Depression Weihnachten und Familie

Depression Weihnachten und Familie

Nun haben wir es wieder einmal hinter uns gebracht, das Ereignis des Jahres, die Zeit die für Familie steht und eine heile Welt. Weihnachten ist vorbei und wieder einmal hat es mich in sich aufgesogen, das schwarze Loch, die absolute Gravitas, das dunkle schwere Etwas, das kein Licht entkommen lässt. Alles kehrt sich ins Negative und man ist mitten drin und fühlt sich auch noch schuldig. Was ist falsch gelaufen? Hören denn die Depressionen niemals auf? Gehören sie vielleicht einfach zu Weihnachten?

Alles schien perfekt

Ich dachte, ich hätte das alles bereits weiter hinter mir gelassen. Ich dachte, ich wäre der Depression längst entwachsen. Ich lebe wieder in einer glücklichen Beziehung, habe eine Ausbildung gemacht und arbeite sogar wieder. Okay, nicht in Vollzeit, sondern stundenweise, so wie ich es eben kann. Aber ich tue es mit Freude. Die Arbeit bedeutet mir viel. Ich singe in einem Chor. Ich tanze einmal in der Woche mit meiner Frau. Ich baue an meinem alten Haus herum und erfreue mich an meinen Tieren. Ich liebe meine vier Kinder und drei Enkel und freue mich schon auf die nächsten Zwei. Alles scheint perfekt und doch ist es wieder passiert – es hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen.



Kaffeesatz

Jetzt sitze ich hier und starre Löcher in die Gegend. Nicht einmal denken kann ich mehr klar, obwohl es permanent etwas in mir denkt. Es scheint gar nicht aufzuhören, in mir zu denken und stoppen kann ich es schon gar nicht. Manchmal gelingt es mir, davon Abstand zu nehmen, dann aber bin ich wie entrückt, wie im falschen Film, fühle mich getrennt von mir und der Welt. Aber wenigstens empfinde ich dann keinen Schmerz. Manchmal fühle ich dann gar nichts, was sich auch nicht gerade gut anfühlt. Und jetzt sitze ich hier und lese im Kaffesatz oder in den emotionalen Scherben, die ich mit meinem Drama hinterließ. Ich versuche, heraus zu finden, was ich hätte besser machen können. Was hätte ich anders tun können? Was hätte ich vermeiden können oder sollen? Habe ich überhaupt eine Chance, etwas zu vermeiden oder ist die Depression mein Schicksal? Manchmal denke ich das tatsächlich. Aber das gehört wohl zur Depression. Im Grunde aber weiß ich, dass es für alles einen Grund gibt und einen Auslöser. Wenn Grund und Auslöser zusammenfallen, ist es relativ einfach aufzuklären. Leider ist es im Leben oftmals viel komplizierter. Da liegt der Grund für eine aktuelle Verletzung schon viele Jahre zurück und nur der Auslöser ist aktuell. Der Auslöser rechtfertigt aber nicht die Reaktion, die in einem hervorgerufen wird. Man selbst sieht natürlich den Auslöser als Grund und versucht die Situation dort zu lösen, was misslingen muss, weil die aktuelle Situation nur der Auslöser und nicht der Grund für die emotionale Reaktion war.

Was passiert war

Wir hatten Besuch. Wie jedes Jahr kamen die Kinder meiner Frau zu Weihnachten nach Hause. Und wie jedes Jahr blieben sie etwa eine Woche lang. Für meine Frau ist dies das Schönste im Leben. Sie liebt ihre Kinder und hat sie gern noch einmal um sich, so wie früher, als sie noch zusammen lebten und eine richtige Familie waren. Die Erinnerung malt mit goldenem Pinsel. Sicher war früher auch nicht alles eitel Sonnenschein, aber für das menschliche Gefühl ist das so. Ich bin auch Vater und empfinde ganz ähnlich. Die Crux an der Sache ist, dass es nicht meine Kinder sind und auch nie sein werden. Nicht dass ich sie nicht mag – ich mag sie sehr gerne und das nicht nur, weil sie die Kinder meiner Frau sind. Ich mag sie auch als Mensch, als Individuum. Naja, ich mag sie halt, warum auch immer. Bestimmte Sachen weiß man eben.

