Das regt mich auf - Ratgeber Depression

Die Depression im Blog - Eine Seite gegen die Scham für eine Erkrankung, die nichts mit Schwäche zu tun hat - Ein Votum für die Akzeptanz einer Krankheit, die längst schon ein Teil der Gesellschaft geworden ist - Informationen und Tipps für Depressive und Angehörige

Das regt mich auf

Was mich am anderen stört Jeder von uns kennt vermutlich Menschen, die er nicht besonders gut leiden kann. Allein schon, wenn wir sie von weitem sehen, sind wir "bedient". Wir können sie nicht "riechen", ihnen nicht "auf''s Fell gucken", wie es so schön heißt. All diese Redewendungen machen deutlich, dass wir uns unwohl fühlen, wenn uns diese Menschen nahe kommen. Wir wollen sie nicht in unserer Nähe haben. Oft ist es uns aber gar nicht möglich, ihnen auszuweichen. Mitunter sind es unsere Geschwister, unsere Nachbarn oder unsere Kollegen, Mitglieder unserer Kirchengemeinde oder des Sportvereins, indem wir einen Teil unserer Freizeit verbringen. Es gibt nur drei Möglichkeiten, wie wir zu anderen Menschen stehen können. Entweder sie sind uns sympathisch, wir hegen eine Antipathie gegen sie oder sie sind uns egal. Die meisten von ihnen werden uns wohl egal sein, fallen uns nicht einmal auf. Aber diejenigen, die eine Emotion in uns auslösen, lohnt es durchaus, einmal näher zu betrachten. Menschen, die etwas in uns auslösen, etwas in uns bewegen, spiegeln uns etwas wieder, erzählen uns etwas über uns selbst.



Sich von außen betrachten


Die wenigsten Menschen haben leider die Fähigkeit, sich selbst von außen zu betrachten. In Situationen der Überforderung kennen wir vielleicht das Gefühl, neben uns zu stehen. Wir können uns dann von außen sehen, wennwir hilflos da stehen und nicht wissen, wie uns geschieht. Unter der Überschrift "Symptome psychischer Erkrankungen" gibt es dafür den Begriff der Depersonalisation. Hierbei kommt es zu einer veränderten Wahrnehmung, so als würdest du deine Umwelt aus einer veränderten Perspektive, also von weit weg, von außerhalb deines Körpers, durch ein Fernglas oder wie auf einer Kinoleinwand sehen. Diese Art der Wahrnehmung hat aber nichts mit den Wahnvorstellungen aus dem psychotischen Formenkreis zu tun. Dir ist bewusst, was du erlebst und dir ist auch bewusst, dass du in Wirklichkeit in diesen Körper gehörst. Die Depersonalisation tritt nicht nur bei psychisch Kranken auf, gilt vielmehr als Alltagsphänomen und wird erst ab einer gewissen Häufigkeit als krankhaft eingestuft. Es kann also durchaus jedem von uns passieren, dass wir so etwas erleben.


Schwarmintelligenz


In der Regel sind wir  darauf angewiesen, dass andere Menschen uns verbal oder nonverbal mitteilen, welche Außenwirkung wir haben. Wir selbst sehen uns zumeist so, wie wir uns gern sehen möchten. Wir sehen unser Ideal. Wir sehen den Menschen, den wir sehen wollen, der wir sein mögen oder glauben, sein zu sollen. Wir sehen uns durch einen Filter hindurch, den Filter unserer Erfahrungen und unserer Erziehung. Andere Menschen sehen uns anders. Und das ist auch gut so, denn durch sie können wir etwas über uns erfahren, können erkennen wie wir in Wirklichkeit sind. Natürlich gucken die Anderen auch durch ihre ganz persönlichen Filter von Erfahrung und Erziehung, natürlich sehen auch die anderen etwas, was sie gern sehen wollen. Das ist bei allen Menschen so. Aber die Summe der Wahrnehmung nähert sich der Wahrheit immer mehr an. "Es gibt drei Wahrheiten", heißt es in einem chinesischen Sprichwort, "meine Wahrheit, deine Wahrheit und die Wahrheit." Je mehr Übereinstimmung es gibt in den "Wahrheiten" einzelner Menschen, umso mehr nähern wir uns der eigentlichen Wahrheit an. Es ist wie mit der Schwarmintelligenz. Einzelne können sich irren, der Schwarm eher nicht. Die Gaußsche Normalverteilungskurve macht dies anschaulich. Dort wo es die meisten Übereinstimmungen gibt, liegt die Wahrheit. Die Fehler liegen an der Rändern und können unberücksichtigt bleiben.


