Mythos Depression – 12 Irrtümer und Unwahrheiten

Irrtümer und Mythen zum Thema Depression

Der Mythos Depression lebt in vielerlei Köpfen weiter.

Immer wieder ranken sich diverse Mythen und Märchen um das Thema Depression. Kaum etwas hält sich so hartnäckig wie der weit verbreitete Mythos Depression. Derlei Irrtümer und Unwahrheiten führen dann leider zu neuen Fehleinschätzungen, Vorverurteilungen und unnötig zusätzlichem Leid. Und so habe ich einmal zusammengetragen, was an Unsinn und Unwahrheit durch die öffentliche Wahrnehmung geistert, in der Hoffnung, vielleicht mit dem einen oder anderen Mythos ein wenig aufräumen zu können. Hier also exemplarisch einmal 12 Mythen und Irrtümer zum Thema Depression…


1. Mythos Depression

Die Depression ist ein Zeichen von Schwäche

Die Wahrheit aber ist: Depressionen können jeden treffen. Nicht nur empfindliche, sensible oder labile Menschen werden depressiv, ebenso kann es oberflächliche, selbstsichere und erfolgreiche Menschen treffen. Kreative und Hochbegabte sind ebenso betroffen, wie Fabrikarbeiter, Arbeitslose, Rentner und Leistungssportler. Zwar gibt es eine genetische Disposition, also eine gewisse Veranlagung, die das Auftreten einer späteren Depression begünstigt, sie ist aber nicht zwingend Voraussetzung hierfür. Auch führt eine genetische Veranlagung später nicht zwangsläufig zur Ausbildung einer affektiven Störung wie der Depression. Die Depression ist meiner Meinung nach weniger ein Zeichen von Schwäche, als vielmehr ein Zeichen von erlernter Überforderung.

2. Mythos Depression

Nur Erwachsene haben Depressionen

Auch Heranwachsende können Depressionen bekommen und sogar Kleinkinder und Säuglinge, bestätigt Reinhard Lindner, Leiter des Therapiezentrums für Suizidgefährdete am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Doch äußere sich bei ihnen die Krankheit anders. So verhielten Babys sich oft apathisch und wiederholten ständig die gleichen Bewegungen. Etwas ältere Kinder und Jugendliche, die depressiv sind, fallen hingegen eher durch Aggression als durch Traurigkeit auf. Ich beantworte auf der Seite „GuteFrage.net“ täglich Fragen zum Thema Depression und bin immer wieder erstaunt und betroffen, wie viele Jugendliche ausgeprägte depressive Tendenzen zeigen. Sie gehen damit nicht zu ihren Eltern. Weil sie sich unverstanden fühlen und einsam und wissen sie nicht, wem sie sich anvertrauen sollen. Sie suchen Hilfe, trauen sich aber auch nicht, zum Arzt zu gehen, weil es dann ihre Eltern erfahren würden. Es ist ein Dilemma. Depressionen können tatsächlich Menschen jeden Alters treffen. Selbst in Tierversuchen ist die Depression mehrfach nachgewiesen worden.



 

3. Mythos Depression

Antidepressiva machen abhängig

Früher wurden Depressionen oftmals mit Beruhigungsmitteln behandelt. Leider passiert das auch heute noch in vielen Fällen. Besonders alte Menschen, die in Heimen leben, werden auf diese Weise ruhig gestellt. Solche Beruhigungsmittel, sogenannte Benzodiazepine, machen in der Tat körperlich und psychisch abhängig.  Es sind Medikamente wie Midazolam, Dormicum, Diazepam, Valium, Lorazepam, Tavor, Flunitrazepam und Rohypnol, um nur einige zu nennen. Mit Antidepressiva haben all diese Präparate allerdings nichts zu tun, außer dass es sich bei beiden Vertretern um psychotrope Substanzen, also um Medikamente, die Einfluss auf die Psyche des Menschen haben, handelt. Antidepressiva regulieren gezielt den Botenstoffhaushalt im Gehirn. Sie verbessern die Weiterleitung von Signalen im synaptischen Spalt, einem wichtigen Teil von Nervenzellenverbindungen. Antidepressiva sind im Allgemeinen gut verträglich und machen weder körperlich noch psychisch abhängig.

4. Mythos Depression

Stress ist der Hauptgrund für Depressionen

Das kann man pauschal so nicht sagen. Natürlich kann Stress ein begünstigender Faktor für Depressionen sein, das kann andauernde Langeweile aber auch. Mitunter ist Stress sogar gesundheitsfördernd. Es kommt hier eher auf die Art des Stresses und auf die Dauer. Einig ist man sich darüber, dass Dauerstress ungesund ist. Dauerstress ist allerdings nicht nur an der Entstehung von Depressionen, sondern auch bei sehr vielen anderen körperlichen und seelischen Krankheiten beteiligt. Stress als Faktor ist unbestritten, aber Stress allein macht noch nicht automatisch depressiv.

