Schritte aus der Krise

Schritte aus der Krise

Zur Abwechslung schreibt hier heute einmal Herr Carsten Börger über das Thema Depression. Er berichtet über das oft verschwiegene, aber leider äußerst reale Thema Suizid und zeigt Wege auf, gefährliche Lebenskrisen zu meistern. Herr Börger beschäftigt sich über zwanzig Jahren mit dem Thema Psychologie. Er arbeitet als Psychologischer Berater und Autor und schreibt unter anderem regelmäßig für das Internetportal psyheu.de. Sein Lebensmotto lautet: Das kleine Glück mitnehmen. Lieben Dank an Herrn Börger!


Wie soll man vorgehen?

Die Frage, was man bei Depressionen als erstes tun soll, ist nicht ganz einfach zu beantworten, denn Depressionen sind nicht wie Halsschmerzen. Damit ist nicht gemeint, dass es ja psychische statt körperlicher Leidenszustände sind, sondern dass Depressionen eine immense Spannbreite haben. Von einer reaktiven Depression, in der man auf bedrückende Lebensumstände mit Schwermut reagiert, über eine Depression, die sich im Charakter eingenistet hat, bis hin zu schweren und schwersten Formen, in denen das Leben ein einziger zäher Kampf ist, in dem es darum geht, die nächsten endlosen Minuten irgendwie zu überstehen. Ein grauer und zäher Tunnel ohne Ende, der die Zeit fast anzuhalten scheint, der in quälend langsamer Sinnlosigkeit die Viertelminuten aneinanderfügt, vom höhnenden Ticken oder Blinken der Uhr begleitet. Nicht einmal mehr zum Selbstmord ist man fähig, es sind Menschen, die buchstäblich bei lebendigem Leib verhungern, weil jede Alltagstätigkeit bereits ein unendlicher Kampf ist, bei dem man nur die nächste Hürde, das nächste Müssen, am Horizont erscheinen sieht.



Doch es gibt auch die tiefe Verzweiflung darüber, dass das Leben zwar eigentlich gar nicht schlecht läuft, so von außen betrachtet, aber irgendwie fehlt etwas. Das alles wirkt so fahl und sinnlos. Man fährt in den Urlaub, kauft seine Schuhe, hat vielleicht Familie und Partner und einen Beruf, doch im Hintergrund läuft die Endlosschleife: „Wozu das alles?“ Es ist nicht die Angst vor dem Tod, die sich hier meldet, sondern das Gefühl der Sinnlosigkeit des Lebens, ja der ganzen Existenz. Das alles und mehr sind die Gesichter, die eine Depression annehmen kann. Entsprechend schwer ist es, „den ersten Schritt“ anzugehen, aber ich denke, man kommt mit einem Drei-Schritte-Plan ganz gut zurecht. Der muss nicht nacheinander folgen, sondern hängt vom Schweregrad der eigenen Depression ab.

Erster Schritt: Das Überleben sichern

Depressionen sind lebensgefährlich. Es macht vielleicht keine gute Laune das auszusprechen, aber man muss wissen, dass es so ist. Es gibt drei Arten von Suizid und diesen entsprechend muss man mit ihnen umgehen:

Suizidalität aus rationalen Gründen: Jemand ist in einer extrem ausweglosen Situation, tödlich erkrankt, ohne Aussicht auf Heilung, aber mit der Aussicht auf entsetzliches Leiden, alleinstehend und völlig mittellos. Man kann zumindest verstehen, wenn ein Mensch vor diesem Hintergrund seinem Leben ein Ende setzen möchte.

Suizidalität aus charakterologischen Gründen: Ohne hier zu sehr ins Detail zu gehen, handelt es sich dabei meistens um „Unfälle“. Vor allem im Rahmen schwerer Persönlichkeitsstörungen kommt es immer wieder zu Selbstmordinszenierungen, die den Sinn haben, das nahe Umfeld zu erpressen. Das ist ernst zu nehmen, aber die dortigen Suizidversuche sollen den anderen tendenziell nur zeigen, was passiert, wenn sie nicht funktionieren, so dass man droht zum Äußersten bereit zu sein.

