Das Innere Kind und die Depression

 

das innere Kind

Jeder Mensch hat das innere Kind in sich

Was ist das eigentlich, das innere Kind und gibt es das wirklich? In der Klinik habe ich hin und wieder davon gehört, konnte damit aber nicht wirklich etwas anfangen. Doch irgendwie hat mich dieses Thema nicht losgelassen. Wie mir scheint, hat es eine weitaus größere Bedeutung für das seelische Gleichgewicht eines Menschen, als sich mir anfangs andeutete. Wie kommt man also zu solch einem Begriff und was steckt dahinter? 


Irgendwann sind Kinder erwachsene Leute. Jedenfalls glauben sie das. Diejenigen unter ihnen, die als Kind auch Kind sein durften, werden sicherlich kein Problem damit haben, auch einen kindlichen Anteil ihr Eigen zu nennen. Bewusst oder unbewusst: Sie lieben das innere Kind in sich und sie schätzen es sehr. Es macht ihr Leben abwechslungsreicher, lustiger, leichter und liebenswerter. Sie leben mit ihrem Kind und ihr Kind lebt mit ihnen. Eins sind sie. Sie haben im Grunde nie aufgehört, Kind zu sein. Aber sie können es steuern. Wenn sie Kind sein wollen, sind sie Kind, wenn sie erwachsen sein müssen, sind sie erwachsen. Diese Menschen sind sehr nah bei sich. Sie nehmen ihre Bedürfnisse wahr, so wie Kinder dies eben tun.



Gibt es das innere Kind wirklich?

Für viele Menschen mag es womöglich schon ein etwas überstrapazierter Begriff sein, andere wiederum haben vielleicht noch nie davon gehört. Das innere Kind ist eine Instanz, die wir alle irgendwo tief in uns tragen, ob uns dies nun bewusst ist oder nicht. Gerade diejenigen von uns, und da zähle ich mich durchaus noch dazu, die ein Leben lang nichts von ihrem Inneren Kind wissen wollten, können schlecht glauben, dass es so etwas tatsächlich geben soll und lehnen es eventuell vorschnell als esoterisches Getue ab.

Wie kann ich denn ein Kind in mir haben? Bin ich etwa schwanger? Nein, schwanger bin ich mitnichten. Das Kind, das eine Mutter neun Monate in ihrem Schoß trägt, ist zwar eng mit der Mutter verbunden, aber es ist kein Teil von ihr. Es ist ein eigener Mensch. Das Innere Kind, von dem hier die Rede ist, ist jedoch ein untrennbarer Teil der eigenen Persönlichkeit. Das Innere Kind bin ich. Es ist ein Teil von mir, das immer da war und immer sein wird.

Wo steckt das innere Kind?

Doch wo ist es geblieben? Wo ist es heute, das innere Kind? Wenn es stimmt, dass es noch da ist, wie bekomme ich Kontakt zu ihm? Ich bin doch kein Kind mehr! Oder: Ich möchte nicht wie ein Kind behandelt werden. Manchmal auch: Ich finde das kindisch! So oder ähnlich höre ich mich reden. Ich habe es mein Leben lang erfolgreich abgelehnt, dieses Kind. Abgelehnt  und vernachlässigt habe ich es, so wie auch ich einst abgelehnt und vernachlässigt wurde. Ich habe getan, was ich gelernt habe. Gelernt nicht durch Lehrsätze, gelernt durch Imitation. Das meiste lernen wir Menschen durch Imitation. Vieles davon ist uns nicht einmal bewusst. Wir tun es einfach.

Du hast deine Kindheit vergessen,
aus den Tiefen deiner Seele wirbt sie um dich.
Sie wird dich so lange leiden machen,
bis du sie erhörst. (Hermann Hesse)



Das Innere Kind und seine Bedeutung

Ein Kind steht für Naivität, für Einfachheit, für Unbekümmertheit. „Ein Himmelreich für ein Kinderlachen!“, schießt mir da sofort in den Sinn. Kinder kommen als die Verkörperung der wahren, der reinen Liebe auf die Welt. Sie lieben bedingungslos. Nur wenige von ihnen werden später noch dazu in der Lage sein. Denn die Welt in die sie hineingeboren werden, besteht nicht nur aus Liebe. Viele Eltern sind schier überfordert mit ihrem „Kindersegen“ und handeln verzweifelt oder sogar ablehnend. Sie knüpfen ihre Liebe an Bedingungen. „Wenn du brav bist, dann habe ich dich lieb.“ oder „Wenn du keine Dummheiten machst, dann habe ich dich lieb.“ Wenn du so oder so oder so bist oder so oder so oder so nicht bist, dann bekommst du Liebe. Viele von uns haben als Kind diese Erfahrungen machen müssen. Und wir haben es alle schnell begriffen.

