Umgang mit der Depression – Information für Angehörige

Depression Infos für Angehörige

Angehörige sind eine wichtige Säule im Wege der Heilung

Angehörige sind aus meiner Sicht das wichtigste Bindeglied eines Depressiven zwischen seiner Depression und dem richtigen Leben. Sie sorgen dafür, dass er den Anschluss an die Welt nicht ganz verliert und wenn doch, dass du er langsam wieder bekommst. Angehörige sind diejenigen, die im Leben halten, wenn es Depressiven richtig schlecht geht, sie nicht mehr weiter wissen. Wenngleich sie dann vielleicht auch nicht aus den Motiven Freude und Sehnsucht heraus handeln, doch zumindest aus Verantwortung und Liebe. Mir hat die Vorstellung, ich würde, wenn ich mir etwas antue, weniger mir schaden, als meinen Kindern und meiner Frau immer sehr geholfen, die Sache doch noch einmal zu überdenken.


Angehörige steigern Motivation

Für mich selbst etwas Gutes zu tun, bin ich nie so sehr motiviert. Wenn ich dasselbe für andere, bzw. mit anderen tun kann, ist es etwas ganz anderes für mich. Ein schönes Essen für mich zu kochen – keine Lust, es gibt doch Fastfood. Den Tisch schön zu decken – wozu einen Teller? Das Brot macht auch so satt. Mich schön anzuziehen – wieso, es ist doch egal, wie ich aussehe. Allein ins Kino zu gehen und einen Film anzusehen, den ich mag? Keine Lust! Irgendwann kommt er ja auch im Fernsehen. Einmal Urlaub machen? Das Haus umbauen? Spazieren gehen?

Es geht sogar soweit, dass ich meine Wohnung nur aufräume und sauber mache, wenn Angehörige zu Besuch kommen. Mein Besuch soll sich doch schließlich wohl fühlen können. Ja, und ich? Ich fühle mich auch wohl, wenn alles schön sauber und aufgeräumt ist! Es fehlt mir schlicht und ergreifend an der nötigen Motivation, das zu tun, was mir selbst auch gut tun würde. Für mich selbst etwas zu tun, gehe ich selten den geraden Weg. Ich brauche Umwege und Begründungen.



 

Von Nutzen sein wollen

Zum Beispiel kann ein guter, vermutlich sogar der beste Grund sein, einen materiellen Vorteil zu erzielen. Geld zu sparen, ist ein sehr starkes Motiv für mich. Wenn ich mir eine neue Kettensäge leiste, dann nur, weil ich ja dann das Brennholz selbst im Wald schlagen kann und damit teures Heizöl einspare. Wenn ich mir ein schönes Werkzeug kaufe, dann nur, weil es viel teuer wäre, einen Handwerker kommen zu lassen. Meine Hühner erlaube ich mir nur, weil sie ja auch Eier legen und mein Meerwasseraquarium ist für mich nur zu rechtfertigen, wenn ich durch Zuchterfolge auch wieder Einnahmen zu verzeichnen habe. Selbst für diesen Blog stand von Anfang an für mich fest, dass ich damit einmal Geld verdienen will. Ich hätte meine Gedanken, Gefühle und Erkenntnisse ja auch in einem konventionellen Tagebuch sammeln können, aber dazu fehlte mir völlig die Motivation.

 

Was Angehörige tun können

Ich brauche also offenbar Angehörige, um auch etwas Gutes für mich tun zu können. Das ist also eine große Hilfe, die sie mir allein dadurch geben, dass es sie gibt. Ich brauche es aber auch, dass sie an mich glauben und mir zeigen, dass ich ihnen etwas bedeute. Es tut mir gut, wenn sie zu mir stehen und mich annehmen, wie ich bin. Sie sagen auch Ja zu mir, wenn ich manchmal „komisch drauf“ bin. Ich brauche Angehörige, die es, wenngleich das auch nicht immer möglich ist, ertragen, dass ich depressiv bin. Und ich brauche Angehörige, die Geduld haben.

Geduld

Geduld sollten sie also mitbringen und Verständnis. Das ist vermutlich auch nur ein frommer Wunsch, denn nicht einmal ich selbst habe diese Geduld. Und das Verständnis für mich muss ich mir meist erst erarbeiten, wie zum Beispiel mit so einem Beitrag hier.  Angehörige können mir helfen, indem sie authentisch sind. Ich liebe und bewundere Menschen , die es hinbekommen, einfach sie selbst zu sein. Von ihnen kann ich lernen. Da kann ich mir etwas abgucken. Sie helfen mir, mich zu ändern. Ich brauche Angehörige, die ehrlich zu mir sind, auch wenn es mir vielleicht weh tun könnte. Angehörige, die mit meinen Depressionen offen umgehen können, sind mir eine echte Hilfe, auch wenn sie mir vielleicht hin und wieder damit weh tun. Der größere Schmerz ist es für mich, außen vor gelassen zu werden, um mich zu schonen.



 

Klarheit

Ich brauche die Konfrontation mit der Realität. Schonung schadet mir mehr, als sie mir nützt. So kann ich mit schlechten Nachrichten bedeutend besser umgehen, als mit Ungewissheit. Ich wünsche mir Klarheit von meinen Angehörigen. Sie helfen mir, indem sie mich einfach ganz normal teilhaben lassen an ihrem Leben, ohne Filter, ohne Netz und doppelten Boden.

