Entfremdung – Wer bin ich wirklich?

Entfremdung und Depression

Entfremdung – Das Gefühl von Fremdheit

Wie gut kennen wir Menschen uns selbst? Wie sehr können wir unserer Wahrnehmung trauen? Was ist das Maß aller Dinge? Bin ich, wie ich mich selbst erlebe oder bin ich, wie andere mich sehen? Müsste ich mich dann aber nicht auch so sehen können wie andere dies tun, wenn ich nur erst von der Sicht der Anderen Kenntnis erlangt habe? Ist die Entfremdung Bestandteil einer Depression oder eine Folge? Wie fühlt es sich an, sich selbst fremd zu sein und welche Auswirkungen kann das ganz konkret im Leben haben?


Die Wissenschaft erlernst du mit Hilfe der Schriften, die Kunst durch Übung, aber die Entfremdung kommt dir durch Gesellschaft zu. (Rumi)

Was ist Entfremdung

Zugegeben, den Begriff Entfremdung kannte ich früher nicht und den Begriff Realitätsverlust eher in einem anderen Kontext. Ich glaubte zu wissen, wer ich bin und war überzeugt davon, mich selbst und die Dinge um mich herum so wahrzunehmen, wie sie auch tatsächlich waren. Ich stellte das nie in Frage und vermutlich stellte ich so auch mich nicht in Frage. Seit ich jedoch von meinen Depressionen weiß und mich bewusst mit der menschlichen Psyche im Allgemeinen und meiner eigenen Seelenstruktur im Besonderen auseinandersetze, nistet sich immer häufiger ein und derselbe Verdacht bei mir ein. Nehme ich mich überhaupt richtig wahr? Wieso stimmt sooft die Wahrnehmung Anderer nicht mit der meinen überein? Wieso bin ich mir immer so sicher, obwohl ich oft ganz allein mit meiner Auffassung dastehe?

Ein leiser Verdacht

Wenn ich über die letzten Jahre meines Lebens nachdenke, dann sehe ich mich mit einem Kopfschütteln zurückblicken, es nicht fassen könnend, was geschah. Mir scheint, all dies sei mir passiert, ich könne nichts dafür. Ich fühle mich als Opfer der Umstände. Ich weiß aber, dass ich beteiligt war, dass ich auch Täter war, aber das weiß nur der Kopf, die Vernunft. Das kann ich nicht fühlen. Einen leisen Verdacht hat mein Herz. Es sagt: Hier stimmt etwas nicht. Es kann nicht sein, dass du völlig richtig liegst, Benno. Wäre dem so, hättest du Frieden damit, Frieden mit den letzten Jahren und Frieden auch mit dem, wie es jetzt ist.



Mir selbst fremd geworden

Heute war der Tag meiner Scheidung. Ich ging mit einem flauen Gefühl dorthin. Mir war zwar bewusst, dass unsere Beziehung keiner Belastung mehr standhielt und auch nicht mehr mit Leben erfüllt war, aber irgendwie hielt ich mich noch immer daran fest. Irgendwo war dies noch ein Hort der Hoffnung, eine Option für mich. Als ich vom Richter gefragt wurde, ob ich die Ehe auch nicht fortführen wolle, log ich, um die vereinbarte Scheidung nicht zu gefährden und sagte: „Nein!“ Ich habe mich lange nicht so mies gefühlt. Ich weiß so wenig von mir. Noch immer fühle ich Liebe für meine nunmehr Exfrau. Wenn ich mir aber ansehe, was ich tat, um die Ehe mit Leben zu erfüllen und zu erhalten, dann sehe ich oft nur den an sich zweifelnden, abwartenden, es vom Gegenüber abhängig machenden Benno. Ich hatte mich selbst verloren, mich selbst verlassen, ja war mir selbst fremd geworden.

Auf und Ab

Wie erst musste es da meiner Partnerin mit mir gehen? Ich musste ihr doch tatsächlich fremd geworden sein. Ich glaubte mich im siebten Himmel, wenn es zwischen uns gut war und stürzte jedesmal in die Hölle, wenn es schlecht lief. Wie ich mich fühlte, war immer davon abhängig, wie meine Frau sich mir gegenüber verhielt und somit schob ich ihr unbewusst die gesamte Verantwortung für unsere Beziehung zu. Mein Kopf erklärte zwar stets äußerst professionell, dass es selbstverständlich in der Verantwortung beider Partner läge, für eine glückliche Beziehung zu sorgen und wenn es gut lief, übernahm ich gefühlt auch gern diese Verantwortung. Wehe aber, wenn eine emotionale Schieflage drohte, dann war ich sofort wieder das Opfer. Eigentlich kein Wunder, dass meine Frau da irgendwann nicht mehr gegenhalten konnte.



