Kann ich meine Seele entwickeln? - Ratgeber Depression

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Kann ich meine Seele entwickeln?

Ein modernes Konzept für die Seele


Seele heilen In einem Radio-Interwiev mit der bekannten Fernsehmoderatorin Nina Ruge stellte sie selbst sich die Frage: "Wie entwickelt man eigentlich seine Seele?" Zuerst dachte ich: Was soll das denn? Man kann doch eine Seele nicht entwickeln! Aber Nina Ruge ist eine kluge Frau und so folgte ich diesem Satz. Ich spürte nach, was ich an Sinn oder Unsinn in ihm ausmachen konnte und irgendwie begannen ihre Worte, mich zu faszinieren.
Etwas zu entwickeln, bedeutet in unserem Sprachgebrauch ja so viel, wie etwas zu erfinden, zur Gebrauchsreife zu führen. Autos werden entwickelt oder neue Verfahren zur Energiegewinnung, pädagogische Konzepte werden entwickelt oder Strategien zur Bekämpfung von Arbeitslosigkeit. Wir sind ein Land voller Entwickler. Entwicklung ist also ein schöpferischer Prozess. Entwicklung ist aber auch schlicht und ergreifend Veränderung. Die gesamte Evolution ist die Geschichte von der Entwicklung des Lebens und von Schöpfergeist ist da nicht viel zu sehen, jedenfalls nicht von menschlichem. Alle Vorgänge in der Natur, das Geboren werden, das Wachsen und Vergehen, es sind alles Entwicklungsvorgänge. Entwicklung bedeutet also im Grunde Veränderung, aus sich selbst getrieben oder als schöpferischer Akt. So habe ich es auch immer verstanden. Ach, und da sollen wir jetzt also unsere Seelen entwickeln? Wir sollen unsere Seelen verändern, sollen sie optimieren, leistungsfähiger machen?


Kann man eine Seele entwickeln?


Um im Bild unseres Sprachgebrauches zu bleiben: Nein! Ich glaube nicht, dass man eine Seele entwickeln kann und ich glaube auch nicht, dass man dies tun sollte, wenn man es könnte. Für mich ist die Seele das, was einen Menschen als Individuum ausmacht, sein Kern. Seine Seele macht ihn zu etwas Besonderem, verleiht ihm Einzigartigkeit. Es fällt mir leichter, den Menschen auf seine Seele zu reduzieren, als auf seinen Körper. Natürlich weiß ich, dass beides einen Menschen ausmacht, Körper und Seele. Dennoch erleben wir regelmäßig, dass Körper von ihren Seelen verlassen werden und dass das, was zurück bleibt nur noch wenig mit dem zu tun hat, was einmal war. Die Seele scheint etwas ganz Besonderes zu sein, etwas Kostbares, aber zugleich auch etwas Rätselhaftes. Niemand weiß, wo die Seele wohnt. Man kann sie nicht mit Elektroden messen und auch nicht im Kernspin sichtbar machen. Niemand hat sie je gesehen und doch glauben wir alle, dass es sie gibt. Vielleicht ist ja die Seele doch etwas Göttliches, das in uns wohnt? Vielleicht kommt Gott in jedem Menschen zur Welt und hat dies nicht nur in Jesus getan? Nun, wie dem auch sei, das wäre nur ein Grund mehr, die Seele nicht entwickeln zu wollen. Wenn die Seele doch göttlich ist, dann ist sie auch perfekt. Und in der Tat, das ist meine Überzeugung. Die Seele ist perfekt. Es gibt nichts hinweg zu nehmen oder hinzu zu fügen. Es gibt nichts zu optimieren oder zu verschönern. Die Seele ist göttlich. Wir brauchen sie nicht entwickeln, jedenfalls nicht im Sinne von Veränderung.


Wo wohnt die Seele?


Die Seele ist Geist und sie ist Energie. Insofern braucht sie keinen Einbauort in unserem Körper. Sie wohnt vermutlich allem inne, jeder einzelnen Zelle. Platz genug hätte sie da jedenfalls. Wissenschaftlich betrachtet besteht jede Zelle aus einer Vielzahl von Atomen. Die Atome wiederum bestehen aus dem Atomkern und den Elektronen, die ihn umgeben. Auf dieser subatomaren Ebene ist es nun so, das zwischen dem Atomkern und dem ersten Elektron ein riesiger Abstand besteht. Denkt man sich den Atomkern in der Größe eines Reiskorns und legte dieses in die Mitte eines Stadions, dann würde das erste Elektron am äußersten Tribünenrand seine Runden drehen. Dr. U. Warnke, ein deutscher Physiker hat es einmal so formuliert: Stellt man sich den Atomkern als einen Fußball vor, dann wäre das erste Elektron in einem Abstand von 10 Kilometern zu finden. Tatsächlich bestehen wir Menschen zu 99,999999999 % aus Nichts, aus Zwischenraum, aus Vakuum. Würde man den Menschen auf die Größe des Eifelturms ziehen und dann alle Zwischenräume entfernen, verbliebe etwa noch das Volumen eines Flohs. Wir wissen heute noch nicht wirklich, weshalb es soviel Zwischenraum gibt, aber man vermutet, dass sich dort Energien und Informationen befinden. Womöglich ist genau dies der Raum für die Seele.


