Tinnitus und Depressionen - Die Bedeutung eines Symptoms - Ratgeber Depression

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Tinnitus und Depressionen - Die Bedeutung eines Symptoms

Tinnitus und Depressionen Wer den Tinnitus kennt, verflucht ihn und wer ihn nicht kennt, kann ihn sich auch nicht wirklich vorstellen. Er pfeift tagein tagaus, tags und nachts - immer dasselbe Geräusch. Er hat nur ein einziges Mal Luft geholt und seither pfeift er in meinem Ohr herum und das nun schon mehrere Jahre. Keiner weiß genau, was wirklich dahinter steckt. Eine Durchblutungsstörung im Innenohr ist wohl sicher eine zu simple Erklärung, denn ein Zusammenhang zu seelischen Belastungen wird inzwischen nicht mehr bestritten. Man kann den Tinnitus behandeln, aber das Zeitfenster ist eng und der Erfolg nicht garantiert. Wie kommt es also zum Tinnitus und in welchem Zusammenhang steht er zur Depression?



Tinnitus - Bei dir piept es wohl?


Mich plagt er schon Jahre, dieser kleine Mann in meinem linken Ohr, der glaubt, mir ständig einen vorpfeifen zu müssen. Unerwünschte Ohrgeräusche, eine Sache, auf die ich, ehrlich gesagt, gut und gerne verzichten könnte. Aber so ist das mit den Krankheiten oder Symptomen. Sie fragen uns nicht, ob es uns passt, dass sie uns jetzt ärgern. Schließlich fragen wir ja unseren Körper auch nicht, ob es ihm passt, wenn wir nicht gut mit ihm umgehen. Wir tun es einfach und irgend wann kommt eben die Quittung dafür. Es begann alles mit meinem Zusammenbruch Anfang 2007. Manchmal bekam ich dann so ein Pfeifen im Ohr, ein ziemlich hoher Ton, in der Lautstärke von Fall zu Fall variierend. Aber ich konnte mir jedesmal sicher sein, dass es wieder weg geht. Der Ton kam und der Ton ging, ich nannte es Tinnitus und so war es für mich okay, naja relativ okay. Ich wusste ja schon von meinen Depressionen und irgend wie hatte ich auch eine Ahnung oder schon davon gehört, dass beides miteinander zu tun hat.


Was ist Tinnitus


Tinnitus aurium, so lautet die Fachbezeichnung für das verhasste Klingeln im Ohr. Der Tinnitus ist eigentlich keine eigenständige Erkrankung, sondern ein Begleitsymptom vieler Krankheiten. Ein Viertel aller Deutschen haben schon einmal in ihrem Leben einen Tinnitus gehabt. Der Tinnitus ist ein Ohrgeräusch, das vom Betroffenen zwar deutlich gehört wird, jedoch von keiner physikalischen Schallquelle ausgeht. Was der Betroffene hört, kann sehr unterschiedlich sein und reicht vom Piepen, Brummen, Knacken, Ohrensausen, Zischen, Ohrenrauschen bis hin zum Pfeifen. Der Tinnitus kann dabei als hohes, mittelhohes oder tiefes Geräusch wahr genommen werden. Meist taucht der Tinnitus nur einseitig auf, es gibt aber auch Fälle, da wird das Geräusch beidseitig gehört. Der lästige Ton kann verschwinden, wieder auftreten, oder von Dauer sein. Was man wissen sollte: Tinnitus ist niemals eingebildet, denn man kann ihn mittels Hörtest sowohl in seiner Tonhöhe als auch in seiner Stärke abbilden. Es handelt sich also nicht etwa um akustische Halluzinationen, wie man sie von der Schizophrenie her kennt. Man unterscheidet den Tinnitus nach der Dauer seines Auftretens in akuten Tinnitus (für Sekunden oder Minuten ein Klingeln im Ohr), subakuten Tinnitus (kann bis zu drei Monate andauern) oder chronischem Tinnitus (länger als sechs Monate).


Woher kommt der Tinnitus?


