine Botschaft. Finde heraus, was sie dir mitzuteilen hat! Akzeptiere, dass du etwas ändern musst in deinem Leben. Akzeptiere, dass nur du selbst es bist, der dich heilen kann. Und akzeptiere, dass die Welt ist wie sie ist. Das heißt nicht, dass du alles hinnehmen sollst. Aber erst wenn du in der Lage bist, etwas anzunehmen, kommst du auch in die Möglichkeit, etwas zu verändern, zu gestalten, kreativ zu sein. Solange du im Widerstand bist, verharrst du in einer Art Starre, wie beim Tauziehen. Ein enormes Maß an Kraft wird verbraucht und es bewegt sich kaum etwas.

Depression und Selbstwertgefühl

Es fühlt sich wohl an, Sätze zu lesen wie: »Du bist okay!« Viel wohler als etwa: “Ich bin nicht beziehungsfähig!” oder “Ich bin Schuld daran, dass …” Letztere machen mich klein, drücken mich nieder (lat: deprimere = nieder drücken) Doch bin ich es am Ende immer selbst, der solche Wertungen vornimmt. Niemand kann mich klein machen, wenn ich es nicht zulasse. Wenn jemand “Idiot” zu mir sagt, glaube ich ja auch nicht, dass ich dämlich bin. Ich kann selbst bestimmen, wie ich über mich denke und wie ich über mich denke, so fühle ich mich. Nicht wie andere Menschen über mich denken, fühle ich. Nur meine eigenen Gedanken sind in der Lage, Gefühle in mir auszulösen.

Akzeptanz heißt, Frieden zu finden mit sich selbst, seinem Körper, seinem Charakter, seiner Seele und seiner Lebenssituation. Das kann doch nicht so schwer sein, oder doch?

In Beziehung bleiben

Wenn mich mein Leben wieder einmal zu überfordern scheint, muss ich nun nicht gleich erneut den Stecker ziehen und das Gerät Benno für defekt erklären. Eine Überforderung macht doch nur deutlich, dass es gerade in diesem Moment von irgendetwas zu viel gibt. Ich könnte einfach darauf reagieren und die Belastung angemessen verringern. Ich könnte mir eine kleine Pause gönnen. Selbst ein vorübergehender Rückzug wäre möglich, wenn ich in ihm ein Luftholen sehe und nicht einen Abbruch einer Beziehung für alle Zeit. Eine Therapeutin sagte einmal zu mir:”Wenn die Beziehung aufhört, ist es falsch.” Dann trenne ich mich selbst ab vom Leben, werfe mich selbst hinaus in Dunkelheit und Einsamkeit. Ich passe dann die äußere Situation an mein inneres Erleben an. In Wirklichkeit, hat aber nicht die Welt mich verlassen. In Wirklichkeit habe ich mich selbst verlassen. Das ist ein wesentlicher Unterschied, den es zu erkennen gilt. Hier kann ich ansetzen und die Trennung wieder aufheben, die mir gerade Schmerz bereitet. Hätte sich wirklich die Welt von mir getrennt, wäre ich machtlos dem gegenüber, wäre ein Opfer der Umstände und würde dann auch genau so fühlen müssen. Ich übe das jetzt schon geraume Zeit, versuche stets in Beziehung zu bleiben und es fühlt sich ungleich besser an. Ich komme erheblich leichter nun durch Phasen, in denen sich dunkle Gefühle einstellen. Wir Menschen sind Beziehungswesen. Wir müssen in Beziehung bleiben, wenn wir uns als Mensch erfahren wollen.


Kränkung und Depression

Es ist tatsächlich eher eine Frage der Selbsteinschätzung, der Bewertung und weniger eine Frage des Ereignisses oder einer Situation. Dabei ist mir eines aufgefallen: Kränkung und Depression haben etwas Grundlegendes gemeinsam – es geht immer auch um Selbstabwertung. Nicht was im Außen geschieht, erzeugt einen Schmerz in mir. Für den Schmerz bin ich, genau genommen, jedes Mal selbst verantwortlich. Der Schmerz entsteht im Grunde erst, wenn ich mich infolge der Ereignisse selbst abwerte. Bis zu diesem Zeitpunkt sind alle Geschehnisse neutral. Wenn mich jemand doof findet, dann muss ich das ja nicht zwangsläufig genau so sehen. Wenn mich jemand ablehnt, muss ich mich ja nicht selbst ablehnen, aber genauso passiert es oft. Die Dinge im Außen – ich muss sie nicht zu meinem Inneren machen. Ich kann mir alles ansehen und mir auch eine Meinung dazu bilden, aber ich kann die Dinge, und das sollte ich auch, dort belassen wo sie sind – im Außen.


Quellen zu “Akzeptanz als Schritt zur Heilung der Depression”
Foto: Joachim H. Böttcher / pixelio.de

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