Einsamkeit und Alleinsein bei Depression / Blog über Depressionen

Hinweis

Einsamkeit und Alleinsein bei Depression

Einsamkeit ist ein Schutz


Depressionen machen einsam, schrieb ich unlängst in einem meiner Posts. Und in der Tat sind Depressionen und Einsamkeit gute Freunde. Jeder Depressive weiß das nur zu gut. Diese Krankheit ist wie ein Sog, wie ein schwarzes Loch, das alles in sich hinein zieht: zunächst nur die eigenen Gefühle und Gedanken, dann den gesamten Menschen, seine Angehörigen, seine Ärzte und Therapeuten, sein gesamtes Leben und Umfeld, einfach alles. Und je mehr das schwarze Loch in sich aufgenommen hart, umso so stärker wird seine Anziehungskraft. Ja, die Depression gleicht wahrlich einem schwarzen Loch. Niemand kann es auf Dauer ohne Schaden in der Nähe des schwarzen Loches aushalten. Depressionen machen einsam. Dabei scheint es zunächst so gewollt zu sein. Der Depressive zieht sich zurück, heißt es. Gewollte Vereinsamung, Fernhaltung von den anderen ist der nächstliegende Schutz gegen das Leid, das einem aus menschlichen Beziehungen erwachsen kann, schreibt Sigmund Freud. Und nahezu alle depressiven Menschen praktizieren diesen Schutz. Andere Begriffe für dieses Verhalten sind sozialer Rückzug, Isolation, Vereinsamung, Abschottung. Und für eine Zeit mag dieser Rückzug tatsächlich auch heilsam sein. Das werden mir die Fachleute vermutlich nicht bestätigen, doch entspricht es meiner Erfahrung.


Depressionen und Einsamkeit als Mittel zur Ruhe zu kommen


Der Nachteil des Rückzuges ist allerdings, dass ich als Depressiver in solchen Phasen nur schwer bis gar nicht von meinen Mitmenschen zu erreichen bin. Sie verlieren den Kontakt zu mir und ich zu ihnen. Am Ende verliere ich den Kontakt zu mir selbst und an die Stelle der verhassten, mich überfordernden Gefühlsüberflutungen tritt unendliche Stille. Diese Stille und Ruhe ist es, die der überforderte Depressive zunächst sucht und auf diese Weise auch findet. Ein Verhalten übrigens, dass allen Menschen inne wohnt. Jeder Mensch hat Phasen, wo er allein sein möchte. Jeder von uns hat einmal einen schlechten Tag. Manchmal möchte man eben einfach nur für sich sein. Das ist normal. Das allein sein hilft, sich über bestimmte Situationen im Klaren zu werden. Es dient dem in sich hinein horchen, dem Nachspüren der eigenen Bedürfnisse. Es hilft, Entscheidungen vorzubereiten und zu treffen und es ist eine ausgezeichnete Möglichkeit, Stress abzubauen.
Beim Depressiven ist es jedoch ein wenig anders. Er verharrt in diesem Alleinsein, bis es zur Einsamkeit wird. Aus Angst vor erneuten Verletzungen entzieht er sich mehr und mehr menschlicher Zuneigung und verliert damit auf Dauer, was er am meisten braucht - die Nähe von Menschen, die es gut mit ihm meinen.


Depression und Einsamkeit als Problem


Allein zu sein gilt für viele Menschen als Makel. Wer seinen festen Platz in der Gesellschaft hat, eine Familie und Freunde besitzt, wirkt integriert, beliebt und dem Leben zugewandt. Wer aber  einsam ist, schämt sich oft dieses Gefühls. Er sieht sich als Versager, mit dem zurecht niemand zu tun haben will. An dieser Stelle wird das Alleinsein zum Problem. Einsamkeit, als Folge der Depression, wird gleichsam zu einem Katalysator, verstärkt also die depressive Reaktion auf die eigene Wahrnehmung.
Auf der christlichen Seite jesus.ch las ich folgenden Satz: "Einsamkeit ist eine Gefängniszelle, die sich nur von innen öffnen lässt." Ich finde, das ist eine gute Nachricht! Es ist immer gut, wenn ich selbst etwas tun kann und mich einer Situation nicht hoffnungslos ausgeliefert sehen muss.
Ich glaube, es tut Menschen einfach nicht gut, wenn sie sich auf Dauer der Einsamkeit hin geben. Das hat im Übrigen nicht immer das Alleinsein zur Bedingung. Auch in Partnerschaften können sich Menschen sehr einsam fühlen. Einsamkeit ist der tiefe Schmerz, dass wir uns niemandem nahe fühlen können. Wir haben weder teil am Leben eines Menschen, noch nimmt jemand Anteil an dem unsrigen. Es ist egal, ob es uns gibt oder nicht. Unser Leben hat dann keine Bedeutung mehr.
Der Einsamkeit zu entkommen, heißt also auch, der Depression ein Stück weit zu entkommen. Dabei ist es wichtig, zwischen dem Alleinsein und der Einsamkeit zu unterscheiden. Es ist eine Fähigkeit, allein sein zu können, aber ein Übel, allein sein zu müssen. Allein sein zu können und gar Freude am Alleinsein zu haben, ohne sich Zerstreuungen und Ablenkungen hingeben zu müssen, ist sicherlich eine Fähigkeit, die es lohnt, aufzubauen. Sie ist eine gute Voraussetzung für erfüllte Beziehungen mit anderen Menschen. Erst wenn du nicht mehr abhängig davon bist, dass andere dir die Langeweile vertreiben, und deinem Leben Abwechslung und Freude bescheren, erreichst du auch die Unabhängigkeit, die die brauchst, um ein erfülltes und befriedigendes Zusammenleben mit anderen Menschen führen zu können. Aus einer schwachen Position heraus, dem Gefühl der Unzulänglichkeit, Wertlosigkeit und dem Glauben heraus, es nicht besser verdient zu haben, kann wohl kaum eine erfüllte Partnerschaft entstehen. Und es besteht auch immer die Gefahr, dass du dich zu stark auf andere stützt und sie damit zu sehr belastest. Zudem erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass du selbst von anderen ausgenutzt und emotional ausgebeutet wirst. Beides ist einer Beziehung und damit deinem Wohlbefinden nicht besonders zuträglich.


Depression und Einsamkeit und ein Ausweg


Wenn du dich einsam fühlst, gib nicht den Anderen die Schuld. Zeige nicht mit dem Finger auf die, die sich fern halten von dir, sondern mache dich selbst auf den Weg! Für den Anfang kann es reichen, sich dort hin zu begeben, wo Menschen sind: ins Café, ins Theater, in eine Kirche, ins Kino, an einen Badestrand, in den Zoo oder in ein Museum. Vielleicht hast du dann Lust, mit anderen ihnen ins Gespräch zu kommen? Vielleicht reicht es aber auch schon, einfach die Anwesenheit anderer Menschen wahr zu nehmen? Einsamkeit ist kein Schicksal, sondern die Folge eigenen Verhaltens. 
Für das neue Jahr habe ich mir vor genommen, den Kontakt zu meinen Kindern zu intensivieren und mich einer Selbsthilfegruppe für Menschen mit Depressionen anzuschließen. Wenn sie mir auch so manches Mal zu viel sind - ich brauche Menschen. Menschen, die Verständnis für mich haben und zu mir halten, ich brauche Menschen, mit denen ich mein Leben teilen kann. Und sie zu finden und zu halten - das ist meine Aufgabe.


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