Psychologen der Uni Köln haben seelisch-körperliche Anspannung als Hauptursache der Ohrgeräusche festgestellt. Vor allem Stress, Ängstlichkeit und Unzufriedenheit fördern demnach die chronische Entwicklung dieses Phänomens, berichten die Experten. Bei manchen Tinnitus-Patienten spielen Versagens-Ängste eine große Rolle. Tinnitus ist eine gute Gelegenheit, sich bei einem Versagen zu entschuldigen! Irgend etwas ist noch nicht stimmig. Irgend etwas will noch einmal angeguckt und gefühlt werden. Eine verdrängte Angst vielleicht, eine Versagensangst oder gar Schuldgefühle? Das Hörproblem ist häufig bei Menschen mit Berufen zu finden, die ein “offenes Ohr” erfordern. Tinnitus wird daher auch oft als "Lehrerkrankheit" oder "Bürgermeisterkrankheit" bezeichnet. Da finde ich mich auch wieder. Während meiner Partnerschaft war ich immer zu 100% auf meine Frau fixiert, wollte dass es ihr gut geht, wollte ihr gefallen, wollte ein guter Zuhörer sein, auch wenn ich eigentlich lieber in der Werkstatt gemuckelt hätte, habe ich mich zu ihr gesetzt oder bin mit ihr spazieren gegangen. Ich habe meine Bedürfnisse hinter die ihren gestellt. Nicht dass sie das von mir verlangt hätte - wir haben nie wirklich darüber gesprochen. Sie trifft keine Schuld an meinem Fehlverhalten. Ich tat es einfach, im Glauben, es sei schon das Richtige. Wenn ich allein war, waren meine Gedanken nur bei ihr und selbst heute, nach so langer Zeit sind meine Gedanken jeden Tag bei ihr. Ja, ich hatte immer ein offenes Ohr für sie.
Klinischen Erfahrungen zufolge zeichnen sich Patienten mit chronischem Tinnitus durch folgende Eigenschaften aus:

  • Sie haben ein ausgeprägtes Kontrollbedürfnis.
  • Sie leben relativ kopfbezogen.
  • Sie haben Schwierigkeiten, Kränkungen und seelische Verletzungen emotional zu verarbeiten.
  • Sie neigen zu Perfektionismus.
  • Sie haben ein hohes Maß an Verantwortungsbereitschaft.
  • Sie meinen, grundsätzlich durchhalten zu müssen.
  • Sie leben mit innerer Unruhe und Hektik, verfallen leicht unter Zeitdruck und sind ständig angespannt.

Nun, das trifft leider alles auf mich zu. Volltreffer, kann man sagen. Kein Wunder also, dass es bei mir piept, oder? Man sagt, beim Tinnitus verschaffe sich die Seele Gehör, sie töne dem Patienten quasi von innen entgegen und warne davor, sich weiterhin zu überfordern.


