Stärke und Schwäche – Muss ich immer der Starke sein?

Müssen wir immer stark sein?

Stärke und Schwäche

Im Leben wird Stärke gefordert

„Gemeinsam sind wir stark! Bloß keine Schwäche zeigen! Nur der Starke kann gewinnen.“ Solche oder ähnliche Sprüche beeinflussen immer wieder unseren Umgang mit uns selbst. Stärke scheint ein Ideal aller Menschen zu sein. Sie streben danach von Kindesbeinen an. Angeblich fühlen sie sich gut, wenn sie darüber verfügen. Sie vergleichen sich immer wieder mit Anderen und irgendwie scheint es wichtig und toll zu sein, sie zu besitzen.


Stärken und Schwächen

Es geht um die Stärke von Menschen. Gerade im Kontext der Depression geht es immer wieder um Stärke und Schwäche. Über unsere Schwächen allerdings reden wir nicht gern, mögen sie nicht zeigen. Schwächen finden kaum Bewunderung, eher Verachtung. Doch mit so einer Sichtweise verachten wir uns immer auch selbst zutiefst für unsere Schwächen.

Es sind meiner Meinung nach weniger unsere Defizite, die uns schwach machen, sondern eben diese Verachtung. Sie schwächt uns tatsächlich, macht uns klein, beschämt uns. Da nehmen wir uns doch viel lieber die Stärke zum Vorbild. Meinen Vater zum Beispiel hielt ich immer für stark, vermutlich weil er selbst dies tat. Erst ein halbes Leben später und nach diversen Psychotherapien erkannte ich, dass er das in Wirklichkeit nie war. Für ein Vorbild taugt er also nicht, aus heutiger Sicht, was Stärke angeht. Doch was ist das eigentlich und tut sie uns Menschen wirklich so gut? Wann erscheinen uns Menschen stark?



Evolutionäre Betrachtung der Stärke

Stärke kann sich auf verschiedene Weise äußern, wird aber nach außen hin immer allgemeinhin als Stärke empfunden. Ein starker Mensch ist ein starker Mensch. Seltsamerweise differenzieren wir in unserer Wahrnehmung bewusst nicht. Unser Unterbewusstsein tut dies jedoch sehr wohl. Es ist seit Jahrmillionen darauf geschult, den Unterschied zwischen stark und schwach zu erkennen. Als die Menschen noch in sogenannten Horden zusammen lebten, war es ein Überlebensvorteil, sich einem Stärkeren anzuschließen. Stärke bot Schutz, auf der anderen Seite bedeutete sie aber auch potentielle Gefahr. Der Stärkste führte die Gruppe an. Im Tierreich ist es ähnlich.

Bei den Wölfen zum Beispiel führt auch stets das stärkste Tier das Rudel an. Interessanter Weise muss dies nicht das körperlich stärkste Tier sein. Es wird jeweils das Tier vom Rudel als Leitwolf akzeptiert, das am ehesten in der Lage ist, das Rudel mit ausreichend Nahrung zu versorgen. In der Regel wird es das willensstärkste und intelligenteste Tier sein. Die Erfahrung zeigt, dass diejenigen, die sich einem Stärkeren anschließen, also sich anpassen können, länger leben. Natürlich wird bei feindlichen Auseinandersetzungen immer zuerst versucht, den Stärksten zu erledigen und so den Rest der Truppe freiwillig hinter sich zu bringen. Auch im Tierreich ist es so, dass nicht unbedingt die Starken überleben, sondern die Anpassungskünstler.



Stärke hat viele Gesichter

Ja, früher war Stärke tatsächlich wichtig, besonders in kriegerischen Auseinandersetzungen. In der modernen Gesellschaft tritt die Bedeutung von Stärke etwas zurück. Heute sprechen wir hingegen eher von Durchsetzungskraft, aber dieses Attribut zeichnet meiner Meinung nach in Wirklichkeit eher einen „schwachen“ Menschen aus. Menschen, die nach außen den Starken geben müssen, haben innen meist etwas sehr Schwaches zu beschützen. Wer wirklich stark ist, wird seine Stärke nicht zur Schau stellen müssen. Er braucht nicht die Bestätigung von außen. Er weiß um sich Bescheid und schätzt sowohl seine Stärken als auch seine Schwächen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass es gerade Top-Manager sind, die immer wieder die Dienste einer Domina in Anspruch nehmen, weil sie sich tief in ihrem Inneren alles andere als stark fühlen, sich lieber unterwerfen wollen und auf diese Weise Schutz suchen.

