Ich fühle mich unsicher – Ein Leserbeitrag von Michael

unsicher bei Depression

Wo darf ich so sein wie ich bin? Ich fühle mich unsicher…

Jeder erlebt die Depression auf seine Weise, intensiv oder gedämpft, befremdlich, ängstigend, ermüdend oder unsicher. Viele erleben sich mutlos, nach Auswegen suchend oder resignierend. Jede Depression ist anders und doch ist jede Depression auch irgendwie gleich. Der Erfahrene erkennt sofort die Parallelen, erkennt sich selbst, findet sich wieder. Ein Blick auf andere Menschen, die offen mit ihrer Situation umgehen, kann helfen, die eigene Situation besser anzunehmen, sie aus der Schamecke heraus zu holen. Darum gibt es diesen Blog und darum freut es mich besonders, wenn sich Menschen finden, die bereit sind, aus ihrem Leben und von ihren Erfahrungen zu berichten. Herzlichen Dank, Michael, für deinen umfassenden Beitrag und gute Besserung!


Ich bin schnell überfordert und unsicher

Hallo Benno,

durch Zufall stieß ich auf deinen Blog. Ich weiß nicht mehr ganz genau, ob vor oder nach der Erkenntnis, dass ich unter Depressionen leide. Mein Gedächtnis spielt mir die letzte Zeit gerne Streiche, auch fällt es mir schwer, mich zu konzentrieren.

Ich habe gemerkt, dass es mir hilft, über mich, über meine Situation zu schreiben. Nach einer spontanen Heulattacke dachte ich mir heute, ich sollte einfach mal etwas niederschreiben, bisher war ich nur stiller Mitleser in deinem Blog. Ich bin nicht bei Dir im Forum angemeldet, ich hoffe das ist kein Problem.



 

Zu meiner Person: Ich heiße Michael, bin Mitte 30, ledig, keine Kinder, keine Haustiere, keine Arbeit, zumindest über letzteres bin ich im Moment eigentlich froh. Einer festen Arbeit könnte ich im Moment gar nicht nachgehen. Ich komme schwer in die Gänge, wie man so schön sagt. Ich bin schnell überfordert und unsicher. Auf Kritik kann ich teils nur schwer objektiv eingehen und bin dann beleidigt und verletzt, teils aggressiv. Meine Gedanken drehen sich im Kreis und ziehen mich oft immer tiefer in einen Sumpf, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint.

Ich bilde mir ein, ein guter Zuhörer zu sein, mich aber selbst jemandem anzuvertrauen, neue Bekanntschaften zu schließen oder gar Freunde zu finden, fällt mir schwer. Frauen zu treffen ist eine besondere Hürde. Gerne hätte ich jemanden, der mich liebt und akzeptiert wie ich bin. Irgendwie stehe ich mir aber immer selbst im Weg, habe Angst ausgelacht zu werden (ist mir leider schon passiert), wenn ich jemanden meine Liebe gestehe. Ich komme mir klein und lächerlich vor, wobei es doch das normalste der Welt ist oder sein sollte, sich jemanden zu öffnen oder zu offenbaren, warum fällt mir das so schwer?

Wann genau das alles, der Sumpf der Depressionen, anfing weiß ich gar nicht so genau. Vor wenigen Wochen ging es mir sehr schlecht. Ich lag nur noch teilnahmslos auf der Couch, habe mich und alles andere extrem vernachlässigt. Einladungen von Freunden ging ich aus dem Weg. Meine Hobbys machten mir auch keinen Spaß mehr. Die Tage und Wochen verstrichen einfach, teils wusste ich gar nicht, welcher Wochentag oder welches Datum aktuell war. Aus einem banalen Gespräch mit einer sehr guten Freundin kam die Erkenntnis, dass etwas nicht stimmt. Ich schrieb einfach auf die Frage, wie es mir denn ginge, dass ich einen ziemlichen Durchhänger habe.

Da klingelten bei ihr dann zum Glück die Alarmglocken. Sie riet mir, mich einem Arzt anzuvertrauen, Hilfe anzunehmen. In dem Moment war mir noch gar nicht so richtig klar, dass ich Probleme habe und das ich diese nicht alleine bewältigen kann oder muss. Die wirkliche Erkenntnis kam mir erst einen Tag später, nachdem mich Familienmitglieder von sich aus ins Gebet nahmen.  Meine erste Reaktion war: Verdammt was nerven die denn nun wieder rum? Jetzt kommen wieder Vorwürfe und Streit!



 

Ich muss hier weg! Mich eines Besseren besinnend ließ ich es aber über mich ergehen. Ich stellte klar das wir reden könnten, aber man mich bitte nicht weiterhin mit Vorwürfen überhäufe. Das konnte ich in dem Moment gar nicht gebrauchen. Ich schilderte meine Situation und dass sie nicht die ersten wären die sich Sorgen machen und dass ich mich darum kümmern werde, dass sich etwas ändert, das ich mich ändere.