Ich mag keinen Besuch

Was ich aber nicht mag, und das war schon immer so, sind längere Besuche. Ich mag Besuche. Ich besuche selbst und lade auch ein. Aber ich halte es immer kurz. So bin ich eben. Ich brauche meine Ordnung, meine Umgebung. Das gibt mir Sicherheit. Da fühle ich mich wohl. Jedesmal wenn Besuch kommt, verliere ich mein Zuhause für den Preis, dass sich der Besuch wohl fühlt. Natürlich soll sich der auch wohlfühlen. Ich möchte ja schließlich auch ein guter Gastgeber sein. Aber genau an diesem Punkt stoße ich regelmäßig an meine Grenzen. Ich nehme mich dann soweit zurück, bis ich gar nicht mehr da bin, mich selbst verliere. Tief in meinem Inneren erwarte ich dann, dass die anderen auch mit dafür sorgen, dass es mir gut geht, dass sie auf mich Rücksicht nehmen und meine Bedürfnisse, dass sie mir helfen…usw. Wenn dies dann nicht geschieht, weil Menschen in erster Linie nun einmal für sich selbst sorgen, was ich im Grunde auch richtig finde, dann bin ich enttäuscht, oft sogar frustriert. Ein, zwei Tage kann ich das noch ganz gut kompensieren, aber irgendwann eskaliert dann die Situation in mir…

Alle Jahre wieder

Und dann sitze ich Jahr für Jahr an Weihnachten inmitten einer fröhlichen Schar von Menschen und bin deprimiert. Eigentlich würde ich Weihnachten viel lieber allein feiern, nur mit meiner Frau, was für sie natürlich ein Ding der Unmöglichkeit ist. Und so geht es Jahr für Jahr immer nur um ihr Weihnachten und das ihrer Kinder. Und mein Weihnachten? Wo ist es geblieben? Wohin ist sie verschwunden, die Faszination? War es nicht immer mein Part, den Baum zu besorgen und zu schmücken. Besonders stolz und verwegen fühlte ich mich, wenn ich das eine oder andere Jahr unerlaubterweise mir den Baum ganz frisch direkt aus dem Wald holte. Den ganzen Hl. Abend verbrachte ich mit Schmücken und Kochen und damit, den Tisch zu decken. Es gab so viel Heimlichkeit und Vorfreude in mir. Da war Weihnachten noch Weihnachten. Wir lasen das Weihnachtsevangelium und sangen Weihnachtslieder vorm Tannenbaum. Dann gab es das Festessen. Die Geschenke lagen schon unterm Baum, aber waren noch abgedeckt mit weißen Tüchern, so wie es früher schon war, als ich selbst noch ein Kind war…



Menschen sind unterschiedlich

Aber andere Familien haben andere Rituale. Für andere Menschen stellt sich das ultimative Weihnachtsgefühl auf andere Weise ein. Das muss man respektieren. Ich respektiere das. Aber muss ich dafür gleich den Höchstpreis zahlen? Muss ich deshalb darauf verzichten, Weihnachten so zu feiern, wie ich es schön finden könnte? Natürlich sprach ich mit meiner Frau darüber. Mein Ansatz war: Hier kommen zwei verschiedene Menschen zusammen, die sich selbst und ihr Vorleben mitbringen. Hier kommen zwei Menschen zusammen mit unterschiedlichen Erfahrungen und zumindest zum Teil auch mit unterschiedlichen Bedürfnissen. Ich war so naiv zu glauben, dass nun aus diesen zwei Leben (Vorstellungen, Bedürfnissen, Wünschen) ein neues Leben entstehen könne und auch müsse, weil es anders auch gar nicht gehen könne. Ich dachte, wir gestalten jetzt unser Weihnachten.

