Heides Abgrenzung von der Depression ihres Partners – Im Dialog mit Benno Blues

Hallo, auch ich würde gerne mal meine Geschichte erzählen. Mein Mann und ich sind seit 30 Jahren zusammen, 19 Jahre davon verheiratet, wir haben einen Sohn von 18 Jahren. Mein Mann ist seit 2004 immer mal wieder wegen Depressionen in Behandlung gewesen. Seit 3 Jahren ist er berufsunfähig, ich dagegen bin relativ erfolgreich selbständig tätig. Zwei Reha-Maßnahmen (2005 und 2014) hat er jedesmal abgebrochen. All die Jahre gab es depressive Höhen und Tiefen, die wir aber ganz gut überstanden haben. Die Ursache habe ich in dem schwierigen Verhältnis zu seinen Eltern, die Situation im Elternhaus seiner Kindheit, insbesondere in seiner Beziehung zu seiner Mutter gesehen,- wenig emotional, häufige Bevormundungen etc. Zusammengefasst eine Hexe. Mein Mann stand immer Zwischen mir und meiner Schwiegermutter ohne den Mut und die Kraft zu haben Stellung zu nehmen. Auch mein Sohn würde dahingehend von meiner Schwiegermutter miteinbezogen, allerdings hat mein Sohn im Gegensatz zu seinem Vater ein großes Selbstwertgefühl und konnte sich ganz gut durchsetzen. Mein Mann nicht. Ab Oktober 2016 wurde meine Schwiegermutter schwer krank und verstarb im Sommer 2017. Mein Mann hat sich für Sie aufgeopfert und alles gemacht und erledigt was Sie sich vorstellte. In dieser Zeit fing er nun an, die Kontakte zu unserem Freundeskreis abzubrechen, in dem er die Freunde verbal und auch schriftlich mit zynischen Bemerkungen und Handlungsweisen beleidigte… Dir Beziehung zu mir und meinem Sohn litt erheblich, zeitweise hat er den Kontakt zu uns auf ein Minimum reduziert, immer öfters ist er wegen Kleinigkeiten aggressiv geworden und total ausgeflippt. Stühle wurden zertrümmert, Gegenstände wurden herumgeworfen… Es gab aber auch immer mal wieder kurze gute Episoden. Kurz um ich hoffte ,dass nach dem Tod der Schwiegermutter endlich Ruhe einkehrt und mein Mann sich beruhigt.Vor 3 Monaten hatten wir dann auch für ca. 3 Wochen eine Phase , in der mein Mann wie zu Beginn unserer Beziehung war, entspannt, liebevoll, der Mensch in den ich mich verliebt habe. Dann kam aber der Absturz, wiedereinmal flogen Stühle wegen Kleinigkeiten. In einem gemeinsamen Gespräch mit meinem Sohn zusammen, um die Situation zu klären, haben wir ihm mitgeteilt, dass wir diese Aggression nicht weiter dulden und für das nächste Mal Konsequenzen angekündigt…das nächste Mal war dann 4 Wochen später mit dem Unterschied, dass dann noch ein Glas in meiner unmittelbaren Nähe gegen die Hauswand geschleudert wurde, die Agression hätte eine neuer Dimension eingenommen. Die Konsequenz zu seinem Verhalten war, dass mein Sohn die Polizei rief… Seitdem ist mein Mann uns gegenüber sehr aggressiv, eine Behandlung lehnt er ab, zeitweise war er tagelang verschwunden…Gespräche sind überhaupt nicht mehr möglich. Mein Sohn ist Zielscheibe für alles was ihm nicht passt. Es herrscht Stille zwischen uns. Was kann ich tun um ihm den Weg zurück ins Leben zu ebnen. Ich liebe meinen Mann immer noch, es ist krank, das ist mir bewusst.

Hast Du ein paar Ratschläge für mich?



Hallo Heide,

von außen betrachtet ist das eine ziemlich zerfahrene Situation, aber dennoch nichts Exotisches, denke ich. So etwas spielt sich immer wieder ab, jeden Tag irgendwo in Deutschland und der Welt und auch jetzt gerade, bin ich überzeugt. Das sind die kleinen und großen Dramen unseres Lebens. Das Leben fordert mitunter einiges von uns ab, aber oftmals sind die Schmerzen, die wir leiden, Geburtsschmerzen. Durch manchen Schmerz müssen wir gleichsam hindurch gehen, damit sich eine Situation im Nachhinein bessern kann. 
Und so finde ich es richtig, dass ihr Konsequenzen angedroht und auch geliefert habt. Damit habt ihr die Rolle der Co-Depressiven verlassen. Ich denke, ihr habt das Richtige getan. Natürlich gefällt ihm das nicht, plötzlich eine Grenze gesetzt zu bekommen. Aber letztlich ist es eine richtige Grenze auf einem falschen Weg, eine Grenze, die ihn zurück bringen kann auf den richtigen Weg.