Die Wahrheit über mich


Wir tun gut daran, die Wahrheit über uns dankbar anzunehmen. Die Wahrheit über uns hilft uns, unser Leben zu meistern, glücklich zu werden. Es nützt doch nichts, wenn ich mich ein Leben lang bemühe, ein guter Schwimmer zu werden, wenn ich in Wirklichkeit ein Vogel bin. Irgendwann werde ich über das viele Schwimmen das Fliegen verlernt haben.
Die Wahrheit über mich bringt mich mit der Wirklichkeit in Einklang, bringt mich mit mir selbst in Einklang. Die Wahrheit über mich kann mir Frieden und Glück bescheren, wenn ich denn bereit bin, sie anzunehmen. Von Menschen, die uns sympatisch sind, werden wir eventuell in der Lage sein, diese Wahrheit anzunehmen. Bei Menschen, die uns unsympathisch sind, wird die Sache schon etwas schwieriger. Hier unterstellen wir schnell, dass sie uns nur weh tun wollen. Hier machen wir lieber dicht. Denen trauen wir die Wahrheit über uns lieber nicht zu...


Was uns am Anderen aufregt


Es gibt so Menschen, die regen uns einfach nur auf, die finden wir unmöglich. Wir können sie nicht leiden, weil sie sich womöglich immer in den Mittelpunkt schieben. Oder es stört uns, dass sie so laut und schrill sind. Vielleicht finden wir es unerträglich, dass sie immer dazwischen reden oder immer das letzte Wort haben? Wir finden sie unhöflich, frech oder gar ordinär. Gern stören uns auch ihre Arroganz, ihre Unbekümmertheit oder ihr, unserer Meinung nach, zu großes Selbstbewusstsein. Vielleicht ist es aber auch ihre Unordnung, ihre Faulheit oder die Unpünktlichkeit? Ich lade dich einmal ein, diese Aufzählung für Menschen, die dich aufregen, zu ergänzen. Nimm dir einen Zettel und notiere! Auf diese Weise kannst du eine Menge über dich erfahren. All diese Menschen sind in Wirklichkeit unsere Spiegel. Der bekannte deutsche Psychologe Robert Betz nennt sie augenzwinkernd "Arschengel", weil wir sie zwar doof finden, sie uns aber dennoch einen großen Dienst erweisen, etwas zum Geschenk machen. Doch wie das so ist mit Geschenken, man kann sie annehmen oder zurückweisen. Man kann sich über sie freuen oder sie gering schätzen, ja sich sogar über sie ärgern. Oftmals ist es nämlich so, dass wir mit den genannten Eigenschaften nur deshalb ein Problem haben, weil wir selbst so sind. Es sind Eigenschaften, die wir selbst haben, aber aus irgend welchen Gründen, zumeist Gründen kindlicher Erziehung an uns ablehnen. "Das tut man nicht!", "Das darf man nicht", "Das gehört sich nicht!", sind so gängige Charakterverbieger.