Tinnitus und die Bedeutung für die Psyche


Dass ein Tinnitus seinen Ursprung auch in der Psyche haben kann, wird heute eher von den Menschen angenommen als früher. Für Personen, die unter Tinnitus leiden, ist es wichtig, den Zusammenhang zwischen Körper und Seele zu verstehen, denn nur all zu oft findet sich kein körperlicher Befund bei der Behandlung der lästigen Ohrgeräusche. Psychische Krankheiten und Tinnitus treten häufig gemeinsam auf. Oftmals leiden die Patienten gleichzeitig auch unter Depressionen, so wie in meinem Fall. Es gibt nachgewiesenermaßen einen Zusammenhang zwischen Psyche und dem Hören beim chronischen Tinnitus. Wer als psychisch Kranker unter Tinnitus leidet, kann gleichsam seine Gefühle hören. Tatsächlich nehmen chronisch Betroffene emotionale Eindrücke auch mit Gehirnarealen wahr, die mit der Hörbahn vernetzt sind, so dass es denkbar ist, dass hier der Tinnitus einem seelischen Konflikt Ausdruck verleiht. Das ergaben Studien des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim.
Der Tinnitus lehrt uns, wie sehr wir bisherige Lebensweisen verändern sollten. Dabei wird nicht jede Veränderung gleich zum Erfolg führen. Jeder muss selbst heraus finden, mit welchem Ereignis das Auftreten seines Tinnitus zusammen fiel. Bei mir war das die Trennung von meiner zweiten Frau. Sofort ging damals mein Blutdruck nach oben und das Piepen stellte sich ein.
Das ist jetzt fast ein Jahr her. Anfangs habe ich den Blutdruck medikamentös zu behandeln versucht. Dir Tabletten halfen zuerst auch, aber nach kurzer Zeit war der Blutdruck trotz Blutdrucksenker wieder auf demselben hohen Wert. Der Arzt verdoppelte die Dosis - mit Erfolg, jedoch wiederholte sich das Spiel. Als ich dann auch noch ein zweites Medikament einnahm und der Blutdruck nach anfänglicher Absenkung wieder in die Höhe schoss, setzte ich alle Medikamente ab. Ich hatte begriffen. Mein Körper wollte mir sagen: "Diese Trennung macht dir Druck. Stell dich dem Gefühl!" Das tat ich dann auch und infolge stellten sich wieder akzeptable Werte bei Systole und Co ein. Beim Tinnitus jedoch hatte ich bislang keinen Erfolg. Vielleicht trägt ja die Auseinandersetzung hier mit diesem Thema etwas zur Besserung bei? Aber ehrlich gesagt, habe ich die Botschaft noch nicht wirklich entschlüsselt. Was kann das Piepen bedeuten? Ist es ein Alarmton? Bin ich zu weit gegangen mit der Trennung? Pfeift es in meinem Ohr, weil ich die Wahrheit nicht hören will? Und wenn ja, welche Wahrheit? Ich bin noch etwas ratlos... Tagsüber macht mir der Tinnitus eigentlich nicht zu schaffen. Ich höre ihn kaum. Wenn ich beschäftigt bin, wenn ich Ablenkung habe, ist das Ohrenrauschen wie ausgeblendet. Doch sobald ich einen Moment zur Ruhe komme, werde ich des unangenehmen Tones sofort wieder gewahr, manchmal sogar auf beiden Ohren. Der Tinnitus zeigt mir einen inneren Konflikt an, einen Konflikt, den ich nicht sehen will, der aber da ist. Der Tinnitus zwingt mich, hinzuhören, in mich hinein zu hören. Er pfeift mich zusammen, endlich Ordnung in mein Gefühlschaos zu bringen. Ja, ja, ich gebe ja zu, da ist irgend etwas. Ich räume ja ein, ich muss da etwas für mich klären. Aber muss das denn unbedingt jetzt sein?


Der Tinnitus und seine Behandlung


Lange Zeit glaubte ich, was von allein gekommen ist, geht auch von allein wieder. Was oft auch tatsächlich zutrifft, hat sich im Falle meines Tinnitus allerdings als Trugschluss erwiesen. Er hat sich nur an den ersten Teil des Satzes gehalten. Irgendwann habe ich deshalb beschlossen, es doch einmal ärztlich abklären zu lassen und habe meinen Hausarzt aufgesucht. Es hätte ja sein können, dass nur der Gehörgang verstopft ist, oder dass eine Verspannung im Halswirbelbereich vorliegt. Wir haben also meine Ohren gründlich gespült, haben den Spezialisten, den HNO-Arzt reinsehen lassen, haben meine Halswirbel durch einen Chiropraktiker einrenken lassen und haben um sicher zu gehen auch eine Infusionstherapie durchgeführt. Hierbei wird versucht mittels langsam laufender Infusionen über einen Zeitraum von 10 Tagen den Tinnitus aufzulösen. Wenn du das ambulant machen lässt, musst du das Serum leider selbst bezahlen. Es kostete bei mir so um die 15 Euro pro Beutel. Näheres zu Infusionen bei Tinnitus erfährst du auch hier: thieme.de. Leider verblieben all diese Bemühungen ein normales Hörvermögen wieder herzustellen, in meinem Fall erfolglos, was ich sehr bedaure. Womöglich habe ich doch zu lange gezögert, zum Arzt zu gehen. Immerhin ließ ich fast ein Jahr verstreichen. Empfohlen wird ein Arztbesuch aber schon, wenn das Geräusch länger als 24 Stunden anhält. Wenn ich so etwas noch einmal erlebe, werde ich mich an diese Empfehlung halten. Bislang ist das rechte Ohr ja noch okay, aber manchmal, in Phasen erhöhten Stresses, meldet sich auch hier schon das mir gut bekannte Pfeifen.