Täter und Opfer zugleich

Ich fühlte mich verlassen und sah nicht, dass auch ich sie allein ließ. Ich fühlte mich verletzt und bemerkte nicht, dass auch ich ihr weh tat. Auch fühlte ich mich unverstanden, aber realisierte nicht, dass ebenso mir das Verständnis fehlte. Ich konnte es nicht sehen. Ein klassischer Fall von Realitätsverlust, würde ich meinen. Wollte ich es einfach nicht sehen? Ich denke, ich wollte es schon sehen und konnte es tatsächlich nicht. Meine Partnerin wünschte sich immer Klarheit und Ehrlichkeit, etwas das ich mir auch von einer Partnerin wünsche. Ich glaubte auch tatsächlich, dass ich ihr stets diese Klarheit bot. Ich hielt mich für einen durchweg ehrlichen und aufrichtigen Lebenspartner. So war ich überzeugt, der verlässlichste und treueste Ehemann der Welt zu sein, so voller Liebe und Dankbarkeit, dass nichts, aber auch gar nichts unsere Liebe hätte gefährden können. Vermutlich war da eine gehörige Portion Selbstüberschätzung dabei.

Wenig zielführend

Meine Frau sah mich in dieser Hinsicht ganz anders, was ich niemals verstehen konnte. Ich dachte dann, dass ihre Wahrnehmung nur falsch sein könne und schon war ich fertig damit, brauchte nichts tun, war wieder einmal Opfer, hatte keine Schuld. Ich lebte einfach damit, dass sie mir hier fremd war, ohne zu bemerken, dass ich selbst beim Thema Entfremdung eine Schlüsselrolle spielte. Ein toller Mechanismus, wenn ich es mir mit Abstand ansehe, aber am Ende hat mich dieser Mechanismus die Beziehung gekostet. Kurzfristig hatte mein Muster zwar entlastende Momente, aber mittel- und langfristig bekam ich so nicht, was ich wollte, bekam ich nicht, was ich mir so sehr gewünscht hatte – ein Leben mit ihr.



Wer bin ich?

Am Ende stehe ich hier und zweifle erneut an mir selbst. Wer bin ich? Was nehme ich richtig wahr? Was nehme ich verschoben wahr und was überhaupt nicht? Wie viel ist hier Wunsch und wie viel Wirklichkeit? Ich komme mir so fremd vor. Bin ich verrückt geworden? Ich sehe meine Frau weinen. Und ich sehe, wie hilflos sie sich mir gegenüber fühlte. Ich sehe so viel Leid in diesen von Tränen überquellenden Augen. Manchmal glaube ich, ich bin gar nicht ich. Manchmal glaube ich, ich bin zwei Verschiedene. Mein Unterbewusstsein scheint mir ständig ein Schnippchen zu schlagen. Es tut, was es will. Da kann ich die edelsten Vorsätze installieren, daran glauben, davon überzeugt sein. Meinem Unterbewusstsein ist das regelrecht wurscht. Ich habe den Eindruck, dass ich final immer erst an meinem Tun ablesen kann, was ich wirklich will, und wundere mich dann nicht selten über mich selbst aufgrund des Ergebnisses.

Ich möchte eins sein

Ist doch die Realität, also das, was ich tue oder unterlasse, indem ich es zum Beispiel einfach „vergesse“, oftmals meilenweit von dem entfernt, was ich denke und sage. Das macht mich langsam verrückt! Ich will nicht, dass jemand anders in mir lebt. Ich will mich für mich haben, keine Koexistenz, zumindest nicht außerhalb meiner eigenen Wahrnehmung. Nun frage ich mich nun, ob ich mich noch einmal einer Psychoanalyse unterziehen sollte. Ich möchte wissen, was wahr ist. Wer bin ich und wie viel weiß ich wirklich davon. Ich möchte eins sein mit mir.



Frieden finden

Da ist es ja kein Wunder dass ich keinen Frieden finde! Wie soll ich mit mir Frieden schließen, wenn ich eine Hälfte von mir gar nicht kenne? Wie soll ich meinen Platz in der Welt wiederfinden, wenn ich meine Bedürfnisse nur zur Hälfte kenne, ebenso meine Ängste, meine Macken und meine dunklen Anteile? Das dürfte freilich schwer werden. Da wird es wohl immer wieder Überraschungen geben, die ich mir kopfschüttelnder Weise nicht erklären kann, an deren Entstehung ich aber aber maßgeblich beteiligt bin. Ich denke, am Thema Entfremdung werde ich noch einige Zeit zu arbeiten haben.

Quellen zu „Entfremdung und Depression“
Foto: clipdealer.de

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Hallo Benno,

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