Wenn Schuldgefühle niederdrücken

Schuld und Schuldgefühle

Schuldgefühle können sehr niederdrückend sein

Was ist eigentlich Schuld und wie entsteht sie? Wieso gibt es überall Schuldgefühle, wo sie doch nie jemand haben will? Kaum eine Frage wird so oft gestellt wie die Schuldfrage. Ganze Institutionen befassen sich täglich damit, vom zwischenmenschlichen Bereich einmal ganz abgesehen. Was hat es also auf sich mit der Schuld und was hat das alles mit der Depression zu tun? Gedanken über Schuld und Verantwortung.


Weshalb Gedanken über Schuldgefühle?

Ich weiß nicht recht, wieso ich gerade an einem bunten Tag wie Ostersonntag auf ein so finsteres Thema wie die Schuld und Schuldgefühle zu sprechen komme. Aber heute liegt es auf dem Tisch. Heute will es raus und dann muss es wohl zu etwas gut sein. Vielleicht ist ein Grund dafür in der Tatsache zu finden, dass ich in katholischer Tradition aufwuchs und die Tage und Wochen vor Ostern in der christlichen Kirche von Trauer, Schuld, Sünde, Sühne, Tod und Vergebung geprägt sind? Womöglich liegt es aber auch daran, dass es mir in sonniger und freundlicher Umgebung leichter fällt, ein so schweres Thema anzugehen?

Jedes Thema rund um die Depression, so erleichternd es sein kann, sich einmal etwas von der Seele zu reden oder zu schreiben, birgt latent auch immer die Gefahr, darin zu versinken. Zu leicht kann man sich verlieren in negativer Energie, Schwere und Hoffnungslosigkeit. Dies ist natürlich nicht mein Anliegen und auch nicht das Anliegen dieses Blogs. Ich will mich nicht suhlen in meinem Leid, wie es uns Depressiven oftmals nachgesagt wird, ich möchte einen Weg finden, da heraus zu kommen. Ich will gesund werden. Das Thema Schuld scheint noch immer ein kapitaler Pfeiler im Gerüst meines Seelengebäudes zu sein. Vermutlich ist das auch der Hauptgrund, weshalb ich mir hierzu Gedanken mache.



 

Die Schuldfrage

Warum haben Menschen wohl überhaupt einen Schuldbegriff geprägt? Ist die Schuld eine bloße Erfindung der Kirchen oder gibt es sie wirklich? Wird das Verständnis von Schuld anerzogen oder liegt es uns bereits in den Genen? Was sind das für Menschen, die vor Gerichten als nicht schuldfähig gelten und sind sie es in Wirklichkeit nicht oder haben sie sich nur anders entschieden? Täglich hören und sehen wir in den Medien Beiträge, die sich direkt oder indirekt mit der Schuld befassen: Wer ist schuld an der ständigen Klimaveränderung? Wer ist schuld, dass der HSV in der Abstiegszone agiert? Warum gibt es Krieg auf der Welt? Wieso hat Heiko M. sich an Christina vergangen? Weshalb steigt die Arbeitslosigkeit und nimmt die Verarmung breiter Schichten der Bevölkerung zu? Wer ist daran schuld?

Die Nachrichten stellen sie mannigfach, die Frage nach der Schuld. Sie schwingt mit in jedem Beitrag. Warum ist das so? Bringt es einen Vorteil, den Schuldigen benennen zu können? Ist danach alles gut? Mitnichten. Wir Menschen haben im Laufe der Zeit eine regelrechte Hochkultur der Schuldzuweisungen entwickelt. Tausende von uns weisen sich mit Enthusiasmus täglich gegenseitig die Schuld zu. Sie tun dies vor Gericht, in der Politik, in der Arbeitswelt, in Partnerschaft und Familie. Eigentlich tun sie dies permanent und überall.

 

Niemand will sie haben

Der Begriff der Schuld ist in aller Munde. Er wird für alles und jeden verwand. Schuld ist inzwischen so verbreitet und so alltäglich, dass sie gar nicht mehr als solche auffällt. Wirkliche Schuld wird kaum noch wahrgenommen. Sie bedarf zumeist des Fingerzeigs von außen, der Schuldzuweisung. Doch in der Regel folgen auf so eine Schuldzuweisung noch keine Schuldgefühle. Anstelle eines Schuldeingeständnisses steht häufig nur eine Rechtfertigung. Niemand will sie wirklich haben, die Schuld. Und so schieben wir sie hin und her, so gut wir können. Egal wer sie bekommt, alles scheint besser, als am Ende selbst darauf sitzen zu bleiben.