Währenddessen ich versuche, mich mit dem Thema Aggression anzufreunden und versuche, sie als einen Teil, der zu uns Menschen gehört, zu akzeptieren, bin ich beim Thema Gewalt immer noch anderer Meinung. Gewalt gehört nicht in ein Zuhause, denke ich, nicht zwischen Partner und nicht zwischen Kinder und Eltern. Tritt sie hier dennoch auf, ist sie entweder ein Zeichen von Dummheit und Abgestumpftheit, das erkenne ich aber in eurem Fall nicht, oder sie ist ein Zeichen purer Überforderung. Das macht sie in der Sache natürlich nicht besser und auch kein bisschen akzeptabler, aber es bietet vielleicht einen Zugang. Wenn wir Gewalt als Hilferuf ansehen können, wenn wir in diese innere Haltung gelangen, haben wir wieder Handlungsoptionen, denke ich.


Leider habe ich hier in eurem Fall nun nicht wirklich ein paar konkrete Ratschläge zur Hand. Ich glaube tatsächlich nicht, dass meine Lösungen auch deine/eure Lösungen sein würden, aber ich glaube fest daran, dass dich diese eben von mir geschilderte Grundhaltung zu deinen Lösungen führen wird. 
Gerade Männer haben es immer wieder schwer, sich die eigene “Niederlage” einzugestehen und Hilfe anzunehmen. Ich selbst wäre wohl freiwillig niemals zu einem Psychologen oder Psychiater gegangen. Irgendwann war der Leidensdruck jedoch so hoch, dass es dann doch möglich wurde. Ich hoffe, dass dein Mann dies bald für sich erkennt und endlich wieder Hilfe annehmen kann. Erschwerend kommt hinzu, dass er die Situationen, in denen er Hilfe annehmen konnte, am Ende nicht als hilfreich erfahren durfte. Es liegt aber einzig in seiner Verantwortung, das zu ändern. Ihr könnt ihn nicht gesund machen. Ihr könnt ihn aber wohl unterstützen in all den Dingen, die er für sich installiert und die geeignet sind, sein Leben zu verbessern. 
Doch noch einmal zurück zum Thema Häusliche Gewalt. Ich weiß, das klingt hart und das ist es ja auch. Ich würde meinem Partner ganz klar die Trennung androhen, wenn er gewalttätig gegen mich, unser Kind oder auch gegen Gegenstände in unserem Haushalt (denn das ist nur eine Vorstufe) wäre und ich würde ihm das in der gebotenen Klarheit vermitteln, dass er am Ende des Gespräches wüsste: Jetzt ist es ernst – noch einen Fehltritt kann ich mir nicht erlauben, ohne die Beziehung auf’s Spiel zusetzen. Ich halte es für wichtig, auch in der Beziehung Grenzen zu ziehen, insbesondere dann, wenn ich mich respektlos behandelt fühle. Lasse ich das nämlich erst einmal durchgehen, erweise ich mir selbst nicht mehr den gebotenen Respekt, was der Anfang von jedwedem Ende sein dürfte.

Insofern denke ich, habt ihr eine ganze Menge richtig gemacht. Liebe ist da auch noch und du suchst nach einer Lösung. Die Lösung wird sich finden. Vertrau mal. Eure Lösung wird sich finden. Aber sie muss aus euch heraus kommen und vielleicht braucht es dafür einfach noch etwas mehr Zeit. 
Vermutlich hat er den Verlust seiner Mutter noch nicht abschließend verarbeitet. Vermutlich hat er nach 30 Jahren Beziehung nicht mehr wirklich auf dem Schirm, was es bedeuten würde, ohne dich zu leben. Vielleicht setzt du dir hier einfach erst einmal eine Zeitschiene? Zeitschienen finde ich in verzwickten Situation immer wieder geradezu genial. Sie verschaffen erstmal Zeit, Zeit um wieder herunter zu kommen und klare Gedanken fassen zu können. Vielleicht also setzt du dir stillschweigend für dich einen Termin und lässt bis dahin die Zeit einfach nur vergehen und beobachtest, was geschieht? Sollte nichts geschehen, wovon ich allerdings nicht ausgehe, dann würde ich um ein Grundsatzgespräch bitten und auch eine Trennung nicht mehr ausschließen, sollte er nicht glaubhaft versichern können, dass sich in Zukunft etwas zum Besseren ändern würde.  Ich wünsche mir und euch sehr, dass ihr wieder zueinander findet, denn schließlich seid ihr tief im Innern immer noch dieselben beiden Menschen, die sich einst ineinander verliebten…