Warum Frau Ruge die Seele entwickeln will


Auch wenn Frau Ruge eine Lehrerin ist, will sie hier nichts bilden. Ich glaube, sie meint Entwickeln im ursprünglichen Sinne des Wortes. Ich denke, sie meint, etwas zu ent-wickeln, aus-zu-wickeln, was verpackt ist, etwas ans Licht zu bringen, was verborgen ist, etwas zur Geltung zu bringen, zur Entfaltung. Entfaltung ist auch ein sehr schönes Wort in diesem Zusammenhang. Entwicklung und Entfaltung - sichtbar machen, was bislang nur facettenhaft zu sehen war, die Seele erkennbar werden lassen in ihrer ganzen Vollendung.
Wir alle tragen diesen Schatz der Seele in uns, doch viele von uns schätzen ihn nur gering, gucken lieber auf andere Schätze, vergleichen sich mit Anderen und werten sich in dessen Folge ab. Das kommt daher, weil wir unseren eigenen Wert nur ungenügend kennen, weil wir unsere eigene Seele nur ungenügend kennen. Menschen aber, die ihren Wert nur ungenügend kennen, haben folglich auch nur ein unzureichendes Selbst-wert-gefühl. Sie haben ihre Seele eben noch nicht ent-wickelt. Eingepackt wie ein Baby in dicken Windeln und Tüchern, so wie man dies früher tat, jenseits der Zeiten von Pampers und Kindermoden, versteckt sie sich in uns und niemand weiß, wo genau sie dies tut. Ja, so gesehen glaube ich, unsere Seele will entwickelt werden, entwickelt aber nicht im Sinne von Veränderung, sondern im Sinne von Erkenntnis. Sich selbst zu erkennen geben und eben nicht zu verstecken hinter den Rollen, die wir tagein tagaus im Leben spielen, sich selbst zu erkennen, wahr zu nehmen, welchen Schatz wir da in uns tragen, das sollte mit Entwicklung gemeint sein. Unsere Seele ist es, die uns unsterblich macht, nicht die 15. Schönheits-OP. Obwohl, wenn man es dermaßen übertreibt, macht dies einen auch schon wieder fast unsterblich. Nur dass das, was uns an diesen Menschen fasziniert nicht die geschaffene "Schönheit" ist, sondern der Wahn, der dahinter steht. Da tun Menschen etwas, das nicht jeder tut, Menschen die besonders sein wollen, besonders besonders. Das sind Menschen, die ihre Seele noch nicht gefunden haben, denn sonst wüssten sie ja, dass sie schon längst besonders besonders sind und auf diese Weise schon von Geburt an unsterblich.


Wie entwickle ich meine Seele


Ich glaube, unsere Seele ist ein scheues Etwas. Das war nicht schon immer so. Kinder, so sagt man, tragen ihre Seele auf den Händen. Kinder sind noch unverfälscht, werden angenommen, wie sie sind - doch leider nicht allzu lange! Schon bald setzt der Prozess der (V)Erziehung ein. Wir machen aus unserem Nachwuchs gesellschaftsfähige Wesen. Das heißt, wir nehmen die Unikate und feilen und schrubben, biegen und ziehen solange daran herum, bis sie einigermaßen "normal" sind. Menschen sollen normal sein. Solche, die das nicht sind, machen uns Angst, weil sie sich scheinbar nicht an die gesellschaftlichen Regeln halten. Auf der anderen Seite faszinieren sie uns aber auch und tief in uns, bewusst oder unbewusst, bewundern wir sie für ihn Anderssein, ihre Abweichung von der Norm.
Ich erinnere mich, wie wir als Kinder furzten und rülpsten (natürlich nur in Abwesenheit der Erwachsenen) und eine hehre Freude dabei empfanden, dies zu tun. Es waren die natürlichsten Geräusche der Welt und niemand hatte ein Problem damit. Später dann, als ich erwachsen war, hatte ich dieses Geräuschvermeidungs-Erziehungsprogramm verinnerlicht. Ich war programmiert. Wenn heute jemand rülpst, ärgert es mich. Früher lachten wir - heute ärgert es mich. Ich wurde umgepolt. In Wirklichkeit ärgert mich aber nicht, dass jemand rülpst, sondern dass er es sich erlaubt, dies zu tun, obwohl es doch verboten ist. Er tut etwas, das ich auch gern täte, aber mir versage, weil ich als gesellschaftsfähig gelten will. Ja, so ist das mit der Verziehung und wenn ich einmal unterstelle, dass alle Menschen ihren natürlichen Bedürfnissen gern nachgeben würden, dann frage ich mich schon, wem solch eine Art Erziehung wohl von Nutzen ist.
Aber zurück zur Seele. Die Seele lässt sich nicht verziehen. Das ist die gute Botschaft! Aber die Seele ist leicht verletzbar. Sie hat nichts zu ihrem Schutz, außer sich verbergen zu können. Wenn sie sich unsicher fühlt in unserem Körper, versteckt sie sich. Sie versteckt sich so gut, dass wir selbst nicht wissen, wie sie wirklich aussieht. Wir denken und handeln dann vielfach von außen nach innen. Wir schauen, wie andere Menschen etwas tun und imitieren sie. Unser Leben lang ahmen wir nach, mehr oder minder erfolgreich. Damit leben wir aber nicht unser eigenes Leben, sondern einen Mix aus Werten und Normen unserer Zeit gewürzt mit unserer Sehnsucht, etwas Besonderes zu sein. 