Schuld ist eine Last, eine Bürde. Sie macht das Leben schwer, und das will keiner wirklich. Dabei sollten wir gelegentlich unseren Sprachgebrauch etwas überprüfen. Denn oftmals ist mit Schuld eigentlich nur die Ursache einer Situation oder eines Umstandes gemeint. Der „Schuldige“ ist richtigerweise zumeist nur der Verursacher. Nicht jedes Hervorrufen einer Situation begründet auch gleichzeitig einen gerechtfertigten Schuldzuspruch. Es ist doch keine Schuld, etwas verursacht zu haben? Aber in unseren Köpfen ist es so. Wir haben uns daran gewöhnt. Der Verursacher hat Schuld und fertig.



 

Die Orientierung am Schaden

Die Gerichtsbarkeit geht da zumindest noch einen Schritt weiter. Natürlich gilt auch hier zunächst das Verursacherprinzip. Auch die Höhe der Schuld bemisst sich an der Höhe des Schadens. Aber vor Gericht werden zumindest noch weitere Fragen gestellt. Hier wird geschaut, ob sich tatsächlich eine Schuld des Angeklagten begründet, das heißt ob er die Tat absichtlich, also vorsätzlich oder fahrlässig begangen hat. Weiterhin wird im Einzelfall durch Psychologen geprüft, ob überhaupt eine so genannte Schuldfähigkeit besteht. Dabei spielt womöglich auch eine Rolle, ob der Betroffene überhaupt in der Lage ist, Schuldgefühle zu empfinden. So können am Ende aus juristischer Sicht Menschen eine Ungerechtigkeit verursacht haben, ohne jedoch tatsächlich für  schuldig befunden zu werden. Dass sich das Strafmaß noch immer an der Höhe des Schadens orientiert, finde ich in diesem Zusammenhang allerdings falsch.

Dieselbe kriminelle Energie

Ob ich jemanden bestehle, der fünf Euro in der Brieftasche hat oder jemanden, der 500.000 Euro bei sich trägt, fordert dieselbe kriminelle Energie und den gleichen Entschluss. Es nimmt beiden Geschädigten alles, was sie besitzen und doch ist das Eine eine Bagatelle und das Andere schwerer Diebstahl. Wer in ein Haus einbricht, um etwas zu stehlen, nimmt in Kauf, dass er dort eventuell auf Menschen trifft, die ihr Eigentum verteidigen werden. Egal, ob er nun Menschen verletzt oder nicht – für mich ist es dieselbe Schwere der Schuld. Wer einen Anderen verprügelt, der nimmt in Kauf, dass der Andere womöglich stürzt oder lebensgefährlich verletzt wird. Vielleicht hat der Gegner ja ein schwaches Herz? Wie dem auch sei, wer diese Grenze überschreitet und Gewalt ausübt, muss damit rechnen, dass Schlimmeres passiert.

Trifft er nun auf einen durchtrainierten Körper, der keine größeren Verletzungen davon trägt, wird ihm auch nicht viel passieren, seine offizielle Schuld ist gering. Tötet er den anderen,  wenn auch ungewollt, ist er zumindest für Totschlag dran. Wieso ist es überhaupt eher eine Bagatelle, einen anderen Menschen zu schlagen? Da wundern wir uns, dass es Gewalt an Schulen und in Familien gibt? Es ist noch nicht lange her, da war es sogar legitim, dass Kinder geschlagen wurden, zu Hause und noch etwas früher auch an unseren Schulen. Diese Art der Gewalt ist zumindest inzwischen unter Strafe gestellt worden. Was aber die Frage der Schuld angeht, da denken wir immer noch in veralteten Strukturen.