5. Mythos Depression

Depressionen sind nicht weiter schlimm

Für Außenstehende mag das so aussehen. „Jeder ist doch mal traurig.“ Weil die Depression eine Gemütskrankheit ist, glauben Menschen, sich ein Bild machen zu können, da sie sich ja auch schon einmal niedergedrückt fühlten. Nicht selten kommen sie dann mit gut gemeinten Ratschlägen, man müsse doch nur und man könne doch… Dies tun sie nicht aus bösem Willen heraus, wie es der depressive Mensch dann oft empfindet, sondern einzig aus Unwissenheit. Die Depression gehört zu den Krankheiten, die die Lebensqualität des Patienten mit am stärksten beeinträchtigt. Sie betrifft alle Lebensbereiche und führt unbehandelt immer tiefer in die Isolation und Selbstverstrickung. Die Depression verursacht jährlich enormen wirtschaftlichen Schaden und ist mittlerweile die Ursache Nummer 1 bei der Festsetzung von Erwerbsminderungs- und Erwerbsunfähigkeitsrenten. Die Depression endet weltweit Jahr für Jahr in etwa 900.000 Fällen tödlich.



 

6. Mythos Depression

Depressionen führen in den Suizid

Gott sei Dank, entspricht das nicht der Wahrheit! Sonst hätten wir jedes Jahr hunderttausende Suizide in Deutschland zu betrauern. In Wirklichkeit sind es etwa 10.000. Aus meiner Sicht ist das auch noch viel zu viel und ein Zeichen dafür, dass die Möglichkeiten hier bei weitem noch nicht ausgeschöpft sind. Selbst im Straßenverkehr kommen weniger Menschen zu Tode. Aber man muss auch sehen, dass die Suizidrate in Deutschland schon deutlich höher war. Nicht jeder, der unter Depressionen leidet, ist auch tatsächlich suizidgefährdet. Andersherum wird schon eher ein Schuh draus: Suizid und Depression gehören zusammen. Die weitaus meisten Suizide werden von depressiven Menschen verübt. Jedoch wählen insgesamt nur etwa 2-4% der depressiv Erkrankten den Freitod als Ausweg aus ihrem Leiden. Das hängt im Wesentlichen vom Schweregrad der Depression ab. Je früher ein Depressiver Hilfe erfährt, umso günstiger wirkt sich das auch auf die Vermeidung suizidaler Tendenzen aus.

7. Mythos Depression

Wer mit Selbstmord droht tut es sowieso nicht

Darauf würde ich mich keinesfalls verlassen! In der Regel deutet sich ein Selbstmord immer an. Zwar nicht alle, aber viele Suizide werden vorher angekündigt, zumindest wird von den Betroffenen mehr oder minder laut darüber nachgedacht. In jedem Fall sollte man solche „Drohungen“ ernst nehmen. In Wirklichkeit sind es nämlich keine Drohungen, sondern Hilferufe der leidenden Seele. 10.000 Suizide jährlich sind 10.000 zu viel. Menschen die einen Suizidversuch überleben, sind in der Regel später dankbar dafür. Sie brauchen Hilfe und keine Abstempelung.

8. Mythos Depression

Hauptsächlich werden Frauen depressiv

Laut Diagnosehäufigkeit erkranken Frauen etwa doppelt so oft an Depressionen wie ihre männlichen Pendants. Allerdings gleichen sich die Zahlen wieder an, je schwerer die Depression ausfällt. Das hängt damit zusammen, dass Frauen eher in der Lage sind, über ihre Gefühle zu sprechen als Männer und auch eher bereit sind, sich in Seelenangelegenheiten Hilfe zu holen. Auch findet die Depression bei Frauen einen anderen Ausdruck als bei Männern. Während Frauen eher antriebslos, niedergeschlagen, abwesend und traurig wirken, kann sich die Depression bei Männern auch in aggressivem Verhalten, erhöhter Reizbarkeit, vermehrtem Alkoholkonsum, selbstgefährdendem Handeln und erhöhter Risikobereitschaft äußern. „Psychisch kranke Frauen landen beim Psychiater – psychisch kranke Männer landen im Gefängnis. Ein Mann der nicht zum Arzt, Hilfe anzunehmen, kann auch nicht in der Statistik auftauchen. Ich bin mir sicher, dass es sogar mehr Männer als Frauen sind, die depressiv werden, eben weil sie ihre vermeintliche Schwäche ein Leben lang verstecken müssen.