Keinen Druck machen

Aber das wichtigste ist: Ich brauche Angehörige, die es schaffen, die Verantwortung für meine Depression bei mir zu lassen. Menschen, die mir keinen Druck machen, gesund zu werden, mich aber vielleicht ab und an dazu ermuntern. Das ist die Königsdisziplin für Angehörige. Aber das schaffen vermutlich nur die wenigsten. Vielleicht ist es aber auch gar nicht möglich, das zu schaffen? Denn manchmal tut mir eine Ermunterung gut und ein anderes Mal ist genau dieselbe Ermunterung schon eine Überforderung für mich und macht mir Druck.

Selbstfürsorge

Angehörige helfen mir auch, indem sie auf ihre Grenzen achten und sich nicht selbst mit mir überfordern. Wenn mich das Gefühl beschleicht, ich bin nur noch eine Last für sie und dieses Gefühl kennt jeder Depressive wohl allzu gut, dann möchte ich auf der Stelle nicht mehr da sein. Das ist ein Punkt, von dem ich weiß, das er mich total abstürzen lässt.

Angehörige können mir helfen, indem sie mir Vorschläge machen, anstatt zu fordern, indem sie die Entscheidung mir überlassen und ich mich auch dagegen entscheiden darf, ohne schlechtes Gewissen. Aber die entscheidendste Hilfe für mich ist, dass Angehörige einfach da sind, dass es diese Menschen gibt und ich weiß, dass ich auf sie zählen kann.



 

Was Depressive für Angehörige tun sollten

Gerade bemerke ich, dass da eine ganze Menge an Erwartungen und Wünschen an Angehörige zusammen gekommen ist. Und ich denke so bei mir: Ja, so kann das aber auch nicht funktionieren! Depressive erwarten Hilfe und Verständnis von ihren Angehörigen. Aber genau dies können Angehörige auch von ihren Mitmenschen und nicht zuletzt vom Depressiven selbst erwarten, denn es ist auf deutsch gesagt ein Scheiß-Job, den sie da haben. Alles muss sich doch irgendwie ausgleichen können, oder? Was also kann ich für Angehörige tun? Das kann ich natürlich nur vage beantworten. Das wäre jetzt ein Part für Angehörige selbst. Das wäre auch ein gutes Thema für Kommentare zu diesem Post.

Ich will es aber dennoch versuchen. Denn wer soviel Wünsche und Erwartungen an Angehörige hat, der sollte auch etwas entgegen zu setzen haben. Auch Angehörige können nicht nur geben. Es sind Menschen wie du und ich. Nach meiner Erfahrung sollte es in Beziehungen immer ausgeglichen sein. Ein gesundes Verhältnis von Geben und Nehmen ist eine gute Basis für eine stabile Beziehung.

Was kann ich also für meine Angehörigen tun?

  • Ich kann ihnen zeigen, dass die Verantwortung für meine Erkrankung bei mir liegt und ich auch willens bin, sie zu übernehmen.
  • Indem ich ihnen klar sage, was ich mir von ihnen wünsche und was nicht, kann ich es ihnen leichter machen, mit mir umzugehen.
  • Ich kann ihnen zeigen, dass sie mir gut tun.
  • Es wäre gut, mich von Zeit zu Zeit bei ihnen bedanken, dass sie für mich da sind.
  • Ich kann mir überlegen, wie ich ihnen eine Freude bereiten kann und es dann auch tun.
  • Ein ehrlicher Umgang wäre wünschenswert. Ich kann mich ihnen offenbaren, mich zeigen mit meinem Schmerz, aber auch mit meiner Freude.



 

Was kann ich noch für Angehörige tun?

  • Ich kann sie entlasten, indem ich meine Erwartungen an sie überprüfe und reduziere.
  • Indem ich Verständnis für sie aufbringe, für ihre Erschöpfung, ihre Wut, ihre Hoffnungslosigkeit, kann ihnen ein gutes Gefühl geben.
  • Ich kann ihnen helfen, indem ich mich für SIE interessiere, mich und meine Depression, die immer schon viel zu viel Raum einnimmt, einmal beiseite lasse.
  • Ich kann ihnen helfen, indem ich auch für SIE da bin, zumindest in den besseren Phasen meiner Depression.
  • Indem ich nichts von dem, was ich von ihnen bekomme als etwas Selbstverständliches ansehe, sondern in jedem Ding das Besondere erkenne und auch anerkenne, kann ich meiner Wertschätzung Ausdruck verleihen.
  • Ich kann ihnen sagen, dass ich sie liebe und dass sie mir sehr viel bedeuten.

Angehörige haben es mindestens genauso schwer, wie der Kranke in einer depressiven Episode selbst, mit dieser Erkrankung zurecht zu kommen. Sie haben unsere Anerkennung verdient. Meine Anerkennung haben sie heute allemal! Aber dahin zu kommen, war für mich auch ein weiter Weg.

Quellen zu Depression un Angehörige
Foto: Katharina Wieland Müller / pixelio.de

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