Ich habe Angst

Ich habe Angst

Angst und Depression gehören zusammen

Ich habe Angst und damit bin ich offensichtlich nicht ganz allein. Immer mehr Menschen werden sich ihrer Angstgefühle bewusst. Immer mehr Menschen fühlen sich von ihrer Furcht beherrscht und suchen hierfür einen Ausweg. Natürlich darf man dies nicht öffentlich tun. Ängste muss man geheim halten. Von der eigenen Angst darf besser niemand erfahren, denn sie lässt einen schwach und angreifbar erscheinen. Wenn Andere heraus bekommen, dass ich ein ängstlicher Mensch bin, dann nehmen sie mich womöglich nicht mehr ernst? Und dennoch zählen Angsterkrankungen mit zu den häufigsten psychiatrischen Diagnosen. Etwa 15% aller Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens eine Angststörung. Diejenigen, die sich aus Scham keine Hilfe holen, bleiben in dieser Statistik natürlich unberücksichtigt. Es scheint also so, als bestimme die Furcht zunehmend unser Leben, als lege sie sich wie ein grauer Schatten über die Herzen der Menschen und verändere sie…


 

Alle Gefühle sind wichtig

Ich habe Angst, aber ich empfinde auch Freude. Beide Gefühle gehören zusammen. Es sind zwei Seiten derselben Medaille, es sind zwei Anteile in uns, gleichsam zwei Pole, zwischen denen wir leben. Ohne die Furcht erleben wir keine Freude und umgekehrt. Stelle dir einmal vor, du wärst so „abgehärtet“, dass du dich vor nichts und niemandem mehr fürchten würdest! Selbst den Tod fürchtetest du nicht. Was könnte dich noch erfreuen? Fühl einmal hinein in diese Vorstellung und wenn dir das schwer fällt, dann stelle es dir für einen anderen Menschen vor! Menschen, die keine Angst mehr empfinden können, die die Angst ausgesperrt haben aus ihrem Leben, sich von ihr abgespalten haben, sind oftmals Menschen, die keinen Sinn mehr in ihrem Leben sehen können. Sie funktionieren wie Roboter, aber sie leben nicht, sind nicht lebendig. Da sie keinerlei Furcht haben, achten sie auch weniger auf sich, sie agieren riskanter als andere Menschen dies tun und vermutlich leben sie auch nicht so lange wie diese.



Angstlosigkeit bedeutet Gefühllosigkeit

Umgekehrt verlieren Menschen ihre Furcht, sobald sie ihre Freude verlieren. Ein Mensch, der sprichwörtlich „nichts mehr zu lachen hat“, wovor soll der sich noch fürchten? Er hat doch eh nichts mehr zu verlieren. Sein Leben ist eintönig geworden. Er lebt nicht mehr aus der Fülle. Ein Mensch, der verloren hat, wofür er einst lebte, vielleicht seine Familie, seine Arbeit – ein Mensch, der verlor, was ihm viel bedeutete, wie etwa seine Gesundheit oder seine Freiheit – ein solcher Mensch, zu welchen Gefühlen mag er wohl noch in der Lage sein? Wenn die Angst und die Freude gehen, dann gehen auch alle anderen Gefühle. Dann erkaltet die Seele, denn alle anderen Gefühle sind in gewisser Weise verbunden mit Angst oder Freude.

 

Scham und Ängstlichkeit

Die Angst ist auf vielfältige Weise in meinem Leben. Deshalb habe ich mich auch viel mit dem Thema beschäftigt und werde es auch weiterhin tun. Beispielsweise interessiert mich die Frage, weshalb es in den menschlichen Kulturen verpönt ist, Furcht zu zeigen. Wir werden ein Leben lang darauf getrimmt, stark und mutig zu sein. Ängstlichkeit wird sogar vielfach mit Feigheit gleichgesetzt, obwohl dem mitnichten so ist. Wem nämlich nie bange ist, der kann auch nicht mutig sein. Nur wer die Furcht auch spürt und sich mit einer Entscheidung über seine Gefühle erhebt, ist mutig (oder manchmal eben auch dumm). Alle wollen wir sonst etwas sein, aber bestimmt nicht ängstlich. Es imponiert uns, wenn jemand keine Furcht zeigt und sich „mutig“ einer Herausforderung stellt. Auch mir imponiert das. Mut ist auch nichts schlechtes. Mut fördert den Lern- und Entwicklungsprozess. Wenn wir uns unserer Angst mehrmals erfolgreich gestellt haben, kann die Angst kleiner werden und eventuell sogar ganz verschwinden. Das heißt aber nicht, dass sie für immer verschwinden soll. Verschwinden soll sie nur in Situationen, wo sie uns nichts nützt, Situationen, die wir eigentlich im Griff haben könnten.



Angst und die Evolution

Ich halte die Angst für etwas sehr Altes, etwas Ursprüngliches, das tief in uns angelegt ist, uns zu beschützen. Nicht die Helden leben lange – sie sterben meist beizeiten, denn manchmal überschätzen sie sich. Die Ängstlichen, die Angepassten, haben die Nase vorn im Rennen um das Überleben. Die Angepassten sind die Erfolgreichen. Anpassung ist das Prinzip der Evolution, auch der menschlichen Evolution. Was ich damit sagen will: Die Angst ist etwas Gutes, etwas Lebensbejahendes, etwas Menschliches. Menschen ohne Furcht werden vielfach zu Monstern, zu Zombies, allerdings Menschen ohne Freude auch. Aber sind jene ein Gewinn für die Menschheit?