Gerade im Bereich der „starken“ Männer und auch Frauen, im Kader der Führungskräfte und der Managerelite ist es besonders wichtig, Stärke zu zeigen. Gab es während des Studiums noch ein Miteinander, obwohl auch hier Leistung gefragt war, so hört dies schlagartig auf, wenn der Akademiker seine erste Führungsposition im Unternehmen oder der staatlichen Verwaltung erreicht hat. Denn nicht jeder Mitarbeiter ist derselben Meinung, wie der Personalchef es war und sagt Ja zum neuen Vorgesetzten. Manch einer fühlt sich vielleicht bei der Stellenbesetzung übergangen, manch einer hält sich womöglich für besser geeignet und so dauert es nicht allzu lange, bis der Kampf um die begehrte Stelle beginnt.

Führungskräfte verbringen einen nicht unerheblichen Teil ihrer Arbeitszeit damit, ihre Stelle zu schützen und zu verteidigen, sich gegen Angriffe seriöser und unseriöser Art zu wehren, von den alltäglichen kleinen Animositäten einmal ganz abgesehen. Wie mir scheint, ist es also nicht nur toll, stark zu sein…



Die Arten von Stärke

Es gibt verschiedene Arten von Stärke. Unterscheiden können wir:

  • Körperliche Stärke
  • Mentale Stärke
  • Emotionale Stärke
  • Willensstärke

Körperliche Stärke

Es gibt sie nicht, die eine Stärke, obschon es nach außen hin so zu sein scheint. Aber der Schein trügt wie so oft auch hier. Da wäre also als erstes die körperliche Stärke zu nennen. Dem Wunsch der Menschen hiernach ist der Run auf die Fitnessstudios zu verdanken. Eine regelrechte Fitnessindustrie macht jedes Jahr satte Gewinne mit dem Wunsch der Menschen nach körperlicher Stärke, Beweglichkeit und Ausdauer. Wer körperlich stark ist, dem sieht man das an. Das imponiert uns Menschen und flößt uns Respekt ein. Wir glauben unbewusst, dass es gut wäre, sich ihm anzuschließen und befürchten andererseits unsere Vernichtung, sollten wir ihn zum Feind bekommen. Tief in uns steckt eben doch noch ein Neandertaler.

Ausnahmesituationen wie Naturkatastrophen und Kriege stellen das immer wieder anschaulich unter Beweis. Es dauert meist nicht lange und schon wird geplündert, randaliert, vergewaltigt und gemordet. Ohne eine gefestigte gesellschaftliche Ordnung, bricht das Tier in uns auf. Der Mensch hat sich eigentlich kaum verändert. Was sich verändert hat, ist die Gesellschaft und sind die Möglichkeiten, die Menschen heute haben. Körperliche Stärke, wer braucht sie also noch? Es gibt Kräne, die Lasten heben, Maschinen, die schwere Arbeit verrichten. Selbst im Haushalt haben wir alles technisiert, was uns einst schwer fiel, sogar den Gang zum Fernseher.

Heute wird körperliche Stärke oftmals nur noch in Wettkämpfen benötigt, wenn Sportler sich messen. Es dient dem Ego der Athleten, hat sonst aber kaum eine Bedeutung. Dennoch jubeln wir unseren Spitzensportlern jede Woche millionenfach zu, in unseren Stadien und vor den Fernsehern. Die Begeisterung ist nach wie vor ungebremst. Wir feiern die Sieger – über Verlierer reden wir nicht. Wir bedauern sie nicht einmal. Sie sind uninteressant. Interessant sind nur Aufsteiger, Sieger und Helden!



Mentale Stärke

Unter Mentalität versteht man allgemeinhin das Vorhandensein bestimmter Denk- und Verhaltensmuster eines Menschen. Mental stark ist demzufolge, wer gut in der Lage ist, zu abstrahieren, zielführend zu denken, zu begreifen, mit dem Verstand zu erfassen. Mentale Stärke besteht darin, zum rechten Zeitpunkt die richtigen Entscheidungen treffen zu können und auch dazu zu stehen. Mentale Stärke bedeutet meiner Meinung nach auch, das Wissen um die eigenen Fähigkeiten und den gezielten Einsatz derselben zu haben. Gerade potentielle Führungskräfte werden auf dieses Kriterium hin besonders beäugt.

Emotionale Stärke

Ein nicht minder wichtiges Kriterium, wenn es um die Stärke geht und vermutlich sogar das Kriterium schlechthin, ist die emotionale Stärke. Sie beschreibt die Fähigkeit, eigene und fremde Gefühle richtig wahrzunehmen, zu verstehen und zu beeinflussen. Emotional stark zu sein, bedeutet Klarheit. Es setzt ein stabiles Selbstbewusstsein voraus. Emotional starke Menschen sind geprägt durch ein großes Maß an Eigenliebe und Selbstzufriedenheit. Sie ruhen quasi in sich. Was sie können wissen sie ebenso wie was sie nicht können und finden das auch in Ordnung so. Sie kennen sich selbst und nehmen sich an, wie sie sind. Deshalb streben sie nicht pausenlos nach Anerkennung und Bewunderung. Sie können sich all dies selbst zur Genüge geben können.

