Die Suche nach sich selbst

Die Suche nach sich selbst

Das hat man schon oft gehört oder gelesen. Da ist jemand auf der Suche nach sich selbst. Da möchte jemand heraus finden, wer er wirklich ist. Irgendwie scheinen die Betroffenen den Kontakt zu sich selbst verloren zu haben und so fühlen sie sich dann vielfach auch: VERLOREN. Oftmals passiert dies in der zweiten Hälfte des Lebens, wenn sich die Lebensumstände ändern, beispielsweise wenn die Kinder aus dem Haus gehen. Aber auch Trennungen, der Verlust des Arbeitsplatzes, eine schwere Krankheit oder andere Schicksalsschläge können Auslöser für eine solche Unternehmung sein. Es geht darum, das eigene Leben einmal von Grund auf anzusehen und neu auszurichten. Es geht darum, den eigenen Standpunkt zu ermitteln, um dann zu erkennen, wohin die Reise gehen könnte. Wer bin ich? Wo komme ich her? Wohin will ich gehen? Was passt zu mir? Was tut mir gut? Was schadet mir eher? Von welchen Angewohnheiten, Dingen oder auch Menschen sollte ich mich möglicherweise lieber trennen? All diese Fragen richten sich im Grund genommen nur auf das eine große Ziel aus: Wie kann ich glücklich werden?



Verloren

Aber wie kommt es dazu, dass man sich selbst verliert? Wie kommt es dazu, dass man sich überhaupt solche Fragen stellen muss? Ist denn nicht einfach jedem klar, wer er ist? Weiß das nicht jeder? Ich denke: Nein. Nur wenigen Menschen gelingt es wohl, ganz zu sich selbst vorzudringen. Es braucht viel Übung und eine Menge Geduld und Ausdauer. Nur wenige Erleuchtete werden dies wohl nach jahrelanger Meditation schaffen. Es vergeht einfach zu viel Zeit unseres Lebens, in der wir nur so vor uns hin leben, funktionieren und uns in den Bahnen bewegen, die unser Umfeld uns angeboten hat. Wir passen uns zu sehr an diese Bedingungen, anstatt uns Bedingungen zu suchen, die zu uns passen oder die Bedingungen an uns anzupassen. Wir lernen es nicht, unser Leben zu gestalten, in die Hand zu nehmen. Was wir von klein auf lernen, ist Anpassung. Wir lernen, wie wir unseren Eltern gefallen und unseren Lehrern. Wir lernen Millionen von Fakten und erwerben immenses Wissens, das nur dem einen Zwecke dient, uns in der vorhandenen Welt bestmöglich zurecht finden zu können. Wir lernen, nicht aufzufallen, die von uns erwarteten Dinge zu tun und richten unsere gesamte Aufmerksamkeit immerzu nur auf andere, auf die Kollegen, die Freunde, den Partner, die Nachbarn und Verwandten, die Politiker und die Bosse, die Terroristen und den Papst. Wir beobachten alles sehr genau, lesen jeden Tag die Zeitung und sehen die Tagesschau. Wir wissen Bescheid in der Welt. Wir sind gewappnet. Das denken wir. Das glauben wir. Aber sind wir das wirklich? Ist ein Turner wirklich gut für seinen Wettkampf gewappnet, wenn er nicht weiß, dass er eigentlich ein viel besserer Tänzer ist? Wie gut ist ein Krieger für seinen Kampf vorbereitet, wenn er nicht weiß, dass sein eigener Zorn ihn am meisten verwundet? Und wie eignet sih ein Mensch für die Partnerschaft , wenn er sich nicht zeigen kann, wie er ist, weil er es selbst nicht mehr weiß, weil die Rolle, die er spielte, längst zu seiner ersten Identität geworden ist?

Wichtig sind immer die Anderen

In einer Gesellschaft zu leben, heißt sich anzupassen. Individualität wird eher skeptisch beäugt. In einer barhäuptigen Menge ist der Hutträger eine Bedrohung. Wir sind ein Volk von gleichgemachten, zurecht gestutzten  und zurecht gefeilten Funktions-Menschen. Jeder erfüllt hier brav seine Aufgabe, nur ist es selten wirklich auch eine Aufgabe entsprechend seiner Gabe, seiner Begabung. Ja, von irgend etwas muss man ja leben, heißt es schnell. Aber wessen Leben ist es dann, das man da lebt?

Und so leben wir und die Jahre vergehen. Doch früher oder später tauchen dann doch Fragen auf. Soll das jetzt alles gewesen sein? War das mein Leben? Die Antworten lassen meist auf sich warten, also gibt man dem Umfeld die Schuld. Wir werden unzufrieden, können die Schuldigen aber schnell benennen. Es sind all jene, denen wir seit jeher unsere Aufmerksamkeit widmen, eben jene Kollegen, Freunde, Partner…

Wir haben es ja gelernt, auf andere zu schauen. Was wir jedoch nicht gelernt haben ist, uns selbst anzusehen.  Deshalb fällt es uns auch so schwer zu erkennen, dass die Ursachen für unser Befinden niemals außerhalb von uns selbst zu suchen sind. Wenn wir unzufrieden mit etwas sind, liegt das immer an unserer Bewertung. Fakten sind zunächst einmal neutral. Erst durch unsere Bewertung erzeugen sie Gefühle in uns, positive wie negative, angenehme wie unangenehme.