Der depressive Suizidversuch ist still, nicht theatralisch, aber bitter ernst gemeint. Der soll klappen und klappt leider auch oft. Darum sind Selbsttötungsabsichten im depressiven Kontext immer äußerst ernst zu nehmen und hier gilt an erster Stelle das Überleben zu sichern, notfalls zunächst in einer Klinik und mit Medikamenten. Wenn das Überleben gesichert ist, sei es, dass man sich sicher ist, dass man keinerlei Absicht hat, sich umzubringen oder wie auch immer, kommt der nächste Schritt.

Zweiter Schritt: Hilfe annehmen

Gerade die depressive Stimmung hat das Problem, dass man meint, es gäbe ohnehin niemanden, der einem helfen kann oder schlimmer, dass es sich gar nicht lohnt, mir zu helfen. Doch es lohnt sich und hat beste Aussichten auf Erfolg. Wenn man das momentan nicht fühlen kann, sollte man es sich wenigstens rational klar machen, dass wir einander nicht im Stich lassen und es immer Menschen gibt, die helfen können, wenn man die Bereitschaft aufbringt, sich helfen zu lassen.

Hier sind depressive Menschen tendenziell sogar besser dran als Menschen mit anderen Erkrankungen, bei denen die eigenen Scham- sowie Versagensgefühle und -ängste eine noch größere Rolle spielen. Hilfe anzunehmen heißt jedoch immer auch, über den eigenen Schatten zu springen. Doch schon das Gefühl, nicht allein zu sein, kann helfen und ist ein erster Schritt aus der Passivität und Lähmung, die mit der Depression oft einhergeht. Wenn man das Gefühl hat, es selbst zu schaffen oder versuchen zu wollen, und Schuldgefühle nicht das Motiv sind Hilfe zu verweigern, geht es weiter.



Dritter Schritt: Den eigenen Weg finden!

Es mag abgedroschen klingen, aber wir sind alle Individuen: ähnlich bis zu einem bestimmten Maße und dann doch immer auch anders und einzigartig. Weil das so ist, kann es nicht „den Weg aus der Depression“ geben, aber sehr wohl „meinen Weg aus der Depression“. Und bei aller Verschiedenheit der Ansätze und Möglichkeiten, ist eines wichtig zu erwähnen: Es geht vor allem auch darum, das Ruder wieder (oder zum ersten Mal) selbst in die Hand zu nehmen. Leben stößt einem nicht einfach nur zu, man hat die Möglichkeit und das Recht es selbst zu gestalten. Das ist es, was Spaß macht, was einem den Grund gibt, jeden Morgen aufzustehen, auch dann, wenn mal nicht alles am Schnürchen läuft. Die große Gefahr bei Depressionen ist meines Erachtens, dass man sich zu schnell mit dem halbvollen Glas zufrieden gibt und scheinbar vernünftig denkt: „Na ja, das Leben ist halt so.“ Realismus in Ehren, aber wir Menschen haben das Zeug zu und ein Recht auf Beklopptheiten. Öde ist oft das zu vorhersehbare Leben, ein Tag wie der andere und man fragt sich irgendwann zurecht: Wofür eigentlich? Dabei geht es gerade bei Depressionen nicht darum, gekünstelt auf gute Laune zu machen. Das zu Aufgedrehte und Übertriebene (manchmal durch Drogen gepushte) ist oftmals sogar ein Auslöser für Depressionen. Stille, Nachdenklichkeit, Traurigkeit sind alles Facetten, die zum Leben dazugehören. Es gilt auch sie anzunehmen und zu erleben, damit man die emotionalen Spitzen des Lebens nicht abschneidet. Aber gerade, wenn diese Spitzen wieder erlebbar werden, nimmt auch der Ausschlag nach oben zu. Das muss keine Jubelrakete sein, sondern kann sich in einem Gefühl tiefer Zufriedenheit darstellen, die durchaus in aller Stille und Zurückhaltung stattfinden kann.

Quellen zu „Depression und Schritte aus der Krise“
Foto: Rainer Sturm / pixelio.de

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