 

Die Entscheidung

Trotz tausender Schuldzuweisungen, die täglich gemacht und empfangen werden und egal ob sich Wissenschaftler jahrelang damit befassten, herauszufinden wer die Schuld am zweiten Weltkrieg trägt – Schuld lässt sich nicht ohne weiteres so einfach zuweisen. Hitler ist tot. Wem nützt es also, ihm die Schuld an den Grausamkeiten jener Zeit zuzuschreiben? Es nützt uns. Für unsere Schuldgefühle ist es gut. Es nützt uns und unseren Familien, unseren Vorfahren und uns als Nation. Wenn wir einen Schuldigen gefunden haben, gucken alle auf den Schuldigen. Wir schauen auf Hitler, Goebbels, Stalin, Mao, Honecker, Mielke, Saddam Hussein, Kagame, Mugabe oder Kim Jong Un. Das befreit. Die sind die Schlimmen! Die Wahrheit aber ist: Ein einzelner Mensch allein ist einer Diktatur nicht fähig. Es braucht unzählige Helfer und Helfershelfer, Unterstützer und Denunzianten.

Es bedarf vieler krimineller Energie – und sie alle – ausnahmslos alle – tragen aus meiner Sicht gemeinsam die Schuld. Warum? Sie haben sich dafür entschieden. Schuld entsteht nicht zufällig. Schuld entsteht nicht unbewusst. Menschen entscheiden sich dazu, bestimmte Dinge zu tun oder zu unterlassen. Menschen werden aus meiner Sicht schuldig, wenn sie zusehen, wie jemand in der U-Bahn zusammengetreten wird. Sie haben für sich entschieden, nicht einzugreifen. Würde sich öfter jemand einmischen, könnte Leben bewahrt werden. Dabei müsste nicht einmal jemand sein eigene Gesundheit auf’s Spiel setzen. Wenn nur alle Passanten lautstark ihrer Verachtung Ausdruck verleihen würden, würde die Gewalt vermutlich sehr schnell wieder enden. Aber sie entscheiden sich dafür, wegzusehen. Sie billigen, was geschieht. So machen sie sich vielfach mitschuldig.

 

Verantwortung

Echte Schuldgefühle können uns jedoch nicht von außen gegeben werden. Wahre Schuld ist etwas, dass in uns selbst entsteht. Schuldgefühle werden ausgelöst durch den stillen Vorwurf unseres Gewissens an unsere Seele, nicht das Richtige getan zu haben. Schuld ist etwas, was wir uns selbst geben,  mit dem wir Leben müssen und was wir uns am Ende auch nur selbst wieder nehmen können. Selbst wenn die Opfer unserer Verfehlung uns vergeben, bleibt die Schuldgefühle in uns, wenn wir uns unsere Tat nicht verzeihen können.

Selbst wenn Gott uns vergibt, bleibt die Schuld in uns, wenn wir uns nicht selbst vergeben können. Im Umkehrschluss kann niemand uns die Schuld geben, wenn wir sie uns nicht selbst geben. Weist uns jemand Schuld zu und wir glauben, unschuldig zu sein, werden wir uns nach dieser Schuldzuweisung vermutlich keine Schuldgefühle haben. Wir werden eher ärgerlich, wütend, traurig oder enttäuscht sein. Für unsere eigentliche Schuld sind wir einzig und allein selbst verantwortlich…



 

Schuld vergeht nicht von allein

Oftmals ist es so, dass das Thema Schuld ein großes Kapitel im Leben depressiver Menschen füllt. Depressive Menschen fühlen sich nicht selten an etwas schuldig, das sie sich selbst nicht vergeben können. Manchmal schreiben sie auch die Schuld an ihrer Depression einem anderen Menschen zu, vielleicht jemandem, der sie verlassen hat oder jemandem, der ihnen Unrecht tat. Die Depression an sich steht ja schon für eine niedergedrückte Stimmung. Da ist es eigentlich kein Wunder, dass eine Affinität (Anziehungskraft) zur Schuld besteht, oder? Die Depression drückt dich nieder und die Schuld tut dies auch. Im schlimmsten Fall wirft sie dich zu Boden. Die Schuld hat deshalb meiner Meinung nach mehr mit der Depression zu tun als beispielsweise die Trauer, obwohl das Gefühl der Trauer eher mit Depressionen in Zusammenhang gebracht wird.

Wenn ich in mich hinein fühle, dann ist es eher die Schuld, die dem Gefühl der Depression gleichkommt. Schuld hat so etwas Besitzergreifendes. Sie lässt dich nicht mehr los. Während Trauer erfahrungsgemäß vergeht, nachlässt oder verblasst, geschieht dies mit Schuld niemals. Schuld ist in dir und wird immer wieder von dir selbst belebt, genährt und wach und bewusst gehalten. Schuld vergeht nie von allein.