Ich hasse Menschen die immer im Mittelpunkt stehen müssen


Und wir Deppen halten uns daran, versuchen ein Leben lang so zu sein, wie man es uns eingetrichtert hat, wir aber gar nicht sind. In Wirklichkeit würden wir selbst gern im Mittelpunkt stehen, aber das tut man ja als bescheidener Mensch nicht. Wir würden gern selbst einmal frech oder ordinär sein, aber was sollen die Leute dann von uns denken? Nein, das tun wir nicht. Wir versagen uns nicht selten, so zu sein, wie es unserem Naturell entspricht. Eigentlich logisch, dass es uns sauer macht, wenn Andere sich über die Regeln der Gesellschaft hinweg setzen und einfach so sind, wie sie sind. Dieses Verhalten lehnen wir ab. Doch im Grunde lehnen wir nicht sie ab. Unbewusst lehnen wir uns selbst ab, lehnen etwas in uns selbst ab. Wir mögen diese Eigenschaften nicht an uns, dann soll sie bitte schön auch niemand anders ausleben dürfen! Dabei ist doch nicht Schlechtes daran? Alle Führungspersönlichkeiten und Schauspieler, alle großen Menschen der Geschichte waren Menschen, die in der Lage waren, sich in den Mittelpunkt zu stellen, selbst Buddha, Mohamed und Jesus Christus. Wäre dem nicht so, würden wir sie auch nicht kennen. Mit anderen Eigenschaften ist es nicht anders. Sind es nicht gerade die Frechen oder Ordinären, die uns immer wieder zum Lachen bringen? Sind es nicht die Stolzen, Selbstbewussten oder Arroganten, zu denen wir gern aufschauen? Wenn uns ihre Faulheit aufregt, dann sind wir vermutlich fleißige Menschen. Wir sind so fleißig, weil wir als Kinder gelernt haben, dass wir gut sind, wenn wir fleißig sind. Manche Menschen sind so lange fleißig, bis sie einen Burnout erleiden. Doch tief in ihrem Herzen wären sie auch gern einmal faul. Aber das erlauben sie sich nicht. Dasselbe gilt für Ordnung und Unordnung, Pünktlichkeit und Unpünktlichkeit usw...


Wer kann hier wen nicht leiden?


All dies passiert unbewusst. Du denkst, es liegt daran, dass die Anderen so sind, aber daran liegt es nicht. Es liegt an dir selbst. Es sind deine Eigenschaften, die du ablehnst. Es bist du, den du ablehnst. Und kannst du dir nun vorstellen, wie es ist, mit einem Menschen zusammen zu leben, der sich in weiten Teilen selbst ablehnt? Kannst du dir ausmalen, dass das nicht unbedingt eine Freude ist? Nicht Andere machen dir dein Leben schwer. So leid es mir tut, diese Erkenntnis vermitteln zu müssen, du bist es selbst. So wie du in der Lage bist, "Ja" zu diesen Eigenschaften zu sagen, sie liebevoll anzunehmen und zu integrieren, sie quasi nach Hause zu holen, in dem Maße wird dein Leben leichter und schöner werden, wirst du dich wohler mit dir fühlen. Und eine Kontrollmöglichkeit hast du auch. Wenn dich Unordnung bei anderen nicht mehr aufregt, dann bist du bei dir angekommen. Wenn du schmunzeln kannst, wenn sich jemand in den Mittelpunkt schieben muss, dann erlaubst du dir auch, so zu sein, wie du bist. Weite Teile deines Lebens wirst du womöglich schon hinter dir haben, wird es da nicht Zeit, die unbewussten Anteile in dir herauf zu holen und mit Leben zu erfüllen? Wäre es nicht cool, wenn du irgend wann von dieser Welt gehst, sagen zu können: Ich habe  gerade noch rechtzeitig die Kurve gekriegt. Am Ende meines Lebens habe ich als der gelebt, der ich war. Ich war mir treu...

Quellen zu "Das regt mich auf!" (Stand 25.01.2018)
Wikipedia Foto: Jerzy / pixelio.de







Kommentare:

  1. Es wäre cool irgendwann der Mensch zu sein,der man eigentlich ist. Es wäre definitiv cool, das zu schaffen, bevor man irgendwann abtritt und auch möglichst noch was davon zu haben.
    Ich habe erst letztens zu meinem Arzt und meiner Therapeutin gesagt, daß ein Teil von mir (der leider sehr dominant ist) dermaßen an der Depression hängt, als würde mein Leben davon abhängen. Hört sich vielleicht seltsam an, ist aber so.