Angst wird abgelehnt

Nun haben wir allerorts kaum mit der Freude ein Problem. Die Freude ist ein gern gesehener Gast in unseren Herzen. Die Freude ist immer willkommen. Die Angst hingegen wollen wir nicht haben. Sie wird ausgesperrt. Die Angst lehnen wir ab, an Anderen und auch und insbesondere an uns selbst. Wir ignorieren sie und wir verachten sie. Oftmals verurteilen wir sie sogar. Und das alles tun wir mit fatalen Folgen für unser Seelenleben. Die Angst ist nämlich, ob uns dies nun in den Kram passt oder nicht, ein Teil unserer selbst. Indem wir unsere Furcht ignorieren, ignorieren wir uns selbst mit unseren Gefühlen und Bedürfnissen.

Ein Bedürfnis nach Sicherheit

Hinter der Furcht steckt nämlich eigentlich nur das Urbedürfnis nach Sicherheit. Indem wir sie abert verachten, verachten wir uns selbst und unsere Bedürfnisse. Wir werten uns ab. Wir machen uns klein. Indem wir die Furcht verachten, verachten wir uns selbst dafür, dass wir so etwas Natürliches wie Furcht empfinden. Wir verachten uns dafür, menschlich, nahbar und verletzlich zu sein. Indem wir die Angst verurteilen und der Schwäche und Feigheit zuordnen, verurteilen wir uns selbst. Auch hier ist Selbstabwertung die Folge. Wie mag es wohl einem Menschen gehen, der täglich ignoriert und mit Verachtung bestraft wird, vom wem auch immer?



Sich zu fürchten – Ist das feige?

Warum eigentlich kann ich die Angst nicht annehmen als etwas, das zu mir gehört? Weshalb kann wir ihr nicht einfach den Raum geben, den sie braucht? Furcht, die wir zulassen, verschwindet. Furcht, die wir unterdrücken, bleibt auf ewig. Wir schließen sie tief in uns ein und dort in ihrem Verließ treibt sie weiter ihr Unwesen. Sie hat nur eines im Sinn: Sie will in Freiheit gefühlt werden. Die Angst macht uns nicht zu Feiglingen. Sie nötigt uns lediglich zu einer Entscheidung: Angriff? Flucht? Tot stellen. Sie  macht uns unser Bedürfnis nach Sicherheit, nach Unversehrtheit deutlich. Sie ist nicht schlecht, so wie ein Überbringer einer schlechten Nachricht nicht schlecht sein muss.

 

Die Angst vor der Angst

Angst und Freude sollten immer ein gesundes Gleichgewicht bilden, so etwa wie Yin und Yang. Wenn beide im Gleichgewicht sind, dann sind auch wir Menschen im Gleichgewicht. Gefühle wollen fließen. In dem Wort Emotion steckt der Begriff Motion (engl.= Bewegung). Gefühle, die nicht fließen können, bleiben in uns, werden aufgestaut, eingesperrt. Das sind Energien, die fortan unser Leben bestimmen, sind Lasten, die wir mit uns herum schleppen. Gefühle, die wir nicht ausreichend gefühlt haben, machen uns nachtragend. Zu dumm nur, dass wir selbst es sind, die hier etwas zu tragen haben! Zunehmend werden wir dann von unseren Gefühlen beherrscht und nicht wir sind mehr die, die ihre Gefühle beherrschen. Die Furcht nimmt uns oftmals die Freude. Sie nimmt uns die Lebensfreude. Und weil wir unbewusst wissen, dass es nicht gut ist, was hier passiert, gesellt sich dann oftmals auch noch die Angst vor der Angst hinzu. Spätestens in diesem Stadium würde man von einer Angststörung sprechen. Wenn die Angst vor der Angst da ist, dreht sich das ganze Leben nur noch um Angstzustände, Panik, Furcht, Phobien, Gehemmtheit, Unsicherheit, Misstrauen, Sorge, Zweifel und Pessimismus. Es gibt kaum noch Neugier, Hoffnung oder Liebe. Es gibt kaum noch andere, positive Energien. Das Gleichgewicht zwischen Furcht und Freude ist restlos abhanden gekommen. Und wieso? Es ist passiert, weil wir diese Furcht nicht haben wollten.



Furcht beschützt

Die Furcht in sich selbst als etwas Gutes und Nutzbringendes zu akzeptieren, könnte ein erster Schritt sein hinaus aus der Enge. Der Begriff Angst hat sich übrigens aus dem indogermanischen „anghu“, was für „beengend“ steht, entwickelt. Auch im Lateinischen gibt es wortverwandte Entsprechungen. Ein Weg hinaus aus der Enge und hin zu mehr Freude, das ist der Weg in die Freiheit. Indem ich aufhöre, Teile von mir und damit mich selbst abzulehnen, finde ich wieder zusammen, werde wieder eins mit mir. Nur wenn ich meine Angst wieder fühle, wird sie mir von Nutzen sein, nicht wenn ich sie erfolgreich verdränge. Eigentlich könnten wir Menschen stolz sein auf unsere Ängste. Warum sind wir es nicht? Fast jedes Tier ist ängstlich, sogar fast jedes Raubtier. Die Tiere, die es nicht mehr sind, deren Feinde haben wir vermutlich ausgerottet. Dennoch würden wir kein Tier als Feigling bezeichnen. Ein Hase, der vor einem Fuchs weg läuft, gilt nicht als ängstlich, sondern als klug. Bliebe er sitzen und wäre mutig, wäre er in Wirklichkeit dämlich. Die Angst beschützt das Beschützenswerte. Die Angst beschützt Leben. Ich habe Angst und das ist gut so…

Quellen zu „Furcht und Depression“

Begriff Angst, WikipediaFoto: CFalk / pixelio.de

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Ich habe Angst - Hilfe bei Depression
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Die Angst ist eines der wichtigsten und lebensbejahendsten Gefühle der Menschen. Dennoch will sie keiner haben. Aber das muss nict so sein...
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