Und ich glaube auch noch immer, dass auch genau dies passiert wäre, würde es nur uns beide geben. Aber so ist es nun einmal nicht. Es gibt nicht nur uns. Es gibt auch ihre beiden Kinder und es gibt dort eine gute Tradition, die es aufrecht zu erhalten und notfalls auch zu verteidigen gilt. So überließ ich Weihnachten den anderen… jedes Jahr ein bisschen mehr, bis ich es fast ganz verlor. Innerlich kämpfe ich wohl noch immer darum, aber dies auf geeignete Weise nach außen zu tragen, ist mir anscheinend nicht gegeben.

Einsam unter Menschen

Fünf Tage lange habe ich mich zurückgenommen, habe gesorgt und bedient. Ich deckte den Tisch und räumte ab, deckte den Tisch und räumte ab, sorgte für Ordnung. Ich sprang auf und lief, wenn etwas fehlte und fühlte mich mehr und mehr schlecht behandelt. Die Kinder blieben im Bett, bis sie an den fertig gedeckten Tisch mit frischen Brötchen und auf den Punkt gekochten Ei gerufen wurden. Hinzufügen muss ich vielleicht noch, dass die Kinder inzwischen erwachsen sind und nun nicht mehr allein, sondern mit ihren Partnern kommen, was die Situation aus meiner Sicht allerdings auch nicht entspannt, sondern nur noch neue und zusätzliche Psychodynamiken mit sich bringt. Und inmitten all dieser Dynamiken sitze dann ich und fühle mich so einsam und verloren wie lange nicht. Ich vermisse meine Kinder. Ich finde es falsch, alles falsch und sehe mich doch außerstande, etwas daran zu ändern. Wie auch? Ich kann nicht auch noch meine vier Kinder mit Partnern und meine drei Enkelkinder dazu einladen. Für sie wäre das vermutlich auch komisch, weil ich sie noch nie Weihnachten zu mir einlud. Ich fand das immer richtig so. Ich wollte, dass sie ihr eigenes kleines Weihnachten haben können, so wie ich es auch für mich liebe. Und ganz ehrlich? Ich vermisste sie an Weihnachten auch nicht. Ich wusste sie gut aufgehoben in ihrem eigenen Leben. Es war gut wie es war. Aber jetzt – jetzt vermisse ich sie sehr. Jetzt ist es nicht mehr gut, wie es ist. Ich habe mein Weihnachten verloren. Es ist nicht mehr mein Weihnachten. Es ist das Weihnachten meiner Frau und ihrer Kinder.



Ausweglose Situation

Das tut weh. Noch tut es weh. Was kann ich dagegen tun? Meine Strategie ist es, mich immer mehr davon zu lösen, mich von Weihnachten zu lösen, es abzuspalten als das was es für mich ist – ihre Sache. Aber so einfach ist das nicht. Wenn ich mich da herausnehme, verletzt es meine Frau. Sie möchte mich mit dabei haben, wenn die Familie zusammenkommt. Sie empfindet es als Ablehnung ihren Kindern gegenüber. Und so treibt es mehr und mehr einen Keil zwischen uns. Einmal haue ich darauf, einmal haut sie darauf, einmal tun es die Kinder. Es treibt den Keil immer tiefer. Er sitzt immer fester. Irgendwann wird uns das spalten. Das ist meine größte Angst. Vielleicht es ist auch schon längst passiert. Ich weiß es nicht. In depressiven Phasen fühlt man ja immer so. Ich fühle mich wertlos, ungewollt, ungeschickt… Ich fühle mich fremd. Ich empfinde mich als Belastung. Ich fühle mich als Spaßbremse, als Bremsklotz, als Last. Ich möchte einfach weg sein. Ich möchte nicht da sein. Ich möchte wegfahren dürfen, aber das darf ich nicht. Das würde meine Frau verletzen und das kann ich ihr nicht antun. Ich habe ihr ja sowieso schon ihr ganzes Weihnachten vergrault mit meinem „Ich mag keinen Besuch – Scheiß“. Und so bleibe ich. Ich bleibe und halte aus, bediene, bin offen und freundlich, strenge mich an, versuche zu gefallen, bis ich irgendwann nicht mehr kann und völlig zusammenbreche.