Quellen zu Tinnitus und Depression
tinnitus-mag.de   apotheken-umschau.de   gesundheitswerkstatt.de
Foto: Sparkie / pixelio.de







Kommentare:

  1. Meiner Meinung nach sind das alles verdrängte Gefühle wie Trauer, Wut, Hass, Angst (!) die auch schon in der Kindheit verdrängt und nicht richtig gefühlt wurden durften weil es von den Eltern verboten wurde (Liebesentzug als Druckmittel). Also werden diese Gefühle heruntergeschluckt und verdrängt aber auf Kosten des Kindes. Dann später als Erwachsener hat man diesen Umgang mit Gefühlen ja schon gelernt und wendet ihn wieder an: also runterschlucken und verdrängen. Aber irgendwann geht dieser Umgang mit Gefühlen nicht mehr gut und diese ausser sich in Krankheiten, Depressionen und eben auch Tinnitus. Deshalb wäre es gut wenn man (Mann) wieder lernt, die ganze Palette von Gefühlen zuzulassen und auszudrücken, damit diese Energien den Körper wieder verlassen können. Gefühle wollen gefühlt werden! Ohne Ausnahmen! Die angenehmen wie auch die unangenehmen! Dann erst wird innerer Frieden sich einstellen....

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    1. Dem kann ich nur zustimmen! Danke für deine Einschätzung und präzise Zusammenfassung. Genau darum geht es wohl...

      Liebe Grüße Benno

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  2. Ach ja und auch wichtig ist es meiner Meinung nach, das innere Kind zu heilen, die Verstrickungen mit Vater und Mutter lösen. Dazu gibt es gute Meditations-CDs von Robert Betz. Das mit dem inneren Kind mache ich bereits regelmässig als Meditation und es hat mir schon sehr geholfen auf meinem Weg zu mehr innerem Frieden. CD's gibt's auf Amazon....gut investiertes Geld....

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    1. Ich habe auch schon mit Vorträgen von Robert Betz gearbeitet, allerdings mag ich seine Meditationen nicht. Irgendwie regen die mich auf, anstatt mich zu beruhigen...Aber das Thema "Inneres Kind" halte ich auch für besonders wichtig...

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  3. Hallo , ich selbst habe schon drei schwere Depressive Episoden hinter mir . Kann sagen ich kann dem nur zustimmen . Ich habe auch Tinitus . Es gibt Phasen da ist es besser und andere da ist es schlecht .
    Ich hoffe jetzt den richtigen Therapeuten gefunden zu haben .

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    1. Ja, das hoffe ich auch, dass du nun einen guten Therapeuten gefunden hast. Berichte gern einmal ausführlich über deine Erfahrungen, wenn du magst. Liebe Grüße Benno

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  4. Hallo an alle :-)