 

Zwei Aspekte der Schuld

Zwei Aspekte der Schuld möchte ich einmal näher betrachten. Da wäre einmal die Schuld, die man sich selbst gibt, das ist die Schuld, die auch die Schuldgefühle hervorruft. Davon unterscheiden möchte ich die Schuld, die man anderen zuweist. Schuld kann sowohl Depressionen hervorrufen, als auch begünstigen. Schuld kann die Heilung der Depression verzögern und sogar verhindern. Der Umgang mit Schuld will deshalb bedacht sein. Es ist aus meiner Sicht wichtig, einen bewussten und offenen Dialog zum Thema Schuld mit sich selbst zu führen. Wem gebe ich die Schuld an meiner Depression? Drei Fragen halte ich in diesem Zusammenhang für besonders bedeutsam:

Wozu brauche ich einen Schuldigen?

Einen Schuldigen brauche ich immer dann, wenn ich den Teil meiner eigenen Verantwortung am Geschehen nicht tragen will oder noch nicht tragen kann. Dies kann eine bewusste oder unbewusste Entscheidung sein. Solange es einen Schuldigen gibt, solange es jemanden gibt, dem ich die Schuld an meiner Depression zuweise, solange bin ich auch nicht bereit, die Verantwortung für meine Krankheit zu übernehmen. Wenn aus meiner Sicht die Ursachen für meine Depressionen außerhalb von mir liegen, dann liegen die Möglichkeiten der Genesung auch außerhalb von mir. Dann bin ich außerstande, aus eigener Kraft wieder gesund zu werden. Ich bin abhängig von Anderen, vom Verursacher, von Ärzten, von Therapeuten, vom Verhalten der Eltern oder des Partners. Dann bin ich abhängig vom Verhalten des Chefs oder der Nachbarn, der großen Weltpolitik, usw.

Einen Schuldigen suchen

Die Ursachen liegen in jedem Fall draußen. Das heißt: Ich kann nichts dafür. Das mag verlockend klingen. Aber solches Vorgehen ist fragwürdig. Denn wer die Schuld hat, hat auch die Macht. Auf diese Weise entledige ich mich aller Verantwortung für mein Wohlergehen und lege sie in die Hände derer, die aus meiner Sicht die Depression zu verantworten haben. Das ist konsequent und logisch, aber ist es auch vernünftig? Die Schuld wegzugeben, entlastet zwar auf den ersten Blick, wenn ich mir aber klar mache, dass wohl eher niemand wirklich Schuld auf sich geladen hat im Zusammenhang mit meiner Depression, sondern dass „die Schuldigen“ es oft nicht besser wussten, dann merke ich auch schnell, wie unnötig und sogar kontraproduktiv dieses Verhalten ist.

Mit der Schuld gebe ich die Verantwortung ab und das schadet mir ein zweites Mal, und diesmal dauerhaft. Im Kontext der Depression die Schuldfrage zu stellen, finde ich deshalb kontraproduktiv. Nach den Ursachen einer Depression zu forschen, halte ich hingegen für unabdingbar. Ich muss in Erfahrung bringen, welche Umstände mich in die Depression führten. Erst wenn ich um die Zusammenhänge weiß, kann ich gezielt Abhilfe schaffen. Schuldzuweisungen helfen mir kaum. Nachtragend zu sein, hilft mir auch nicht weiter. Es geht hier nicht um Schuld, sondern um Ursache und Wirkung, Wiedergutmachung, Heilung und Genesung. Es geht um mich und meine Gesundheit.



 

Vergebung

Wenn ich es nicht schaffe, die Verantwortung für meine Depression nach Hause zu holen, dann wird es mir wohl auch nicht gelingen, die Depression auszuheilen. Die Verantwortung für mich, meine Gesundheit und mein Wohlbefinden liegt ausschließlich bei mir selbst. Als wir Kinder waren, haben unsere Eltern mehr oder weniger gut diese Aufgabe übernommen. Sie taten, wozu sie in der Lage waren. Mit der Pubertät aber entwuchsen wir den Kinderschuhen und auch der Verantwortung von Mama und Papa für unser Dasein. Es wird Zeit, dies anzuerkennen. Sollten da noch Vorwürfe an die Eltern im Raum liegen, sollte es etwas geben, dass wir ihnen nachtragen, dann sollte uns auch klar sein, dass wir selbst es sind, die diese Last (nach)tragen. Wenn überhaupt, sollte sie doch von ihnen selbst getragen werden, oder?