Der Zusammenbruch

Und so saß ich da irgendwann eines morgens und konnte nicht mehr, war völlig zusammengebrochen, weinte nur noch und wollte einfach nur noch weg. Und? Bin ich gefahren? Mitnichten! Es war doch noch neuer Besuch angekündigt. Ich musste doch da sein. Und am nächsten Tag? Da kam der und der. Und am nächsten Tag? Da wollten wir doch bowlen gehen. Ich blieb und blieb und blieb… Erst als die ersten Leute abreisten, erlaubte ich mir, mich auch zu entfernen. Auch ich bin jetzt abgereist, sitze jetzt hier in unserem Landhaus und starre Löcher in die Gegend. Ich hatte die Hoffnung, dass ich mich hier wohl fühlen würde, dass ich mich hier Zuhause fühlen würde, aber dem ist nicht so. Ich fühle fast nichts mehr. Ich fühle mich leer. Ich bin nahe an der Suizidalität. Auch so ein Thema, das ich glaubte, weit hinter mir gelassen zu haben. Und plötzlich tauchen die Gedanken wieder auf und umgarnen mich. Plötzlich ist sie wieder da, diese süße Sehnsucht nach dem Ende, nach Frieden, nach Ruhe… Erkläre das mal einem, der da noch nicht war! (Wenn du es geschafft hast, dann schreib mir bitte, wie du es angestellt hast!) Ich jedenfalls kann das nicht erklären, kann nicht einmal die Depression erklären. Die Menschen glauben, man müsste doch nur… Sie glauben, es könne doch nicht so schwer sein, man bräuchte doch nur… Ja, du kennst das sicher auch aus deiner Umgebung. Man erklärt und erklärt und spürt doch ganz deutlich – sie können es nicht verstehen. Im Grunde finde ich das noch gar nicht mal so schlimm. Schlimm finde ich es, wenn einige von ihnen glauben, ich wäre es, der nichts versteht… Dann ist er wieder da, der Schmerz des Andersseins, des Ausgestoßen-Seins, des Nicht-Dazugehörens.

Suche nach einer Lösung

Und so sitze ich nun hier und fühle mich fremd, fremd ihnen gegenüber, ja sogar fremd mir selbst gegenüber. Ich sitze hier und schreibe in der Hoffnung, es würde mir ein Licht aufgehen, ich würde einen Ausweg finden, eine Erklärung oder eine Lösung. Allein mein Wissen, dass es vorbei gehen wird, lässt mich hoffen. Aber wirkliche Hoffnung ist das auch nicht. Weißt du was ich meine? Ich kann die Hoffnung nicht fühlen. Ich weiß, dass da Hoffnung sein darf, aber es fühlt sich nicht wie Hoffnung an.

Was nun fange ich damit an? Oft kommt es mir so vor, dass ich nur ewig in meiner Problemsuppe herum rühre, es sich aber doch nichts klärt. Um im Bild zu bleiben, bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als die Suppe Löffel für Löffel auszulöffeln. Ob mein restliches Leben dafür ausreicht, vermag ich gerade nicht zu überblicken. Vielleicht kann ich auch irgendwann wieder einen Deckel auf den Topf tun und ihn beiseite stellen. Im Moment ist es wie es ist. „Willkommen im Leben!“ hat einmal eine Therapeutin zu mir gesagt. Es anzunehmen, wie es ist, wäre dann wohl die Lösung, zu verändern, was sich verändern lässt und zu akzeptieren, was unverrückbar ist. Ist das vielleicht das Problem aller Depressiven…?

Quellen zu „Depression Weihnachten und Familie“ 
Foto: Mikadostäbchen / pixelio.de

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Das kommt mir alles soooooo bekannt vor….