    Ich möchte zuerst mein Lob aussprechen, denn diese Seite hier hat mir sehr geholfen zu verstehen, was ich habe und auf mich Rücksicht zu nehmen! So viel Wahrheit & Info begegnet einem im Alltag ja leider nicht häufig, wie man sie gerade auch von Ärzten bräuchte, und so bin ich über diese Seite hier sehr froh. Ich bin 33 Jahre alt und Mutter von Zwillingen. Ich habe seit 2001 einen chronischen Tinnitus, der sich seit 2015 stark verändert hat und dekompensiert ist. Seither habe ich sehr viel Leidensweg hinter mir, den ich mir zuvor niemals hätte zu denken gewagt. Aus mir ist ein anderer Mensch geworden. Wie ich früher war, weiss ich schmerzlich noch ganz genau. Was ich heute bin, merke ich noch viel schmerzlicher jeden Tag. Ich bin immer wieder mit der Diagnose F 32.1 G, sowie F 41.0 G wegen H 93.1 G (dem Tinnitus) krankgeschrieben. Die Episoden werden immer länger und paaren sich mit immer mehr Begleiterscheinungen und Symptomen. Aktuell bin ich in der 6. Woche meiner erneuten Episode angekommen und seit zwei, drei Tagen gibt es auch mal wieder etwas bessere Tage und die brauche ich so dringend, um Kraft für meine Familie und unser eigentlich sehr schönes Leben zu haben - wenn mein Tinnitus nicht wäre :-( Ich habt lt. Hörtest auf beiden Ohren ca. 45 dB, die ich höre. Das linke Ohr ist zudem von einer Hyperakusis betroffen und knackt und schmerzt bei zu lauten Geräuschen, Telefonaten und Gesprächen. Am Liebsten mag ich es vollkommen reizarm und ruhig inzwischen - aber kann die Ruhe nicht mal genießen. Ich flüchte gefühlt ständig vor mir selbst, nur um diesem Ton zu entkommen, den ich 14 Jahre geschafft habe auszublenden... Ich habe Anfang September nun auf Anraten des Tinnitus-Zentrums einen Antrag auf Feststellung eines Grades der Behinderung gestellt und bin gespannt, was ich zugesprochen bekommen werde. Auch beschäftige ich mich nach 2 Jahren immer wieder schlimmen Episoden mit einem Erwerbsminderungsrentenantrag, was für mich noch sehr seltsam ist. Aber ich kann nicht mehr! Vor allem kann ich nicht mehr in die mich bemitleidenden und ratlosen Gesichter blicken, die ich mir aber antun muss, wenn ich wegen des Tinnitus' und seinen Tributen mal wieder keine Lebensgeister spüre. Zu Hause geht es mir durch den viel geringeren Stress jedes Mal besser. Ich muss nicht 2,5 h durch die Stadt fahren um zu meiner Arbeit und zurück nach Hause zu fahren, keine 30h in einem Großraumbüro arbeiten und zu Hause noch einen Haushalt mit einem Mann im Schichtdienst neben zwei 7 jährigen Zwillingen und einem Haus wuppen zu müssen Tag für Tag mit 24-stündigem Tinnitus in den Ohren und den despressiven Episoden durch diesen. Ich hoffe sehr, dass mich mein Weg in die richtige Richtung führen wird. Einen Reha-Antrag habe ich zwar auch gestellt, aber ich bezweifle, dass mir das helfen wird. Es gibt für Tinnitus-Patienten einfach keine Heilung, sie können sich nur selbst schützen vor zu viel Stress etc. Und das bin ich bereit auch so nun zu vertreten. Das erste Mal nach über 2 Jahren Depression. Viele Grüße, Luise

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    1. Hallo Luise,
      "einen Mann und zwei Kinder wuppen" zu müssen, hört sich für mich im Moment ziemlich nach Arbeit an. Und das scheint es neben aller Belastung wohl auch zu sein. Wenn dem Menschen etwas zuviel ist, ist es eben zuviel, selbst wenn es etwas Gutes sein könnte. Ich denke, du hast schon richtig für dich erkannt, dass es zuviel ist derzeit. Warum auch immer - dein Pensum ist zu hoch! Dem Tinnitus sagt man auch nach, dass er ein Anzeiger für solch einen Zustand ist. Bestimmte Außenreize gelangen auf diese Weise einfach nicht mehr in das Bewusstsein.
      Wenn ich deine Zeilen so verinnerliche, habe ich den Eindruck, dass das Leisten-können nach wie vor einen recht hohen Stellenwert hat in deinem Leben. Manchmal definieren wir uns über unser Tun und denken dann, das wäre unser Sein. Aber um zu sein, brauchen wir nur zu sein. Wir brauchen das Tun nicht dazu. Trotzdem sind wir wer, bist du wer. Wenn du auf der anderen Seite aber schon wer bist, auch ohne dass du dafür ackerst, dann hast du auch Energie, Dinge zu tun, die zum Ausdruck bringen, wer du bist, die etwas von deiner Persönlichkeit in die Welt tragen. So herum ist es ein gesunder Mechanismus, denke ich, anders herum ein eher krank machender.
      Vielleicht wäre es ein erster Schritt, wahrzunehmen, dass du ein liebenswerter Mensch bist und Respekt, Liebe und Anerkennung quasi deine Geburtsrechte sind? Du musst dich dafür nicht anstrengen, Luise. Ich wünsche dir eine glückliche Hand für die Entscheidungen, die vor dir liegen und dass es dir bald besser gehen kann! Liebe Grüße Benno