Alles Gute für Euch und liebe Grüße! Benno



Hallo Benno,

vielen Dank für Deine Worte. Ich werde meinen Weg nun gehen, die Grenze ist gesetzt, ich hoffe ich halte durch. Dass er den Tod der Mutter noch nicht abschließend verarbeitet hat, kann gut sein, schließlich hat Sie ihm eine schwer zu tragende Botschaft hinterlassen: “Es wäre besser gewesen mich nicht zu heiraten”, “dein Sohn ist ein fauler Mensch, alles was der kann ist schlafen und PC-Spiele spielen”… Alles was mein Mann zur Zeit tut, sind Dinge, von denen er weiß, dass sie mir oder meinem Sohn wehtun. Ich kann nicht sagen, wo dieser unendliche Hass herkommt. Keine Liebe mehr, fühlt dieser Mensch den nichts mehr? Das zermürbt, wie kann ein Mensch 30 Jahre Zusammensein derart mit Füßen treten?!?! Ob er den Weg zurück findet bezweifle ich immer wieder, schließlich zieht sich diese Verhaltensweise durch sein ganzes Leben. Alle Menschen mit denen er nicht mehr ganz so klar gekommen ist, sei es auf Grund von kleinen Meinungsverschiedenheiten oder auch nur weil sein Selbstwertgefühl dem Vergleich nicht standhielt etc. werden aus seinem Leben verbannt, wenn man keine Freunde mehr hat, dann sind eben die nächsten Angehörige dran. Meinungsänderungen sind ein Zeichen von Schwäche. Aber wenn es so kommen sollte, dann muss es eben so sein. Ich lasse ihm noch ein wenig Zeit, aber ich werde meine Zukunft und die meines Sohnes selbst in die Hand nehmen. Keine faulen Kompromisse mehr, ich habe zu lange still gehalten, gedeckt, beschwichtigt etc…nur um immer wieder angefeindet zu werden. 

Liebe Grüße



Hallo Heide,

“… es herrscht Stille…”, schreibst du in deinem Bericht. Als ich gerade noch einmal deine Geschichte las, dachte ich: Vielleicht ist es das? Vielleicht ist das für den Moment genau das Richtige? Es gab viele Verletzungen, auf beiden Seiten. Möglicherweise ist es tatsächlich gut, zunächst erst einmal ein wenig Ruhe einkehren zu lassen? Vielleicht ist es dann, wenn keine neuen Verletzungen hinzu kommen, auch möglich in das Gefühl der Liebe für den Partner zurück zu kehren, denn dies sehe ich als unabdingbare Bedingung für eine gute gemeinsame Zukunft. Die Depression fordert große Opfer, aber sie ist nicht nur negativ besetzt. Sie bietet auch Chancen. Sie zeigt auf, was faul ist und sie lädt ein, die Dinge im Leben zu ändern, die dem eigenen glücklichen Leben noch im Wege stehen. Nicht selten sind das nicht Dritte, die uns im Wege stehen, nicht der Nachbar, der Chef oder die Schwiegermutter. Meistens sind wir es doch selbst, die dies tun. Das soll keine Schelte sein, liebe Heide, sondern vielmehr die Großartigkeit begreifbar machen, dass wir es überwiegend allein in der Hand haben, unser Leben zu einem guten Leben zu machen. Erste Schritte hierzu bist du nun gegangen und ich hoffe und wünsche dir sehr, dass sie der Anfang eines Weges sind, auf den du einmal gern zurückschauen magst. Aber ganz ehrlich? Ich bin ziemlich überzeugt davon.


Liebe Grüße Benno

Quellen zu “Heides Abgrenzung und die Depression ihres Partners”
Foto: pixabay.com

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Heides Abgrenzung von der Depression ihres Partners - Im Dialog mit Benno Blues

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