Haben es die Eltern nicht leicht, haben es die Kinder erst recht nicht leicht. Am Ende sind es immer die Schwachen, die eine Situation ausbaden müssen. Der Begriff „Ausbaden“ stammt übrigens aus einer Zeit, da warmes Wasser noch als besonders kostbar galt. So war es üblich, dass in öffentlichen Badehäusern ein und dasselbe Badewasser von mehreren Personen benutzt wurde. Der letzte im Bunde hatte nicht nur das dreckigste Wasser, sondern auch noch die Aufgabe, die Wanne zu leeren und zu reinigen. Er war derjenige, der alles auszubaden hatte. Wenn es in einer Familie nicht rund läuft, sind insbesondere immer die Kinder die Leidtragenden. Das war früher so und gilt auch heute noch.

Frage einmal ein Scheidungskind, was es von seiner Kindheit hält und davon, wie seine Eltern mit ihm umgegangen sind. Kinder brauchen ihre Eltern, ihre Fürsorge, ihre Liebe. Wenn sie davon getrennt werden, warum auch immer, dann ist dies die erste Trennung in ihrem Leben – eine Trennung mit Folgen.



Kinder wollen erwachsen werden

Kinder die Sorgen haben, werden schnell erwachsen, heißt es. Ich wurde auch schnell erwachsen, zu schnell. Ich wollte das unbedingt. Wenn ich erst erwachsen bin, glaubte ich, werde ich die Aufmerksamkeit und Anerkennung finden, die ich als Kind nicht bekam. Ich fühlte mich unvollkommen in der Welt der Großen. Konnte ich es ihnen doch nie recht machen. Irgendwie war es doch immer daneben. Und dann wurde ich gescholten, getadelt, gerügt, gemaßregelt, geschlagen und was wohl das Schlimmste war: Ich fühlte mich verachtet. Ich sah in die Augen meines Vaters, wenn er mich schlug und sah dort den blanken Hass. Das war so vernichtend. Ich weiß nicht, was schlimmer war. Damals war es sicher der Schmerz seiner Schläge. Heute denke ich noch einmal anders darüber.

So glaubte ich also, wenn ich selbst erst erwachsen sein würde, wäre ich endlich ein anerkannter Teil ihrer Welt. Und so bemühte ich mich beizeiten, Aufgaben zu übernehmen, die für mein damaliges Alter nicht üblich waren. Ich schuftete mit vierzehn Jahren auf dem Bau. Im Osten gab es hierfür sogenannte Feierabendbrigaden. Dort arbeiteten vornehmlich Männer an Projekten, für die die Kapazitäten der sozialistischen Wirtschaft nicht ausreichten. Es wurde relativ gut bezahlt und so war ich dabei. Ich fühlte mich anerkannt. Ich schuftete wie ein Großer, trug Zentnersäcke auf meinem Rücken und manch andere schwere Sachen. Für den Knochenbau einen unausgereiften Jungen, wie ich es war, war das sicherlich nicht besonders förderlich. Aber mein Vater war Maurermeister und Bauleiter und so konnte ich ihm zeigen, dass ich doch etwas drauf hatte.

Ein ganzer Kerl

Ich lernte, wie man Beton rührte und wie man eine Decke putzte. Ich lernte mauern und betonieren. Nicht von meinem Vater lernte ich dies. Bei ihm war ich immer nur der Handlanger. Ich durfte sein Material heranschaffen und hinterher sein Werkzeug sauber machen. Und wenn ich es nicht richtig tat, gab es Schelte, wie sich das gehörte. Ich war der, der auszubaden hatte. Wehe aber denen, die als Kinder das Gefühl hatten, nicht richtig zu sein! Wehe denen, die nicht Kind sein durften. Sie lehnen das Innere Kind ab. Sie wollen es nicht haben. Ihre einzige Hoffnung sehen sie darin, endlich erwachsen zu werden und dann auch für immer erwachsen zu bleiben. Ihr Kindsein hat ihnen keine Anerkennung eingebracht, also haben sie sich auf Leistung, Perfektion und den Ernst des Lebens verlegt.