Sie sind demzufolge nicht immerzu mit ihren Gefühlen beschäftigt. Dennoch nehmen sie wahr, was ist, aber unaufgeregt und aufmerksam. Sie registrieren, was sie im Moment brauchen und sorgen dafür, dass sie es bekommen. Und selbst wenn das gerade nicht möglich ist, vertrauen sie auf ihre Fähigkeiten und beschaffen sich, was nötig ist, zu einem späteren Zeitpunkt. Emotional starke Menschen sind auch in der Lage, emotional auf Andere zuzugehen. Sie sind emphatisch, also einfühlsam. Die Gefühle anderer nehmen sie wahr und erkennen sie an. Sie sind in der Lage adäquat damit umzugehen, ohne sie zu ihren eigenen Gefühlen zu machen. Dabei halten sie auch schwierige Gefühle aus, ohne selbst Schaden zu nehmen. Emotionale Stärke bedeutet Ausgeglichenheit, Zufriedenheit und Stabilität. Für mich ist die emotionale Stärke die eigentliche Stärke, wenn wir den Begriff Stärke in seine Einzelteile zerlegen.

Willensstärke

Willensstärke ist meiner Meinung nach eine Eigenschaft, die sowohl emotionale Stärke als auch mentale Stärke voraussetzt. Willensstärke oder auch Willenskraft, wie sie noch genannt wird, ist ein Oberbegriff für charakterliche Eigenschaften wie etwa Entschlossenheit, Beharrlichkeit und Zielstrebigkeit sowie ein gewisses Maß an Robustheit. Das alles sind Eigenschaften, die notwendig sind, um am Ball zu bleiben, auftretende Ablenkungen oder Unlustgefühle zu kompensieren und auftretende Schwierigkeiten auf dem Weg zum Ziel zu meistern. Dazu zählt auch die Fähigkeit der Selbstkontrolle, also unerwünschte Verhaltensweisen, Gewohnheiten und Emotionen zu überwinden und gegebenenfalls auftretende Impulse zu kontrollieren.



Schwäche kann auch Stärke sein

Stärke, Stärke, Stärke… Und was ist mit unseren Schwächen? Dürfen die nicht auch sein? Machen uns nicht gerade unsere Schwächen so schön menschlich unvollkommen? Sind es nicht gerade die Schwächen, die einen Menschen auf besondere Weise liebenswert und sympathisch machen? Zugegeben, manch Schwäche nervt auch ziemlich, doch hat das zumeist etwas mit mir selbst zu tun. Es erinnert mich unbewusst an unschöne Situationen aus der Vergangenheit. Könnte ich unvoreingenommen auf die Menschen sehen, so wie ein kleines Kind dies tut, würde ich Schwächen nicht negativ bewerten. Im Gegenteil, ich würde überhaupt nicht bewerten, nur feststellen, was ist.

Schwäche zeigen können

Die Wahrheit ist: Es gibt nicht nur Stärken! Wo Stärken sind, sind auch Schwächen. Wo Gutes ist, ist auch Böses. Alles braucht seinen Ausgleich. Wenn wir einen Menschen stark nennen, dann werden wir ihm mit unserer Sichtweise möglicherweise nicht gerecht, dann sehen wir nur das, was wir sehen wollen, nur einen Teil. Es hat aber jeder Mensch das Recht, im Ganzen wahrgenommen zu werden. Es ist seine unverwechselbare Identität. Natürlich behalten alle oben angeführten Attribute wie körperliche, mentale, emotionale und Willensstärke ihre Berechtigung, wirklich stark ist meinen Augen aber nur, wer zudem auch seine Schwächen zeigen kann.

Wer sich in Gänze annehmen kann und „Ja“ zu sich sagt, wer weiß, dass er nicht „perfekt“ ist, sich aber dennoch perfekt fühlt, wer nicht mit dem Finger auf die Schwächen Anderer zeigt und nicht auf Schwache einprügelt, in welcher Form auch immer, den nenne ich wahrhaft stark. Wer sich seiner Schwächen nicht schämt und sich seiner Stärken nicht rühmt und dennoch beides zu seinem Wohle und dem Wohl anderer Menschen einsetzt, der ist für mich stark. Aus genau diesem Stoff sind meine Helden gemacht…

Quellen zu „Menschen wollen stark sein – Das Mysterium Stärke“

Wikipedia   Foto: ehuth  / pixelio.de 

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