Sich selbst lieben

Wie können wir uns aufrichtig lieben, wenn wir nicht wir selbst sind? Wen lieben wir da? Ein Idol, ein Wunschbild? Es fällt uns doch ohnehin schon schwer genug, uns selbst lieben zu wollen, wie aber soll das gelingen, wenn wir uns so gar nicht kennen. Damit wir unsere eigene Liebe erfahren können und endlich satt werden an der Liebe, die uns von Kindesbeinen an schon fehlt, ist es wichtig, sich selbst anzunehmen, Ja zu sich zu sagen, auch zu den unpopulären Seiten der Persönlichkeit. Erst, wenn ich mir zugestehe, anders zu sein, erst wenn ich es mir erlaube, meinem Gefühl mehr zu vertrauen als meinem Verstand, meinem Wissen und meiner vermeintlichen Erfahrung, erst dann kann ich mir wirklich mit Liebe begegnen. Erst dann bin ich bereit für das Glück, das der Himmel für mich vorgesehen hat…

Wie kann ich mich finden?

Die erste Lektion, die ich lernen muss, ist still zu werden und zu beobachten. Ich sehe mir meinen Vater an und meine Mutter, je zur Hälfte trage ich ihre Gene in mir. Und auch, wenn es mir vielleicht nicht gefällt: Zu einem gewissen Teil bin ich genau wie sie. “Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.”, ob mir das nun passt oder nicht.

Die zweite Lektion heißt zuzuhören. Ich höre zu, wenn andere mir eine Rückmeldung geben. Anstatt verletzt oder zornig zu reagieren, bedanke ich mich innerlich bei dem Überbringer der Botschaft, weil das, was mich so aufregt, tatsächlich eine Menge mit mir zu tun hat. Wäre dem nicht so, würde es mich nämlich kalt lassen. Ich nutze erhaltene Kritik ebenso, etwas über mich zu erfahren wie empfangenes Lob. Ich lerne, Lob anzunehmen und rede es nicht klein. Nur so kann ich mein Bild über mich ausgewogen ergänzen.



Die dritte Lektion ist, mir selbst zuzuhören. Ich höre, auf das was ich sage. Wenn ich jemandem einen Rat gebe, darf ich hinterher getrost einmal darüber nachsinnen, was das mit mir selbst zu tun hat. Nicht ein einziger Satz verlässt meinen Mund, der nicht mit mit meinem Innersten in Verbindung steht, doch sind die meisten Verbindungen mir noch nicht bewusst. Es lohnt sich tatsächlich, einmal auf das zu hören, was man zu sagen hat, als sagte es jemand anders.

Die vierte Lektion ist zu schauen, was man tut und was man unterlässt. Ich muss lernen, hinzusehen wie ich handele, wem ich Gutes tue und wen ich verletze, wem ich helfe und wen ich abweise. Es ist wichtig zu erkennen, an welcher Stelle ich eingreife und Verantwortung übernehme und an welcher Stelle nicht. Bin ich einer, der lieber weg sieht, wenn Unrecht geschieht? Auf diese Frage wird wohl jeder spontan mit NEIN antworten und das auch von sich glauben. aber wieso sehen dann die meisten Menschen weg, wo sie hätten Leid verhindern können, wenn sie sich eingemischt hätten? Es würde keine Toten mehr in U-Bahn-Stationen geben und es würden keine Frauen mehr in Bussen belästigt werden, wenn die Menschen einfach nur öfter einmal Stop sagen würden. Aber das tun sie nicht, weil sie nämlich gar nicht wissen, wer sie sind. Sie nehmen sich nicht wahr. Sie kennen sich nicht. Sie glauben, anders zu sein, gut, ausreichend. Sie sind von sich überzeugt, ohne zu wissen wer sie in Wirklichkeit sind.

Wer sich dem Gedanken öffnen kann, in Wirklichkeit etwas anders zu sein, als er glaubt, wer sich dem Gedanken öffnen kann, in Wirklichkeit nicht seinem bisherigen Idol zu entsprechen, der hat den ersten und wichtigsten Schritt getan. Wir sehen immer nur die Wahrheiten, die wir im Innersten auch bereit sind, anzunehmen. Sind wir erst einmal dazu bereit, müssen wir die Wahrheit nicht suchen, sie wird uns finden. Wir müssen lediglich offen sein dafür.

Im Allgemeinen reisen wir Menschen gern. Wir fahren in ferne Länder und erkunden fremde Kulturen. Und so interessant diese Reisen auch sein mögen, so bleibt die lohnendste Reise doch immer noch die Reise zu sich selbst. Wie fast jede Reise wird auch diese keine Reise ohne Strapazen und sie wird auch ihren Preis haben, aber eines ist sicher: Du kehrst als ein Mensch zurück, der nun endlich bereit ist und in der Lage ist, sein Glück zu machen.

Quellen zu “Auf der Suche nach sich selbst”
Foto: pixabay

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