Das ist endlich etwas, womit sie punkten können! Das muss also das richtige sein. Es fühlt sich gut an. Sie sind so hungrig nach Anerkennung und Bestätigung, dass sie nahezu alles andere um sich herum vergessen und leider vergessen sie auch sich selbst, ihre Bedürfnisse, ihre geheimsten Wünsche und Sehnsüchte. Sie vergessen, wer sie selber sind. Indem sie das Innere Kind ablehnen, lehnen sie sich selbst ab. Sie tun, wie ihnen getan wurde und sie ahnen nicht einmal, mit welch fatalen Folgen sie dies tun. Alles seinen Preis im Leben.



Der kindliche Anteil und die Selbstablehnung

Menschen, die einen Teil von sich ablehnen, sei es ihr Inneres Kind oder auch den Erwachsenen in sich, sei es ihre Männlichkeit oder Weiblichkeit oder seien es andere Persönlichkeitsanteile, lehnen auf diese Weise immer auch sich selbst ab. Sie selbst sind es somit, die die Grundlage dafür schaffen, auf der anderen Seite ein übersteigertes Bedürfnis nach Anerkennung und Bestätigung, nach Aufmerksamkeit und Liebe heraus bilden zu müssen, um das zu erreichen, was jeder Mensch anstrebt – ein seelisches Gleichgewicht. Früher einmal trugen ihre Eltern zu dieser Konstellation  bei, aber heute sind sie es ganz allein, die ihr eigenes Hamsterrad am Laufen halten. Weil sie selbst nicht viel von sich halten, weil sie selbst immer eher auf den Mangel als auf die Fülle sehen, sind sie kaum in der Lage, sich selbst zu lieben. Ihre Fehler und Unzulänglichkeiten springen ihnen förmlich in die Augen, ihre Vorzüge jedoch kennen sie kaum.

Es ist eine einfache Übung. Nimm dir ein Blatt Papier und einen Stift und schreibe einmal spontan auf, was du alles an dir magst. Anschließend machst du dasselbe mit den Eigenschaften, die du nicht so sehr an dir magst. Welche Liste wird wohl die längere sein? Es gibt Menschen, die mögen gar nichts mehr an sich. Ich hatte auch solche Phasen. Ich hoffe, es geht dir jetzt gerade nicht ebenso.

 

Bedürfnisse und ihre Bedeutung

Ob du dein Inneres Kind nun wahrnehmen willst oder kannst oder auch nicht – es ist da und es hat Bedürfnisse. Es hat viele Bedürfnisse, wie das bei Kindern nun einmal so ist. So wünscht es sich Geborgenheit und Sicherheit ebenso wie Aufmerksamkeit, Bestätigung und Anerkennung. Es möchte Spaß haben und neugierig sein dürfen. Das innere Kind möchte träumen und spielen und verrückte Dinge tun. Lachen möchte es! Es möchte sich mit anderen messen und es wünscht sich vor allem eins – Liebe. Deine Liebe wünscht es sich. Mach dich also auf die Suche nach deinem Inneren Kind! Spüre nach, ob es da ganz tief in dir verborgen Wünsche oder Sehnsüchte gibt, die du dir bislang stets versagt hast. Finde heraus, wie dein Inneres Kind so ist.

Vermutlich sitzt es zusammen gekauert irgendwo in einem abgelegenen Winkel deiner Seele und traut sich nicht ans Tageslicht. Zu oft wurde es fortgeschickt, zu oft wollte man nicht, dass es sich zeigt: nicht der rechte Ort, nicht der rechte Zeitpunkt, nicht das passende Publikum, wichtigere Dinge standen an, einfach keine Zeit, zu peinlich, zu kindisch, zu…
Und wenn du es gefunden hast, dann setz dich zu ihm und sieh es an. Verbringe von nun an jeden Tag Zeit mit deinem Inneren Kind! Erfreue dich daran, es zu sehen! Es ist wunderbar, nicht wahr? So etwas Kostbares trägst du da in dir und niemand hat etwas davon, du selbst am allerwenigsten. Aber das kann sich jetzt ändern, wenn du es willst.