Bin ich bereit zu vergeben?

Ich finde, es ist Zeit, diese eventuellen Lasten nun zurück zu geben. Sie im Geiste dorthin zu geben, wohin sie gehören, zum Verursacher. Die Energie, die wir über Jahre darin gebunden haben, jemandem etwas nachzutragen, die fehlte uns tagtäglich bei der Bewältigung unserer Depression. Energie, in die Vergangenheit zu tragen, ist zwar menschlich, aber nutzlos, ja sogar selbstschädlich. Wie kann ich es also anstellen, mir diese Energie wieder zurückzuholen? Das ist im Prinzip vergleichsweise einfach und auch wieder nicht. Die Lösung des Problems liegt im Willen und der Bereitschaft zu vergeben. Die Vergebung ist eine wunderbare Möglichkeit, mit sich selbst, seinen Schuldgefühlen und der Vergangenheit ins Reine zu kommen, vielleicht sogar die einzige.
Die Vergebung gleicht aus, was ins Ungleichgewicht geraten ist. Alles im Leben will seinen Ausgleich. Es gibt keinen Frieden, wenn es keinen Ausgleich gibt, im Kleinen nicht und auch nicht im Großen. Das Schöne an der Vergebung ist, dass ich den Verursacher meiner Pein hierzu nicht brauche. Ich kann das ganz allein für mich und mit mir selbst abmachen. Vielleicht ist die Person auch schon verstorben oder es gibt gute Gründe, sie nicht wiederzusehen?Vielleicht würde nur unnötig Öl ins Feuer gegossen, weil die betreffende Person sich uneinsichtig zeigt? Du brauchst für eine Vergebung ein solches Treffen nicht. Vergebung ist ein Akt der Liebe und wann immer du Liebe aussendest, wird sie zu dir zurückkehren. Vergebung schenkt Frieden, schenkt dir Frieden.

Bin ich auch bereit, mir selbst zu vergeben?

Ganz ähnlich verhält es sich mit der Schuld, die ich mir selbst gebe. Solange ich Schuldgefühle habe, mich für schuldig halte, wird mich diese Schuld auch niederdrücken. Tag für Tag wird sie dies tun, denn das ist ihre Aufgabe. Es wird Zeit, auch diese Schuld aufzulösen durch einen ebensolchen Akt der Liebe. Da kann so einiges zusammen kommen im Laufe eines Lebens. Schuldgefühle sind etwas, das oft gefühlt wird. Schon Kinder fühlen sich schuldig, wenn ihre Eltern sich streiten, es ihnen schlecht geht oder sie sich scheiden lassen. Aber auch Eltern, die sich trennen, haben Schuldgefühle. Obwohl ich weiß, dass es für alle Beteiligten in der damaligen Situation das Beste war, habe ich Schuldgefühle, weil ich eine Familie den Bach runter gehen ließ und mich nach über zwanzig Jahren von meiner Frau trennte.

Obwohl ich weiß, dass es für alle Beteiligten das Beste war, nach Jahren der häuslichen Pflege meine Oma in ein demenzgerechtes Altenheim zu bringen, fühlte ich mich doch wie ein Verräter. Ich habe sie im entscheidenden Moment im Stich gelassen, wo sie doch immer für mich da gewesen war. Ein Jahr später war sie tot. Obwohl ich weiß, dass es das Beste für alle Beteiligten ist, dass ich von meiner heutigen Frau getrennt lebe, plagen mich Schuldgefühle. Ich fühle ich mich schuldig, nicht genug für unsere Liebe gekämpft zu haben. Ich habe sie einfach gehen lassen. Obwohl ich weiß, dass es für mich das Beste ist, die Kontakte zu Menschen abgebrochen zu haben, die mir nicht gut tun, fühle ich mich doch dieses Vorganges schuldig, warum auch immer… Es ist Zeit, zu vergeben. Es ist Zeit, Vergebung zu lernen, zu üben und zu verschenken.