Zwei Tage später habe ich dann tatsächlich diesen Schritt gewagt. Ich habe diverse Ärzte kontaktiert. Meinen Hausarzt wollte ich mich nicht anvertrauen. Das klingt doof aber ich habe mich geschämt, jemanden der mich nicht kennt, nicht weitertragen kann was los ist an Leute, die ich kenne, kam mir akzeptabler vor (Ja ich weiß, dass es Schweigepflicht gibt, das Gefühl aber reichte schon aus.).

Nach diversen Stunden, in denen ich sehr mit mir gerungen habe, hatte ich endlich jemanden am Telefon! Eine reale Person, keinen Anrufbeantworter! Prompt kam die Ansage das sie keine Kapazitäten haben und ich mich in eine Liste eintragen soll. Man wünschte mir einen schönen Tag und legte auf. Liste? Was ist damit gemeint? Eine Warteliste natürlich, das und das eher barsche Gespräch haben mich ziemlich fertig gemacht und unsicher. „Hallo??? Ich brauche Hilfe“, schrie es aus mir heraus! Ich änderte ein wenig meine Strategie, schrieb mir einen Satz auf, der das wiedergeben sollte, was ich denn überhaupt will, und las diesen fortan stumpf und monoton vor, so das es keine Missverständnisse geben konnte.

Hatte ich nicht lange genug gewartet, es muss doch eine Praxis geben, einen Arzt, eine Person, der ich mich anvertrauen kann? Auf Anrufbeantworter mochte ich gar nicht sprechen und habe ich auch nicht. Nach vielen weiteren erfolglosen Anrufen kam ich dann endlich an eine Praxis, zu der ich gleich den nächsten Tag vorstellig werden konnte.



 

Am nächsten Tag ging ich dann tatsächlich zum Arzt! Ich war ängstlich und zum Teil auch neugierig, Wunder erwartete ich nicht. Irgendwie schaffte ich es, mein Anliegen der Arzthelferin hin zu nuscheln und nahm im Wartezimmer platz. Ich hatte Glück und musste nicht lange warten, konnte somit meinen „Fluchtgedanken“entfliehen und mich der Sache stellen. Der Arzt war sehr verständnisvoll, er begann einige Punkte abzufragen und ich unterbrach ihn bzw. ergänzte was los sei. Nun war es amtlich. Depressionen!

Wir besprachen, was es an Möglichkeiten gebe und ich wurde auf Suizidale Gedanken befragt. Sterben wollte ich nicht, zumindest mich nicht selbst aus dem Leben schießen. Sicher es gab Tage da fragte ich mich, wie es wäre, weg zu sein, aktiv aber habe ich nie etwas in der Richtung unternommen. Scheinbar haben Antidepressiva den Nebeneffekt, dass man motivierter wird, sich selbst etwas anzutun, wenn der Gedanke schon in einem ist. Ich bekam nach einigen Untersuchungen nun besagte Medikamente verschrieben. Nach wie vor habe ich mir nichts angetan, worüber ich froh bin. Scheinbar bin ich noch nicht völlig abgerutscht. Die Erkenntnis gibt mir teilweise Kraft.

Ich nehme nun seit einigen Wochen Antidepressiva, habe mittlerweile auf Anraten meines Arztes nach einem Therapieplatz gesucht, parallel mich in einer Tagesklinik anmelden lassen. Inzwischen habe ich eine Therapeutin gefunden.

Es geht mir schon teilweise besser. Ich bin aber noch nicht richtig medikamentös eingestellt, gerade die letzten Tage leide ich unter massiven Stimmungsschwankungen. Da muss ich mich echt durch den Tag kämpfen. Ich versuche nicht all zu viel am Tag zu schlafen, damit ich abends besser zur Ruhe komme. Versuche, mich sinnvoll zu beschäftigen, meinen Hobbys nachzugehen, meinen Haushalt in den Griff zu bekommen. Nicht immer gelingt mir das, manchmal schaffe ich es aber, mich aus diesen depressiven Phasen so frei zu kämpfen. Ich kann mich mittlerweile einer Person (das ist wörtlich gemeint, es ist nur EINE Person) anvertrauen und diese Gespräche mit besagter Person tun mir gut, auch das erste Therapiegespräch gefiel mir gut.



 

Alles in allem stehe ich immer noch am Anfang, ich weiß nicht wohin mich das alles bringt, wohin es führt. Ich versuche aber diesen Weg zu gehen. Ich möchte wieder am Leben teilhaben, erforschen was denn überhaupt los ist und warum ich immer wieder in den Sumpf gezogen werde. Eventuell schreibe ich einmal hier Näheres, sobald  ich selbst Näheres über mich weiß.

Ich wünsche allen „Leidensgenossen“ ganz viel Kraft dabei, sich ihren Problem und Bedürfnissen zu stellen und haltet die Ohren steif.

Gruß Michael



Quellen zu „Ich fühle mich unsicher – Wie Michael mit allem umgeht“

Foto: ©BAREL

Möchtest auch du deine Erfahrungen mit der Depression zum Thema „Ich fühle mich unsicher“ hier veröffentlichen? Dann schicke deine Geschichte einfach per Mail an onlinemedien@freenet.de, Stichwort: DB1.

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