    Da der ganze Mist bei mir chronisch ist, glaube ich nicht, daß ich je ganz frei davon sein werde.

    Das ist auch okay,...

    ...a b e r ich möchte lernen, die Depression in den Hintergrund zu bringen und sie auch dort zu lassen, zu merken, wenn sie mal wieder aufmuckt und sie dann in ihr Zimmer zu bringen und die Tür gut zu verschließen.

    Ob ich es schaffe? Keine Ahnung!

    Gruß Sanne

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    1. Hallo Sanne, ich sah es mir auch schon einmal so an: Die Depression ist womöglich nicht die Krankheit. Die Depression ist vielmehr schon die Heilung. Sie ist der Prozess der Heilung, der notwendig gewordenen Veränderung, nachdem ich lange Zeit nicht so gut auf mich acht gab. Und so gesehen, ist sie tatsächlich überlebenswichtig. Hätte ich so weiter gemacht wie früher, gäbe es mich nicht mehr. Ich kam an meine Grenzen. Heute spüre ich meine Grenzen viel besser und sorge auch besser für mich. In dem Maße, wie ich lerne, gut für mich zu sorgen, kann die Depression auch wieder gehen, in den Hintergrund treten. Aber du weißt ja; Alte Gleise sind verführerisch!
      Ich machte einmal einen Abnehmkurs und da sagte mein Trainer etwas sehr spannendes. Er sagte: Kümmert euch nicht so sehr um das, was ihr nicht essen solltet! Kümmert euch lieber um das, was ihr zum Leben braucht! Ich glaube inzwischen, das ist eine universelle Wahrheit... Liebe Grüße Benno

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    2. Hmmm, ich weiß nicht, wenn die Depression schon die Heilung ist, wie du sagst, dann frag ich mich was die Krankheit ist?! Ich glaube schon, daß es die Krankheit ist. Es ist der Name der Krankheit. Vielleicht könnte ich damit einhergehen, daß das Wissen um die eigene Depression schon ein Schritt in Richtung Heilung ist oder Besserung (je nachdem).
      Da es chronisch ist glaube ich eben nicht mehr an eine komplette Heilung, aber das ist auch ok, wie ich schon erwähnte. Es hat auch nichts mit einem schicksalsergebenem "dann ist das eben so, da kann man nix machen" zu tun. Ich kämpfe jeden verdammten Tag!!

      Um dein Thema aufzugreifen, mich ärgern Menschen tierisch, die immer so tun als wenn eine Depression doch nicht weiter schlimm ist. So nach dem Motto, 'hab dich nicht so', 'mir geht's manchmal auch nicht so gut' usw. 'Kopf hoch, wird schon wieder', der ganze Mist eben, der so kommt von den sogenannten "Normalen".
      Worauf wollte ich hinaus?
      Ach ja, dein Thema, sowas ärgert mich wie gesagt immer wieder. Ich denke der Grund dafür liegt in mir. Es sind Gedanken, die ich für mich selber auch habe. Nicht für andere Depressive aber für mich.
      Aber ich denke, daß es nicht immer so ist,daß, nur weil man jemanden nicht leiden kann, es was mit einem selber zu tun hat, weil man eigene Anteile entdeckt, gespiegelt bekommt.

      Manchmal ist es einfach nur das was es ist: eine Abneigung gegen eine Person oder was auch immer. Und - warum auch immer.

      Liebe Grüße, Sanne

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  2. Ich sehe es auch so, Benno - die Depression ist nicht die Krankheit. Dann vielmehr unsere Gesellschaft. Und doch Sanne, wenn man jemanden nicht leiden kann, hat es IMMER mit dir selbst zu tun. Natürlich mag man da nicht hinschauen. Probier es mal und sei ganz ehrlich mit dir. Es kann befreiend sein!

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