Die eigene Schuldfrage klären

Die Vergangenheit ist vergangen. Außen ist alles längst wieder im Gleichgewicht, nur in mir nicht. Das sind immer noch Schuldgefühle. Was hält mich davon ab, mir selbst zu vergeben? Anderen zu vergeben fällt mir da leichter. Vielleicht, weil da eher etwas zurück kommt? Jedenfalls fühle ich das so. Die Vorstellung, dass ich mir selbst vergebe, löst so einen Effekt nicht aus. Das mag daran liegen, dass ich in keiner guten Verbindung zu mir selbst stehe oder aber daran, dass ich es nicht besonders gut kann. Möglicherweise halten mich Zweifel an der Richtigkeit dieses Tuns noch davon ab. Wie dem auch sei. Ich fühle mich an dem Punkt angekommen, an dem ich meine eigene Schuldfrage klären sollte. Es wird Zeit, diese unnötige Last abzulegen und die frei werdende Energie dafür zu verwenden, ins Leben zurück zu kehren, lebhafter, lebendiger zu werden.

Ich habe keine Schuld. Und ich brauche keine Schuldgefühle. Ich bin nicht Honecker und auch kein Betriebsparteisekretär. Ich bin Benno Blues, der kleine Junge aus der Siedlung, der jeden Sonntag in die Kirche ging, der gute Noten nach Hause brachte, obwohl er nicht gerne die Schule besuchte, der später gegen seinen Willen Soldat war und irgendwann als Regimegegner das Land verlassen musste, um menschenwürdig mit seiner Familie leben zu können. Wenn es eine Schuld gibt, dann ist es die, dass ich bislang die Schuld immer im Außen suchte. Aber eine Schuld ist das eigentlich auch nicht, mehr ein Fehler.



 

Alles will seinen Ausgleich

Nachdem ich nun viel über Schuldgefühle nachgedacht habe und immer wieder zu dem Schluss kam, das ich die Schuld als solche eigentlich gar nicht brauche, dass sie mir eher hinderlich ist und mich niederdrückt, frage ich mich dann am Ende doch, wozu sie eigentlich gut ist. Es gibt die Schuld, also muss sie auch zu etwas gut sein, oder nicht? Der Beitrag wäre einfach nicht rund, ginge ich nicht wenigstens am Ende diesem Gedanken einmal kurz nach. Weshalb also gibt es eine Schuld? Warum wurde die Schuld erfunden?

Ich denke, die Schuld ist ein Mittel des Ausgleichs. Sie ist etwas, das den Ausgleich einfordert. Wenn ich jemandem etwas schulde, dann ist es meine Aufgabe und mein Bestreben, diese Schuld baldmöglichst wieder zu begleichen. Dies kann stattfinden, indem ich einen Kredit mit Zinsen zurückzahle oder einen Gefälligkeitsdienst übernehme. Schuld kann ich auch begleichen, indem ich etwas ersetze oder repariere, das ich beschädigt hatte oder bei Bedarf für jemanden da bin, wenn er mich braucht. Schuld schreit einfach nach Wiedergutmachung. Insofern ist Schuld gut und wichtig. Sie sorgt für Ausgleich und somit für inneren und äußeren Frieden, natürlich nur, wenn sie auch beglichen wird. Schuld sorgt für Gerechtigkeit unter den Menschen und reguliert auf diese Weise das soziale Zusammenleben.

Emotionen wollen gefühlt werden

Schuldgefühle sind Emotionen wie andere auch. Sie wollen gefühlt werden. Du musst durch diese Gefühle hindurch gehen. Gefühle sind Ausdruck von Bedürfnissen und hier besteht konkret das Bedürfnis nach Ausgleich. Unsere Aufgabe ist es, Gefühle wie Schuld zuzulassen, wahrzunehmen und in eine, das Bedürfnis stillende Handlung umzusetzen. So geschehen, kann das Gefühl wieder gehen. Es hat seine Aufgabe dann erfüllt. Emotionen wollen bewegen (engl. Motion=Bewegung). Sie wollen dich bewegen und sie wollen, dass du dich bewegst. Schuld ist nicht mehr und nicht weniger als eine solche Emotion.

Emotionen, also auch Schuldgefühle, sind nicht dazu gedacht, Menschen leiden zu lassen, Menschen auf Dauer nieder zu drücken, Menschen klein zu machen oder ihnen Schmerz, egal ob seelisch oder körperlich, zuzufügen. Emotionen sind Lebenshelfer. Sie stehen uns zu Diensten, so wie unser Körper es jeden Tag tut oder unser Geist. Nehmen wir sie also dankbar an, nutzen wir ihr Potential, aber setzen sie nicht länger gegen uns ein…

Quellen zu „Die Schuldgefühle und Depression“

Foto: Lucie Gerhardt / pixelio.de

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