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  5. Lieber Benno! Vielen Dank für deine Zeilen. Das "Leisten können" ist ein gutes Stichwort. Eigentlich muss es sogar heissen "Leisten müssen", da genau das der Fall ist. Ich möchte mich keinesfalls im Leid baden, aber heutzutage lastet auf den Frauen und Müttern ein enormer Druck. Der Chef möchte Flexibilität, wenig Krankentage durch Kinder oder einen selbst, Dienstreisen sind gewünscht und der Wille, sich stetig fortzubilden. Zu Hause warten die Kinder, die Anteilnahme möchte an ihren Leben jeweils, in der Schule wird Engagement erwartet. Für meinen Mann, der im Schichtdienst arbeitet, ist es wichtig, dass ich ihm den Rücken freihalten kann an Tagen, an denen er die Kinder nicht übernehmen kann. Der Haushalt möchte rledigt werden und das alles in der Zeit von 6 bis 21 Uhr. Die Anforderungen sind enorm gestiegen und das an Männer und Frauen zugleich. Als mein Mann sich um einen anderen Job ohne Schichtdienst bewarb, um mich entlasten zu können, war die Frage der Chefs, ob er denn im Krankheitsfall seiner Kinder jemanden hätte, der sich um sie kümmern kann, denn Teamarbeit würde in der Firma großgeschrieben werden und die funktioniere nicht, wenn er seinen Kollegen öfter allein arbeiten lassen würde. Als mein Mann mir das zu Hause berichtete, wusste ich gar nicht, was ich dazu sagen geschweigedenn darüber denken soll! So hat mein Mann den Job nicht gewechselt und ich halte ihm weiterhin den Rücken frei oder bin am Wochenende mit den Kindern allein. Gefühlt ist der gesamte Tag durchgetaktet und für die schöne Dinge im Leben (meine Kinder, meine Ehe, unser Zuhause) fehlt mir die Kraft und Zeit, diese tatsächlich zu genießen. Das Pensum ist zu hoch, richtig, und ich schaffe es so nicht mehr. Der Tinnitus kommt zu allem noch oben drauf und weist mich immer wieder darauf hin, dass ich eine Pause bräuchte. Wo & wie im Alltag, weiss ich allerdings nicht. Während einer Krankschrift gelingt es mir, aber die ist in ständiger Begleitung meines schlechten Gewissens, dass ich in meinem Alter doch alles locker & leicht schaffen müsste :-(