 

9. Mythos Depression

Schicksalsschläge sind Schuld an Depressionen

So sieht es auf den ersten Blick tatsächlich oft aus. Belastende Lebensereignisse wie die Trennung vom Lebenspartner, Arbeitslosigkeit, schwere körperliche Krankheiten sowie Operationen oder der Verlust eines geliebten Menschen können eine Depression zum Ausbruch bringen. Allein diese Ereignisse sind es aber in der Regel nicht. Die Depression fällt nicht vom Himmel. Sie hat immer eine Vorgeschichte. Neben einer genetischen Veranlagung liegen die Ursachen einer Depression zumeist schon in der Kindheit, im Elternhaus. Die ersten Lebensjahre eines Menschen sind maßgebend für seine spätere psychische Stabilität. Selbst positive Ereignisse wie etwa ein beruflicher Aufstieg oder eine bestandene Prüfung können eine Depression auslösen. Und in einigen Fällen lässt sich überhaupt kein äußerer Anlass mit der Depression in Zusammenhang bringen.

10. Mythos Depression

Depressionen sind in der dunklen Jahreszeit häufiger

Es gibt zwar eine saisonale Depression (SAD), die tritt aber eher selten auf. Etwa zwei Prozent der Bevölkerung leidet darunter. Die SAD ist auch nicht zu verwechseln mit dem „Winter-Stimmungstief“, unter dem viele Menschen in den dunklen Monaten zu leiden haben. Die Symptome einer saisonalen Depression sind deutlich stärker ausgeprägt. Generell kann man aber sagen, dass die Depression nicht von der Jahreszeit abhängig ist, sondern gleichmäßig über das ganze Jahr verteilt auftritt. Statistisch gibt es allerdings tatsächlich einmal im Jahr eine kleine Spitze, die ist aber nicht signifikant und tritt auch wider Erwarten nicht in den dunklen Monaten, sondern im Wonnemonat Mai auf.

11. Mythos Depression

Ausschlafen hilft gegen Depression

Obwohl Stress und Überlastung zu Depressionen führen können, bedeutet das im Gegenzug nicht, dass man sich „gesund schlafen“ kann. Depressive fühlen sich zwar erschöpft und ausgebrannt, doch selbst exzessives Schlafen bessert ihre Befinden nicht. Im Gegenteil, die Depression kann sich bei zuviel Ruhe sogar noch verstärken. Wichtig ist, dass der Mensch in Bewegung bleibt. Schlafentzug hingegen ist eine nachgewiesenermaßen gut wirksame Behandlungsform der Depression und wird deshalb oftmals in Psychiatrischen Kliniken angeboten. Der Schlafentzug wirkt hierbei ausgleichend auf den Gehirnstoffwechsel. Die größten Erfolge werden bei Patienten erzielt, bei denen die Depressionen von der Tageszeit abhängig unterschiedlich stark auftreten.



 

12. Mythos Depression

Antidepressiva heilen die Depression

Antidepressiva sind wichtige Bausteine einer Therapie. Gerade bei schweren Depressionen ermöglichen sie oftmals überhaupt erst eine Psychotherapie. Sie wirken stabilisierend und stimmungsaufhellend. Aber können sie eine Depression auch heilen? Vermutlich können sie das so gut, wie Schmerztabletten eine Prellung abheilen lassen können oder einen Bruch, nämlich gar nicht. Das soll nicht heißen, dass dies für den einen oder anderen kein Weg sein kann, wichtig ist doch, wie der Einzelne sich am Ende fühlt, aber an eine Heilung durch Antidepressiva glaube ich, ehrlich gesagt, nicht. Hier wird doch eher ein Symptom behandelt und nicht die Ursache.

Quellen zu „Mythen und Irrtümer über Depressionen“
Psychotherapeutenkammer NRW,  Wikipedia ,   focus.de,   mydoc.de,   idw,   DepressionEnDe,   spiegel.de   Foto: clipdealer.de

Mythen und Irrtümer zur Depression

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Mythos Depression - 12 Irrtümer und Unwahrheiten
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Benno Blues
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Aurelia

Sehr gut geschrieben! Leider wird diese Krankheit, auch heute noch, von vielen Menschen nicht als Krankheit anerkannt

Anonym

Die Überschrift beschreibt den Mythos, den Irrtum. Der Abschnitt hingegen beschreibt die Wirklichkeit.

Anonym

im abschnitt um antidepressiva steht in der überschrift, die machten abhängig. im letzten satz das gegenteil.