Wer ist da enttäuscht?

Es gibt auch noch andere Gelegenheiten, bei denen sich unser Inneres Kind, meist ungewollt, zu Wort meldet. Es sind solche Gelegenheiten, wie wenn wir enttäuscht sind, oder wütend, wenn wir uns mit nahe stehenden Menschen streiten oder eifersüchtig sind. Dann gehen wir oftmals aufeinander los, wobei es meist kaum ein Halten gibt. Und was wir uns da alles an den Kopf werfen? Wenn wir streiten wie die Kinder, dann dient das meist nicht der Klärung eines Konfliktes. Das können unsere Inneren Kinder schlecht. Dazu brauchen sie ihr erwachsenes Pendant. Es geht dann eher um die vehemente Einforderung emotionaler Bedürfnisse.

Wir Erwachsenen glauben zwar, wir wollten etwas klären, aber wenn wir uns in diesen Situationen selbst sehen und hören könnten, dann würden auch wir diese Überzeugung vermutlich schnell wieder aufgeben. Dennoch halte ich es für wichtig, so streiten zu dürfen wie Kinder es tun. Auf diese Weise werden emotionale Spannungen abgebaut, die meist von ganz woanders her rühren und es ist wahre Versöhnung möglich. Einen Konflikt rein auf sachlicher Ebene zu klären, ist zwar erwachsen, aber wo bleiben da die Gefühle? Wo werden die Verletzungen berücksichtigt? Es braucht beides, um für die Seele wieder einen Gleichgewichtszustand herzustellen. Es braucht den Erwachsenen und das Kind. Beide sind Teil von uns und beide müssen folglich auch berücksichtigt werden.



Mein Fazit

Und so habe auch ich mich auf die Suche gemacht nach dem kleinen Benno. Es gelingt mir bei weitem noch nicht, ihn jeden Tag einmal zu sehen, was ich sehr bedauere. Aber irgendwo kann ich das auch verstehen, denn viele Jahre habe ich ihn weggesperrt. Er hat gelernt, dass er unerwünscht in dieser Welt ist, am wenigsten erwünscht von mir selbst. Er hat gelernt, dass es keinen Platz für ihn gibt, dass niemand ihn will. Es gab keine Sicherheit für ihn, auch wenn ihm die oft vorgegaukelt wurde. Am Ende wurde er immer weg geschickt. So darf es auch nicht verwundern, wenn er sich zunächst bedeckt hält. Er versteht schlicht und ergreifend nicht, wieso jetzt auf einmal alles anders sein soll und hält dies vermutlich nur wieder für ein erneutes Täuschungsmanöver.

Ich werde also Geduld haben müssen, mit meinem kleinen Benno und auch mit dem großen. Und das, wo ich doch gar so wenig Geduld habe!? Aber es nützt alles nichts. Ich werde mich in Geduld üben und zeigen müssen, dass es mir ernst ist. Neue Wege zu gehen ist nicht leicht.  Die Versuchung, die guten alten und weit ausgetretenen Pfade zu benutzen, ist dafür umso größer. Mein Kopf weiß das alles und doch passiert es mir immer wieder, auch hier, während der Suche nach meinem Inneren Kind. Ich wünsche mir sehr, wieder ganz eins mit meinem kindlichen Ich zu werden. Und ich bin gespannt darauf, was es hier alles (wieder) zu entdecken gilt. Ich nehme mich und mein Leben immer viel zu ernst und so zeigt es sich auch nur selten von seiner spaßigen Seite.

Spaß ist wichtig

Mein Mathelehrer hatte immer so einen Spruch drauf: „Spaß beiseite, Ernst komm her!“ Als ob das Leben eines Schülers aus lauter Spaß bestünde? Andersherum wird wohl eher ein Schuh draus: „Ernst beiseite Spaß komm her!“ Und wenn du das wirklich mal versuchst, dann begreifst du sehr schnell, was für ein ernstes Thema die Sache mit dem Spaß ist. Trotzdem wünsche ich mir und allen, die ebenso denken oder jetzt neugierig geworden sind, viel Spaß mit ihrem Inneren Kind und eine gute Zeit! Und wer noch mehr über das innere Kind erfahren möchte, dem gefällt vielleicht auch die Geschichte von der großen und der kleinen Seele

Quellen zu „Das innere Kind und Depression“
Foto: clipdealer.de

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