Wie finde ich meine Seele


Ich glaube, meine Seele mag keinen Lärm. Sie meidet Hast und Unruhe und sie flieht vor Unfrieden. Die Seele kennt keine Zeit. Die Seele ist nur im hier und jetzt zu finden. Je mehr es mir gelingt, die verrinnende Zeit außer Acht zu lassen und meine Aufmerksamkeit ganz dem Augenblick zu schenken, ihn gleichsam bis zur Unendlichkeit zu dehnen, umso näher kann ich meiner Seele kommen. Es bedarf eines offenen und wohlwollendes Raumes, eines Ortes, wo sein darf, was ist, wo ich sein darf, wie ich bin. Es bedarf eines Geistes der inneren Annahme, des klaren Ja zu mir selbst. Und es bedarf der Liebe. Nur die unvoreingenommene Liebe zu mir selbst kann die vertrauensvolle Atmosphäre schaffen, die nötig ist, damit sich meine Seele mir öffnet und mir einen Blick auf ihren unschätzbaren Wert gestattet. An diesem Punkt angelangt, weiß ich, was ich wert bin. An dieses Punkt angelangt, werde ich ein gesundes Selbstwertgefühl haben, kein zu kleines und kein überzogenes, sondern ich werde ein Gefühl für meinen Wert haben, etwas das mir niemand anders geben kann. Zwar suchen die meisten Menschen außerhalb von sich nach dieser Wertbestätigung, so auch ich, aber wir werden nicht satt von dem, was wir da draußen kriegen. Es braucht immer wieder neue Wertbekundungen. Warum? Weil es nicht möglich ist, ein gesundes Selbstwertgefühl von außen aufzubauen. Von außen kann man es lediglich mehr oder weniger zerstören. Menschen, die wenig selbstbewusst durch das Leben gehen, dürfen getrost einmal einen kritischen Blick auf ihre Eltern werfen. Nicht dass ich die Eltern dafür verteufeln will. Eltern machen Fehler, auch wenn sie das Beste für ihre Sprösslinge wollen. Ich versuche nur, den Mechanismus deutlich zu machen. Mein und auch dein Selbstwertgefühl waren einmal da. Wo ist es geblieben? Es hat sich versteckt und will von uns gefunden werden. Es kann wiederkommen. Leiden sind heilbar. Es gilt nur, an der richtigen Stelle zu suchen...

Quellen zu "Die Seele kennt keine Zeit"
Foto: Dieter Poschmann / pixelio.de








Kommentare:

  1. Hallo Benno,

    erneut ein sehr schöner Beitrag von Dir, der zum Nachdenken anregt. Und gerade mit Deinem Schlußabsatz denke ich, hast Du auf jeden Fall Recht. In der Tat ist es nur nicht leicht, in der heutigen Zeit seine Seele wiederzufinden und bei sich selbst zu bleiben - immer gibt es etwas, was in der Gegenwart oder schlimmer noch der Vergangenheit oder Zukunft unsere unbedingte Aufmerksamkeit fordert.

    Es ist ein Weg zurück zur Seele, und ein teilweise steiniger noch dazu. Weil man sorgfältig abwägen muß, was man von dem bis hierhin Gelernten behalten möchte, beibehalten muß oder über Bord werfen kann. Denn großartig in der Gesellschaft anecken möchte man ja weiterhin nicht unbedingt...

    LG,
    Alex

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    1. ...vielleicht sind wir aber auch zu sehr darauf konditioniert, nicht in der Gesellschaft anzuecken und es würde uns und auch ihr sogar von Nutzen sein? Ich weiß, das ist eine Frage, auf die es viele Antworten oder keine gibt. Aber ich finde ja sowie Fragen wichtiger als Antworten. Danke für dein Kommentar, Alex und schön, dass du wieder einmal hier warst! Liebe Grüße Benno

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