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  6. Und so gebe ich dir Recht: mein Lebensinhalt ist bisher gewesen, so viel und gut zu leisten wie nur möglich! Für alle da zu sein. Auf der Arbeit mein Bestes zu geben. Zu Hause eine gute Mutter & Ehefrau zu sein. Einfach, dem heutigen System voll & ganz zu entsprechen und nicht zu jammern. Genau das hat mich in den letzten Jahren krank gemacht. Krank mit Symptomen, die mir zuvor absolut unbekannt waren und mich überfordern. Ich möchte am Allermeisten für meine Familie da sein. Genug Zeit für meine Kinder haben, ohne sie vertrösten zu müssen, weil ich noch zu tun habe. Ich möchte Nerven für sie haben und nicht für meinen Job. Ich möchte meine Ehe nicht gefährden und überstrapazieren, weil ich vor lauter Unzufriedenheit über meinen Alltag nur noch austeile verbal. Vor allem aber möchte ich Ruhe & Zeit haben für Langeweile! Langeweile, die mich dann treibt und mich tolle Ideen entwickeln lässt. So habe ich z. B. letztens ganz für mich allein herbstliche Deko gebastelt - seit Jahren! Und es hat mich glücklich gemacht, dass für mich und mit mir allein zu tun. Ich persönlich schiebe meine depressiven Episoden auch auf meine Hochsensibilität. Dieses Thema gelangt ja zum Glück zu immer mehr Gewicht und als ich vor 1 Jahr das erste Buch darüber las, dachte ich, es sei von mir/über mich geschrieben. Grelles Licht z. B. sorgt bei mir für Überreizung und Übelkeit, Gerüche verändern meine Stimmung. Komme ich in einen Raum mit vielen Menschen, analysiere ich sofort wem es gut und wem es schlecht geht und das macht dann auch was mit mir. Ich denke sofort darüber nach, wie ich einem Menschen helfen kann, dem es nicht gut geht. Und das beschäftigt mich dann viel mehr als das eigentliche Thema, weswegen alle zusammen gekommen sind. Bin in an einem Gespräch beteiligt mit mehreren Menschen und merke, der Gesprächsführer bezieht nur mich mit seinen Blicken ein, wende ich meinen Blick während seiner Sätze ab, damit er seinen Blick auch auf den anderen Menschen im Gespräch richten muss und dieser sich einbezogen fühlt. Diese ständige Analyse meiner Umgebung ist mir schon als Kind aufgefallen und ich habe mich immer anders gefühlt als die anderen. Wenn jemandem etwas Schlechtes getan wurde, habe ich seinen Schmerz und seine Trauer empfunden und teilweise sogar so schlimm Partei ergriffen, als ginge es um mich selbst. Ich hatte dann also Streit, obwohl ich einen gehabt hätte. Ich fühle mich oft, als hätte ich nicht viel geleistet. Wenn meine Umgebung mich lobt, dann bedanke ich mich zwar, empfinde aber keinen wahren Stolz. Ich spiele vieles, was mir sehr gut gelingt, runter damit die anderen sich nicht schlecht wegen mir fühlen könnten. Ich mache aus mir nichts Besonderes, obwohl ich aber gern auch etwas Besonderes sein würde. Liebe Grüße, Luise

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  7. Hallo Luise,
    oft ist es so, dass ein Schmerz die Heilung einleitet und auch begleitet. Schmerz ist also nicht umsonst, nicht sinnlos. Das wäre er nur dann, wenn sich infolge seines Auftretens nichts ändern würde. Ändern kann man aber immer etwas, jeden Tag neu. Natürlich kosten Veränderungen auch immer etwas, verlangen uns etwas ab und manchmal glauben wir, dass wir dazu nicht imstande wären, dass es einfach nicht ginge. Ich weiß noch, auf wie viel Widerstand ich damals in mir stieß, als ich mich das erste Mal mit dem Thema Erwerbsminderungsrente konfrontierte. Mit so wenig Geld könne ich doch nicht auskommen, glaubte ich. Und in der Tat, mein Lebensstandard sank erheblich, wenn man sich vornehmlich die materiellen Komponenten anschaut. Unterm Strich aber habe ich dazu gewonnen. Vielleicht wäre es ein Idee für dich, weniger zu arbeiten, oder eine andere Arbeit anzunehmen? Es klingt paradox, aber vielleicht wäre es eine Idee, den Lebensstandard der Familie ein wenig herunter zu schrauben, um mehr Lebensqualität zu haben? Am Ende ist es doch die Zeit, die wir in Eintracht miteinander verbrachten, die uns im Gedächtnis bleiben wird. Nur zu dumm, wenn dafür einfach zu wenig Gelegenheit bleibt... Ich glaube, du hast schon sehr viel Veränderungspotential für dich erkannt, Luise. Nun braucht es noch ein wenig Mut und ein wenig Zeit, aber wie so oft, fängt auch hier alles im Kopf an... Der erste Schritt ist getan. Kehre immer wieder zu dir zurück und zu deinen Bedürfnissen - dann wirst du zur rechten Zeit auch die richtige Entscheidung treffen. Alles Gute für dich und liebe Grüße! Benno

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